Harald Seubert: MEINE GENERATION – Bruchstücke einer Identität (I)

Der Philosoph und Theologe Harald Seubert gehört dem Jahrgang 1967 an. Öffentliche Intellektuelle von ähnlicher Deutungsmacht und Prägekraft, wie die Flakhelfer-Generation um Habermas und Enzensberger, um Martin Walser und Joseph Ratzinger sie bis auf den heutigen Tag entfaltet, hat seine Alterskohorte im deutschsprachigen Raum nicht hervorgebracht. In seinem Essay umkreist Seubert die Frage, welche Nische seinen Altersgenossen zwischen den großen alten Instanzen und einer heraufdrängenden neuen Generation von Akademikern beschieden ist.



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Meine Generation, cum grano salis die Generation der zwischen 1960 und 1970 Geborenen, gehört nicht zu den spektakulären und noch nicht einmal zu den auffallend begnadeten Generationen. Sie hat im Verhältnis zu anderen identifizierbaren Generationen wenige dauerhaft leuchtende Werke hervorgebracht. Sie markiert ein ‚Zwischen‘ in einer Epoche, die massiven Veränderungen unterliegt und in der die äußerliche und mediale Veränderung selbst schon Gütesiegel geworden ist. Um sich technomorph up to date zu profilieren, ist sie weder anachronistisch noch avantgardistisch genug.


Bis heute spielt diese Generation eine nur partiell prominente Rolle in der zweiten Reihe der Wahrnehmung. Sie hat hierzulande zumindest niemanden hervorgebracht, der es an Ruhm und Beachtung mit den Großintellektuellen aufnehmen könnte, die bis über das 90. Lebensjahr hinaus die Debatten bestimmen und seit Jahrzehnten in den Feuilletons und auf den Festivals omnipräsent sind: die Habermas, Enzensberger und anderen, denen meine Generation bis heute in einer Art habituellem Bewusstsein ihrer Arbitrarität hinterhereilt.


Große Vatermorde hat meine Generation nie begangen. Vielleicht waren die wenigsten ihrer Väter ihr den Aufwand eines solchen Mordes wert, schon weil die meisten publizierenden Angehörigen meiner Generation nicht die signifikante, widerständig resilienten Väter und Mütter der in den zwanziger Jahren Geborenen zu Lehrern und Vorbildern wählten, sondern die Nach-68er, die eine starke Position in den Institutionen errangen, aber intellektuell nicht sonderlich innovativ waren.


Bleibt man im engeren akademischen Umfeld, so wirkt dieser Generation wie eingekeilt zwischen der Skylla der Väter und Großväter (letztere, wie im richtigen Leben auch: meist milder, weiser, wenn auch paternalistischer) und einer neuen AkademikerInnengeneration, deren Angehörige ihre Kinder und zunehmend Enkel sein könnten. Letztere surfen auf den Wellen der kurzfristigen Hypes, sie legen, freiwillig oder aus Zwang, ihre Laufbahnen internationaler, aber auch kurzatmiger an, orientiert an Dritt- Viertmittelprogrammen, aber weitgehend ohne eigene Agenda: eine Forscher- und Meinungsgeneration, die nicht mehr primär in die Archive steigt oder sich langsamen Lese- und Buchstabierübungen unterzieht, sondern Positionen scannt und dazu Meta- oder Hyperpositionen einnimmt.


Die jüngere Generation ist in den flotten Thesen und der Selbstinszenierung bestens trainiert, lange Begründungsketten sind nicht ihre Sache. „Digital nativism“ versteht sich von selbst.

Jugendliche Chuzpe, die sich von Schüler- und Studenten-Protesten inspirieren lässt, wie dem Klimawandelprogramm, führt bei den Jüngeren absehbar zu flotten Thesen und steilen Paradigmen. So etwas kann man systematisches Profil nennen. Meine Generation bleibt in dieser Hinsicht übermäßig skrupulös. Vielleicht ist gerade dies ihr alteuropäisches Erbe und damit eine Stärke des Nicht-Konsenses.


In Absicherungen gegenüber einflussreichen Meinungem und in einer Selbstanpassung gegenüber den eigenen Kindern, Schülern, Studenten, die die Grenzen der Selbstachtung überschreitet, hat diese Generation dennoch einen Großteil der Zeit hinter sich gebracht, die ihr gegeben ist.

Sie hatte sich in prekären Zwischenlagen zu positionieren und bestand diese Herausforderung nur bedingt. Meine Generation steht zwischen den Erwartungen an den Großintellektuellen und Großjournalisten als Meistern des Spiels und den hektischen Fluchten der „Influencer“.


Sie setzte keine Maßstäbe, sie nahm jene hin, die gerade en vogue waren. Ob sie nun von den älteren Platzhirschen gesetzt worden waren oder von Politik und Wissenschaftsorganisationen, man forschte so, dass die Drittmittel-Vergabestellen es goutieren konnten, schrieb so, dass es in Diskurse passte.

Die großen, ausreifenden Monographien, das opus magnum, hat meine Generation noch als oft ungeliebte Pflicht wahrgenommen. Teilweise ist sie bis heute dabei, es zu erfüllen. Den Schritt zu einem weltweiten internationalisierten Kongress-Hopping, der Präsenz in möglichst vielen Foren und Internetdiskursen mit monothematischem Profil hat sie mehr oder minder internalisiert und ist darin doch nicht ganz heimisch geworden.


Mehr noch und strukturell: Die Institutionen existierten nicht mehr, für die wir uns qualifiziert hatten. Man begann in einer Universität, in der – trotz 1968 und seiner Eskapaden – noch vieles aus der jüngeren Vergangenheit verdrängt und manche Fragen nicht gestellt wurden. Meine Generation war habituell irgendwie linksliberal, wie die vorigen auch, aber wenig artikuliert. Die müde gewordenen „Sit-ins“ versprengter marxistischer Gruppen ertrugen wir ebenso als Grundrauschen wie die teils wenig plausiblen Abwiegelungen der Älteren. Über einige Metamorphosen erwachten wir in Institutionen, in denen Konformität immer mehr zählte als Leistung.


Elite und ‚Exzellenz‘ waren plötzlich wenigen Orten vorbehalten und eine Frage von Bürokratiemaßnahmen, hektischen Profilumbauten, Selbstverleugnungen, auf die Prämien winkten. Mit Sprachregelungen konnte man am Beginn der Laufbahnen meiner Generation noch spielerisch versatzstückaft umgehen. Mittlerweile sind sie zu einem umfassenden Korsett geworden, an dem man Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeiten erkennt. Wer dies „Sowjetisierung“ der deutschen Universität nennen will, dürfte nicht ganz falsch liegen. Obwohl man klassische Mechanismen der Ein- und Ausschließung theoretisch aus den kulturwissenschaftlichen Diskursen, von Luhmann oder Foucault bestens kennen kann, funktionieren sie besser denn je.



*


I



Über die prekäre Zwischenstellung und Unentschiedenheit sollte kein wehmütiges Klagelied gesungen werden; eher ist eine dringende Selbstbefragung angebracht. In einigen Jahren sind wir alt, selbst emeritiert (oder was sich so nennt). Die Frage wird akut: Hat meine Generation sich selbst und ihren Kairos verschlafen? Hat sie den Zenit überschritten, ehe sie ihn erreichte? Ist sie sich selbst zum Anachronismus geworden und anderen ohnehin, oder hat sie – als Anachronismus in der versiegelten Zeit – ihre Zukunft noch vor sich?


Sie sollte als einen generationellen Imperativ für die Zeit, die ihr noch verbleibt, die Maxime wählen: zu leben, zu denken und zu schreiben, als habe sie ihre Zukunft noch vor sich. Lernen sollte sie auch, in aller Individualität und Gebrochenheit, ‚Wir‘ zu sagen und nicht nur ‚Ich‘. Sie sollte Protest schaffen und kenntlich werden, in ihrer Individualität und provozierenden Brückenfunktion.



II


Denn wir hätten durchaus etwas zu sagen, als skeptische Generation zweiten Grades. Zu einem klugen Skeptizismus sind wir prädestiniert, weil wir unseren zweifelnden Blick nach zwei Richtungen wenden können, in die vordigitale, aber längst ermüdete Welt unserer analogen Anfänge und in die digitalen Hypes der Gegenwart. Aufgrund der Skylla- und Charybdis-Situation ist unsere Generation auch eine „lost generation“ zweiten Grades: wiederum fern von der existenziellen Dramatik, die Hemingway in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts damit verband. Vielmehr in der Nüchternheit von Lebensläufen, die es zwar zum wohlsituierten Standard brachten, aber oft nicht wussten, wer sie eigentlich sein wollten.


Man fiel, auch angesichts der praktizierten Anti-Elite-Haltung an den Fakultäten, in der Phase unserer Anfänge noch mit herausragenden Leistungen auf, konnte auf sich aufmerksam machen, so sehr, dass einem die Karriere nicht die erste Sorge sein musste und man manche Angebote ausschlug, die heute niemand ausschlagen würde.


Wir kamen in eine Universität, die es nicht mehr gibt und die niemals wiederkehren wird. Definiens der „unendlichen Universität“ ist für Derrida, dass hinter den verschlossen Seminar-Türen Gedanken- und Lektüre-Experimente möglich sind, in denen fast alles erlaubt ist, wenn ein bestimmtes Niveau vorausgesetzt werden kann.


Wir hatten die Möglichkeit zu reifen. Unsere akademischen Lehrer hielten uns in gewisser Weise an der kurzen Leine. Doch sie gaben uns auch die Zeit und den Raum, an uns selbst und am eigenen Denken zu arbeiten. Man lernte einen Zivilcode des Verhaltens und Schreibens kennen, einen Habitus, der – zwar im 20. Jahrhundert korrumpiert wurde, aber der Idee nach in einem Kontinuum bis in die Zeit Humboldts und Herders zurückreichte und, im allerbesten Fall, europäisch-transnationales Profil hatte. Man musste nicht sofort Partei nehmen, hatte die Ruhe, Denkmöglichkeiten auszutesten und, bei aller Unzulänglichkeit, auch Fragen und Probleme zu Ende zu denken.


Lesen und Schreiben so zu kultivieren, dass man mit der Sache auch einen Stil fand, war möglich und ist, wenn nicht in späteren Hypes verdrängt, Teil der Haltung meiner Generation. Diese subtilitas legendi et scribendi geht im permanenten Originalitäts- und Antragsstrudel zunehmend verloren. Angeblich ist dafür keine Zeit mehr. Tatsächlich fehlen Musikalität und Ethos. Im Netz liest und schreibt man anders, eher scannend als erkennend, die anderen Stimmen bei aller Rhetorik von Pluralität und Diskurs-Unabgeschlossenheit eher als Platzhalter für Positionen registrierend, als dass man sich um sie um ihrer selbst willen kümmern würde.


III


Vier Gründe, weshalb diese Generation erwachen und prägnant sichtbar werden sollte:


1. Sie lebt in Ambivalenzen, zwischen den Zeiten und ist daher, mit einem neueren, aber sehr treffenden Konzept, zur ‚Ambiguitätstoleranz‘ fähig, einer Haltung, in der man erträgt, dass Andere wirklich und real anders sind und denken, und es den übergreifenden Konsens nicht geben muss. Thomas Bauer hat überzeugend dargelegt, wie gefährdet die Ambiguitätstoleranz heute ist und wie gefährdet eine Debatte ist, die diese Dimension nicht kennt.[1]


2. Irgendwann wandeln sich, nach einer treffenden Beobachtung von Niklas Luhmann, Institutionen so sehr,[2] dass sie nicht mehr sie selbst sind. Auch für Personen, die sich permanent selbst erfinden müssen, gilt diese Beobachtung. Diese Erfahrung hat meine Generation, übrigens in West- ebenso wie in Osteuropa und in anderen Bereichen der Welt, mehrfach gemacht. Sie hat bewusst Schlüsseldaten durchlebt: 1989, 2001 und einige andere. Kann dies nicht conditio sine qua non sein, um die weiteren anstehenden massiven Veränderungen und Transformationen nicht zu erleiden und nicht kritiklos durchzupeitschen, sondern zu gestalten, zu reflektieren und stets auch zu bezweifeln? Dies darf gerade nicht in einem blinden Entweder-Oder geschehen – hier der Fortschritt, dort das Obsolete, hier das Richtige Wünschenswerte, dort das Abgelebte – sondern in den vielfachen Zwischenschritten und Ambivalenzen.


3. Meine Generation hat sodann durch die Verbindung mit älteren Freunden oder Familienangehörigen noch unmittelbar in die Abgründe der jüngeren Geschichte geblickt. Sie ist alt genug, im eigenen Erinnerungshorizont Anteil an der Opfer- und Täterperspektive zu haben und zu wissen, dass diese weder in einem gestaltlosen Vergessen noch in einem ebenso gestaltlosen Mythos aufzulösen ist. Sie kann auch wissen, dass Geschichte nicht aus konstruierten Narrativen besteht, sondern dass sie Grenzen und Bedingungen des Handelns in schmerzlicher Freiheit bezeichnet.


4. Schließlich kann sich meine Generation noch der Grund-Differenz zwischen analogen Realitäten und digitalen Fiktionen bewusst sein. Dies ist zwar keine hinreichende Qualifikation, die Bedingungen des 21. Jahrhunderts zu durchschauen und ihre Ideologien zu kritisieren. Einen weiteren Blick als den der behexten Apokalyptiker und Euphoriker des Netzes eröffnet sich daraus aber allemal.


Mit dem Hölderlin-Wort: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, ist meine Generation vertraut. Und zwar mit beiden Seiten des Zitats. Sie sollte sich daher einmischen in doppelter Fremdheit, in alteuropäischem Gedächtnis und kritischem Blick auf die Gegenwart.


[1] Th. Bauer, Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Ditzingen 2018.


[2] N. Luhmann, Politische Steuerung. Ein Diskussionsbeitrag, in: Politische Vierteljahresschrift 30.1 (1989), S. 4 ff.



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Über den Autor:


HARALD SEUBERT (* 1967); Professor und Fachbereichsleiter für Philosophie und Religionswissenschaft an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel, seit 2009 nebenamtlicher Dozent für Politische Philosophie an der Hochschule für Politik München. Seit 2016 Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft.





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