Johannes Scharf: EINE KRITIK AM NATIONALEN WIDERSTAND

"Sich sowohl vom NS als auch von der herrschenden Ideologie abzugrenzen", so zitiert Johannes Scharf einen patriotischen Vordenker, "katapultiert einen in ein gefährliches Niemandsland, in ein Sperrfeuer von allen Seiten." Dennoch oder gerade deshalb gelte es sich eigensinnig in diesem Zwischenraum zu behaupten, fruchtloser Rückwärtsgewandtheit gleich fern wie schuldbeflissener Selbstabschaffung.



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Es ist kein Geheimnis, dass ich mich in jungen Jahren selbst als einen Angehörigen des „Nationalen Widerstandes“ gesehen habe. Diese Selbstbezeichnung wird von Einzelpersonen und Gruppen des „nationalistischen Spektrums“ in der Bundesrepublik verwendet, bei denen von außen betrachtet ein Grundkonsens über gemeinsame Feindbilder, Ideale und politische Ziele auszumachen ist. Vom „nationalistischen Spektrum“ spreche ich in Abgrenzung zum „patriotischen Lager“, dem ich neben der Alternative für Deutschland und den heute nahezu bedeutungslos gewordenen Republikanern auch die Identitäre Bewegung und die Neue Rechte um verschiedene Verlage und das Institut für Staatspolitik sowie die PEGIDA-Bewegung zurechne.


Der Graben zwischen diesen beiden Lagern verläuft nicht zwischen der Alternative für Deutschland und allen nationalen Parteien, die schon vor ihrer Gründung existiert haben, sondern er verläuft zwischen rückwärtsgewandten „Nazis“ und bürgerlichen Einwanderungskritikern, die sich Gedanken um die Zukunft ihres Landes und der europäischen Zivilisation machen. Ebenso wenig verläuft die Trennlinie meiner unorthodoxen Auffassung zufolge in den USA zwischen der Alt-Right und der Alt-Lite, sondern mitten durch beide hindurch. Wo eine kompromisslose Haltung hinsichtlich der massenhaften Zuwanderung von Nichteuropäern mit einem ordentlichen Erscheinungsbild, einem Verzicht auf antisemitische Welterklärungsmodelle und eine echte Wertschätzung aller Völker und Kulturen dieser Erde zusammenkommen, dort befindet sich das genuin „patriotische Lager“. Rechts und links von diesem schmalen Grat ist Wüste.


In Parteien wie der CDU, der Linken, der AfD und der NPD gibt es verschiedene Flügel und mithin eine große Bandbreite von Positionen. Die Haltungen der einzelnen Mitglieder reichen von 'wirtschaftsliberal' über 'konservativ' und 'sozialistisch' bis hin zu 'nationalistisch' und, in manchen Fällen, 'antisemitisch'. Ganz im „nationalistischen Spektrum“ bzw. im „Nationalen Widerstand“ verwurzelt sind hingegen neben Freien Kameradschaften und rechtsextremer Musikszene die Kleinstparteien Die Rechte und Der III. Weg. Leider handelt es sich bei diesem Weg, wenn man ihn einmal eingeschlagen hat, nicht selten um eine Einbahnstraße oder bestenfalls um eine Sackgasse. Auch wenn ich einzelne Mitglieder solcher Parteien und Organisationen kenne und mich mit manchen von ihnen eine langjährige Freundschaft verbindet, halte ich die Charakterisierung der politischen Sackgasse, in die sie geraten sind, als einen „braunen Sumpf“ für nicht gänzlich unpassend.


Man hat das Gefühl, dass es in diesem Sumpf seit siebzig Jahren gärt und blubbert. Damit es eine neue vereinte Rechte geben kann, müssten weite Teile dieses Sumpfes ausgetrocknet werden. Allerdings sollte ein kleines Biotop für Larper und andere NS-Nostalgiker erhalten bleiben, das fortwährend solche Elemente absorbiert, bevor sie im „patriotischen Lager“ Schaden anrichten können. Personen, die in der AfD eine „Gründung des Systems“ sehen, den Holocaust für eine antideutsche Erfindung halten, von der „Israel-Connetion“ einwanderungs- und islamkritischer Parteien schwadronieren, neurechte Gruppen wie die IB oder das Institut für Staatspolitik anfeinden oder gar eine Wiedergewinnung der „Ostgebiete“ und des Elsass anstreben, dürfen niemals vom „patriotischen Lager“ aufgenommen werden, sofern es sich nicht selbst in die Bedeutungslosigkeit katapultieren möchte.


Ich vermeide es heute fast vollständig, mit meinen alten Freunden aus der „Szene“ über Politik zu sprechen. Ähnlich geht es offensichtlich vielen Personen, die dem Sumpf entronnen sind und wieder festen Grund unter die Füße bekommen haben. Erst vor wenigen Wochen schrieb mir ein Freund auf Facebook die folgenden Worte:


Man muss mit vielen Leuten leben, mit vielen aber auch nicht. Meine alten wertvollen Kameraden aus dem NS-Spektrum und ich haben eine Art Tabuzone eingerichtet, um es noch miteinander auszuhalten. Wenn mir jemand vor zehn Jahren hätte weismachen wollen, ich würde irgendwann ein ähnliches Verhältnis a lá ‚fauler Burgfrieden‘ zu den Diehard-NS-Typen pflegen wie zu meinem linksliberalen Bekannten- und Verwandtenkreis, dann hätte ich ihn wohl für verrückt erklärt. Wir laden uns gegenseitig zu Veranstaltungen ein oder geben Literaturratschläge, finden dann aber eine höfliche Ausrede, dem nicht nachgehen zu können.

Während die Angehörigen der Werte-Union in den meisten Fällen wohl schlicht zu feige sind, in die Alternative für Deutschland zu wechseln, bleiben zahlreiche Angehörige des „nationalistischen Spektrums“, die selbst keine neonazistischen Thesen vertreten, diesem verhaftet, weil sie ein Ausscheiden aus der Szene als Verrat an ihren alten „Kameraden“ ansehen würden. Ein weiterer Grund dafür, dass sich manche Personen noch im „nationalistischen Spektrum“ tummeln, die dort – weltanschaulich betrachtet – längst nichts mehr verloren hätten, liegt an den strikten Abgrenzungsbemühungen des „patriotischen Lagers“ nach „rechts“. Obwohl diese Abgrenzungsbestrebungen durchaus nachvollziehbar sind, führen sie in der Praxis teilweise zu der grotesken Situation, dass von einzelnen Parteimitgliedern, Wählern oder Vertretern der Alternative für Deutschland zuweilen schärfere Töne angeschlagen und radikalere Positionen vertreten werden, als von Mitgliedern anderer rechter Parteien oder Organisationen, die seit zehn oder zwanzig Jahren, unter Umständen sogar ein halbes Jahrhundert lang, über ihre politischen Positionen reflektiert haben.


Nur bringt ihnen das leider nichts. Sie werden ob ihrer langjährigen Parteimitgliedschaft oder ihres früheren Engagements in anderen Zusammenhängen des „Nationalen Widerstandes“ als „Ewiggestrige“ abgestempelt – sogar von jenen Personen, die zwar die etablierten Parteien wählen oder selbst das Parteibuch der CDU beziehungsweise CSU besitzen, aber am Stammtisch regelmäßig, d. h. nach jedem bekannt gewordenen Einzelfall, einen „kleinen Hitler“ fordern, der in „Deutschland mal wieder richtig aufräumt“. Im privaten Kreis darf jeder den Schnabel so weit aufreißen, wie er möchte, sobald sich aber jemand öffentlich zu seinen Ansichten bekennt und nicht mehr, aber auch nicht weniger sagt als das, was er denkt, ist es um den guten Ruf geschehen. Manch einen Mutigen ereilt sogleich der „gesellschaftliche Tod“. Dieses Phänomen ist nicht auf das „nationalistische Spektrum“ beschränkt, sondern zeigt sich nicht selten auch bei Personen, die etwa für die Alternative für Deutschland kandidieren.


Der Unterschied besteht jedoch zum einen darin, dass Mitglieder der AfD mit Blick auf die Wahlergebnisse – zumal in Ostdeutschland – darauf verweisen können, wie populär ihre Positionen tatsächlich sind, zum anderen besteht er darin, dass Haltungen, die schlicht und ergreifend dümmlich, hetzerisch oder antisemitisch sind, von Repräsentanten der Alternative für Deutschland oder der Identitären Bewegung nicht nur abgelehnt werden, sondern auch ein Parteiausschlussverfahren nach sich ziehen beziehungsweise einen Rauswurf aus der Gruppe zur Folge haben. Damit ist bei diesen Organisationen ganz klar definiert, was sie sind und was sie nicht sind. Der „Nazi-Vorwurf“ verfängt hier also keineswegs so leicht.


Und falls doch, zeugt dieser Umstand nur von der grenzenlosen Dummheit derjenigen Personen, bei denen er verfängt. Wenn man indes mit Parolen wie „Nationaler Sozialismus jetzt, jetzt, jetzt!“ irgendwo aufmarschiert, wie das Teile des selbsternannten, „Nationalen Widerstands“ tun, braucht man sich nicht darüber zu wundern, dass einem der Normalbürger mit Abscheu und Verachtung begegnet. Vor dem geistigen Auge Lieschen Müllers läuft sofort eine Sequenz aus Schindlers Liste, wenn sich jemand, in welcher Art auch immer, öffentlich positiv über das Dritte Reich äußert oder an den Nationalsozialismus anzuknüpfen sucht. Im privaten Umfeld legt Lieschen Müller ihrem Otto sein ausländerfeindliches oder antisemitisches Geschwätz – bis hin zu Sätzen wie „Bei Hitler hätte es das nicht gegeben“ – hingegen als unbedachte, verbale Entgleisung aus, sonst könnte ein großer Teil der CDU-Wähler nicht so saudumm daherreden. Dass Teile des Nationalen Widerstands noch immer nicht begriffen haben, dass der NS und seine Symbole als radioaktiver Sondermüll zu behandeln sind, kann einen zur Verzweiflung treiben.


Ich kritisiere die Alternative für Deutschland also nicht generell dafür, dass sie eine Unvereinbarkeitsliste besitzt. Ich bin allerdings der Ansicht, die Säuberung der eigenen Reihen sei von Anfang an übertrieben worden. Der Versuch, den eigenen Garten gleichsam zu pflegen und das Unkraut auszureißen, das ein Gedeihen der übrigen Pflänzchen gefährdet, gleicht zuweilen einer regelrechten Hexenjagd. Wenn etwa ein AfD-Landesvorsitzender aus der Partei ausgeschlossen werden soll, weil er 1989 – ja, 1989 (!) – an einem NPD-Lehrgang in Italien teilgenommen hat, ist das an Lächerlichkeit und Rückgratlosigkeit kaum noch zu überbieten! Der betreffende Landesvorsitzende, Dennis Augustin, war damals 19 Jahre alt. Ich selbst war damals ein Jahr alt … Wer weiß, vielleicht gehörte Augustin schon 1989 zu den progressiven, vorwärtsgewandten Personen in der Partei, denen einzig und allein die Zukunft Deutschlands und Europas am Herzen lag. Und falls er damals tatsächlich ein rückwärtsgewandter NS-Nostalgiker gewesen sein sollte, was von der Presse insinuiert wird, hatte er dreißig Jahre Zeit, seine Meinung zu revidieren. Da hielte es die Alternative für Deutschland doch besser mit dem irischen Dramatiker George Bernhard Shaw, dem das folgende Zitat zugeschrieben wird: „Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch“.


Als ich ein Jugendlicher war, gab es noch keine junge, dynamische Bewegung, die sich gegen die immer schneller voranschreitende Überfremdung wehrte, ohne dabei den sektiererischen Strömungen in der „Alten Rechten“ das Wort zu reden. Heute gibt es allerdings echte Alternativen, die einerseits im Kampf um die Bewahrung der biologischen Substanz keine Kompromisse eingehen, sich aber andererseits des überflüssigen und hemmenden Ballasts entledigt haben: die Identitäre Bewegung etwa oder die American Identity Movement in den USA, kurz AIM. Trotzdem strömen scharenweise junge Idealisten in die Arme des „Nationalen Widerstands“, dieses alles verschlingenden Molochs.


Es ist klar, dass der Sieger die Geschichte schreibt, unsere Großväter im Kollektiv keine Verbrecher, aber tapfere Soldaten waren, dem deutschen Überfall auf Polen diverse Provokationen vorausgegangen sind, alliierte Massenbombardements deutscher Städte eine Art Rückfall in die Barbarei darstellten und auch der Zweite Weltkrieg viele Väter hatte. Aber wenn man den Revisionismus zum eigenen Lebensmittelpunkt macht, nimmt man dem Hier und Heute das Schwergewicht. Man verbannt sich selbst aus der Gegenwart in die Bedeutungslosigkeit und wird zu Recht mit dem Epitheton 'ewiggestrig' versehen. Dass sich die Deutschen nicht selbst abschaffen würden, wenn es die Verbrechen Hitler-Deutschlands nie gegeben hätte, glaube ich nicht, weil sich auch die sogenannten Befreier eifrig selbst abschaffen.


Die Zahlenspielereien der Holocaust-Minimierer führen auch nirgendwohin, denn es ist wirklich nicht entscheidend, wie viele Unschuldige es genau waren, die in Auschwitz und anderen Lagern ums Leben gekommen sind. „Sie starben an Typhus, weil infolge der russischen Bombardements Seuchen ausbrachen“, sagt der Holocaust-Minimierer. Aber warum waren sie überhaupt dort? Weil das Weltjudentum dem Deutschen Reich über eine britische Boulevardzeitung am 24. März 1933 den Krieg erklärte? Glaubt man wirklich, der Daily Express habe für alle Juden sprechen können? Bei der BILD-Zeitung ist man doch sonst auch eher misstrauisch, wenn man eine reißerische Schlagzeile liest.


Denjenigen, die sich tatsächlich als Neonazis fühlen, ist es natürlich nicht zu verdenken, wenn sie sich mit NS-Devotionalien eindecken und dreimal am Tag das Horst-Wessel-Lied singen. Sie sehen sich eben tatsächlich im Alleinbesitz der reinen Lehre. Aber warum sollen sich Leute, die sich weder mit dem 25-Punkte-Programm der NSDAP noch mit der Behandlung der damals in Deutschland lebenden Juden noch mit dem Angriff auf Polen noch gar mit der Endlösung der Judenfrage identifizieren, sondern nur den großen Austausch vehement ablehnen, sich diesen Schuh freiwillig anziehen? Es ist ja nicht nur so, dass sie dadurch politisch nichts bewegen, sondern sie schütten durch das bewusste Evozieren von NS-Ästhetik sogar noch Wasser auf die Mühlen des Systems, liefern den Gutmenschen ihre einzigen halbwegs nachvollziehbaren Argumente und der Journaille die passenden Bilder. Was hat nicht dieser Volltrottel mit der Blutfahne in Charlottesville der Alt-Right durch seinen Auftritt für einen Schaden zugefügt! Natürlich waren alle Kameras auf diese Person gerichtet. Man hätte dem Kerl die Fahne in den Mund stecken müssen, dass sie dort wieder herausgekommen wäre, wo die Sonne nicht hin scheint (ich übertreibe offensichtlich). Obwohl ich grundsätzlich gegen politische Verbote bin, ist es doch ein wahrer Segen für das rechte Lager insgesamt, dass gewisse Symbole in der BRD verboten sind. Es würde schon genügen, wenn ein einziger verwirrter Zeitgenosse in SS-Uniform auf einer Demonstration aufkreuzte. In der Glotze sähe man den Kerl tagelang durchs Bild marschieren.


Martin Sellner schreibt über jene Unglücklichen, die im wahrsten Sinne des Wortes nicht wissen, was sie tun:


„Anstatt sich seiner Ziele bewusst zu werden und zu erkennen, dass im Angesicht der heutigen Bedrohung die einzige Pflicht der deutschen Jugend die Rettung unserer ethnokulturellen Identität ist, solidarisiert man sich trotzig mit dem Hassobjekt des ‚verhassten Systems’. Man will die gewohnte Rolle, die gewohnte Parolen, die gewohnten Jahrestage nicht aufgeben und merkt nicht, dass man den Hauptteil seiner Kraft nicht dem Erhalt des Eigenen, sondern der Rehabilitierung eines bestimmten, ideologischen Systems des 20. Jahrhunderts, seiner Symbole, seiner Waffenverbände und seiner Vertreter widmet“.[1]

Wir sind uns mit Sicherheit alle darüber einig, dass die Frage nach Sein oder Nichtsein die wichtigste Frage unserer Zeit darstellt. Alle anderen Debatten sind, wenn überhaupt, nachrangig zu führen. Da die Globalisierung offensichtlich einen der sichtbarsten Motoren des großen Austauschs darstellt, ist Kritik an den Mechanismen jener Globalisierung durchaus angebracht, zumal Globalisierungskritik von rechts die Linken in Erklärungsnöte bringt, weil sie auf einmal ein System verteidigen müssen, gegen das große Teile der Linken traditionell selbst auf die Straße gegangen sind. Wofür aber sind in unserem politischen Ringen für den Fortbestand abendländischen Menschentums Hitler, die Waffen-SS oder die Zahl der in Dresden ermordeten Zivilisten von Bedeutung? Damit mögen sich in späteren Zeiten Historiker befassen. Und zwar nicht aus politischem Antrieb, sondern sine ira et studio, also ohne Zorn und Eifer, wie es Tacitus einst forderte.


Am pragmatischsten wäre hier und heute die gesunde Haltung: „Shit happens, kein Volk ist perfekt, mein Opa war an der Front, nicht im Lager. Weiter gehts!“ Falls der Großvater doch an Verbrechen beteiligt gewesen sein sollte, ist der Fall natürlich ein wenig anders gelagert, aber auch damit kann man seinen Frieden machen, denn die Taten eines „Funktionsträgers“, so Rolf Peter Sieferle in Finis Germania, „lassen sich vollständig aus dem politisch-ideologischen Großprojekt herleiten, innerhalb dessen er sich orientiert hat, welches ihm Legitimität verliehen hat und aus welchem er den Auftrag ableiten konnte, den er im Namen der Geschichte zu erfüllen glaubte. Wenn jemand ‚Opfer der Verhältnisse’ ist, dann er“.[2]


Andere Themen der Alten Rechten, etwa die Frage danach, wie viele Patente nach dem Krieg gestohlen wurden oder ob die BRD ein souveräner Staat sei, sind vollkommen bedeutungslos. Wenn die AfD bei der nächsten Wahl auf 51 % kommt, den Kanzler stellt und frei regieren kann, werden wir ja sehen, ob die BRD souverän ist. Da die Partei keine 51% der Stimmen erhalten wird, werden wir es wohl nie herausfinden. Man ist versucht, zynisch zu fragen, ob ein Volk mit einem so schwachsinnigen Wahlverhalten es überhaupt verdiene, souverän zu sein. Was derzeit wenigstens möglich erscheint, ist eine stückweite Verschiebung beziehungsweise Korrektur der gesellschaftlichen Koordinaten des Sagbaren nach „rechts“. Allerdings nicht auf die Reichsbürger-Tour…


Ebenso wenig helfen uns Verschwörungstheorien à la „Skull and Bones“, Freimaurer und Jesuiten weiter. Natürlich ist der jetzige Papst Jesuit, ehemalige Präsidenten der USA waren Mitglieder in einer Studentenverbindung und viele Freimaurer und progressive Juden haben offensichtlich eine globalistische Agenda. Aber m. E. haben sie diese Agenda nicht, weil sie Geheimverbindungsstudenten, Freimaurer oder Juden sind, sondern weil sie einer gesellschaftlichen Elite angehören, deren Vertreter offenkundig der Meinung sind, aus der Einwanderung einen Nutzen ziehen zu können. Schlecht bis gar nicht qualifizierte Einwanderer drücken nicht nur die Löhne und stellen eine Gefahr für den Mindestlohn dar, sondern treten vor allen Dingen als Konsumenten in Erscheinung.


Die Großkonzerne interessieren sich nicht dafür, ob das Geld, mit dem die Neuankömmlinge ihre Produkte kaufen, von Merkels Goldstücken selbst erarbeitet wurde oder von denen, die schon länger hier leben. Andere Progressive, unter ihnen höchstwahrscheinlich auch der Papst, glauben fest an ihr egalitäres und universalistisches Weltbild. Vor Gott sind alle Menschen gleich … Für beide Gruppen ist charakteristisch, dass sie im täglichen Leben kaum je Bekanntschaft mit den Kulturbereicherern machen müssen, die sie der Arbeiterklasse aufs Auge drücken, da sie selbst in teuren Wohngegenden leben und ihre Kinder auf Privatschulen schicken. Dort ist der Nachwuchs vor Misshandlungen sicher, sofern es sich nicht gerade um ein katholisches Knabeninternat handelt.


Die ständige Suche nach Gruppen, die man für die Misere verantwortlich machen kann, ist Ausdruck einer Verlierermentalität. Wenn man sich als Mehrheit so hilflos und schwach wähnt, dass man für das eigene Versagen beständig eine bestimmte Minderheit verantwortlich machen muss, ist man es dann überhaupt wert, im Kampf ums Dasein zu bestehen? Oder wäre man nach Nietzsche nicht vielmehr wert, gestoßen zu werden? Was fallen will, das soll man nicht halten, Unheilbaren nicht Arzt sein wollen. So jedenfalls lehrte es Zarathustra.


Aber zur Sache: Macht man sich zum ständigen Apologeten der NS-Zeit, bleibt man in seiner Isolation der ewige „Nazi“, verliert vor lauter Heldengedenken die wirklichen Probleme vollends aus den Augen, opfert Zeit, Geld und möglicherweise auch noch seine Freiheit. Und wofür? Für das eigene subjektive Geschichtsbild, das in den meisten Fällen gerade so schief ist wie das der Gegner (nur eben mit gegenläufigem Gefälle). Ein Aktivist hinter Gittern ist kein Aktivist.


Auch wenn ich mir nach den hier vorgetragenen Gedanken mit Sicherheit schon den Vorwurf der Spalterei oder Distanzeritis eingehandelt habe und für die 150-prozentigen Kinnmuskelspanner mindestens zum Höchstverräter geworden bin, muss ich zum Schluss noch eines klarstellen: Ich würde niemals jemandem dazu raten, sich von Einzelpersonen zu distanzieren, mit denen ihn einmal eine Freundschaft verbunden hat. Das tue ich selbst auch nicht. Ich möchte nur nicht, dass gerade jene kritischen Geister, die das falsche Spiel der Medien bereits in frühester Jugend durchschauen, geradewegs in die Arme des nimmersatten Molochs taumeln und sinnlos verheizt werden. Und zwar in einem Kampf gegen Windmühlen …


Eine Abgrenzung des eigenen Standpunktes erfordert Haltung und ist nichts Verwerfliches. Im Gegenteil! Sie ist geradezu eine Pflicht all derer, die wirklich etwas bewegen wollen – in diesem Land und darüber hinaus. Und um noch einmal Martin Sellner zu Wort kommen zu lassen:


„Sich sowohl vom NS als auch von der herrschenden Ideologie abzugrenzen, katapultiert einen in ein gefährliches Niemandsland, in ein Sperrfeuer von allen Seiten. In diesem Feuer zeigt sich, ob man seine Position halten und im Druck zum Diamanten werden kann oder aber durch die Spannung zwischen den beiden Polen zerfetzt wird“.[3]

Die Deutschen und alle anderen Völker der Erde haben das Recht, ihre ethnokulturelle Identität als schützenswertes Gut zu betrachten und auf einen Erhalt dieser ethnokulturellen Identität zu pochen. Es ist auch vollkommen natürlich, wenn man sich Menschen, die einem selbst ähnlich sehen und vielleicht auch noch dieselbe Sprache sprechen, näher fühlt als anderen. Das ist keineswegs tadelnswert, so lange es nicht mit einer Abwertung anderer Gruppen einhergeht. Die Präferenz des Eigenen hat nichts mit einer postulierten Höher- oder Minderwertigkeit zu tun, sondern einzig und allein mit dem natürlichen Willen zum Sein. Ein Volk darf in der Vergangenheit Fehler gemacht haben – und jedes Volk, das dazu logistisch in der Lage gewesen ist, hat in der Vergangenheit große Verbrechen begangen. Aber nur ein Volk, das sich selbst abschafft, ist tatsächlich wert, dass es zugrunde geht.



[1] http://derfunke.info/wer-sich-distanziert-verliert?fbclid=IwAR16GKPSrFK1HKZdVFF4mZxy71x2OwGIuVPQWaPGoSCv529NKF4WttnIG1Y (zuletzt besucht am 29.01.2019).


[2] Sieferle, Rolf Peter, Finis Germania, Schnellroda 2017, S. 16.


[3] http://derfunke.info/wer-sich-distanziert-verliert?fbclid=IwAR16GKPSrFK1HKZdVFF4mZxy71x2OwGIuVPQWaPGoSCv529NKF4WttnIG1Y (zuletzt besucht am 29.01.2019).




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