Karol Sauerland: DEUTSCH-POLNISCHES
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Die Nicht-Wahrnehmung des Nachbarn Polen durch die Deutschen ist frappierend, wenngleich auch unverständlich. Kanzler Merz machte es wieder deutlich, als er wohlmeinend für die Ukraine, aber auch – wenngleich ungewollt – für Russland auf dem CDU-Parteitag erklärte, dass der Krieg gegen die Ukraine mittlerweile länger dauere als der Zweite Weltkrieg. Länger als vier Jahre! Der Krieg ist für ihn anscheinend erst am 22. Juni 1941 ausgebrochen, womit er sich in die Erzählung vom Großen Vaterländischen Krieg einfügt. Der Stalin-Hitler- Pakt, mit dem der Zweite Weltkrieg begann und der zur vierten Teilung Polens führte, bleibt für ihn ausgeblendet. Relativ geringfügig erscheint in diesem Kontext die Verwechslung des Warschauer Aufstands von 1944 mit dem Ghetto Aufstand von 1943 durch Präsident Roman Herzog. Weder Merzens noch Herzogs Fehlaussagen haben zu einem Aufschrei in der deutschen Presselandschaft geführt. Die polnischen Medien reagierten kopfschüttelnd.
Aber das ist nur die Spitze eines Eisbergs. Das zur PiS-Zeit gegründete Pilecki-Institut will nun von polnischer Seite etwas dagegen unternehmen, sowohl in Berlin, wo es seinen Sitz am Pariser Platz hat, als auch in Warschau, wo eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Berlin in Warschau“ angelaufen ist. Es geht darum, zu erkunden, welches Bild Deutsche von Polen haben und wie man darauf Einfluss nehmen könnte. Eingeladen waren zu dem Podiumsgespräch von deutscher Seite der Osteuropa-Korrespondent Philipp Fritz und der sich als Zukunftsforscher bezeichnende Sebastian Christ, von polnischer Seite Hanna Radziejowska, die Chefin des Berliner Pilecki-Instituts, und Dr. Anna Kwiatkowska, Leiterin der deutschen Abteilung des Instituts für Ostforschung an der Warschauer Universität.
Von Anfang an nahmen die beiden Frauen kein Blatt vor den Mund, es war nicht mehr der Versöhnungsdiskurs, der seit den Neunziger Jahren die Debatten über die Möglichkeiten der deutsch-polnischen Verständigung bestimmte. Er verlief nach deutschen Vorgaben, d.h. Worte wie national, Nationalismus, Patriotismus waren sofort aus deutscher Erfahrung heraus negativ zu konnotieren. Diesem Interpretationsrahmen wolle man sich nicht mehr unterwerfen, erklärte Radziejowska. Dazu hätte man allerdings von einem anderen Wissensstand ausgehen müssen. Die Moderatorin hakte hier nicht ein, so dass Sebastian Christ im Gegenzug konstatieren konnte, in den letzten zwanzig Jahren, d.h. im Zeitraum seines aktiven Lebens, habe sich vieles zum Positiven gewandelt, das Interesse für den Nachbarn Polen habe zugenommen.
Überraschend waren die „Stimmen von der Straße“, die in einem kurzen Film eingespielt wurden. Vier Personen unterschiedlicher Generationen wurden u.a. danach befragt, was in den deutsch-polnischen Beziehungen unerledigt sei. Alle vier verwiesen auf die Reparationsfrage. Sie müsse geklärt werden.
Zu gleicher Zeit wurde in den Sozialmedien über die Erneuerung der Gedenktafel für Rosa Luxemburg in ihrer Geburtsstadt Zamość heftig debattiert. Die alte war 2018 aufgrund des Dekommunisierungsgesetzes vom 1. April 2016 entfernt worden. Nach diesem Gesetz werden öffentliche Erinnerungen an den Kommunismus so behandelt wie die an den Faschismus bzw. Nationalsozialismus. Namen von Straßen und Gebäuden sowie Gedenktafeln, die den Kommunismus positiv darstellen, sind zu entfernen.
In der Debatte um Luxemburg geht es einerseits darum, dass sie eine Gegnerin der Schaffung eines unabhängigen Polen war – sie meinte, es könne als sozialistisches Polen nur Teil Russlands werden, wenn auch ein autonomer; sie verwies hierbei u.a. auf die engen wirtschaftlichen Verknüpfungen Polens mit Russland, diese würden bereits einen Körper für sich bilden –, andererseits um ihre probolschewistische Gesinnung. Hatte sie doch 1918 erklärt:
„Die Bolschewiki haben […] sofort als Zweck der Machtergreifung das ganze und weitgehendste revolutionäre Programm aufgestellt: nicht etwa Sicherung der bürgerlichen Demokratie, sondern Diktatur des Proletariats zum Zwecke der Verwirklichung des Sozialismus. Sie haben sich damit das unvergängliche geschichtliche Verdienst erworben, zum erstenmal die Endziele des Sozialismus als unmittelbares Programm der praktischen Politik zu proklamieren“.
Das Faktum, dass sie dabei dieses und jenes an Lenins und Trotzkis Vorgehen kritisierte und die Diktatur des Proletariats anders auffasste, ist in diesem Zusammenhang von untergeordneter Bedeutung. Luxemburg war eindeutig der Meinung, dass die bolschewistische Revolution der erste Schritt zur Weltrevolution sei, was Polen nota bene 1920 zu spüren bekam. Mit Mühe konnte es sich gegen die Sowjets behaupten.
In Verbindung mit der erneuten Diskussion, ob man Luxemburg verehren sollte oder nicht, publizierte die regierungsnahe Zeitung Rzeczpospolita in ihrer Wochenendbeilage einen ausführlichen Artikel u.d.T. „Dlaczego nie należy brać Róży Luksemburg na sztandary“ (Warum soll man Rosa Luxemburg nicht als Banner nehmen). Unter dem Titel sieht man ein Foto von 1910, auf dem Rosa eingehakt bei Clara Zetkin sich unter vielen Männern zum SPD-Parteitag im Luisenpark in Magdeburg begibt.

Wäre Luxemburg am Leben geblieben, hätte sie sicher, suggeriert der Autor des Artikels, der Historiker Marcin Jurek, den gleichen Weg wie Zetkin genommen, die 1933 in Krasnogorsk-Archangelskoje bei Moskau verstarb. Polen sollte andere bedeutende Sozialistinnen aus der Zeit der vorigen Jahrhundertwende zum Banner erheben, fordert der Autor.
In Deutschland gibt es offenbar keinen Widerstand mehr gegen die Verklärung Luxemburgs. Winklers Worte von 2002 gegen die Errichtung eines Luxemburg-Denkmals sind im Leeren verhallt. Luxemburgs Rede auf dem Gründungsparteitag der KPD soll dem Vergessen anheimfallen:
„Wir können es ruhig aussprechen, dass die deutschen Gewerkschaftsführer und die deutschen Sozialdemokraten die infamsten und größten Halunken, die in der Welt gelebt haben, sind (stürmischer Beifall). Wissen sie wohin diese Leute Winnig, Ebert, Scheidemann gehören? Nach dem deutschen Strafkodex, den sie ja selbst in voller Gültigkeit erklären und nach dem sie selbst Recht sprechen lassen, gehören diese Leute ins Zuchthaus! … Und heute haben wir – das können wir ruhig heraus sagen – an der Spitze der sozialistischen Regierung nicht bloß Leute, die Judasse des sozialistischen Bewegung, der proletarischen Revolution sind, sondern auch Zuchthäusler, die überhaupt nicht in eine anständige Gesellschaft gehören“.
Es ging darum, die Wahlen zur Nationalversammlung zu verhindern, die die „Reichskonferenz der Arbeiter und Soldatenräte Deutschlands“ mit eindeutiger Mehrheit beschlossen hatte.
Am 9. Januar 1919 hieß es in dem Aufruf der revolutionären Obleute, des Zentralvorstands der Berliner USPD und der KPD gegen „die Judasse in der Regierung“ zu kämpfen. Sie würden „ins Zuchthaus, aufs Schafott“ gehören. Und weiter: „Gebraucht die Waffen gegen eure Todfeinde.“
Winkler wünschte sich in seinem Artikel von 2002 Denkmäler für Walter Rathenau und Rudolf Hilferding. Letzterer werde nicht einmal durch Straßennamen in Berlin geehrt, obwohl dies von einer unabhängigen Kommission, die über die Umbenennung der Namen beriet, einstimmig beschlossen worden sei. Es gäbe genug Luxemburg-Denkmäler und Erinnerungsstätten an sie, meinte Winkler. Er führte sie nicht auf. Viele von ihnen, etwa das Denkmal in Zwickau, erscheinen gigantisch.

Man hat den Eindruck, dass es in Ostdeutschland kaum einen Ort ohne eine Luxemburgstraße und ihre Büste gibt. So in Graal-Müritz, wo man eher eine Franz-Kafka-Straße erwartet. Er hatte dort bekanntlich Dora Diamant in seinem letzten Lebensjahr kennengelernt und mit ihr eine glückliche Zeit verbracht. Keines der Denkmäler erinnert selbstredend daran, dass Rosa seit den 1890er Jahren vehement und sehr geschickt in sozialistischen Kreisen gegen die Schaffung eines selbständigen polnischen Staates eingetreten ist.
Auf dem Warschauer Podiumsgespräch erklärte Sebastian Christ, dass die Einberufung eines Parlamentsausschusses zur Überprüfung der Ostpolitik unausweichlich sei. Er meint damit höchstwahrscheinlich die letzten zwanzig Jahre. Aber reicht die Liebe zu Russland nicht viel weiter zurück?
Die Stadtbehörde Zamość hat kurz vor dem 5. März, dem Geburtstag von Luxemburg vor 155 Jahren, die Erlaubnis zur Wiederanbringung der Tafel zurückgezogen!
Über den Autor: Prof. Dr. Karol Sauerland, geb. 1936 als Sohn deutscher Emigranten in Moskau, Abitur in Halle. Er studierte Philosophie an der Humboldt Universität, ließ sich jedoch exmatrikulieren, nachdem der auf ihn ausgeübte politische Druck unerträglich geworden war. Übersiedlung nach Polen, Studium der Mathematik und Germanistik. Dissertation über Diltheys Erlebnisbegriff, 1975 Habilitation und Universitäts-Dozentur, 1977-2005 Leiter der Abteilung für deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Warschauer Universität, ab 1979 Leiter des Lehrstuhls für Germanistik an der Universität Thorn. Verlust der Leitung über mehrere Jahre aus politischen Gründen. 1989 Ernennung zum Professor, 1991 erneute Übernahme der Leitung der Lehrstühle für Germanistik an den Universitäten Warschau und Thorn (bis Ende 2003). Gastprofessuren in Deutschland, Schweiz u. Frankreich, Vorsitz kultureller Gesellschaften, 2009/10 Professor für Germanistik an der Universität Ústí nad Labem (Tschechische Republik), gegenwärtig an der Universität in Slupsk/Stolpe. Zahlreiche Bücher und Essays, wissenschaftliche Abhandlungen, Editionen, Anthologien, Konferenzbände und Rezensionen.
Kleine Auswahl seiner Schriften: Einführung in die Ästhetik Adornos. Berlin/New York 1979. Dreißig Silberlinge. Denunziation in Gegenwart und Geschichte. Berlin 2000. Hrsg., zusammen mit Detlef Krell: Mariupol. Reflexionen über die russische Invasion gegen die Ukraine. Dresden 2022.
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Beitragsbild: Luxemburg-Denkmal Zwickau: Markscheider, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons


