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Markus C. Kerber: DEUTSCHLAND – POLEN. EIN UNVERHÄLTNIS?

  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Wenn ein so würdiger und erfahrener Autor wie Karol Sauerland in den digitalen Zeilen dieser Zeitschrift seine Impressionen zum deutsch-polnischen Verhältnis niederschreibt, verdient das für sich genommen bereits Respekt. Der Hinweis darauf, dass Polen von seinem deutschen Nachbarn kaum wahrgenommen wird, ist vielleicht auch deshalb ein nicht allzu unglücklicher Umstand, weil im öffentlichen polnischen Politikdiskurs Deutschland seit 2015 durchweg als Feindesland apostrophiert wird. Die Probleme Polens mit seiner Geschichte und bestimmten Helden-Figuren hat Karol Sauerland in dem Artikel anhand der Person von Rosa Luxemburg eindrücklich dargestellt.


Der Berghof aufgekratzt: Haben Molotow und Ribbentrop im fernen Moskau endlich unterschrieben?
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Dieses problematische Verhältnis zur eigenen Geschichte führt in Polen immer wieder zu Fehldeutungen und zu kontrafaktischen Behauptungen, die indessen von einheimischen Medien fast kritiklos hingenommen werden.


Dass Polen – wie von Polens Politikern behauptet – von Deutschland und der EU dominiert werde, ist leider nicht nur ein schlechter Witz, sondern eine Lüge. 25 % der Ressourcen der Europäischen Union kommen aus Deutschland. Deutschland ist der größte Nettozahler und Polen mit Abstand der größte Nettoempfänger. Wer behauptet, Deutschland und die EU dominierten Polen und würden sich gegenüber der polnischen Nation feindlich verhalten, der möge daran erinnert sein, dass im äußersten aller Fälle Deutschland den finanziellen Stecker ziehen kann. Angesichts der regierungsamtlich betriebenen Geschichtsklitterung wäre dies ggf. eine Option deutscher Politik.

 

  • Der Einmarsch der polnischen Armee an der Seite der NS-Wehrmacht zur Zerschlagung der Rest-Tschechoslowakei in Teschen 1938 wird vollständig ausgeblendet. Diese mésalliance mit dem  Nationalsozialismus soll es nach offiziellen Diskurs nie gegeben hat


  • Der Vertrag zwischen Hitler-Deutschland und Piłsudski-Polen 1934 – für Hitler Deutschland ein diplomatischer Triumph in der internationalen Szene – wird als eine taktische Notwendigkeit kleingeredet. Der anti-jüdische Impetus der Hitler-Regierung war indes seit dem April-Boykott 1933 unübersehbar


  • Die expansionistischen Kriege Polens nach der Neugründung des polnischen Staates ab 1919 zur Schaffung eines großpolnischen-litauischen-weißrussischen Reiches werden als „Staatsgründungskriege“ verniedlicht

 

In den Versöhnungsgremien wie dem Warschauer Deutsch-Polnischen Institut und der Deutsch-Polnischen Stiftung, wo sich das deutsch-polnische Intello-Establishment gegenüber sitzt, pflegt man weiter im großen Einvernehmen den Versöhnungsdiskurs und ignoriert die real bestehenden Spannungen zwischen der Politik und auch den Völkern. Schon zwischen DDR-Bürgern und polnischen Bürgern – obschon in „Bruderstaaten“ organisiert – funkte es nie so richtig. Die DDR-Bürger waren in Polen wegen der Hamsterkäufe ungern gesehen. Und in der DDR hatten antipolnische Vorurteile leider überwintert.


Scheinbar kann Polen ohne Feinde und Feindbilder nicht leben. Es braucht das öffentlich geschürte Gefühl, bedroht zu werden, besonders von Russland und Deutschland. Scheinbar sind auch Gefühle wichtiger als Fakten, denn Polen stände in seiner wirtschaftlichen Entwicklung längst nicht da, wo es heute steht, ohne die großzügigen Infrastrukturinvestitionen, die ihm über die EU bzw. finanziert durch Deutschland gewährt worden sind.

 

Dennoch werden Feindbilder – nicht nur von Putins Russland – kultiviert und gleichzeitig die Mär von Polen – dem Land der Helden und Märtyrer – verkündet. Fast könnte man von einem staatskatholischen Zionismus sprechen, der das zerstrittene Land zusammenhält. Leider!

 


Über den Autor: Markus C. Kerber, geb. 1956, ist Professor für Finanzwissenschaft und Wirtschaftspolitik an der TU Berlin. Gründer des Instituts für Verteidigungstechnologie und Geopolitik, Berlin, und der Edition Europolis. Letzte Buchveröffentlichung: Führung und Verantwortung. Berlin 2023.


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