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Thomas Hartung: DAS NEUE ALTE EINHEITSBRAUN

  • vor 11 Minuten
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Hooton-Plan, „nazisicheres“ Land, jetzt Bärbel Bas’ (SPD) „Einheitsbraun“: Warum die Vergewisserung des Eigenen unter Verdacht steht – und die Vielfalt des Fremden neue Staatsideologie wird.





Es gibt einzelne Sätze, die mehr über den Zustand eines Landes verraten als hundertseitige Koalitionsverträge. Bundesarbeitsministerin und SPD-Chefin Bärbel Bas lieferte jüngst einen solchen Satz: Beim „Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt“ erklärte sie, wer Migration kritisch sehe, sehne sich nach dem „sogenannten Einheitsgrau“ – nein, „sogar ‘Einheitsbraun’“.


Die Formulierung war kein Versprecher. Sie war eine bewusst gesetzte politische Markierung. Migration skeptisch zu betrachten, bedeutet demnach nicht mehr, Sorgen über Kriminalität, Parallelgesellschaften, Wohnungsdruck oder kulturelle Überforderung zu äußern. Es bedeutet, sich rhetorisch in die Nähe des Nationalsozialismus zu begeben. Das angestammte Volk erscheint nicht länger als demokratischer Souverän, sondern als potenzielles Problemkollektiv: verdächtig homogen, kulturell zu stabil, womöglich „braun“.

 

„Historisch grobschlächtig“, ärgert sich Harald Neuber in der OAZ und wies darauf hin, dass Deutschland auch vor 2015 keine ethnisch homogene Gesellschaft war. Auch das Rheinland war nicht erst seit gestern ein Mischraum, erinnert Focus-Chefkorrespondent Ulrich Reitz unter Verweis auf Zuckmayers „Des Teufels General“ zu Recht. „Nicht nur ihre Worte lassen an der Zurechnungsfähigkeit der SPD zweifeln”, empört sich Ferdinand Knauss im Cicero. Es ist „absurd, wenn die SPD-Vorsitzende Migranten per se als Mittel zur Veredelung der deutschen Gesellschaft anpreist“, kommentiert Welt-Chefökonomin Dorothea Siems.


Lupenreine Volksverhetzung


Das Zitat erinnert frappierend an die Äußerung von Wolfgang Schäuble in der ZEIT bereits 2016: wir alle würden „in Inzucht degenerieren" (!), öffneten wir nicht die Grenzen für Millionen junge Männer aus islamischen Stammesgesellschaften. Diese „Äußerung wurde damals – trotz der ansonsten ja restlos tabuisierten ‚biologischen‘ Argumentation in Bezug auf Menschen bzw. Populationen – nicht skandalisiert, sondern galt als Ausdruck weitblickender Weisheit“, so der Verfassungsrechtler Ulrich Vosgerau auf X.


Gerade hierin liegt die eigentliche ideologische Verschiebung unserer Zeit. Nicht mehr gesellschaftliche Auflösung gilt als Gefahr, sondern kulturelle Kontinuität. Vielfalt erscheint als moralischer Wert an sich, Homogenität dagegen als Verdachtsmoment. Der Nichtmigrant wird dadurch paradoxerweise zum eigentlichen Legitimationsproblem der multikulturellen Gesellschaft.

Nius-Chefredakteur Julian Reichelt erkennt „eine lupenreine Volksverhetzung” und sieht das primäre Problem darin, dass Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Bas nicht widerspricht. Da Merz die „Entgleisung“ einfach hinnimmt und ihr mit seinem Schweigen praktisch zustimmt, schlussfolgert Frank Hauke in der Jungen Freiheit, ist sie „damit zur offiziellen Regierungslinie geworden“. „Es könnte daran liegen“, überlegt Max Mannhart auf Apollo News, „dass die konkrete Gegenposition in Deutschland verrückterweise als latent völkisch diskreditiert wird und es der Fehler der sogenannten Bürgerlichen ist, diesen emotionalen Kern der Linken nicht ebenfalls im Kern anzugreifen”.


„Wenn sich die Union über die Aussage von Bärbel Bas zum ‚Einheitsgrau/Einheitsbraun‘ der deutschen Bevölkerung genauso aufregen würde, wie sich die SPD über die ‚Stadtbild‘-Aussage von Merz aufgeregt hat, wäre schon viel gewonnen“, schimpft Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger, immerhin stellvertretender bayrischer Ministerpräsident, in den OVB-Heimatzeitungen. Wir brauchen eine Regierung, die Brücken baut und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den Vordergrund stellt, betont CSU-Landtagsfraktionschef Klaus Holetschek im selben Blatt – und nicht „eine Sprache, die polarisiert und Gräben vertieft, anstatt Menschen miteinander zu verbinden“.


Das verdächtige Eigene


Prompt hat die Linke Ende Mai einen Antrag im Bundestag eingebracht, das „Wahlrecht für Ausländerinnen und Ausländer” einzuführen (Drucksache 21/6102). In der Begründung heißt es tatsächlich, dass der EuGH unter anderem den Begriff „Völker“ nicht als identisch mit Staatsangehörigen der jeweiligen Mitgliedstaaten deute und der Begriff „Volk“ nicht definiert sei und „verschiedene Bedeutungen” haben könne.


Bemerkenswert ist vor allem die moralische Asymmetrie. Migranten gelten im offiziellen Diskurs fast grundsätzlich als Bereicherung, als Ausdruck von Vielfalt, Offenheit und Modernität. Probleme dürfen zwar punktuell benannt werden, aber nur unter größter linguistischer Zurückhaltung. Die Mehrheitsgesellschaft dagegen wird immer häufiger mit kollektivem Misstrauen betrachtet. Wer auf kulturelle Identität pocht, gilt schnell als rückwärtsgewandt; wer nationale Kontinuität verteidigt, gerät unter Generalverdacht. Bas formulierte diese Logik bemerkenswert offen. Migration sei nicht nur wirtschaftlich notwendig, sondern wichtig „für die Vielfalt“.


Mit anderen Worten: Zuwanderung dient nicht bloß dem Arbeitsmarkt, sondern der bewussten kulturellen Transformation des Landes. Vielfalt mutiert damit vom problematischen sozialen Zustand zur ideologischen Zielvorgabe von Regierungspolitik. Die eigentliche Pointe liegt jedoch darin, dass diese Vielfalt keineswegs symmetrisch gedacht wird. Während Migrantenmilieus möglichst sensibel behandelt werden sollen, begegnet man dem eigenen kulturellen Kern zunehmend mit Skepsis. Das Deutsche erscheint verdächtig stabil, zu wenig divers, potenziell problematisch – eben „einheitsbraun“.


Von Hooton über Mounk zu Patzelt


Diese Denkfigur besitzt jedoch eine längere ideologische Vorgeschichte. Bereits der amerikanische Anthropologe Earnest Hooton formulierte während des Zweiten Weltkriegs Überlegungen, Deutschland durch langfristige Vermischung kulturell und biologisch zu „neutralisieren“. Der sogenannte Hooton-Plan gilt heute zwar vielfach als historische Randnotiz, fungiert aber zunehmend als Chiffre für eine politische Grundhaltung: Das Eigene soll nicht bewahrt, sondern aufgelöst werden. Gerade deshalb wirkt die heutige Sprache westlicher Eliten so bemerkenswert. Migration erscheint dort nicht mehr primär als pragmatische Notwendigkeit, sondern als moralisch erwünschtes Transformationsinstrument.


Yascha Mounk formulierte diese Sichtweise im ZDF schon 2018 ungewöhnlich offen. Europa betreibe, so erklärte der Publizist, „ein historisch einzigartiges Experiment“, nämlich die Umwandlung monoethnischer Nationalstaaten in multiethnische Gesellschaften. Bemerkenswert ist dabei weniger die Beschreibung selbst als die normative Selbstverständlichkeit dahinter. Die kulturelle Identität eines Volkes erscheint nicht länger als schützenswertes Gut, sondern als veränderbare Variable politischer Gestaltung.


Der Dresdner Politik-Emeritus Werner Patzelt wiederum sprach im MDR schon während der Pegida-Anfänge von einer „Repräsentationslücke“ zwischen Bevölkerung und politischer Klasse und warnte davor, kulturelle Identität zugunsten eines postnationalen Gesellschaftsmodells systematisch zu relativieren. In einem online heute nicht mehr auffindbaren MDR-Talk beschrieb er – als CDU-Mitglied – die demokratisierte Bundesrepublik als Versuch, Deutschland „nazisicher“ zu machen – also jede Form nationaler Selbstbehauptung unter permanenten historischen Verdacht zu stellen. Genau daraus entsteht jene politische Kultur, in der das Eigene nicht mehr souverän vertreten, sondern reflexhaft relativiert wird.


Damit stehe Bas „in der Traditionslinie der den Deutschen grundsätzlich misstrauenden Post-68-Linken, die schon vor Jahrzehnten verkündeten ‘Lasst mich mit den Deutschen nicht allein’“, meint auch Knauss. Die Deutschen, die im besten Fall kleinbürgerlich und spießig seien, aber stets auch potentiell „braun“, also Nazis, „müssten durch migrantische Vielfalt und Buntheit verdünnt und somit Deutschland halbwegs genießbar gemacht werden”, nimmt er direkt auf Patzelt Bezug, ohne auf ihn zu verweisen. Sie bestätige also, „dass man eine Art Bevölkerungstausch wünscht, weil man Zuwanderer für bessere Menschen als die auch in der Tageschau mittlerweile so genannten ‘Nicht-Migranten’ hält”.


Tradition moralisch belastet


„Das Eigene wird erst moralisch beschmutzt und dann sprachlich abgeräumt”, entsetzt sich Tichys Einblick TE. „Aus Bürgern dieses Landes wird nur noch eine Restkategorie”. Und genau hierin liegt die eigentliche Frage, die der Historiker Sebastian Haffner einst sinngemäß formulierte und die Alexander Heiden auf TE erneut zuspitzte: „Ist der Staat noch willens, das Eigene zu verteidigen?“

Denn auffällig ist ja, dass staatliche Sensibilität fast ausschließlich zugunsten von Minderheitenidentitäten mobilisiert wird. Herkunft, Tradition und kulturelle Kontinuität der Mehrheitsgesellschaft dagegen erscheinen zunehmend erklärungsbedürftig oder moralisch belastet. Das Eigene wird nicht mehr geschützt, sondern pädagogisch dekonstruiert. Vielfalt gilt als Fortschritt – Verwurzelung dagegen als Verdachtsmoment.


Aber auch in der europäischen Linken sei längst politisches Ziel geworden, „was dereinst als rechtsextreme Verschwörungstheorie gebrandmarkt wurde“, meint Björn Harms auf Nius. So hielt erst am 31. Januar 2026 die spanische Politikerin Irene Montero (Podemos) in Zaragoza eine flammende Rede, in der sie die Hoffnung äußerte, dass die Einwanderung dazu beitragen werde, das Land von Faschisten zu befreien. „Ich hoffe, wir können dieses Land mit Migranten, mit arbeitenden Menschen, von Faschisten und Rassisten befreien. Natürlich will ich einen Bevölkerungsaustausch: Austausch der Faschisten, Austausch der Rassisten, Austausch der Opportunisten.“


Der französische Links-Politiker Jean-Luc Mélenchon hielt am 22. Januar in Toulouse eine Ansprache, in der er auf den „Großen Austausch“ Bezug nahm. Es bräuchte Wahlen, bei denen die Vielfalt des gesamten französischen Volkes abgebildet werde, forderte er. Die Listen seiner Partei sollten das „neue Frankreich“ darstellen, eine Generation des „Großen Austausches“.


Die Pädagogisierung des Zusammenlebens


Wie tief diese Denkweise inzwischen auch in Institutionen eingesickert ist, zeigt exemplarisch das fast groteske Regelwerk des Wettbewerbs „Jugend musiziert“. Dort liest man Sätze wie: „Eigene Freiheit hört dort auf, wo die anderer eingeschränkt wird.“ Man solle „Situationen vermeiden, die missverstanden werden könnten“, „angemessene Sprache“ verwenden, keine „anzüglichen oder herabwürdigenden Bemerkungen“ machen und „professionelle Distanz“ wahren.


Das Dokument wirkt auf den ersten Blick harmlos. Tatsächlich bezeugt es eine tiefgreifende kulturelle Veränderung. Gesellschaft wird nicht mehr als natürlich gewachsene Ordnung verstanden, sondern als permanent zu moderierender Sensibilitätsraum. Zwischenmenschliche Begegnungen stehen unter präventivem Verdacht. Jeder Witz, jede Bemerkung, jede spontane Geste könnte potenziell problematisch sein.


Gerade hierin zeigt sich die paradoxe Verbindung zur Migrationsdebatte. Denn dieselbe politische Kultur, die das eigene Volk rhetorisch als „einheitsbraun“ markiert, behandelt jede Form möglicher Irritation gegenüber Minderheitenmilieus mit maximaler Vorsicht. Die Gesellschaft wird dadurch zu einem asymmetrischen Erziehungsraum: Die Mehrheitsgesellschaft soll sich permanent reflektieren, kontrollieren und relativieren; Minderheiten dagegen erscheinen vor allem als schutzbedürftige Objekte moralischer Rücksichtnahme. „Gebannt von der vermeintlichen Urschuld westlicher Gesellschaften ist es unmöglich geworden, das letztgültige Eigentumsrecht dieser Gesellschaften über ihre Staaten zu vertreten”, meint Mannhart.


Der neue Moralstaat


Diese Entwicklung folgt einer tieferen Logik. Der moderne westliche Staat definiert sich zunehmend nicht mehr primär über Recht und Ordnung, sondern über moralische Steuerung. Er möchte nicht nur Gesetze durchsetzen, sondern Haltungen formen. Sprache, Verhalten, Humor, kulturelle Vorlieben – alles wird zum Gegenstand pädagogischer Einhegung.


Gerade deshalb entstehen überall ähnliche Muster: Triggerwarnungen an Universitäten, Sensibilisierungsleitfäden in Behörden, Sprachregelungen in Unternehmen, Diversity-Unterricht in Schulen und inzwischen sogar Verhaltenskataloge für Musikwettbewerbe sowie gemeinsame Festessen. Die Gesellschaft wird therapeutisiert. Der Bürger erscheint dabei nicht mehr als mündiger Erwachsener, sondern als potenzielles Risikoobjekt, das beaufsichtigt und emotional reguliert werden muss.


Besonders bemerkenswert ist jedoch, gegen wen sich diese Pädagogisierung faktisch richtet. Nicht gegen jene Milieus, die Integrationsprobleme, Clanstrukturen oder religiöse Konflikte hervorbringen, sondern gegen die Mehrheitsgesellschaft selbst. Sie soll lernen, sensibler, reflektierter und „diversitätskompetenter“ zu werden.


In Pirna etwa luden jetzt die Grünen und die „Aktion Zivilcourage” als Trotzreaktion auf die Kündigung der Zusammenarbeit beim „Markt der Kulturen” durch den Stadtrat zu dem Event „Pirna is(s)t zusammen!” Aus „Rücksicht auf religiöse Ernährungsgewohnheiten” sind alkoholische Getränke – auch leichte – streng untersagt. Und der „kaum verhohlene Hinweis, auf Schweinefleisch in den gereichten ‘kleinen Häppchen und gut portionierbaren Leckereien’ zu verzichten, kann gut als ein Ausblick in die Zukunft verstanden werden”, lästert die Facebook-Redaktion von Pirna kommentiert.


Die Entwertung kultureller Kontinuität


Historisch betrachtet ist das ein fundamentaler Bruch. Jede stabile Gesellschaft beruhte bisher auf einem kulturellen Kernbestand gemeinsamer Normen, Selbstverständlichkeiten und Traditionen. Genau diese kulturelle Kontinuität wird heute jedoch zunehmend als problematisch betrachtet. Vielfalt gilt als moralischer Wert, Einheit dagegen als Gefahr. „Migration darf die Republik nicht bunter machen. Denn deren Farben stehen fest“, betont Reinhard Müller in der FAZ.


Deshalb ist der Begriff „Einheitsbraun“ so entlarvend. Er erklärt implizit bereits die bloße Vorstellung eines kulturell einigermaßen homogenen Deutschlands zum historischen Verdachtsfall. Nicht extremistisches Verhalten wird kritisiert, sondern kulturelle Selbstbehauptung. Gerade darin liegt die eigentliche ideologische Radikalität der Gegenwart: Das Eigene verliert seine Legitimität, das Beharren darauf darf bereits als Extremismus beargwöhnt werden. Nationale Identität erscheint nur noch dann akzeptabel, wenn sie sich permanent relativiert und dekonstruiert.


Aber selbst Aiwanger stellt auf X fest: „Die gezielte Veränderung einer Bevölkerung ist auch durch internationale Menschenrechte verboten.“ Zur Erinnerung: „Jegliche Praxis oder Politik, die das Ziel oder den Effekt hat, die demographische Zusammensetzung einer Region, in der eine nationale, ethnische, sprachliche oder andere Minderheit oder eine autochthone Bevölkerung ansässig ist, zu ändern, sei es durch Vertreibung, Umsiedlung und/oder durch die Sesshaftmachung von Siedlern oder eine Kombination davon, ist rechtswidrig“, heißt es in der Entschließung der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen vom 17.4.1998. Eine repräsentative INSA-Umfrage für Nius offenbarte vor zwei Jahren, dass 45 Prozent der Deutschen glauben, „dass Europäer nach und nach durch Einwanderer aus Afrika und dem Nahen Osten ersetzt werden“.


Die moralische Umkehrung


Die politische Klasse erzeugt eine eigentümliche Umkehrung: Nicht die Auflösung gesellschaftlicher Kohärenz gilt als Risiko, sondern ihr Fortbestand. Nicht Parallelgesellschaften stehen moralisch im Zentrum der Kritik, sondern die Angst vor ihnen. Der Bürger soll sich nicht über Kontrollverlust sorgen, sondern über seine mangelnde Offenheit.


Die Folgen sind längst sichtbar. Immer größere Teile der Bevölkerung empfinden den offiziellen Diskurs nicht mehr als Beschreibung ihrer Realität, sondern als moralische Belehrung gegen die eigene Wahrnehmung. Wer erlebt, dass Kriminalität, Integrationsprobleme oder kulturelle Konflikte zunehmen, soll dennoch lernen, darin primär „Vielfalt“ zu erkennen.


Ihn stört, so Jan A. Karon auf X, „das Gefühl der Fremdheit und des Verlorenseins angesichts einer demografischen Veränderung, die man sich nie ausgesucht hat und die dennoch Realität geworden ist: die Tatsache, dass der öffentliche Raum in der Wahrnehmung vieler inzwischen zu einem Abbild migrantischer Veränderungen geworden ist, welche die Einheimischen zur Minderheit im eigenen Land macht.”


Und genau deshalb wirken Formulierungen wie jene von Bärbel Bas inzwischen so explosiv. Sie verdichten ein Lebensgefühl vieler Bürger: dass die politische Klasse dem eigenen Volk zunehmend mit Misstrauen begegnet, während sie kulturelle Fragmentierung als Fortschritt feiert. Damit würde sich das Prinzip bestätigen, dass „der ‚Bevölkerungsaustausch‘ keineswegs immer eine ‚rechte Verschwörungstheorie‘ ist, sondern selektiv offenbar nur, wenn man ihn kritisch sieht“, meint Vosgerau. Findet man ihn gut, „darf er ruhig ganz real sein“.


„Die SPD ist zur antideutschen Sekte heruntergekommen“, urteilt Thorsten Hinz der Jungen Freiheit. „Ginge es mit rechten Dingen zu, müsste eine Ministerin, die offen gegen das eigene Volk hetzt, es verachtet, für minderwertig und austauschbedürftig erklärt, mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt werden.“ Sie sei in der Regierung „das Gesicht des Nichtgelingens”, so Cicero-Chef Alexander Marguier. Das scheint allerdings ihre Genossen nicht zu stören, wundert er sich; im Gegenteil: „Sie machen den Eindruck, als wären sie umso stolzer auf ihre Co-Vorsitzende, je öfter diese ihrem politischen Tourette-Syndrom freien Lauf lässt.”


Die neue Definition von Freiheit


Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer. Der moderne Moralstaat verändert schrittweise die Definition von Freiheit selbst. Freiheit bedeutet nicht mehr primär Selbstbestimmung, sondern konfliktfreie Rücksichtnahme. Sie wird permanent an Bedingungen geknüpft: sensible Sprache, richtige Haltung, korrekte Wahrnehmung.


Das Plakat von „Jugend musiziert“ formuliert diese neue Anthropologie fast perfekt: „Eigene Freiheit hört dort auf, wo die anderer eingeschränkt wird.“ Formal klingt das liberal. Praktisch entsteht daraus jedoch eine Kultur permanenter Selbstzensur. Wenn jede Irritation potenziell problematisch ist, wird am Ende jede spontane Normalität verdächtig.


Wie solche Wahrnehmungslenkung beginnt, war jüngst im gebührenfinanzierten SWR-Instagram-Format „Migratöchter“ beim Thema „Sommermaxxing“ zu erleben. „Maxxing“ ist ein Jugendwort, das sich vom englischen Wort „maximize“ („maximieren“) ableitet und im Jugendjargon bedeutet, eine bestimmte Aktivität oder Eigenschaft maximal zu optimieren. 


Es geht also darum, die eigene Sommererfahrung so gehaltvoll wie möglich zu gestalten. „Migratöchter“ behauptet nun, dass beim „Summermaxxing“ im Park „Großfamilien“, „Müll“, „Rauch und Qualm beim Grillen“ und „Shishas“ zu sehen seien. Weiter heißt es in dem Beitrag jedoch: „Was man eigentlich sehen sollte …“ Anschließend werden die Punkte „Teilhabe am öffentlichen Leben“, „Zeit mit der Familie“, „Kinder spielen an der frischen Luft“ und „Ersatz für Balkon & Garten“ genannt.


Die Frage, inwiefern Müll, Rauch und Qualm beim Grillen sowie laute Großfamilien in deutschen Parks mit der „Teilhabe am öffentlichen Leben“ zu tun haben und inwiefern die aufgezählten Punkte zwingend notwendig sind, um „Zeit mit der Familie“ zu verbringen, lässt „Migratöchter“ in dem Beitrag unbeantwortet, moniert Joelle Rautenberg auf Nius.


Bürger emotional nacherzogen


Das ist keine Berichterstattung mehr, sondern „betreutes Wahrnehmen“, kritisiert der medienpolitische AfD-Fraktionssprecher Baden-Württembergs, Dennis Klecker MdL. „Der Bürger soll offenbar nicht mehr selbst beurteilen dürfen, was seine Lebensqualität beeinträchtigt. Stattdessen liefern gebührenfinanzierte Redaktionen gleich die moralisch korrekte Interpretation mit. … Der öffentlich-rechtliche Rundfunk darf aber keine Mentalitätsagentur sein, die Bürger auf Regierungslinie emotional nacherzieht.“


Vielleicht liegt genau hierin die eigentliche Krise westlicher Gesellschaften: Nicht dass sie Vielfalt organisieren wollen, sondern dass sie kulturelle Stabilität nur noch unter Verdacht kennen. Das Eigene erscheint ihnen zunehmend peinlich, gefährlich oder moralisch belastet. Migranten symbolisieren dagegen Zukunft, Offenheit und moralische Erneuerung – einerlei wie rückständig, kulturinsulär und fremdtraditional sie auch immer sein mögen.


Der „Nichtmigrant” hingegen wird langsam zum eigentlichen Integrationsproblem der Republik. Die Causa erinnert damit fatal an den Sarkasmus Bertolt Brechts im Gedicht „Die Lösung” nach dem 17. Juni 1953: „Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“



Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025


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