Katharina Krüger-Magiera: DAS MATRIARCHAT DER UNFRUCHTBAREN JUNGFRAUEN

Macht bedeutet in der spätmodernen Mediokratie wesentlich die Definitions- und Begriffshoheit darüber, Fiktionen als Realitäten deklarieren und Realitäten als „Verschwörungstheorien“ unschädlich machen zu können. Warum, fragt unsere Autorin, sollte man das Definieren, näherhin also begriffliche Eingrenzung, ausgerechnet Denjenigen überlassen, die abseits des Definitorischen routinemäßig gegen Beschränkungen mobilmachen?



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Das „Gift“


Was treibt den Prinzen an, unbedingt sein Aschenputtel finden zu wollen? Den Stiefschwestern wurden schließlich Zehen und Fersen abgehackt, um in Aschenputtels goldenen Pantoffel zu passen. Zeugt dieses verzweifelte Gefallenwollen nicht von großer Aufopferung und Liebe? Warum lässt sich der Prinz nicht betrügen? So viel schöner und außergewöhnlicher als seine Stiefschwestern kann das Aschenputtel doch nicht sein? Ist der Prinz vielleicht unzurechnungsfähig oder leidet unter Wahnvorstellungen?


Ähnlich ratlos müssen sich Wissenschaftler von der Universität Bonn gefühlt haben, als sie im Jahr 2012 herausfanden, dass die Verabreichung von Testosteron dazu führte, dass männliche Probanden deutlich seltener logen als Personen, die nur ein Placebo erhielten. Mit anderen Worten: Männlichkeit bedeutet Ehrlichkeit und Integrität.


Der weltweit größte Psychologenverband und Befürworter der sogenannten „Weißen Folter“, die American Psychological Association, gelangte nun Anfang des Jahres zu der Überzeugung, dass es sich bei Männlichkeit um eine Vergiftungserscheinung handele, die es zu bekämpfen gelte:

Wenn der Prinz die verstümmelten Stiefschwestern nicht freiwillig liebt, dann muss er eben entgiftet, entmannt, werden.



Das „Gegengift“ oder gut ist wie gelb


Von dem Philosophen George Edward Moore (1873-1958) erfahren wir, dass 'gut' eine nicht-natürliche Eigenschaft und undefinierbar sei wie 'gelb' und in „persönlichen Neigungen und ästhetischen Freuden alle großen und bei weitem die größten Güter [liegen], die wir uns vorstellen können...“ (Alasdair MacIntyre: Der Verlust der Tugend – Zur moralischen Krise der Gegenwart, Suhrkamp). Ganz wichtig bei der „Entgiftung“ von Ehrlichkeit und Integrität ist es, Begriffe zu zerstören. Wer gar nicht weiß, was 'gut' bedeutet, der kann alles gut finden oder wenigstens dazu gebracht werden, zu glauben, es gäbe gar nichts Gutes. Dann spielt die Frage, ob jemand ein echtes Aschenputtel ist oder eine Fälschung, überhaupt keine Rolle mehr.


Ein männlicher Prinz hätte die Weigerung Moores, 'gut' zu definieren, wahrscheinlich als feige bezeichnet, denn diese Haltung hätte kaum den ganzen Aufwand gerechtfertigt, den er sich zu unternehmen gezwungen sah, um das wahre Aschenputtel ausfindig zu machen. Der „entgiftete“ Prinz hingegen, für den das Wort „gut“ so undefinierbar ist wie „gelb“, hat das Ziel Aschenputtel nicht nur aufgegeben, sondern gar nicht erst als solches erkannt, er ist zum gefügigen Untertanen mutiert, den das „Autorenkollektiv“ Tiqqun schon 1999 mit dem ausdrücklich manipulativen Bild des „Jungen-Mädchens“ belegte:


„In Wirklichkeit ist das Junge-Mädchen nur der Modell-Bürger, wie die Warengesellschaft ihn seit dem Ersten Weltkrieg als explizite Antwort auf die revolutionäre Bedrohung neu definiert hat.“

(Tiqqun: Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens, Merve Verlag).




Tugend oder Tyrannei


Dadurch, dass Tiqqun das Bild des „Jungen-Mädchens“ strapaziert oder einem Publikum völlig schamlos eine Inszenierung wie „Greta Thunberg“ als „junges Mädchen“ präsentiert wird, zerstört der Begriff die Erkenntnisfähigkeit, denn „Junges-Mädchen-Sein“ ist eine flüchtige Phase der Entwicklung, voller Übermut, großer Neugier und Wirksamkeit und kein dauerhafter Zustand willkürlich manipulierbarer, ohnmächtiger Angst. Aschenputtel ist trotz seiner misslichen Lage voller Liebe und Tatendrang und lässt sich nicht von seiner bösen Stiefmutter und deren Töchtern in Angst und Panik versetzen. Seine gewissenhafte Tätigkeit und Bescheidenheit erlösen es schließlich sogar von seinem Elend. Die Illusion namens „Greta Thunberg“ ist das Gegenteil:


„Doch um was trauern diese fünfzehnjährigen Witwen? Sie trauern um die Große Liebe. Das Junge-Mädchen braucht die Große Liebe nicht erlebt zu haben, um auf der Trauer über sie sein seelisches Gleichgewicht aufzubauen und um aus ihr all diese Verbitterung zu beziehen [...]“

(Tiqqun, ebd.)



In der Gestalt von „Greta Thunberg“ enthüllt das angebliche „Junge-Mädchen“ sein wahres Gesicht: das Gesicht der bösen Stiefmutter und ihrer verstümmelten Töchter. Die passive Gier nach Spektakel, das Konsumieren von Arbeit Anderer und die Lust an der Apokalypse als zur Schau gestellte Buße sind kennzeichnend für ein „Zeitalter der Alten-Jungfer“, wobei „Alte-Jungfer“ nicht für unverheiratete, kinderlose Frauen steht – „Alte-Jungfer“ muss als „Lebensstil“ verstanden werden. Ein Lebensstil so passiv, dass er nicht einmal zur Lüge fähig ist, denn das Lügen setzt ja bekanntlich das Bewusstsein für die Falschheit der eigenen Aussage voraus. Doch die Alte-Jungfer glaubt tatsächlich, sie sei warmherzig und selbstlos und wolle die Welt retten. Durch ihre Überzeugung tugendhaft zu sein, ohne dabei tugendhaft zu handeln, erreicht sie aber, dass alle Mittel und jeder Preis zur Erlangung dieser Tugendhaftigkeit legitim sind. So ebnet das gefälschte Aschenputtel doch wieder nur den Weg in eine Tyrannei, in der Nötigung als Liebe verstanden wird.



Das Matriarchat der unfruchtbaren Jungfrauen


Der US-amerikanische Geschichtsprofessor Robert Paxton definiert Faschismus als „eine Form des politischen Verhaltens, das gekennzeichnet ist durch eine obsessive Beschäftigung mit Niedergang, Demütigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch kompensatorische Kulte der Einheit, Stärke und Reinheit, wobei eine massenbasierte Partei von entschlossenen nationalistischen Aktivisten in unbequemer, aber effektiver Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten demokratische Freiheiten aufgibt und mittels einer als erlösend verklärten Gewalt und ohne ethische oder gesetzliche Beschränkungen Ziele der inneren Säuberung und äußeren Expansion verfolgt.“


Stellt man dem Wörtchen „nationalistischen“ das Präfix "inter-" voran und ersetzt „massenbasierte“ durch „Masse suggerierende“, eröffnet sich plötzlich freie Sicht auf den eigentlichen Kern, der sich unter dem kuscheligen, hochmoralischen und überaus „guten“ Mäntelchen des Weltrettungsfanatismus der Alten-Jungfer verbirgt. Die Weltrettung der Alten Jungfer ist in Wirklichkeit eine brutale Erlösungsfantasie, die nicht mehr individuell und außerweltlich erwartet wird, sondern der Alten-Jungfer als Heiliges Opfer in ihrem ganz persönlichen Leben ermöglicht werden muss, als Anerkennung dafür, dass sie im Kampf gegen Hirngespinste gefallen, an der Realität gescheitert und durch ihren selbst erwählten Opferstatus vollkommen belanglos ist.


Will Aschenputtels goldener Pantoffel nicht passen, müssen eben Fersen und Zehen ab oder anders ausgedrückt: Wer den Lebensstil „Alte-Jungfer“ nicht aus Einsicht in dessen Alternativlosigkeit „mit offenen Armen“ begrüßt, verwirkt seine Existenz als Mitglied der Gemeinschaft und wird unverhohlen als Feind eingestuft und behandelt. Gepaart mit dem Hass auf Männlichkeit und der Ausgrenzung souverän handelnder, produktiver und in der Realität wirksamer Menschen, ergibt sich ein postmoderner, poststaatlicher und hysterischer Faschismus, der das globale Matriarchat der unfruchtbaren Jungfrauen, das Vegetieren in totaler materieller und gedanklicher Abhängigkeit, frenetisch als Rebellion des Aussterbens feiert.



Passend oder angepasst


Wer „gut“ definiert und bestimmen kann, wer sich dieser Definition zu unterwerfen hat, verfügt über die Macht, Fiktionen als Realitäten zu deklarieren und Realitäten als „Verschwörungstheorien“ abzutun. Wie Konfuzius schon sagte, beginnt alles mit der Richtigstellung der Begriffe. Warum sollte man das Definieren, das Eingrenzen, immer Denjenigen überlassen, die Grenzen ablehnen oder bewusst das Gegenteil von dem, was ist, als Erkenntnis anpreisen wollen? Tugend (Tüchtigkeit, Vorzüglichkeit) heißt auf Lateinisch „virtus“ und bedeutet „besondere Leistungen/Eigenschaften eines Mannes“.


Die Fähigkeit, Gutes zu erkennen, erfordert Vertrauen in dessen tatsächliche Existenz. Mit dem Sieg der Alten Jungfer über die Tugend Männlichkeit ist aber eben jene Gewissheit verloren gegangen, dass 'gut' nicht bedeutet, Schlechtes so brutal mit der Axt zu bearbeiten, bis es in Aschenputtels goldenen Pantoffel passt und damit Realität so umfassend abzustreiten, bis die Lüge wahr wird. Die Verleumdung von Männlichkeit bringt Weiblichkeit weder dazu, sich zu entfalten, noch „an die Macht“, sondern lässt sie verschwinden. Ohne den Prinzen kein Aschenputtel.


Was wäre, wenn 'gut' eben doch nicht 'gelb' und nicht 'nicht-natürlich' wäre? Wenn 'gut' ganz leicht zu erkennen wäre, weil Gutes passt und nicht durch Zwang der Herrschenden beliebig angepasst werden kann, auch wenn diese schon, wie die böse Stiefmutter, die Messer wetzen?





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Über die Autorin:


Anfang Mai ist Katharina Magieras Roman „Freiheit für Persephone - Eine Tragödie oder literarisches Gelbwesten-Manifest“ über den Widerstand gegen die Herrschaft einer alternativlosen, männermordenden Matriarchin im Arnshaugk Verlag erschienen. Katharina Magiera war Preisträgerin internationaler Violinwettbewerbe, studierte an der Indiana University (Bloomington), erwarb das Konzertexamen an der Hochschule der Künste von Amsterdam, war u.a. für die Barenboim-Said Foundation als Dozentin tätig und lebt momentan mit ihrer Familie in Portugal.




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