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Konrad Adam: EIN LEBENSWERK WIRD BESICHTIGT

Auf die erst recht frisch kolportierte und doch bereits revidierte und relativierte VS-Beobachtung der größten Oppositionspartei im Bundestag wirft der kürzlich ausgetretene AfD-Gründer Konrad Adam ein mitunter anekdotisch gehaltenes Essay-Schlaglicht, das wir als Auftakt und Angebot zur lebhaften Debatte verstanden und gelesen wissen wollen.


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Glück haben die Deutschen in ihrer tausendjährigen Geschichte nur selten gehabt. Wenn sie die Welt mit einer kühnen Tat überraschen oder einer ausgefallenen Idee bereichern wollten, hat es nie lang gedauert, bis der Spuk vorüber war. Der letzte Kaiser, der seinen Deutschen einen Platz an der Sonne erobern wollte, gibt ein Beispiel dafür, Karl Marx ein anderes, das schönste allerdings der Führer Adolf Hitler, für alle Zeiten hoffentlich. Die Deutschen haben daraus gelernt und sich nach ihrer letzten Niederlage ein Grundgesetz verordnet, das mit dem Gedanken der wehrhaften Demokratie ernst macht. Jeder Bürger bekam das Recht auf Widerstand zugesprochen, und um die Verfassung gegen ihre Feinde zu verteidigen, errichteten die Deutschen einen Inlands-Geheimdient, dem sie den Namen Verfassungsschutz gaben.


Wie alle Geheimdienste arbeitet der Verfassungsschutz mit ungewöhnlichen Mitteln. Neulich hat er die AfD zum Verdachtsfall erklärt - nicht eigentlich erklärt, sondern von Mundwerkern erklären lassen. Natürlich gab es dafür Gründe, die AfD hat einiges getan, um sich nicht nur verdächtig, sondern auch unbeliebt zu machen. Da ich sie kenne, ziemlich gut sogar, würde ich sie allerdings eher kopflos als gefährlich nennen. Was mir verdächtig vorkommt, ist nicht die Partei, sondern der Umstand, dass der Geheimdienst einem Verdachtsfall mit Mitteln nachspürt, die ihn selbst verdächtig machen. Er schlingert: Was er nicht bekanntmachen durfte, das sticht er durch; wo er stillhalten sollte, spannt er die Medien ein, gewisse Medien jedenfalls; und er gibt vor, auf etwas zu verzichten, was er gar nicht darf. Auf solchen Mitteln wird die Verfassung nicht gebrochen; sie wird bloß unterlaufen, umgangen, beiseitegeschoben. Was man nur dann auf die leichte Schulter nehmen wird, wenn man von Recht und Ordnung, law and order, genauswenig hält wie Angela Merkel.


Unter normaleren Verhältnissen wäre das die Stunde der Opposition. Aber in Deutschland gibt es keine Normalität, soll es keine geben. Was danach aussieht, wird geächtet und verpönt; Normalität zu verhindern, war und ist das erklärte Ziel der intellektuellen Modemacher, die allesamt von derselben Stange kaufen. Was in Deutschland den Ton angibt, ist eine pluralistische Variante des Einparteienstaates, eine Melange aus Ost und West, ähnlich gewirkt wie die Kanzlerin selbst, Frau Merkel. Und leider auch so mächtig wie sie. Die AfD hat unter dieser übergroßen Koalition schwer gelitten, leidet auch heute noch. Sie hat es ihr aber auch leicht gemacht, viel zu leicht, indem sie sich freiwillig in eine Ecke begab, in die sie ihre Gegner drängen wollten. Auch darauf kann man stolz sein, manche sind es sogar; aber das ist ein falscher Stolz.


Inzwischen scheint die große Zeit der AfD vorbei zu sein; was weitere Erfolge auf Landes- und Bundesebene keineswegs ausschließt. Nur mit dem Charme des Aufbruchs ist es ein für alle Mal vorbei. Die Parteien haben sich selbstständig gemacht und kommen, getrieben vom Hunger nach Macht und Geld, auch ohne Begeisterung voran. Das knappe Ergebnis, mit dem die AfD im Herbst des Jahres 2013 den Einzug in den Bundestag verpasste, war für sie Glück und Unglück zugleich: Glück, weil es zeigte, dass die Partei den Nerv der Zeit getroffen hatte. Und Unglück, weil der überraschende Erfolg die Geschäftstüchtigen elektrisierte, Leute wie Hinz und Kunz, die von der Politik nicht mehr erwarten als ein gutes Einkommen. In der Erwartung, auf dem Rücken der AfD schneller als in jeder anderen Partei ans Ziel zu kommen, sind sie in Scharen der AfD beigetreten. Und haben ihren Charakter gründlich verdorben.


Bernd Lucke, dem die Partei so viel zu verdanken hat, war danach nur noch Vorsitzender auf Abruf. Gauland, wie immer im Hintergrund agierend, machte es wie die Triumvirn: erst schoss er Lucke ab, dann Frauke Petry, um nach Abschluss der großen Säuberung die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Als alter Parteimann wusste er, welche Reichtümer - Ämter, Sinekuren und Mandate - er zu verteilen hatte, und er verteilte sie großzügig. Schutz gegen Gehorsam, der alte Handel, das war auch sein Modell. Er wolle gewählt werden, „egal von wem“, sagte er, und verbündete sich, ganz konsequent, mit jedem, der ihm seine Stimme versprach, „egal mit wem“. Dass er dabei Leute hochkommen ließ, die die Partei immer weiter ins rechte Aus drängten, ließ er geschehen. Vielleicht merkte er es gar nicht, und wenn, dann jedenfalls zu spät.


Bürgerlich wird man das nur so lange nennen können, wie man das Bürgertum als Klasse definiert, die ihre Klasseninteressen genauso rigoros vertritt wie jede andere Klasse auch. Gauland sieht sich als Bürger, doch seine Bürgerlichkeit hat etwas Aufgesetztes, Angelerntes und Angelesenes. Im Alltag erlaubt sie ihm vieles; wenn es ums Überleben geht, fast alles. Seine Idole sind Burke und Talleyrand, das Bild des letzteren hängt über seinem Schreibtisch im Fraktionsbüro. Wenn man ihn fragt, wie sich der generöse Engländer mit dem zynischen Franzosen verträgt, lacht er und zuckt die Achseln. Er weiß, wie schlecht sie zueinander passen, leiht aber von beiden, von Burke den hohen Ton, von Talleyrand die schlechten Manieren, mit denen er den Laden, wie er sagt, zusammenhält. Burke hätte die Leute, mit denen Gauland sich umgibt, keine zehn Meter an sich herankommen lassen, Talleyrand hätte sie wohl benutzt, dann aber irgendwo verschwinden lassen. Doch Gauland braucht sie, sie sind die Basis, die ihm zujubelt, wenn er das Dritte Reich zum Vogelschiss erklärt.


Bürgerlich erscheinen Gauland und seine Entourage nur dann, wenn man die Harzburger Front für bürgerlich halten will, Männer wie Papen, Hugenberg oder Franz Seldte. Sie glaubten, sich Hitler engagieren, ihn einrahmen zu können, hatten aber vergessen, dass man lange Löffel braucht, wenn man sich mit dem Teufel zu Tisch setzt. Ihre Löffel waren jedenfalls zu kurz, und Gaulands sind es auch, denn das Dompteurs-Kunststück, den gärigen Haufen zusammenzuhalten, will und will ihm nicht gelingen. Der Flügel schlägt und flattert, Kalbitz rumort unten, Höcke weiter oben, die Brandners, die Hampels oder die Störchin stehen vorn auf der Bühne und verdecken den Blick auf die anderen, die etwas zu sagen hätten, aber nicht haben, weil sie von Gauland nicht vorgelassen werden.


Soviel zum Stichwort bürgerlich. Und konservativ? Auch darauf macht Gauland ja Anspruch. In einem sorgfältig komponierten Vortrag vor ausgesuchtem Publikum hat er versucht, den hohen Anspruch zu begründen. Er nannte Heidegger, berief sich auf Friedrich Georg Jünger, zitierte aus dem berühmten Vortrag, den Ludwig Klages am Vorabend des Ersten Weltkriegs unter dem Titel „Mensch und Erde“ auf dem Hohen Meissner gehalten hatte. Und dann? Dann holte er gegen die Grünen aus, die sich zu Unrecht auf ein Erbe beriefen, mit dem sie nichts anzufangen wüssten. Wohl wahr; Gauland weiß das aber auch nicht. Natur ist ihm ein Buch mit sieben Siegeln, Naturschutz ein Werbeetikett, das er irgendwo aufklebt, weil es zu nichts verpflichtet. Zu nichts Konkretem jedenfalls, denn wenn er seine konservativen Bekenntnisse ernst nehmen würde, könnte es für ihn noch schwieriger werden, den Laden beisammenzuhalten.


Gauland liebt das große Wort, solange es nicht viel bedeutet. Er macht es wie sein Freund Höcke, der „Sein oder Nichtsein“ brüllt, wenn er ein Wahllokal betritt. Der englische Parlamentarismus hat ihn beeindruckt, geprägt hat er ihn aber nicht. Im Bierkeller schlägt das Deutsche, das Kalbitz-Deutsche, das Lederhose trägt und schlecht riecht, auch bei Gauland durch. Er betont seine englishness, die für ihn aber weniger Stil- als Modesache ist, eine Frage von ties (Windhund-Motiv), design (Glencheck-Muster) und Automarken (Mini oder Jaguar, mal zu klein und mal zu groß, aber jedenfalls englisch). Gauland glaubt an seine historische Mission, sieht sich als Werkzeug der Geschichte, denkt in großen Bildern, die er dann aber instinktiv ins Kleine, Kleinliche, Kleinkarierte übersetzt.


Jetzt, da die Verfassung vom Verfassungsschutz ausgehebelt wird, wäre eine wählbare Alternative dringlicher denn je. Aber die gibt es nicht, nicht mehr; die ist von Gauland erledigt worden. „Lauft, wohin ihr wollt“, ruft er seinen Leuten zu, „aber haltet zusammen!“ Das haben sie getan - und sind nun da gelandet, wo sie der Verfassungsschutz am liebsten sieht, am rechten Rand. Gauland nennt das sein Lebenswerk, hat damit, recht verstanden, ja auch Recht. Zufriedengeben sollten wir uns damit aber nicht. Deutschland braucht eine Alternative, eine wählbare Alternative. Sie muss nicht neugeschaffen, bloß wiederbelebt werden. Vielleicht gelingt das ja auch noch, ich würde sie wählen.



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