Marc Pommerening: BOTSCHAFTEN AUS DEM INNEREN DES WALS
Lieber Herr R***,
als kultivierter Mensch meiden Sie selbstverständlich das Theater. Komme ich, als gelernter Theaterregisseur, auf das Thema, erträgt der Herausgeber von TUMULT meinen Redeschwall wie einen Regenguss. Ich bitte also um Nachsicht, wenn ich ein, zudem vergessenes Theaterstück zum Ausgangspunkt einiger Überlegungen mache:
Über den biblischen Propheten Jona, Ur-Bild aller Wal-Insassen, schrieb der ostdeutsche Dramatiker Peter Hacks ein Stück, mit dem er hoffte, der vom Stagnieren ins Straucheln taumelnden DDR einen grell reflektierenden Spiegel vorzuhalten. Klassizistisch gebaut und in Blankversen schildert „Jona“ eine durch Stagnation verursachte Staatskrise; erschien 1989 als Buch, erreichte aber die Bühnen nicht mehr. 2009 inszenierte ich die Uraufführung – in Wuppertal, wo das „Trauerspiel“ als schrullige Ost-Antiquität missverstanden wurde und ohne Wirkung blieb.
Per Wal schickt Gott Jona ins dekadent gewordene Ninive um dessen etwaige Vernichtung zu prüfen. Im fünften Akt äußert der durch nicht zielführende Intrigen nervlich beanspruchte, aber immer noch wohlmeinende Prophet:
„Diese Stadt Ninive
will nichts, nur bleiben – vergehe sie denn!“
Dichter können prophezeien. Und wenn der Dichter Hacks dem Propheten Jona ein ganzes Drama widmet, dann hat es alle Zeit der Welt, um auf Geschichte zu warten.
„Jona“ ist eine Prophezeiung, die sich vor unseren Augen erfüllt – denn „nichts, nur bleiben“ will Friedrich Merz, wie seine jüngste Rede im Bundestag eindrücklich belegt. Bemerkenswert finde ich den von Merz der AfD untergeschobenen und eigenartig gestrigen Begriff der „Ethnischen Säuberung“, der an das Massaker von Srebrenica denken lässt, bei dem bosnische Moslems von serbischen Nationalisten umgebracht wurden. Abseits der absurden Behauptung, die größte Oppositionspartei plane einen Massenmord an Muslimen – darauf läuft der Vorwurf des bedrängten Kanzlers ja hinaus –, wurzelt der Begriff, wie Merz selber in den Neunziger Jahren.
Und so greift der Kanzler zurück in die Zeit, als er sich noch auskannte. Als der russische Präsident ein hilfloser Säufer war, der amerikanische ein selbstbewusster Neoliberaler und er selbst ein aufstrebender Jungpolitiker. Dass Merz überhaupt gewählt wurde, ist wie bei Martin Schulz Ausdruck einer parteiübergreifenden Sehnsucht nach der alten Bundesrepublik und ihren verlässlich-biederen Volksvertretern. Aber Nostalgie ist ein Laster. Und die Dekadenz beginnt mit dem Versuch, einen vergehenden Augenblick zum Verweilen zu nötigen.
Wenn Deutschlands „Decline and Fall“ zum Thema eines wahrscheinlich chinesischen Edward Gibbon wird, könnte er Scholz und Merz nebeneinander stellen und sich an einen berühmten abendländischen Roman erinnern: da steht ein vergleichsweise rationaler, stets „schlumpfig“ grinsender Sancho Pansa neben einem hoch aufgeschossenen Don Quichotte, der ritterliche Ideale durch neoliberales Wunschdenken ersetzt hat.
Seine Wähler erhofften sich zupackende Effizienz, doch zu ihrem Verdruss erweist der Kanzler sich als sauerländischer Gemütsmensch, der öffentlich weint und zornblind wird, wenn man ihn provoziert.
Angela Merkel, Merzens Frage in Gestalt, gab sich gern den Anschein wohlmeinender Volkstümlichkeit, agierte aber kalt bis ans Herz. Dass es ihr durch den AfD-Wahlerfolg blute, behauptete sie unlängst und sah „den Fortschritt der Aufklärung“ in Gefahr, weil sich die „Summe der Menschen“, anders offenbar als 2015, nicht mehr „auf Fakten“ einigen könne.
Der intriganten Königin von Ninive, Semiramis, unterstellt Jona übrigens
„Staats-
Schlaubergerei: dies selbstverliebte Lügen,
Dies immer eins tun und das andre auch
Und keines folglich ganz, dies nicht den ärmsten
Gewinn ausschlagen und am Ende jeden
Verpassen: So entsteht der Ekel und
Der Niedergang. Das aber büße jetzt.“
Heitere Grüße aus dem Inneren des Wals, Hacks lesen und nicht verzweifeln!
Ihr MP
Über den Autor: Marc Pommerening (*1970) arbeitet als Autor und Regisseur. Herausgeber von Rexroths Der Wermutstrauch und Verfasser der Mikroaggressionen (beide Edition Finsterberg).
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