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Marc Pommerening: BOTSCHAFTEN AUS DEM INNEREN DES WALS

8. Sept.
2 Min. Lesezeit

Lieber Herr R***,

 

wenn ich Ihnen in den kommenden Wochen Botschaften per Flaschenpost zukommen lasse, dann geschieht das in größtmöglicher Heimlichkeit. Wie der Wal den Jona so hat mich Berlin verschluckt und ahnt nichts von meiner Existenz. Da ich mich ruhig verhalte, im Inneren des Wals, wird er mich vielleicht nicht ausspeien. Ich muss aber meine Schritte vorsichtig setzen, um das sensible Ungeheuer nicht zu provozieren, schließlich bin ich sein Untermieter und teile mit meinem Wal mancherlei Unarten. Übrigens ist er weniger bösartig als von Westdeutschen angenommen, sein unlösbares Hauptproblem ist die schiere Menge an ungenutzter geistiger Substanz, die seine Fahrt verlangsamt.

 

Allerdings hat die jüngste Wahl den Wal verwundet: Schlafraubende Konvulsionen schütteln das Tier. Es prustet Empörungsfontänen, aber sie wirken wie Pflichtübungen. Schließlich hat man in den letzten Jahren alles gegeben, gegen Hass und Hetze performt, gelesen und getrommelt, Haltung gezeigt und mit seinen Kindern Schilder gebastelt auf denen „Demokrat in der Ausbildung“ stand, seine Mutter zur Oma gegen Rechts gemacht und auf Familienfeiern dem betrunkenen Onkel Paroli gegeben; die Wissenschaft, der Klerus beider Konfessionen und alle Kulturschaffenden waren einer Meinung. Das Wir-Gefühl wärmte wie Wal-Talg.

 

Gewiss, lieber Herr R***, würzen auch Sie Ihr Mahl mit dem Salz linker Tränen und ja, die schockierte Ratlosigkeit weckt eine unziemliche Schadenfreude. Ein linker Freund (ich habe welche) bemerkte in der Wahlnacht, jetzt müsse eben der für solche Krisenfälle vorbereitete Plan greifen, der einen rationaleren Umgang mit der „Schwefelpartei“ ermögliche. Ob das nicht Appeasement wäre, da es sich bei den Wahlsiegern um Nazis handle, feixte ein zweiter, nicht mehr ganz so linker Freund und benannte das zentrale Problem.

 

Ist Ihnen der YouTube-Journalist Tilo Jung ein Begriff? Ob er wisse, dass im Freistaat Anhalt mit Alfred Freyberg 1932 erstmals ein NS-Ministerpräsident an die Macht gekommen sei, fragte er den Wahlsieger Ulrich Siegmund.

 

Schlichte Gegenfrage: was soll das? Geht es um Provokationslust, will er AfD und NSDAP durch eine schiefe historische Analogie verschrauben? Treibt ihn sein Berufsethos als antifaschistischer Aktivist, der zwecks Legitimation Nazis braucht?

 

Ginge es bloß um linken Zynismus, wäre mir wohler. Ich hege aber den begründbaren Verdacht, dass sich wieder einmal verdrängte metaphysische Bedürfnisse durch historische Kostümierung tarnen und in den politischen Diskurs mogeln. Der Nationalsozialismus dient der Sinnstiftung. Antifaschismus ist Leitbegriff und Lebenshypothese. Man glaubt an „die Geschichte“, die Zusammenhänge „zeigt“ und als wohlmeinende Pädagogin Lehren bereithält, etwa, dass man mit Faschisten nicht diskutiere, denn die „hören niemals auf Faschisten zu sein“, so eine Liedzeile von „Danger Dan“, die ein Blick z.B. auf die italienische Nachkriegsgeschichte als hochtrabenden Bullshit entlarvt. Inzwischen hat man säkulare Heilige, Otto Wels, den der pfäffisch gewordene Hape Kerkeling anruft oder Hannah Arendt, der man gern ein erfundenes Zitat über Empathie unterschiebt, das aus einer woken Frauenzeitschrift stammen könnte.

 

Die linken Aktivisten richten am Polarstern Nationalsozialismus ihren Kurs aus und segeln in die Gegenrichtung. Dass sie dabei Schiffbruch erleiden, belegt der AfD-Triumph in Sachsen-Anhalt.

 

Mit herzlichen Grüßen aus dem Inneren des Wals

 

Ihr MP

 

Über den Autor: Marc Pommerening (*1970) arbeitet als Autor und Regisseur. Herausgeber von Rexroths Der Wermutstrauch und Verfasser der Mikroaggressionen (beide Edition Finsterberg).



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