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Marc Pommerening: BOTSCHAFTEN AUS DEM INNEREN DES WALS

vor 5 Minuten
3 Min. Lesezeit

Lieber Herr R***,

 

das Böse ist monoton wie die rhythmisierten Parolen zur Befreiung Palästinas, die am Oranienplatz in Kreuzberg skandiert wurden, um die Morde vom 7.10. am 7.10. zu feiern.

Verständlich, dass die wenigen Gegendemonstranten sich aus Sicherheitsgründen maskierten; wenn die Demo-Teilnehmer es auch taten, dann wohl weil sie getarnt enthemmter hassen und Israel noch inniger verfluchen konnten.

 

Zwecks Erholung und weil Nekrophilie bekanntlich „Liebe zur Zukunft“ ist, besuchte ich tags darauf einen der Friedhöfe Berlins. Früher hätte man von einer „Oase“ gesprochen, doch das Arabische hat seine metaphernstiftende Unschuld verloren, nicht einmal der Verfassungsschutz würde Schnellroda etwa als „Mekka“ der neuen Rechten bezeichnen.

 

Die hiesigen Friedhöfe sind Orte der Ruhe und Sicherheit, denn auf diesen Inseln des Todes bleiben die Einheimischen noch unter sich und sind sicher. Man labt sich am wilhelminischen Pomp mancher Grabdenkmäler und wundert sich über den hemmungslosen Kitsch, zu dem das frühe 21. Jahrhundert neigt.  Christliches zeigt sich nur mehr verschämt; Urnen, Kränze und Säulen, Zeugnisse deutscher Gräkomanie, sind ganz verschwunden; man macht sich klein, wird emotional und zwischenmenschlich.

 

Einerseits berühren mich die kurz nach Kriegsende angelegten Massengräber, ist etwa der verschollene Felix Hartlaub einer der Verscharrten in Friedrichshain? Andererseits huldige ich gern den großen Toten. Ihre Grablegung hier beglaubigt mein Anrecht auf diese Stadt.

 

Denn eine Nation ist Ausdruck der Solidarität von Lebenden und Toten. Wir gleichzeitig hier lebenden Stadtbewohner haben die Straßen, Plätze und Häuser Berlins nicht errichtet, sondern von den Toten geerbt. Werden sie nicht enteignet, wenn man einen Platz, den seine Erbauer nach Blücher, dem Sieger von Waterloo benannten, der gewiss ehrenwerten Widerstandskämpferin Eva Mamlok zuschreibt, weil man es kann? Und hat diese Machtdemonstration nicht dadurch Symbolkraft, dass sie ein bloßer Etikettenschwindel ist, der die Substanz der Stadt besudeln, aber nicht beschädigen kann?

 

Das Herz des geistigen Berlins ist der Dorotheenstädtische Friedhof. Dass Dichter hier neben Schauspielern liegen, belegt den einstigen Stellenwert der Theaterstadt Berlin. Gewiss, hier ruhen Linke, aber es sind Linke, die ihr Land mit lässiger Selbstverständlichkeit liebten. Brecht sorgte sich, dass „ein gutes Deutschland blühe“, Kulturminister Becher, im Nachbargrab, widmete Deutschland dutzende von Gedichten und eine Anthologie mit Barocklyrik, die er „Tränen des Vaterlands“ nannte, weil sie den Dreißigjährigen Krieg als deutsches Ur-Trauma heraufbeschwor. Dass ihm Deutschland ein „einig Vaterland“ war, davon zeugt sein Text für die DDR-Nationalhymne.

 

Manche Dichtergräber ziert eine Büste, so das Grab von Karl Mickel, der Verskunde an der Ernst Busch-Schule unterrichtete und in den Neunzigern mein Lehrer war. Peter Hacks schrieb dem Todkranken 2002 „Ich wünsche Ihnen das Optimum.“ Und unterzeichnete „Immerwährend“.

 

Hacks liegt nicht hier, denn er wollte mit Heiner Müller nicht denselben Friedhof teilen. Müllers rostbraune Stele übernimmt von Brecht die Schlichtheit, aber er umarmt die Vergänglichkeit, der Brecht sich per Metallsarg zu entziehen suchte. Kaum leserlich ist Müllers Name. Stets, wenn ich hier bin, muss ich sein Grab eigens suchen. Heute denke ich an Gysi, dem Müller ein Berlin-Gedicht gewidmet hat, das HERZ DER FINSTERNIS NACH JOSEPH CONRAD heißt.

 

Kennt Gregor Gysi wie Heiner Müller Carl Schmitt? Vielleicht ist ihm „Benito Cereno“ begegnet, jener spanische Kapitän aus der Novelle Herman Melvilles, der für Schmitt ein häufiger Bezugspunkt war. Wie die Sklaven Cerenos Schiff, so haben die Migranten Gysis Partei übernommen. Und wie Cereno vor dem amerikanischen Kapitän Delano, der sich zu einem Höflichkeitsbesuch an Bord befindet, so muss Gysi vor einer irritierten Öffentlichkeit die Lage schönen. Ihm als Juden wird Antisemitismus vorgeworfen, er als Jude muss Antisemiten als Tarnung dienen, ähnlich wie Zack Polanski, der den britischen „Greens“ zum Alibi gereicht.

 

Ein „Mensch & Kommunist“ namens Kerem Schamberger glaubt, „in Berlin wird gerade ziemlich unterschätzt, wie Palästina-solidarisch (...) die Linke an ihrer Basis mittlerweile geworden ist.“ Das befürchte ich auch.

 

Gysis Mutter Erna war übrigens die Jugendliebe von Felix Hartlaub, dessen HERZ DER FINSTERNIS das Führerhauptquartier war. Als er noch im April 1945 eingezogen wurde, bot sie an ihn zu verstecken. „Er lehnte ab, wobei er noch den Humor besaß, sich mit ihr für einen Tag nach Kriegsende in einem Berliner Café zu verabreden. Er kam nicht wieder“, so Gysi. „Dieser Steine Male bleiben“, behauptet Benn in „Berlin“, auch eine Hymne, die bei Heiner Müllers Beerdigung rezitiert wurde. 

 

Demoliert, aber noch da zu sein, ist der Stolz Berlins und der Berliner. We shall overcome. 

 

MP

 

Über den Autor: Marc Pommerening (*1970) arbeitet als Autor und Regisseur. Herausgeber von Rexroths Der Wermutstrauch und Verfasser der Mikroaggressionen (beide Edition Finsterberg).





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