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Marc Pommerening: BOTSCHAFTEN AUS DEM INNEREN DES WALS

vor 3 Minuten
3 Min. Lesezeit

Lieber Herr R***,

 

als ich vom Flohmarkt kommend meinen Heimweg durch den innerstädtischen Weinbergspark nehmen wollte, stockte ein Passant, der mir vorausging. Keine Gefahr ließ ihn halten, sondern ein Wunder: Denn mit vorbildlicher Dünkelhaftigkeit stolzierte ein silbergrauer Kranich an uns vorbei, seinen Kopf rhythmisch wiegend, wie der stolze Höfling eines hierarchisch organisierten Vogelstaats.

 

Der Beobachter, ein Ostasiate, lächelte mich einvernehmlich an – nicht höflich, sondern beglückt. Das plötzliche Erlebnis der Schönheit verband uns.

 

In den Sinn kam mir eine Zeile von Grünbein: „Ehe Christus zum Paradiesvogel wird in Byzanz“; in meinem Rucksack lagen nämlich gerade erworbene „Byzantinische Geschichtsschreiber“, bei denen geht es um den Kampf gegen Barbaren aus allen Himmelsrichtungen, die es abgesehen haben auf die Stadt.

 

Byzanz, die trotzige Fortführerin Roms, ist uns Heutigen ein ferner Spiegel. Dank hastig hochgezogener Mauern überlebte Ostrom den spätantiken Multikulturalismus und verfügte mit dem Griechischen Feuer über einen technologischen Vorteil. Ein Barbarenbüro lud Stammeshäuptlinge zur Tour d' Horizon, die in der Hagia Sophia begann und im Rotlichtviertel der Millionenstadt endete.

 

Eigenartig der tausendjährige Breitwandbarock dieser Herrschaftsgeschichten, der vor einem zeitlos wirkenden Goldgrund zu wogen scheint. Wenige Herrscher sterben im Bett, Blendungen und Verstümmelungen gehören zum Berufsrisiko. Michael Psellos, der „byzantinische Voltaire“, gratuliert einem besonders glücklosen Kaiser „zum Verlust deiner Augen. Jetzt kannst Du das himmlische Licht noch heller strahlen sehen.“


Der überspannteste jener Geschichtsschreiber ist Niketas Chroniates, Leser von Umberto Eco kennen ihn aus „Baudolino“. Gewürzt und gehoben durch Homer oder Bibelzitate gibt Niketas Hofklatsch aus einer Zeit des Niedergangs. Barbaren aus dem Westen, venezianische Kreuzzügler sind es, die 1204 die Stadt brandschatzen: „O weltberühmte, überweltlich schöne erhabene Stadt! Nährmutter der Kirche, Weiserin der rechten Lehre, Pflegerin der Wissenschaft, Heimstatt des Schönen! Welch frevelhafte, neidische, unversöhnliche Dämonen treiben mit dir ihr grausam-hohnvolles Spiel?“

 

Niketas' „Buch von den Bildsäulen“ katalogisiert die vernichteten Kunstwerke. Ich lese es in der U2, als ein liturgisch wiederholter, dabei unverständlich bleibender Aufschrei mich unterbricht. Ein nahöstlich wirkender Bettler kriecht auf Knien durch den Mittelgang des Waggons und schlägt dabei auf seine Brust und den Boden.

 

In der ausgestellten Demutspose liegt fordernde Anmaßung, er nimmt den Gang zwischen den Sitzen als Bühne und verschafft sich mit lauter Stimme Gehör. Anders als einheimische Bettler, die ihre Notlage im Gestus der Authentizität darstellen, Nähe herstellen wollen durch Nennung ihres Vornamens, bedient der bettelnde Migrant sich vorgeprägter Formen, die uns fremd bleiben, wie das Ritual eines Stammes in Papua-Neuguinea.

 

Die Fahrgäste reagieren mit jener Indifferenz, die im Berliner Nahverkehr zu den unabdingbaren Kulturtechniken gehört. Da Schweigen seine Performance um ihre Wirkung brachte, wechselt der Bettler die Tonlage, beschimpft und verflucht uns, droht mit der Faust, spukt auf den Boden und geht ab, da die kraftmeiernde Stärke seine Erfolglosigkeit nicht kaschierte.

 

Natürlich könnte ich kultursensible Betrachtungen anstellen über die Rolle des Bettlers in der islamischen Welt, ich empfand aber, im Gestus kultureller Selbstbehauptung, die übergriffige Performance als barbarisch, zumal im Vergleich mit der höflichen Diskretion jenes ostasiatischen Vogelfreunds.

 

Ein berühmtes Gedicht des reinkarnierten Byzantiners Konstantinos Kavafis heißt „Die Barbaren erwartend“. Seinen spätantiken Repräsentanten ähnlich standen die Bundesbürger in jenem fatalen Herbst an den Bahnhöfen ihrer Städte und hofften, die sehnlich Erwarteten seien „eine Art Lösung“.


Herzlich

Ihr

MP


 

Über den Autor: Marc Pommerening (*1970) arbeitet als Autor und Regisseur. Herausgeber von Rexroths Der Wermutstrauch und Verfasser der Mikroaggressionen (beide Edition Finsterberg).





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