Marius R. Winter: BEMERKUNGEN ZU SPRACHE UND ZENSUR

„Sprache verändert sich“: Diesen Satz hört man immer wieder, aber wie so viele andere Stand­punkte, die in unseren Tagen mit Inbrunst vorgetragen werden, ist er schlicht falsch. Spra­che ändert sich nie von selbst; es sind vielmehr Menschen, die Sprache verändern. Dieser Prozess voll­zieht sich in der Tat unablässig, und zwar meistens unbewusst und ungesteuert; allerdings gibt es bei uns immer mehr Interessengruppen, die sich – oft staatlich gefördert und daher zu­nehmend aggressiv – aufgrund irgendwelcher Moralvorstellungen für tiefgrei­fen­de Um­ge­stal­tungen der deutschen Sprache einsetzen, deren Ergebnis bei konsequenter Durch­füh­rung ver­heerend wäre, weil sie der Sprache jede Lebendigkeit und alle Tiefe rauben wür­den.


In erster Linie meine ich hiermit natürlich die „gender“-Bewegung – und mit dieser Bezeich­nung fangen die Probleme schon an. Denn schon wer dieses Wort benutzt, macht sich zum Kom­plizen dieses obskuren Bundes mit seinen an extremen Einzelfällen ausgerichteten Ideen, die immer mehr Jugendliche erst in tiefe Verwirrung stürzen und dann in die Arztpraxen trei­ben. Allein die Tatsache, dass die mit höchsten amtlichen und akademischen Weihen verse­he­ne gender-„Wissenschaft“, die mittlerweile bundesweit deutlich mehr Professorenstellen be­setzt als die Altphilologie, anscheinend nicht einmal daran denkt, sich eine deutsche Be­­zeich­­nung für ihr eigenes Fach einfallen zu lassen, offenbart ihr ganzes geistiges Elend. Hier ein kleiner Denkanstoß: Könnte es sein, dass die lieben US-Amerikaner jenes Wörtchen ein­fach nur deswegen zum Leitgedanken einer ganzen Generation erhoben haben, weil sie ob ih­rer allseits bekannten Prüderie das zuvor übliche Wort für Geschlecht, nämlich „sex“, nicht so oft in den Mund nehmen wollten? Wie auch immer, mein Vorschlag zur Benennung dessen, was im Zeichen dieser verquasten Ideologie an deutschen Universitäten betrieben wird, lautet jedenfalls: Geschlech­terIs­mus.


Aber wozu die Mühe? Der Deutsche von heute ist es ohnehin gewohnt, unablässig mit über­­flüs­sigen, gerne auch völlig verfehlten Anglizismen bombardiert zu werden. Man erinnere sich nur an das umjubelte „public viewing“, das bei uns für „Fußballglotzen im Rudel“ her­hal­ten musste, während es in Wahrheit „öffentliche Leichenschau“ bedeutet. Aber das ist ledig­lich ein harmloses Beispiel; viel gefährlicher ist ein Ausdruck wie „cancel culture“, der mühelos seinen Weg in die deutsche Presse (und Politik) gefunden hat. Die Infamie dieses Begriffs liegt darin, dass er zwar das Wort „Kultur“ beinhaltet, dabei aber nichts anderes bezeichnet als eine Zensur, die sich nicht nur auf die Gegenwart, sondern noch auf die gesamte Menschheitsge­schich­te erstrecken will. Der Begriff selber ist also ein Oxymoron, man könnte auch sagen: eine bewusste Mimikry, die Kultur vortäuschen will, wo nur intellektuelle Ödnis herrscht. Eine korrekte deutsche Übertragung von „cancel culture“ darf also in keinem Fall den Bestandteil „Kultur“ übernehmen, wenn sie sich nicht zum Komplizen einer großangelegten Geschichts­fäl­schung stalinistischen Ausmaßes machen will; stattdessen sollte sie die enormen Gefahren, die von dieser Bewegung ausgehen, deutlich anklingen lassen. Wie wäre es mit „ethi­sche Säu­berung“?


Auch die Corona-Pandemie hat auf sprachlichem Gebiet Betrübliches geleistet. Nicht nur, dass sich jetzt so ziemlich jeder Schreiberling mit scheinbar noblen, faktisch aber hohlen Voka­beln wie „Vakzin“ oder „vulnerabel“ schmückt; auch das „home office“ hat einen berau­schen­den Siegeszug angetreten – klingt ja auch viel besser als „Wegfall des Unterschieds zwi­schen Arbeit und Freizeit“.

Das mit Abstand schlimmste Wort jedoch ist „lockdown“. Ich weiß nicht, wer diesen Begriff in die Welt gesetzt hat; sicher ist nur, dass die betreffende Person nicht wusste, was sie tat. Seit Beginn der Pandemie musste „lockdown“ für alle möglichen Maßnahmen herhalten, da­bei bedeutet er nur eines: Ausgangssperre. Die wurde aber, wie wir wissen, erst über ein Jahr nach dem ersten Ausbruch verhängt, „lockdown“ war also im deutschen Sprachgebrauch durch­weg de­plat­ziert. Sieht man genauer hin, wird es noch interessanter: Laut meinem Webs­ter’s College Dictionary von 2001 bezeichnet der Audruck nämlich „the confining of pri­so­ners to their cells, as following a riot or other disturbance” (das Einsperren von Häftlingen in ihre Zel­len, zum Beispiel nach ei­nem Aufruhr oder anderen Vorfällen). Vielleicht wurde der Be­griff al­so doch mit Bedacht ge­wählt? Im­mer­hin entsprach es doch ganz der Staats­phi­lo­so­phie der gu­ten alten DDR, das ei­gene Volk als eine Ansammlung potentiell aufrührerischer Ge­fäng­nis­in­sassen betrachten.


Das Drama um den „lockdown“ ist leider kein rein sprachliches, sondern eines mit massiven wirtschaftlichen Konsequenzen. Der einzige korrekte Begriff für das, was sich seit Beginn der Krise in Deutschland abgespielt hat, lautet „Zwangs­schließungen“, vielleicht noch ergänzt durch den Zusatz „willkürliche“. Denn dass die komplette Stilllegung der Gastronomie und des Kul­tur­le­bens bei gleich­zeitiger uneingeschränkter Aufrechterhaltung des öffentlichen Nah­ver­kehrs und der Gottesdienste eine sinnvolle Form der Pandemiebekämpfung darstellte, darf be­­zwei­felt werden. Zum Glück finden unsere Medien wie stets die rechten Formulierungen und sparen nicht mit Beileidsbekundungen für die zahlreichen Betriebe, die „wegen Coro­na“ ihre Arbeit einstellen mussten. Was natürlich auch wieder falsch ist, denn den Betrieben sind ja weder Angestellte noch Kunden in Scharen weggestorben. Sie mussten nicht wegen Co­rona, sondern wegen der von der höchsten politischen Führung beschlossenen Maßnah­men ge­gen Corona schließen.


Überhaupt, die Pandemie: Auch dies ein Lehrstück in Sachen Zensur. In unseren Medien darf problemlos von einer indischen, britischen oder brasilianischen Variante des Virus ge­spro­chen wer­den, aber niemand traut sich mehr, das Herkunftsland zu benennen, geschweige denn von einem „chinesischen Virus“ zu reden. Der Grund für diese Ungleichbehandlung ist allein der lange Arm Pe­kings. China hat sogar den Carlsen-Verlag dazu gezwungen, einen Satz in dem Kinderbuch „Ein Corona-Regenbogen für Anna und Moritz“ zu streichen, in dem es hieß, dass das Virus aus China stamme. Offiziell kann man dieses Einknicken vor den reichen Kommunisten damit verbrämen, dass erstens der Ausdruck „chinesisches Virus“ zum Rassen­hass aufwiegele und zweitens die Herkunft des Virus nicht endgültig geklärt sei. Wenn man der ersten Argumentationslinie folgt, dann verabschiedet man sich von jeglicher rationalen Politik und macht sich zum Spielball von lautstarken, gewalttätigen Interessengruppen, und zum zweiten Argument sei nur gesagt, dass es erstens keinen einzigen belastbaren Hinweis auf einen Ursprung außerhalb Chinas gibt und dass zweitens die Partei alle Hebel in Bewegung setzt, um eine Aufklärung der Geschehnisse zu verhindern.


Gefahr droht uns Deutschen und unserer Sprache von Geschlechts-Ideologen und ihren militanten Anhängern ebenso wie aus dem Roten Reich – und beide haben gemeinsam, dass man sich keinesfalls auf Kompromisse mit ihnen einlassen darf, denn das verstehen sie ledig­lich als Zeichen der Schwäche und als ein Signal, dass sie noch weiterreichende Forderungen stellen dürfen.




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MARIUS R. WINTER, geb. 1970, lebt seit einigen Jahren als Übersetzer in Taiwan und war früher auch in China tätig.







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