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Michael Wiesberg: NVIDIAS REKORDE – UND WARUM TROTZDEM EINE KI-BLASE DROHT

vor 24 Minuten
5 Min. Lesezeit

Wer vor einer möglichen KI-Blase warnt, muss sich seit Ende August mit einem gewichtigen Gegenargument auseinandersetzen: Nvidia. Der US-Chipkonzern hat Zahlen vorgelegt, die selbst hohe Erwartungen übertreffen. Nvidia meldete für das Ende Juli abgeschlossene Quartal einen Umsatz von 96,2 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Unter dem Strich verdiente der Konzern 59,7 Milliarden Dollar, der operative Gewinn lag bei rund 62 Milliarden Dollar. Und das Wachstum soll weitergehen: Für das laufende Quartal rechnet Nvidia bereits mit rund 108 Milliarden Dollar Umsatz. Dabei sind mögliche Einnahmen aus dem Verkauf von Rechenzentrums-Chips nach China noch gar nicht berücksichtigt.


Das sind keine Zahlen eines Unternehmens, dessen Wertentwicklung an der Börse nur von Hoffnung lebt. Hinter dem KI-Boom steht eine reale Nachfrage, die die heutige Situation von der Dotcom-Euphorie um die Jahrtausendwende unterscheidet: Auf dem Höhepunkt der damaligen Blase war nur rund jedes siebte Technologieunternehmen profitabel, während Nvidia allein im laufenden Geschäftsjahr operative Margen von deutlich über 50 Prozent erwirtschaftet. Erledigt ist die Debatte über eine KI-Blase damit trotzdem nicht: Nvidias Rekorde machen nur deutlicher, wo das eigentliche Risiko liegt, nämlich nicht bei der Frage, ob Nvidia seine KI-Beschleuniger und Rechenzentrumssysteme verkaufen kann, sondern ob Nvidias Kunden mit den Abermilliarden für Chips, Rechenzentren und Energieinfrastruktur langfristig eine angemessene Rendite erzielen können.






Eine Revolution kann eine Blase erzeugen


Der Begriff „KI-Blase“ führt leicht in die Irre: Eine mögliche Blasenbildung stellt weder die technologische Bedeutung noch das wirtschaftliche Potenzial künstlicher Intelligenz grundsätzlich infrage. Die Fehleinschätzung der Dotcom-Ära war, den wirtschaftlichen Erfolg des Internets zu schnell und bei zu vielen Unternehmen vorwegzunehmen.


Bei KI kommt heute ein strategischer Zwang hinzu. Die großen Cloud-Konzerne können kaum mehrere Jahre abwarten, um zu beobachten, ob sich die Investitionen ihrer Konkurrenten rechnen. Wer heute zu wenig Rechenleistung aufbaut, riskiert, bei einer möglicherweise entscheidenden Technologie zurückzufallen. Für jedes einzelne Unternehmen kann es daher rational sein, aggressiv zu investieren; für die Branche insgesamt kann genau dieses Verhalten Überkapazitäten erzeugen.


Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) hat dieses Problem in ihrem Jahresbericht 2026 ausdrücklich thematisiert. Die fünf größten US-Großanbieter von Cloud-Diensten (sog. Hyperscaler) – Amazon, Google/Alphabet, Meta, Microsoft und Oracle – dürften demnach in den Jahren 2025 und 2026 zusammen mehr als eine Billion Dollar in KI-bezogene Infrastruktur investieren. Ein im Juli veröffentlichtes, separates Modell eines BIS-Forschers (Working Paper Nr. 1367) kommt selbst bei vorsichtigen Annahmen zu dem Ergebnis, dass die Unternehmen etwa „das 1,5-Fache“ mehr in KI investieren könnten, als wirtschaftlich sinnvoll wäre. Das ist zwar nur ein Modellresultat und keine offizielle BIS-Position, dennoch aber ein bemerkenswertes Warnsignal.


Die Billionenfrage


Für Nvidia entsteht Umsatz, sobald ein Hyperscaler spezialisierte Rechenchips (GPUs) bestellt; für den Käufer beginnt die wirtschaftliche Rechnung damit erst. Er muss über Jahre genügend zusätzliche Erlöse aus KI-Diensten und Automatisierung erzielen, damit sich die Investitionen rentieren; ob dies branchenweit gelingt, ist eine offene Frage.


Die Größenordnung wächst weiter. Nvidia zufolge dürften die Investitionen der fünf größten Hyperscaler von knapp 800 Milliarden Dollar 2026 auf rund 1,3 Billionen Dollar im Jahr 2027 steigen. Der US-Konzern selbst erwartet für sein Geschäftsjahr 2028 rund 70 Prozent Umsatzwachstum und bezeichnet diesen Ausblick als „angebotsbeschränkt“. Gemeint ist damit, dass die eigentliche Nachfrage sogar noch höher ausfällt. Nvidia könnte also mehr verkaufen, wenn es mehr produzieren könnte. Fertigungskapazitäten, Lieferketten (etwa bei Speicherchips) und Verfügbarkeit setzen die Grenze, nicht mangelndes Kundeninteresse. Amazon Web Services (AWS) kündigte an, zusätzlich zwei Millionen Nvidia-GPUs bereitzustellen, beginnend im laufenden Quartal und verteilt bis zum zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2029.


Bei der Finanzierung warnten sowohl die BIS in ihrem Jahresbericht 2026 als auch die EZB vor einer zunehmenden Abhängigkeit KI-bezogener Unternehmen und Infrastruktur von Fremdkapital. Die EZB verweist darauf, dass KI-bezogene Investitionen und Infrastruktur zunehmend über Kreditmärkte finanziert werden, während die BIS auf Anleiheemissionen, Zweckgesellschaften und Nichtbanken als zusätzliche Finanzierungsquellen hinweist.


Schulden sind für hochprofitable Konzerne wie Microsoft, Alphabet oder Amazon noch kein Krisensignal. Problematisch würde ein Kreislauf, in dem immer mehr Fremdkapital immer mehr Rechenzentren finanziert und die Erwartung steigender KI-Umsätze noch größere Investitionen rechtfertigt. Fallen die späteren Renditen niedriger aus als erwartet, kann aus einem Investitionsboom ein abrupter Investitionsstopp werden.


Nicht eine, sondern mehrere KI-Blasen


Deshalb ist es sinnvoller, nicht von „der“ KI-Blase zu sprechen. Bei Nvidia und den großen Hyperscalern stehen hohen Bewertungen enorme reale Umsätze und Cashflows gegenüber. Anders sieht es bei hoch bewerteten privaten KI-Unternehmen und Softwareanbietern ohne dauerhaften Wettbewerbsvorteil aus, deren Bewertungen stärker auf unerfüllten Erwartungen beruhen.


Kurzfristig schwächen Nvidias Zahlen die klassische Blasenthese: Wer behauptet, der KI-Boom bestehe hauptsächlich aus heißer Luft, muss erklären, wie Nvidia in drei Monaten 89 Milliarden Dollar Data-Center-Umsatz erzielen konnte. Mittelfristig erhöhen dieselben Zahlen jedoch das Risiko einer Übertreibung: Je mehr Kapital in spezialisierte, schuldenfinanzierte Infrastruktur fließt, desto größer werden die Folgen, falls Produktivitäts- und Umsatzgewinne hinter den Prognosen zurückbleiben. Wir haben es damit womöglich weniger mit einer KI-Nachfrageblase als vielmehr mit einer sich entwickelnden KI-Investitionsblase zu tun.


Die Bewährungsprobe kommt später


Dass KI in einzelnen Tätigkeiten erhebliche Effizienzgewinne ermöglicht, ist gut belegt. Der gesamtwirtschaftliche Beweis, dass diese Fortschritte die Billioneninvestitionen rechtfertigen, steht indes noch aus. Neue Basistechnologien benötigen häufig Jahre, bis Unternehmen ihre Prozesse und Geschäftsmodelle angepasst haben. Diese Lücke zwischen Investition und Ertrag ist häufig der Nährboden für Überhitzungen.


Treffender als der Dotcom-Vergleich ist deshalb vielleicht der Blick auf die Entwicklungsgeschichte der Eisenbahn: Im 19. Jahrhundert traf der Ausbau der Schienennetze auf einen realen und rasch wachsenden Bedarf. Dennoch führte die Euphorie zeitweise zu Überinvestitionen und Bewertungen, die sich wirtschaftlich nicht rechtfertigen ließen. Die Infrastruktur blieb, viele Investoren verloren dennoch Geld. Genau das ist auch bei KI denkbar: Die Gefahr ist nicht, dass sich künstliche Intelligenz als Illusion erweist, sondern dass die Revolution einen Investitionswettlauf auslöst, der schneller wächst als die Erträge, die ihn finanzieren müssen.


Das ist auch der Unterschied zur Dotcom-Blase. Damals lautete das Versprechen vieler Unternehmen sinngemäß: Irgendwann werden wir mit dem Internet Geld verdienen. Heute lautet es bei den großen KI-Konzernen eher: Wir verdienen bereits enorme Summen, investieren aber noch viel größere Beträge, weil wir davon ausgehen, dass der Markt künftig noch sehr viel größer sein wird. Die Situation heute ist also robuster als im Jahr 2000, risikolos ist sie trotzdem nicht.


Nvidias Rekordquartal präzisiert die KI-Blasen-These. Die Frage lautet nicht, ob reale Nachfrage nach künstlicher Intelligenz existiert, sondern ob sie inzwischen so viel Kapital anzieht, dass aus einem fundamental begründeten Boom eine Überinvestition wird. Gerade weil die KI-Revolution real ist, kann ihre wirtschaftliche Dynamik in Übertreibung umschlagen.


Über den Autor: Michael Wiesberg, Jahrgang 1959, arbeitet als freier Journalist und als Lektor. Von ihm ist in der EDITION TUMULT folgendes Buch in Vorbereitung: „Macht durch Maschinen. Der globale KI-Wettlauf zwischen den USA, China und Europa“.


(Das Symbolbild wurde mit Hilfe von ChatGPT erstellt.)





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