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Michael Wiesberg: WARUM ANTHROPIC ZUM PRÜFSTEIN EINER GANZEN INDUSTRIE WIRD

vor 3 Minuten
5 Min. Lesezeit

Als Nvidia Anfang Oktober erneut ein Rekordquartal präsentierte, rückte bereits im letzten Blog eine Frage in den Mittelpunkt, die seither weiter an Brisanz gewonnen hat: Erleben wir den Beginn einer nachhaltigen technologischen Revolution oder entsteht im Sog der künstlichen Intelligenz eine neue Spekulationsblase? Die technologischen Fortschritte sind unbestreitbar. Doch selbst eine bahnbrechende Basistechnologie wie Künstliche Intelligenz kann Erwartungen wecken, die weit über ihre absehbare wirtschaftliche Ertragskraft hinausreichen. Wo solche Erwartungen immer größere Kapitalströme mobilisieren, droht aus berechtigtem Optimismus eine gefährliche Dynamik der Überinvestition zu werden.


Hierzu liefert die Branche gerade neues Anschauungsmaterial. Anthropic bereitet einen der größten Börsengänge der Geschichte vor. Gleichzeitig zeigen die jüngsten Zahlen von Amazon und Intel, wie stark das KI-Geschäft wächst und wie teuer dieses Wachstum geworden ist.





Anthropic: Der Börsengang als Lackmustest

 

Am 26. Oktober legte Anthropic, Entwickler des Sprachmodells Claude, sein Börsenprospekt vor. Das 2021 von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründete Unternehmen hat die Notierung an der US-Technologiebörse Nasdaq unter dem Börsenkürzel ANT beantragt. Der Ausgabepreis steht noch nicht fest. In Investorenkreisen wurde zunächst eine Bewertung von rund zwei Billionen Dollar diskutiert; zuletzt rückten etwa 1,5 Billionen Dollar in den Vordergrund. Schon diese Spanne illustriert die Unsicherheit darüber, welchen Preis die Kapitalmärkte für zukünftige KI-Gewinne zu zahlen bereit sind.


Anthropics Wachstum ist beeindruckend. Innerhalb kurzer Zeit hat das Unternehmen seinen Umsatz vervielfacht. Allein im ersten Halbjahr 2026 nahm es etwa 16 Milliarden Dollar ein. Treiber ist die steigende Nachfrage nach KI-Anwendungen, insbesondere bei Unternehmen.


Allerdings erfordern Entwicklung und Betrieb leistungsfähiger KI-Systeme enorme Investitionen in Rechenleistung und Infrastruktur. Zwar wachsen die Einnahmen inzwischen deutlich schneller als die entsprechenden Kosten, doch das operative Geschäft schreibt weiterhin Verluste.


Der ausgewiesene Nettoverlust von rund 81 Milliarden Dollar vermittelt allerdings ein verzerrtes Bild der operativen Geschäftsentwicklung: Rund 72 Milliarden Dollar entfielen auf nicht zahlungswirksame Neubewertungen von Finanzierungsinstrumenten. Diese Buchverluste entstanden, folgt man dem Börsenprospekt, vor allem durch die gestiegene Unternehmensbewertung und führten nicht zu einem entsprechenden Geldabfluss. Die entscheidende Frage bleibt deshalb, ob Anthropic sein rasantes Wachstum langfristig in nachhaltige Gewinne verwandeln kann.


Damit wird der Börsengang zu einem veritablen Test für folgende Frage: Wie viel sind Anleger bereit, für exponentielles Wachstum zu bezahlen, wenn die langfristige Ertragskraft noch nicht feststeht? Der erste Handelstag allein wird diese Frage nicht beantworten. Erst die kommenden Quartale werden zeigen, ob sich aus rasch steigenden Erlösen verlässliche Gewinne entwickeln.


Vom Forschungslabor zur Infrastrukturindustrie

 

Die tiefere Bedeutung des Anthropic-Börsengangs liegt jedoch nicht in seiner möglichen Rekordbewertung. Er markiert einen Strukturwandel. Die Entwicklung leistungsfähiger KI ist längst keine Angelegenheit kleiner Forscherteams mit guten Ideen mehr. Sie verlangt riesige Rechenzentren, spezialisierte Chips, Strom, Kühlung und langfristige Lieferverträge. Anthropic hat sich langfristig zu gewaltigen Ausgaben für Rechenleistung und Infrastruktur verpflichtet. Im Börsenprospekt ausgewiesene Vertrags- und Leasingposten summieren sich auf knapp 590 Milliarden Dollar. Medienberichten zufolge könnten die geplanten Ausgaben einschließlich weiterer Vereinbarungen sogar bis zu 750 Milliarden Dollar erreichen. Allerdings handelt es sich dabei um unterschiedliche Arten von Verpflichtungen, von denen nicht alle bereits verbindlich sind. Selbst aber dann, wenn nicht alle Beträge sofort fällig werden, zeigen sie die industrielle Dimension des Vorhabens.


Der Zugang zu Kapital wird damit selbst zum Wettbewerbsvorteil. Ein erfolgreicher Börsengang könnte Anthropic unabhängiger von einzelnen privaten Geldgebern machen und den Ausbau seiner Infrastruktur beschleunigen. Zugleich erhöht er den Druck auf OpenAI und andere Modellentwickler, ihre eigenen Bewertungen und Finanzierungsmodelle zu rechtfertigen.


Enttäuscht die Nachfrage nach Anthropic-Aktien hingegen, könnten die Folgen weit über das Unternehmen hinausreichen. Eine kritischere Bewertung der wirtschaftlichen Perspektiven künstlicher Intelligenz würde die Finanzierung weiterer KI-Projekte erschweren, den Ausbau kostspieliger Rechenzentren bremsen und den Druck erhöhen, endlich nachhaltige Gewinne nachzuweisen. Besonders kleinere KI-Entwickler könnten darunter leiden, während finanzstarke Technologiekonzerne ihre Marktstellung weiter ausbauen dürften. Ein schwacher Börsengang wäre damit nicht zwangsläufig ein Zeichen für das Scheitern der KI-Revolution, wohl aber ein mögliches Signal dafür, dass die Kapitalmärkte nicht mehr bereit sind, nahezu unbegrenzte Investitionen allein mit der Hoffnung auf künftige Gewinne zu finanzieren.


Amazon: Starkes Cloudgeschäft, gewaltige Rechnung


Wie eng Wachstum und Rentabilität beim KI-Boom zusammenhängen, zeigen die Amazon-Zahlen vom 29. Oktober 2026. Die Cloudtochter Amazon Web Services (AWS) steigerte ihren Quartalsumsatz um 39 Prozent auf 46 Milliarden Dollar und erzielte einen operativen Gewinn von 17,8 Milliarden Dollar. Auch der Gesamtkonzern erreichte mit 28,1 Milliarden Dollar einen hohen operativen Gewinn und mit 13,9 Prozent die bislang höchste operative Gewinnmarge.


Doch der Ausbau der KI-Infrastruktur verschlingt enorme Summen. Für 2026 plant Amazon Investitionen von rund 220 Milliarden Dollar. In den vergangenen zwölf Monaten überstiegen die Investitionsausgaben den verfügbaren Geldzufluss um 42,4 Milliarden Dollar. Amazon verdient also viel Geld, investiert derzeit aber noch mehr. Entscheidend wird sein, ob die wachsende Nachfrage nach KI-Diensten diese Ausgaben langfristig rechtfertigt.


Intel: Der Boom erreicht die traditionelle Chipindustrie

 

Auch der Halbleiterhersteller Intel meldete am 29. Oktober starke Zahlen aus dem Rechenzentrumsgeschäft. Die Sparte Data Center and AI steigerte ihren Umsatz um 78 Prozent auf 7,3 Milliarden Dollar, der Konzernumsatz wuchs um 21 Prozent auf 16,5 Milliarden Dollar. Dennoch enttäuschte der Ausblick: Für das vierte Quartal erwartet Intel nur 15 bis 16 Milliarden Dollar Umsatz, Analysten hatten mit rund 17,1 Milliarden gerechnet, weshalb die Aktie nachbörslich um mehr als 20 Prozent einbrach. Während Serverprozessoren stark gefragt sind, bleibt der PC-Markt schwach: Das Client-Geschäft, sprich jener Geschäftsbereich eines Unternehmens, der Produkte und Dienstleistungen für Endgeräte wie PCs, Laptops und Desktop-Computer anbietet, ging um 5 Prozent zurück, und der Finanzchef rechnet mit einer Schwäche mindestens bis zur ersten Jahreshälfte 2027. Die KI-Nachfrage zieht also nicht, so lässt sich folgern, automatisch sämtliche Bereiche der Halbleiterindustrie mit.


Amazon und Intel illustrieren gemeinsam einen wichtigen Unterschied. Der Boom erzeugt tatsächliche Umsätze, aber seine Vorteile verteilen sich ungleich. Cloudanbieter können mit Rechenleistung bereits hohe operative Gewinne erzielen. Chiphersteller profitieren von Investitionen ihrer Kunden, sind jedoch anfällig für schwankende Bestellungen. Die Entwickler der größten KI-Modelle wiederum müssen erst beweisen, dass ihre Einnahmen dauerhaft schneller wachsen als die Kosten für Training, Rechenleistung, Energieversorgung, Datenbeschaffung, hochqualifizierte Fachkräfte, den laufenden Betrieb und den Ausbau neuer Rechenzentren.


KI-Blase oder teure Aufbauphase?

 

Der Vergleich mit der Dotcom-Ära drängt sich auf, sollte aber nicht vorschnell gezogen werden. Auch damals war die Technologie revolutionär, während viele Bewertungen scheiterten. Entscheidend ist jetzt erstens, ob die Cloudumsätze schneller wachsen als die Investitionen; zweitens, ob Aufträge tatsächlich in bezahlte Umsätze münden; drittens, ob die Konzerne den Ausbau aus dem operativen Cashflow statt über Schulden finanzieren können; viertens, ob die KI-Labore ihre festen Rechenverpflichtungen aus laufenden Erlösen decken; und fünftens, ob sie dabei nachhaltige Margen erzielen. Ebenso wichtig ist, ob Unternehmen durch KI messbare Produktivitätsgewinne erzielen. Eine neue Basistechnologie kann sich durchsetzen, auch wenn viele ihrer frühen Investoren Geld verlieren.


Das Fazit bleibt nahe an jenem des letzten Blogs, fällt aufgrund der aktuellen Entwicklungen aber pointierter aus: Nicht die KI-Revolution steht zur Debatte, sondern die Bewertung ihrer künftigen Erträge. Anthropic wird zum Prüfstein, Amazon zeigt die profitablen Möglichkeiten und die gewaltigen Kosten, Intel die ungleiche Verteilung der Gewinne. Die KI-Industrie steht nicht zwingend vor dem Platzen einer Blase. Sie steht vor ihrer finanziellen Bewährungsprobe. Hierbei steht nicht die Frage im Raum, wie intelligent ein KI-Modell ist, sondern wie viel wirtschaftlicher Wert davon übrigbleibt.



Über den Autor: Michael Wiesberg, Jahrgang 1959, arbeitet als freier Journalist und als Lektor. Von ihm ist in der EditionTUMULT folgendes Buch in Vorbereitung: „Macht durch Maschinen. Der globale KI-Wettlauf zwischen den USA, China und Europa“.


(Das Symbolbild wurde mit Hilfe von ChatGPT erstellt.)





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