Michael Zeller: WAS ALLES WIR DER CHINESISCHEN FLEDERMAUS VERDANKEN - Corona-Logbuch Folge 22



Sillanpää – wer mag das sein?


Lang ist es her, daß ich ein Buch gelesen habe, das mich derartig gepackt hat wie der Roman des finnischen Erzählers Frans Eemil Sillanpää, STERBEN UND AUFERSTEHEN. Der Name dieses Autors war mir völlig unbekannt, und ich weiß nicht, wie der farbenfrohe Fischer-Band von 1956 überhaupt unter meine Bücher geraten ist, die erste und einzige Taschenbuchausgabe in Deutschland. Mit Sicherheit habe ich es aus einer der Kisten gezogen, für kleinste Münze, wie sie vor Buchläden aufgestellt sind, um die Ladenhüter zu verscherbeln. Wahrscheinlich hatte mich die Notiz auf dem Buchrücken neugierig gemacht, daß der Autor 1939 als erster und bisher einziger Finne den Nobelpreis für Literatur erhalten habe.


Warum ich es gerade jetzt, Jahrzehnte nach dem Kauf, zur Hand nehme und anlese, hat mit der weltweit grassierenden Epidemie Corona zu tun, die seit dem Frühjahr 2020 unser Leben erfaßt und grundlegend verändert hat, gesellschaftlich wie privat.


Eine der Maßnahmen, mit denen meine Lebensgefährtin und ich uns den starken Einschränkungen des Alltags anzupassen suchten, ist die tägliche Lektüre von Literatur gewesen. Nach dem Abendbrot lesen wir uns gegenseitig eine Stunde lang einen Roman vor, auf den wir uns geeinigt haben, alles Bücher aus den eigenen Beständen. Entweder wollen wir sie wiederlesen, zur Probe nach einem langen Abstand von der Erstlektüre. Oder es sind Bücher, die man immer schon lesen wollte und sich jetzt endlich die Zeit dazu nimmt, gezwungenermaßen. Aber es sind auch Titel darunter, die einem gar nichts sagen und von denen man sich eventuell nach ein paar wenigen Seiten dann leichten Herzens trennen wird.


STERBEN UND AUFERSTEHEN war einer dieser Titel, der nun nicht gerade die größten Erwartungen bei uns weckte, und die beiden ää im Namen des finnischen Erzählers waren uns eher Anlaß zum Schmunzeln. Und dann lasen wir und gerieten in ein Buch, das uns Seite um Seite fassungsloser machte, alle beide, vor der Wucht dieser Prosa. Wie gesagt: Es ist lange her, daß ein Roman mich derartig gepackt hat. Nach jeder Lesestunde schauten wir beide uns an und waren erst mal eine Weile sprachlos.


Der Stoff? Es könnte uns Heutigen kaum ferner und fremder sein, das Leben eines finnischen Kleinbauern Jussi Toivola, von der Geburt bis zu seinem Tod im Jahr 1919. Ein Knechtsleben von bitterster Armut. Gezeichnet von nichts als Hunger, Not, Kärrnerarbeit. Ganz traditionell wird einem Leser das Leben dieses Pächters vorgeführt, für das der Begriff “Biografie” fast zu groß erscheint.


Jussi Toivola wird auf einem kleinen Bauernhof im Westen Finnlands geboren, das Leben ist erbarmungslos karg. Als es dann Mitte der 19. Jahrhunderts noch zusätzlich über Jahre zu Mißernten in Finnland kommt, brechen Hungersnöte unter der Landbevölkerung aus. Jussis Eltern müssen den Hof verkaufen, der Junge wird bei Verwandten untergebracht, die ihn als Knecht halten, ohne Lohn, die Mutter verhungert als Magd irgendwo. Das Verhalten der wohlhabenden Verwandtschaft “bringt es mit sich, daß Jussi immer zaghafter wird. Er versucht, sich so unsichtbar wie nur möglich zu machen”. Das ist die einzige Lektion, die der Junge lernt, sie wird sein ganzes Leben bestimmen. “Mit siebenundzwanzig Jahren hält er zum ersten Mal eine Frau in seinen Armen”, die Magd Riina. Die beiden heiraten und pachten für die geplante Familie eine Kate. Dafür muß Jussi die halbe Woche für dem Bauern auf dessen Feldern schuften, zwölf Stunden am Tag, dazu stundenlanger Hin- und Rückweg. Kinder kommen und sind zu ernähren.


Dreiviertel des Romans wird nichts als die Armutsexistenz dieses Jussi und der Seinen geschildert. Doch wie der Erzähler Sillanpää das tut, verschlägt einem Leser den Atem.


“In der Natur geht es abermals dem Herbst entgegen. Mitten im Sommer schon schleicht sich der Herbst in das üppige Laubwerk und die wehmütigen Kornfelder der Einöde. Noch ist es nicht so kalt, daß man nicht in Hemdsärmeln gehen könnte, und die Haut, die der Hemdausschnitt entblößt, ist immer noch warm und sonnengebräunt. Warm ist der Rechenstiel, den die sehnige Hand packt, und warm duftet das Heu von den Abhängen an der Giebelwand der Kate. Die große Natur der Ödmark, in deren Mitte das Menschennest versteckt liegt, badet dessen kleine Armseligkeiten in Wärme, Licht und Duft, so daß nicht seine eigenen Düfte vorherrschen können. Aber den Zug ständiger Traurigkeit legt die Natur niemals ab. Bis Mittsommer stiehlt es sich wie eine Hoffnung über das Erdreich, doch bevor noch die Hoffnungen sich erfüllt haben, geht schon das Zittern einer Erinnerung über sie hin. Im August ist das Mittagshorn noch bis zum Übermaß voll, doch in seiner Lichtfülle schwingt schon ganz unverhüllt eine Trauer, wenn es dem kleinen Kätnermädchen im Nacken leuchtet, auf ihre dünnen Zöpfe ...”

Das ist eine Sprache, die aus dem Mutterboden des Erzählens herauswächst. Die nach frischer Erde riecht. Die noch nicht vom Denken durchpflügt ist. Es ist die Natur des Nordens, im Wechsel von Sommer zu Winter, die Jussis Tage bestimmt, jahrein, jahraus. Bis dann von außen eine andere Gewalt in sein Leben bricht: Geschichte. Zu Ende des Ersten Weltkriegs steht das Landproletariat Finnlands auf. Mit der Waffe in der Hand wehrt es sich gegen sein Elend. Aufruhr im ganzen Land, Generalstreik. Jussi wird da mit hineingerissen, auf seine alten Tage, ohne die Lage einschätzen zu können. So gerät er auch jetzt wieder rasch in die Rolle des Opfers und findet sein Ende in einem Massengrab: erschossen wegen Aufruhrs.


Dieser unbedeutende Kleinbauer ist der Held von Sillanpääs Roman, ein gequälter Mensch vom ersten bis zu seinem letzten Atemzug. Doch keinen Moment lang gibt sein Autor ihn der Verzweiflung preis, oder einer politischen Heilslehre. Auch diese armselige Kreatur hat ihren Platz in einer kosmischen Ordnung, die sich menschlicher Einsicht entzieht. Sie gilt auch für den letzten von uns.


Das ist groß gesehen von dem finnischen Autor und – vor allem: es ist groß gestaltet. Sillanpääs zweiter Roman STERBEN UND AUFERSTEHEN erschien 1919 in Helsinki, in politisch aufgewühlter Zeit. Zwanzig Jahre danach ist ihm, als erstem Finnen, der Literatur-Nobelpreis auch dafür verliehen worden. Für die Fahrt ins Nachbarland Schweden, nach Stockholm, wo der Preis abzuholen war, habe er sich, so geht die Legende, das Reisegeld pumpen müssen. Danach, erstmals sorgenfrei in seinem Leben, zieht er sich mit seiner Familie in die Landschaft seiner Kindheit zurück, wo er selbst in kümmerlichen kleinbäuerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist. Dort schreibt er weiter, aber nichts Bedeutendes mehr, wie es heißt. Der Stachel der großen Not war wohl stumpf geworden.


Doch mit dem Roman STERBEN UND AUFERSTEHEN hat Frans Eemil Sillanpää die Literatur der Welt bereichert. (Sehr viel treffender ist übrigens der finnische Originaltitel “Frommes Elend”.) Zwei Wochen lang hat er meine Lebensgefährtin und mich Abend für Abend in Spannung gehalten. Wir danken ihm, und ein klein wenig auch, ganz unter der Hand, der chinesischen Fledermaus ... (Pst! Nicht weitersagen!)




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Über den Autor: MICHAEL ZELLER, geb. 1944 in Breslau, (Dr. phil. habil.), Romancier, Lyriker und Essayist in Wuppertal, mit einem umfangreichen Werk (u.a. derzeit acht Romanen). Unter seinen Auszeichnungen zuletzt der Andreas-Gryphius-Preis (2011). Auf Einladung des ukrainischen PEN hat er den September 2019 in der ostukrainischen Stadt Charkiv verbracht. Letzte Buchveröffentlichungen: Die türkische Freundin. Oberhausen 2018. Die Sonne! Früchte. Ein Tod. Codolzburg 2015. Sechste Auflage 2020.


Sein Pest-Roman Der Wiedergänger wird aus aktuellem Anlaß von dem Rezitator Olaf Reitz vorgelesen - jede Woche eine neue Folge, unter: www.podcast.studio-kurzwelle.de




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