Michael Zeller: WAS ALLES WIR DER CHNIESISCHEN FLEDERMAUS VERDANKEN - Corona-Logbuch Folge 15

Heute muß ich mich wieder mal in die Innenstadt hinein wagen. Wann bin ich das letzte Mal dort gewesen? Was sonst meine tägliche Freude war: mittags den Schreibtisch zu verlassen und irgendwo einen Imbiß zu nehmen, im Café dann die Post zu lesen, eine Zeitschrift, auf der Straße einem Bekannten, einer Freundin zu begegnen und ein paar Worte zu wechseln – das ist jetzt zu einer bedrohlichen Unternehmung geworden.

Muß es denn wirklich sein, sich unter so viel Menschen zu mischen, die einem schädlich werden könnten?


Ja, es muß. Auf der Bank sind zwei Überweisungen zu tätigen, und dann willst du die zwölf Schutzmasken abholen, die die Bundesregierung dir spendiert hat. “Der Deutsche Bundestag hat die dafür erforderlichen finanziellen Mittel bereitgestellt.” So viel staatliche Fürsorge will man doch nicht verfallen lassen. Also los.


Eine Freude, in der Apotheke die beiden Angestellten zu sehen, die mich seit Jahren bedienen. Gott sei Dank, auch sie sind also heil geblieben. Ein paar freundliche Worte, ein kleiner Scherz, zum Abschied die Ermunterung, weiter den Kopf oben zu behalten.

Wenige Schritte daneben mein Stamm-Café. Wie lang ist das her … Ich kann nicht widerstehen: Endlich wieder mal den Geschmack eines echten cortado zu schmecken! Das Lokal geöffnet, aber leer. Markierungen auf dem Boden, Pfeile an den Wänden, wo ich den Kaffee bestellen und wo ich ihn bezahlen soll. Dann bekomme ich mein Pappbecherchen. Wo ich den denn trinken dürfe, frage ich den Cafetier. Draußen überall, auf der Straße. “Aber bitte nicht zu nah bei uns!”


Den Duft des cortado schon in der Nase, finde ich in einer Ausfahrt zwischen zwei Geschäften ein Plätzchen, wo ich für zwei, drei Minuten wohl niemandem in die Quere komme.


Und dann nippe ich (“trinken” wäre ein viel zu grobes Wort) in kleinsten Schlucken das heiße Getränk, das uns dereinst die Türken da ließen, als sie Europa den Islam bringen wollten, lasse seine köstliche Bitterkeit über den Kartonrand in mein Inneres tröpfeln.

In diesem kurzen Augenblick empfinde ich – ja: Glück. Es ist zwar ein trüber, feuchter Tag heute. Aber richtig regnen tut es nicht. Ich stehe hier in einer Autoausfahrt, aber keines dieser stinkenden, lärmigen Gefährte vertreibt mich. Und noch dazu habe ich diesen unüberbietbar herrlichen Geschmack auf der Zunge! Was fehlt da zur Seligkeit?

Wie undankbar waren wir doch alle, als wir vor langer, langer Zeit den Genuß einer guten Tasse Kaffee, in einem gemütlichen Raum, im anregenden Gespräch, für eine schiere Selbstverständlichkeit hielten. Verwöhnte Menschen …


Es geht auch draußen, in einer Autoeinfahrt stehend, an einem schaurig klammen Wintertag. Was alles wir der chinesischen Fledermaus verdanken -




*

Über den Autor: MICHAEL ZELLER, geb. 1944 in Breslau, (Dr. phil. habil.), Romancier, Lyriker und Essayist in Wuppertal, mit einem umfangreichen Werk (u.a. derzeit acht Romanen). Unter seinen Auszeichnungen zuletzt der Andreas-Gryphius-Preis (2011). Auf Einladung des ukrainischen PEN hat er den September 2019 in der ostukrainischen Stadt Charkiv verbracht. Letzte Buchveröffentlichungen: Die türkische Freundin. Oberhausen 2018. Die Sonne! Früchte. Ein Tod. Codolzburg 2015. Sechste Auflage 2020.

Sein Pest-Roman Der Wiedergänger wird aus aktuellem Anlaß von dem Rezitator Olaf Reitz vorgelesen - jede Woche eine neue Folge, unter: www.podcast.studio-kurzwelle.de



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