Oscar Matthes: ARMENIEN IM KONTEXT. Alte Träume und neue Konstellationen

Aktualisiert: 13. Okt.

Es gibt einen politischen Reisebericht von 2017, dessen kosmopolitischer Inhalt heute so aktuell erscheint wie vor 100 Jahren. Gemeint ist Bruno Maçaes‘ „Die Morgendämmerung Eurasiens“ (Übers. d. Verf.). In diesem Reiseessay beschrieb er einen Superkontinent, der trotz aller kulturellen, politischen und militärischen Differenzen zu einer vor allem ökonomischen und touristischen Einheit ohne kulturelles oder politisches Zentrum zusammenwachse. Einen der großen Gewinner dieser Entwicklung machte er in der EU aus.[1] Keine fünf Jahre später ist Europa das, was für Maçaes 2017 undenkbar schien: eine Insel.



Impression aus dem armenischen Gyumri. Foto: OM


Im Nordosten der europäischen Halbinsel zieht sich ein neuer Eiserner Vorhang entlang der russisch-weißrussischen Westgrenzen. Und nicht erst der mysteriöse Anschlag auf die beiden Nordstream-Pipelines sorgte für eine derart umfassende Entkoppelung Europas von Russland, dass der alte Eiserne Vorhang dagegen fast wie ein Gartenzaun wirkt. Weiter südlich davon beginnt mit dem Balkan ein Krisenbogen[2], der sich von dort weiter über die Ägäis bis ins ferne Taiwan erstreckt. Der internationale Seehandel ist infolge der seuchenpolitischen Maßnahmen der letzten Jahre – insbesondere Chinas – nachhaltig aus dem Takt und in Teilen vollständig zum Erliegen gekommen. Doch nicht nur Europas Ausgangslage hat sich extrem verändert. Die USA sind vom Leviathan der Weltmeere spätestens seit dem 24. Februar 2022 wieder im von neuem entflammten Weltbürgerkrieg zur Partei degradiert worden. Und bei aller medienwirksamen Einigkeit der asiatischen Staatschefs der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit brechen aktuell z.B. um das Ferghana-Tal und Armenien Konflikte aus, die das Potenzial haben, das asiatische Konzert der Mächte erheblich zu verstimmen. Sprechen wir heute über Armenien, dessen Konflikt mit Aserbaidschan und die allzu oft vernachlässigte asiatische Dimension desselben.


Herausforderer Iran und Türkei


Das Ende der Globalisierung hat im Kaukasus die geopolitische Ausgangslage des 18. Jahrhunderts reproduziert. Es handelt sich um einen Konflikt mit drei unmittelbar beteiligten Regionalmächten: Iran, Russland und Türkei. Der Unterschied zum 18. Jahrhundert besteht einmal darin, dass es aktuell im Wesentlichen um die Konkursmasse des russisch-sowjetischen Imperiums geht. Die an die Regionalmächte angrenzenden ehemaligen südkaukasischen Provinzen Georgien, Aserbaidschan und Armenien waren im 18./ 19. Jahrhundert aus den russischen Kriegen gegen Osmanen und Perser hervorgegangen. Anders als damals, ist Russland heute die konservative Macht. Der Iran und die Türkei sind, wie das junge Russland einst, die Herausforderer, die an die kaukasische Pforte klopfen. Ein weiterer entscheidender Unterschied zum 18. Jahrhundert besteht in der Einbettung des Kaukasuskonflikts in die Konfliktlagen und Rivalitäten der Mächte des oben genannten eurasischen Krisenbogens. Genannt werden müssen hier insbesondere Israel und Indien.


Die Ausgangslage für den gegenwärtigen Grenzkrieg zwischen Armenien und Aserbaidschan legte die armenische Niederlage im Karabach-Krieg vom Herbst 2020. Dieser Krieg stellte aus der Sicht Bakus einen Revisionskrieg dar, der darauf abzielte, die selbsterklärte armenische Separatistenrepublik „Arzach“ und das rundherum 1994 von der armenischen Armee eroberte Gebiet zurückzuerobern. Letzteres gelang, ersteres wurde unter russischer Vermittlung dahingehend gelöst, dass eine russische Friedensmission in der Republik Arzach verbleibt. Zusätzlich sollte Aserbaidschan einen Korridor durch armenisches Staatsgebiet erhalten, der Aserbaidschan mit seiner Exklave Natschischewan und letztlich der Türkei verbindet. Dieser Korridor wurde von armenischer Seite jedoch bis zuletzt blockiert.[3]


Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew führt daher seit 2021 einen Grenzkrieg auf der gesamten Länge Südarmeniens. Armenische Quellen sprechen vom Raub von über 50 km² armenischen Staatsgebiets. Die Gefechte vom 13. September 2022 stellten den Höhepunkt des Sitzkrieges gegen Südarmenien dar, der zu einem neuen großen Krieg zwischen den beiden Kaukasusstaaten hätte eskalieren können.[4] Bei diesem Angriff hatte Alijew das russisch besetzte Berg-Karabach ausgespart, das er in diesem Jahr schon einmal attackiert hatte.[5] Trotz des am Rande des SOZ-Gipfels in Usbekistan verhandelten Kompromisses[6] zwischen Alijew und Wladimir Putin, wird die Ruhe kaum anhalten. Zu günstig ist die Lage, seit die Russen in der Ukraine gebunden sind und zu verlockend ist die Aussicht auf den Gewinn, der Aserbaidschan, aber auch der Türkei, Israel und den USA winkt. Längst scheint es implizit um ganz Südarmenien[7] zu gehen, das wie schon erwähnt, seit 2021 konstant belagert wird.


Eine pantürkische Landbrücke zwischen der Türkei und Aserbaidschan gab es seit 1918 nicht mehr, als die osmanische „Islamische Legion des Kaukasus“ auf Baku marschierte. Für Aseris und Türken wäre eine solche jedoch mehr als ein nostalgisches Projekt. Viel eher stellt sie einen geostrategischen „game-changer“ im Machtkampf um die gesamte Region dar. Beide müssten für Projekte ihrer strategischen und energiepolitischen Zusammenarbeit nicht mehr den Umweg über Georgien nehmen. Georgien ist zwar längst ein türkischer Alliierter, doch wird es geostrategisch durch die russischen Brückenköpfe Abchasien und Süd-Ossetien filetiert. Zudem würde die Route durch Südarmenien die Planung und Koordinierung gemeinsamer Projekte an sich erleichtern und die Kosten solcher erheblich reduzieren. Und die Türkei gewänne ihr langersehntes Sprungbrett nach dem turksprachigen Zentralasien, was ebenfalls neue geo- und energiepolitische Perspektiven für die Türkei als asiatische wie europäische Macht eröffnen würde. Die infolge des Wirtschaftskriegs mit Russland gestärkte energiepolitische Verhandlungsposition, die Alijew und Erdogan heute schon gegenüber der EU besitzen, erklärt Brüssels verhaltene Stellungnahmen zum Konflikt. Aus der Reihe tanzt nur Frankreich, das mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Griechenland Erdogan im östlichen Mittelmeer herausfordert.[8]


Russland als Nutznießer


Putin hatte zum Jahresende 2020 die Konfliktlage im Kaukasus weitestgehend für sich entschieden. Georgien ist gegenüber Russland seit 2008 strategisch kaltgestellt. Denn seit dem Georgien-Krieg vor 14 Jahren sind die georgischen Kaukasusdurchgänge am Schwarzen Meer (Abchasien) und der einzige Tunnel durch den Kaukasus (Süd-Ossetien) russisch besetzt. Der Dariali-Pass liegt keine 60 km östlich von Süd-Ossetien, also der Länge nach in direkter Reichweite russischer Streitkräfte. Armenien wird zwar seit 2018 vom prowestlichen Präsident Paschinjian regiert, der durch die sogenannte „Samtene Revolution“ ins Amt kam. Dieser fuhr aber nach der Kriegsniederlage Armeniens 2020 seine zuvor eingeschlagene Abkühlungspolitik gegenüber Moskau zurück. Die armenische Armee schickte 2021 sogar ein eigenes Kontingent zur OVKS-Mission in Kasachstan.[9] Armenien bildete immer die Ankerstellung der russischen Macht im Südkaukasus. Der armenische Staat trennt die beiden turksprachigen Staaten Türkei und Aserbaidschan, nimmt das stets antimoskowitische Georgien von Süden in die Zange und stellt von da eine Landbrücke zum Iran her. Letzteres macht Armenien zu Russlands Sprungbrett nach Westasien.


Zwar wurde Armenien 2020 besiegt, doch konnte Russland den Krieg aus drei Gründen „mitgewinnen“. Einmal da Putin den Waffenstillstand orchestrierte und Russland die kaukasische Ordnungsmacht blieb. Dabei konnte er Paschinjian entgegenhalten, dass dieser vom russischen Außenminister Lawrow lange genug vor dem Krieg vor Maximalforderungen gewarnt worden war.[10] Paschinjian hatte Lawrow im Herbst 2019 in Selbstüberschätzung[11] der armenischen Stärke abblitzen lassen. Zweitens verschaffte der Karabach-Krieg von 2020 Russland die ersehnte Militärbasis auf aserbaidschanischem Boden in unmittelbarer Nähe zu den Pipelines, die nördlich des Konfliktgebiets nach Georgien verlaufen. Der dritte Grund dafür, dass Russland den Karabach-Krieg 2020 als Sieg verbuchen konnte, liegt darin, dass die Möglichkeit eines türkischen Stützpunkts in der kaspischen Tiefebene abgewendet worden war.

Für Russland wäre eine solche Landbrücke durch Armenien ein strategischer Tiefschlag. Der Verlust Südarmeniens hieße den Verlust des Puffers zwischen der Türkei und Aserbaidschan, eine drastische Schwächung der russischen Ankerstellung im Südkaukasus und den Verlust Armeniens als Sprungbrett nach Westasien. Als die Türkei dieses Jahr ihren NATO Verbündeten zuliebe den türkischen Luftraum für russische Militärflugzeuge nach Syrien sperrte[12], war das nur deshalb kein Affront gegenüber Putin, weil es für die russische Luftwaffe die Ausweichroute über Armenien und den Iran gab. Ein aserbaidschanisches Südarmenien hieße für Russland auf Gedeih und Verderb von einer türkischen Überflugerlaubnis abhängig zu sein. Hinzu käme die wieder aufkeimende Gefahr einer türkischen Militärbasis in der kaspischen Tiefebene, zwischen Kleinem und Großem Kaukasus. Neben der abchasischen Küste und dem Dariali-Pass stellt die Ebene nördlich von Baku den wichtigsten Zugang nach Russland durch den Großen Kaukasus dar. Putin kann sich die Militärbasis eines NATO-Staats dort nicht leisten.


Doch nicht nur Aserbaidschan und die Türkei stellen aktuell einen Unsicherheitsfaktor für Russlands Stellung im Südkaukasus dar. Auch Paschinjian ist kein verlässlicher Verbündeter. Nachdem dieser das Risiko eines Krieges mit Aserbaidschan 2020 einging, erklärte er nun, als der Grenzkrieg kürzlich hochkochte, dass er nun bereit sei, die völkerrechtlichen Grenzen Aserbaidschans vollständig anzuerkennen.[13] Dies hieße, auch das russisch gehaltene Berg-Karabach preiszugeben. Dass Paschinjian von seiner Hoffnung auf die Westbindung seines Landes nicht absehen will, zeigte auch der Jerewan-Besuch der US-Innenpolitikerin Nancy Pelosi.[14] Und der nächste Schlag folgte am 12. Oktober, als der Sekretär des armenischen Sicherheitsrates bekannt gab, dass ausgerechnet US-Secretary of State Anthony Blinken zusammen mit Vertretern der EU die Friedensgespräche zwischen Armenien und Aserbaidschan führen soll.[15] Doch mit dem Pelosi-Besuch und dem westlichen Versuch, einen Frieden zu vermitteln, tritt Paschinjian nicht nur seinem russischen Alliierten auf die Füße, sondern auch seinem zweiten natürlichen Verbündeten: dem Iran.


Der Iran hat ebenfalls ein existenzielles Interesse am armenischen Puffer zwischen der Türkei und Aserbaidschan. Der Westen des Irans wird durch nichtpersische Völker dominiert und entstand als Frontierzone gegen die nach Süden ausgreifenden Osmanen. Aseris bewohnen den Nordwesten des Irans rund um die Städte Täbris und Ardebil und stellen die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe im Iran. Armenien ist der einzige nichtturksprachige Anrainerstaat in Irans Nordwesten und kulturgeschichtlich tief mit Persien verbunden. Im geostrategischen Kontext gesehen bildet Jerewan den Prellbock für die panturanischen Ambitionen Erdogans, die sich perspektivisch gegen den aserisch dominierten Nordwesten des Iran wenden könnten.


Schlinge um den Iran


Die Annektion eines Korridors durch Südarmenien oder ganz Südarmeniens und der Machtzuwachs der Türkei im Südkaukasus hätte zudem direkte Auswirkungen auf die Dauerkonflikte des Iran mit den USA, der inoffiziellen Achse Israel-Saudi Arabien[16] und der Türkei selbst um die Vorherrschaft über den Raum von der Levante bis zum Persischen Golf. Die Zerstückelung Armeniens würde die Türkei, wie oben erwähnt, zum zentralasiatischen Akteur machen, der mit Pakistan und Khatar den Iran in die Zange nehmen wird. Der Iran müsste erheblich stärker seine Grenzen schützen, als er es aktuell macht, während er u.a. dem Libanon, Syrien oder Jemen weniger Aufmerksamkeit schenken könnte. Das nützt auch unmittelbar Israel und Saudi Arabien. Israel unterstützt Aserbaidschan aktiv durch den Verkauf von Waffentechnik.[17] Für Tel Aviv wäre ein türkisch dominierter Südkaukasus der Abschluss einer antiiranischen Zangenbewegung, deren südliche Wange die Golfstaaten bilden. Ob ein prowestliches Armenien oder ein pantürkischer Korridor, so oder so würde sich ebenfalls die Schlinge, die die NATO – wie auch um Russland – um den Iran legt, weiter zuziehen, als sie mit dem ISAF-Rückzug aus Afghanistan gerade erst gelockert worden war. Der westliche Belagerungsring um den Iran reicht von der Türkei über den Irak, Bahrain bis Pakistan.


Trotz alledem macht das Russland und den Iran nicht zu Freunden in der kaukasischen Frage. Es gibt keine Freundschaften zwischen Staaten, sondern nur konkrete Interessenpartnerschaften. Dass beide – Russland und der Iran – keine türkischen oder aserbaidschanischen Truppen auf armenischem Boden haben wollen, eint beide noch nicht in ihrer Vision für den Kaukasus. Für den Iran ist es das Ideal, Armenien und das schiitische Aserbaidschan zu kontrollieren, das Teheran immer wieder über den gemeinsamen schiitischen Glauben einzufangen versuchte.[18] Ein iranisch dominierter Kaukasus ist die beste Sicherheit des iranischen Nordwesten – ein russisch dominierter Kaukasus ist dagegen nur ein kleineres Übel für Teheran. Russland seinerseits wäre infolge einer direkten iranischen Intervention in den armenisch-aserbaidschanischen Konflikt selbst nur wieder Bittsteller. Hinsichtlich des Machtgefälles infolge eines iranischen Sieges müsste sich Moskau statt an Ankara, wenn die russische Luftwaffe nach Hmeimim fliegen will, dann an Teheran wenden. Russlands Einfluss gegenüber dem Iran schrumpft zusammen, wenn dieser nicht mehr auf russische Truppen in Armenien bauen müsste. Und eine iranische Basis in der Kaspischen Tiefebene Aserbaidschans ist zwar das kleinere Übel zu einer türkischen NATO-Basis dort, aber auch dieser wäre der Stützpunkt einer fremden Macht an einem vulnerablen Punkt der russischen Geografie.


Indien im Abwehrkampf


Die Lagebesprechung des Iran brachte uns zuletzt auf Pakistan und dessen Bedeutung für gleich drei Mächte gegen den Iran. Das Land am Indus ruft eine weitere indirekt beteiligte Macht auf den Plan: Indien. Indien wurde in seiner Geschichte stets von Nordwesten her bedroht. Die indische Geschichte ist bestimmt vom Abwehrkampf gegen von dort eindringende Feinde. Die Einkreisungsgefahr durch China begann sich Ende der 1950er zu abzuzeichnen. Die Problematik der Geografie Indiens ergibt sich aus der Topographie des indischen Herzlandes. Dieses Herzland wird durch die Ganges-Ebene dominiert. Dieses muss im Norden und Nordosten bergauf verteidigt werden und ist im Westen nur durch die Thar-Wüste vom pakistanischen Indus-Tal getrennt. Seit den Eroberungen Tibets und Aksai Chins durch China, dem chinesisch-indischen Grenzkrieg um Arunachal Pradesh sowie der Eiszeit[19] in den indischen Beziehungen zu Nepal ist die Ganges-Ebene von eine Kette von Konfliktherden umkränzt. Es liegt in der Geografie des Subkontinents begründet und weniger in einer imperialistischen Kopfgeburt, dass Großbritannien seine Herrschaft über Delhi über die Kontrolle Afghanistans[20], des heutigen Myanmars und Tibets absicherte.


Die verstärkte Einkreisung des Irans und Russlands infolge einer Eroberung Südarmeniens bedeutete auch eine Verschärfung der bereits bestehenden Grenzprobleme Indiens zu seinen innerasiatischen Anrainern. Indien war und ist Herr über den Indischen Ozean und die Straße von Malakka[21], doch steckt der Kopf dieser asiatischen Großmacht in einer Art Schraubzwinge. Ein Russland, dessen Macht nach Innerasien ausstrahlen kann und ein Iran, der die Türken im Nahen Osten beschäftigt, bilden die einzigen Möglichkeiten für Indien Pakistan und ferner auch China auszubalancieren. Fallen Russland und der Iran als potente Alliierte aus, würde dies Indien an die USA ausliefern, die als einzige Macht dann noch infrage kämen, Indien im Ernstfall beizustehen.


Schon beginnen die USA den indischen Premier Narendra Modi für seine Verbindung zum Iran und Russland zu bestrafen.[22] Pakistan sei der „Plan B“ der US-Südasien-Strategie.[23] In diesem Sinne sagten die USA kürzlich Pakistan zu, wieder US-Militärhilfen auszuschütten[24] und der US-Botschafter in Islamabad sprach nach seinem Kashmir-Besuch von „Azad Jammu & Kashmir“, nutzte also die pakistanische Bezeichnung des dauerumkämpften Kashmir.[25] All das hinderte Indien zuletzt aber nicht daran, Russland – zusammen mit China und Brasilien – durch Abwesenheit in der UN-Abstimmung über die Verdammung der russischen Annektion der vier ostukrainischen Oblaste beizustehen.[26] Offenbar hat sich Premier Modi nicht nur der sechs sowjetischen Vetos zugunsten Indiens[27] erinnert, sondern verspürt auch am Schicksal eines von der eurasischen „Weltinsel“ entkoppelten US-Brückenkopfes kein Interesse. Indien wird daher auch seinen Teil dazu beitragen, Armeniens Position zu stärken.[28]


Dieser Beitrag sollte die Ernsthaftigkeit und alarmierende Dimension der armenischen Frage für das Mächtegefüge in Asien greifbar machen. Im Fall eines aserbaidschanischen Sieges im Kaukasuskonflikt verschöbe sich dieses stark zugunsten der Türkei und des Westens auf Kosten des Irans, Russlands und Indiens. In Anbetracht dessen, gilt es sich der klassischen Erkenntnis Friedrich Gentzens zu erinnern. Dieser schrieb 1806, das ein den Frieden tragendes Gleichgewicht der Mächte nie mehr als ein Patt zwischen diesen ist.[29]


[1]Bruno Maçaes, The Dawn of Eurasia, On the Trail of the New World Order, London 2017 [2]Paul Bracken, Fire in the East, The Rise of Asian Military Power and the Second Nuclear Age, New York 1999 [3]https://de.abna24.com/index.php/news//armenien-lehnt-tuerkischen-vorschlag-fuer-korridor-aserbaidschan-nachitschewan-ab_1200700.html [4]https://de.wikipedia.org/wiki/Armenisch-aserbaidschanischer_Grenzkonflikt [5]https://www.ipg-journal.de/rubriken/aussen-und-sicherheitspolitik/artikel/im-schatten-des-krieges-6136/ [6]https://www.dailysabah.com/politics/diplomacy/azerbaijan-armenia-violence-stabilized-aliyev-tells-putin [7]https://www.azatutyun.am/a/32046434.html [8]https://www.aljazeera.com/news/2021/10/7/greece-ratifies-intra-nato-defence-pact-with-france [9]https://de.rbth.com/wissen-und-technik/85786-was-ist-ovks-friedenstruppen-kasachstan [10]https://massispost.com/2019/10/armenian-foreign-ministry-dismisses-sergey-lavrovs-statement-on-karabagh/ [11] https://nationalinterest.org/feature/how-did-armenia-so-badly-miscalculate-its-war-azerbaijan-172583 [12]https://www.sueddeutsche.de/politik/tuerkei-luftraum-sperre-syrien-russland-1.5571871 [13]https://www.jungewelt.de/artikel/434755.krieg-im-s%C3%BCdkaukasus-verzicht-f%C3%BCr-frieden.html [14]https://aze.media/nancy-pelosis-visit-to-yerevan-in-the-context-of-the-us-regional-policy/ [15]https://www.heute.at/s/armenien-und-aserbaidschan-wollen-frieden-schliessen-100232905 [16]https://www.mena-watch.com/israel-saudi-arabien-gemeinsame-marineubung/ [17]https://www.nzz.ch/international/karabach-konflikt-israels-sonderbarer-bettgenosse-aserbaidschan-ld.1588251 [18]https://de.wikipedia.org/wiki/Aserbaidschanisch-iranische_Beziehungen [19]Harsh V. Pant, Politics & Geopolitics, Decoding Indias Neighborhood Challenge, New Delhi 2021, S. 56-8. [20]Vgl.: G.S. Goraya, The Great Game, Afghanistan, British India and the Hundred Year War for Indias Northern Frontier, Wroclaw 2022, S. 9, 80, 82, 90/1. [21]https://www.maritime-executive.com/article/indian-navy-gains-access-to-port-on-strait-of-malacca [22]https://www.ndtv.com/india-news/us-sanctions-indian-company-for-iran-oil-deal-3394356 [23]https://www.gzeromedia.com/us-warns-india-on-dealing-with-russia-pakistan-is-plan-b [24]https://asia.nikkei.com/Politics/International-relations/India-China-loom-over-Pakistan-s-push-to-repair-ties-with-U.S [25]https://twitter.com/Arabela_Belaz/status/1576561731924467717 [26]https://news.yahoo.com/china-india-abstained-vote-condemn-053848470.html [27]https://timesofindia.indiatimes.com/india/six-times-when-the-soviet-veto-came-to-indias-rescue/articleshow/89941338.cms [28]https://eurasiantimes.com/india-set-to-export-indigenous-pinaka-missile-system-to-armenia/ [29]Vgl.: Friedrich Gentz, Revolution und Gleichgewicht, Politische Schriften, Waltrop – Leipzig 2010, S. 335.



Über den Autor: Oscar Matthes ist studierter Historiker und Philosoph und befasst sich mit Wissenssoziologie, Geopolitik, politischer Theorie sowie Wirtschafts- und Militärgeschichte. Er bereist regelmäßig den Orient und Mittelasien.



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