Peter J. Brenner: DER WESTDEUTSCHE RUNDFUNK — oder: Vom öffentlichen Missbrauch der Sprache

Der Germanist und TUMULT-Stammautor Peter J. Brenner (*1953) ist Verfasser vielgelesener Standardwerke seines Fachs und war bis 2009 Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität zu Köln. Angesichts der Diskussion über das vom Westdeutschen Rundfunk verbreitete Lied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ stellt er etwas erstaunt die Frage nach dem Bildungsstand und dem Sprachniveau der Rundfunkredakteure und medialen Wortführer, welche die Deutungshoheit an sich gerissen haben. In fünf Notizen zum Text und seinen Kontexten analysiert Brenner die Verflechtung von Sprache, Politik und Moral.



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1. „Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau“


In der letzten Woche des Jahres 2019 produzierte und verbreitete der Westdeutsche Rundfunk die Umdichtung des alten Stimmungsliedes „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“. Strophenweise und in überspitzter Form wurde der „Oma“ klima- und umweltschädliches Verhalten vorgeworfen. Vier der ungereimten und holprig metrisierten –­ im Kern sollen es wohl Trochäen sein – fünf Strophen enden mit dem Refrain „Meine Oma ist `ne alte Umweltsau“, die letzte hingegen endet mit der sinn- und kontextwidrigen Zeile: „meine Oma ist doch keine Umweltsau“. Am Schluss wird mit der Stimme der bekannten schwedischen Klimaaktivistin Greta Thumberg eine Sentenz eingeblendet: „We will not let you get away with this.“ Das Ganze dauert eineinhalb Minuten; die Aufnahme wurde vom Westdeutschen Rundfunk mit dem WDR-Kinderchor produziert und über die WDR-2-Facebookseite verbreitet.


Diese Produktion vereinigt in idealtypischer Weise die Merkmale von Hate Speech, Hass und Hetze im Netz sowie gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF): Nach den Erläuterungen der Bundeszentrale für politische Bildung versteht man unter GMF „abwertende und ausgrenzende Einstellungen gegenüber Menschen aufgrund ihrer zugewiesenen Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe.“ Entsprechend dieser Definition von GMF schürt das WDR-Lied Vorurteile gegen eine Gruppe wegen bestimmter Merkmale – in diesem Falle des Alters und des Geschlechts –, der in abwertender Weise negative, weil umwelt- und klimaschädigende Verhaltensweisen pauschal zugeschrieben werden: übermäßiger Treibstoffverbrauch, SUV-Fahren, der Verzehr von Discounterfleisch sowie Flug- und Kreuzfahrtreisen.


Dass dieses Lied produziert und verbreitet wurde, ist kein Skandal. Es ist ein Symptom: ein Symptom für den Zustand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.



2. „Er verletzt keine Werte“


„Ganz gleich, ob einem der Song von der ‚Umweltsau‘ gefällt oder nicht: Er verletzt keine Werte“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands.

Bisher herrschte im bundesdeutschen politischen Diskurs ein Tabu, das selbst von den extremen Rändern weitgehend akzeptiert wurde: Man vergleicht Menschen nicht mit Tieren. Seit Franz Josef Strauß im Bundestagswahlkampf 1980 die ungeliebten Schriftsteller mit „Ratten und Schmeißfliegen“ verglichen hatte, werden Zuschreibungen dieser Art nicht mehr akzeptiert. Dass nun ausgerechnet ein öffentlich-rechtlicher Sender dieses Tabu ohne jedes erkennbare Unrechtsbewusstsein gebrochen hat, ist möglicherweise auf fehlende historische Bildung zurückzuführen. Unverkennbar fehlt den Mitarbeitern des WDR das politik- und sprachgeschichtliche Wissen, das es ihnen erlauben würde, die Tradition zu erkennen, in die sie sich mit ihrem Lied stellen. Das gilt im Übrigen auch für die öffentliche Diskussion über dieses Lied: die Wortprägung „Umweltsau“ wurde fast durchgehend stillschweigend hingenommen.


Ein karrierebewusster freier Mitarbeiter des WDR glaubte, wohl in der Hoffnung auf eine Festanstellung, die Geschmacklosigkeit des ursprünglichen Fehlgriffs noch überbieten zu müssen, indem er in einem Twitterbeitrag die „Umweltsau“ zu einer „Nazisau“ promovierte. Bei diesem Twitterbeitrag handelt es sich offensichtlich um eine Wiederkehr des Verdrängten, an der Freud seine Freude gehabt hätte. Denn der Mitarbeiter weiß nicht – jedenfalls ist anzunehmen, dass er von nichts etwas weiß –, dass er damit, sicher ungewollt, in die richtige sprachgeschichtliche Richtung weist: Komposita mit Tierbezeichnungen waren ein zentrales Element des eliminatorischen Antisemitismus im Nationalsozialismus. Sie dienten der Dehumanisierung, der Ausgrenzung aus der menschlichen Gesellschaft. Im XIII. Kapitel seines berühmten Buches über die Sprache des „Dritten Reiches“ – „LTI. Notizbuch eines Philologen“ – sowie in einem Tagebucheintrag unter dem 8. Mai 1942 hat der als Jude verfolgte protestantische Christ Victor Klemperer, bis 1935 Romanistikprofessor an der Technischen Hochschule Dresden, beschrieben, welche Wirkungen solche Namensgebungen hatten. Sie waren tödlich.


Neu war das übrigens nicht. Es gibt eine lange Tradition des christlichen Antisemitismus, in dem das Wort „Jude“ mit dem Namen eines unreinen Tieres verbunden wird. Zahlreiche Plastiken an Kathedralen Westeuropas geben noch eine bildliche Vorstellung von dieser Form der Diskriminierung.



3 „Dies ist im besten Falle auch Sinn einer Satire…“


Als die erste Empörungswelle über den Sender hereingebrochen war, zog die WDR-2-Redaktion den Beitrag zurück mit der nassforschen – eigentlich müsste man schreiben: rotzfrechen – Begründung, man sei „betroffen“ über die Vorwürfe, fühle sich von ihnen aber nicht getroffen, sondern empfinde sie als „unerträglich“. Denn solche Reaktionen hervorzurufen sei schließlich „im besten Fall auch Sinn einer Satire“. Nur fehle den empörten WDR-Hörern die geistige Grundausstattung, um den satirischen Gehalt des Liedes zu erkennen. Aber dafür muss man sich ja nun wirklich nicht entschuldigen. In der medialen Wagenburg, die sich schnell um den Sender herum gebildet hatte, wurde diese Schutzbehauptung freudig aufgegriffen. Fortan war in der Berichterstattung von einem „Satirelied“, gelegentlich auch einem „Klimalied“, die Rede.


Aber was ist damit gewonnen? Hetze bleibt Hetze, ob Satire oder nicht. Offensichtlich glaubt man beim WDR, für die Kunstform Satire reiche es aus, möglichst vulgär und primitiv zu sein. Dieser Logik folgend hätte Julius Streicher, der Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“, beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess geltend machen können, sein Blatt sei eine Satirezeitschrift gewesen. Genützt hätte es ihm nichts; gehenkt worden wäre er trotzdem.


Es konnte auch nicht ausbleiben, dass Journalisten mit einer soliden, im Internet ergoogelten literarischen Halbbildung die Schlusszeile von Tucholskys Essay von 1919 „Was darf die Satire?“ heranzogen: „Was darf Satire? Alles.“ Sie hätten auch eine andere Stelle aus dem Text zitieren können: „Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier“. Vielleicht findet sich unter den rund 4300 festangestellten Mitarbeitern des Westdeutschen Rundfunks doch noch jemand, der vor der Jahrtausendwende ein Germanistik-Studium abgeschlossen hat und den WDR-2-Redakteuren erklären kann, was es mit der literarischen Gattung der Satire auf sich hat. Satire ist eine Kunstform, die man beherrschen muss. Maßstäbe werden hier, um im deutschen Sprachraum zu bleiben, gesetzt von Sebastian Brants „Narrenschiff“, von Christoph Martin Wielands „Abderiten“, von Heinrich Heines „Harzreise“, von Gottfried Kellers „Seldwyler Geschichten“, von Kurt Tucholskys „Wendriner“- Geschichten oder auch, warum nicht, einigen Kurzgeschichten Heinrich Bölls – aber doch nicht von der WDR-2-Redaktion. Jedenfalls hält die Behauptung, bei dem Text handele es sich um eine „Satire“, einer literaturwissenschaftlichen Betrachtung nicht stand. Dieses Lied steht in einer anderen Tradition. Es handelt sich um unverfälschte Agitprop-Lyrik aus dem launigen Genre, wie sie in der Hitlerjugend oder der FDJ populär war.



4. „Ich entschuldige mich ohne Wenn und Aber“


Wer sich entschuldigt, kann heute eigentlich nichts falsch machen. Die zivilreligiösen Buß- und Entschuldigungsrituale, die Hermann Lübbe vor 20 Jahren analysiert hat, sind gut eingespielt und verfehlen fast nie ihre Wirkung. Das wird sich auch der Intendant des WDR gedacht haben, als er per Telefon in eine laufende WDR-Sendung hinein seine Stellungnahme mit einer Entschuldigung abgab. „Ich entschuldige mich ohne Wenn und Aber dafür.“ Sein 92-jähriger Vater sei keine „Umweltsau“, sagte der Intendant. Er hatte wohl nicht mitbekommen, dass nicht die Generation seines Vaters, sondern seine eigene, die der jetzt 60- bis 75-jährigen, gemeint war.


Aber was meistens richtig ist, war diesmal falsch. Die Entschuldigung verfing nicht. Denn inzwischen hatte sich in den Medien eine breite Unterstützungsfront aufgebaut, die herausgefunden zu haben behauptete, dass die in den Medien massiv verbreitete Kritik an dem Lied auf einer rechten Verschwörung beruhte. Und bei Rechten entschuldigt man sich nicht. Gegenüber Rechten hält man die Reihen fest geschlossen, man bekämpft sie ohne Wenn und Aber. Irgendwie ist das ja auch richtig: Wer einen ARD-Sender angreift, greift die Demokratie an. Die ARD hat bekanntlich ein „Framing Manual“ von einem in Berlin ansässigen „Berkeley International Framing Institute“ erstellen lassen, das in seiner intellektuellen, wissenschaftlichen und sprachlichen Schlichtheit wohl den Nerv auch der WDR-Redakteure getroffen hat: „Und die ARD existiert einzig und allein für uns“, heißt es dort, „indem sie jenseits profitwirtschaftlicher oder demokratieferner Gelüste für ein informierendes, bildendes und sinnstiftendes Programm sorgt.“ Das war jetzt nicht satirisch gemeint.


Das alles hatte der Intendant nicht bedacht, als er öffentlich in Erwägung zog, es könne sich bei den Kritikern des Liedes doch nicht nur um militante Rechtsextreme handeln. Das brachte das mediale Fass zum Überlaufen. Eingeknickt sei er vor den rechten Verschwörern, wurde ihm vorgeworfen. Wie man hört, wurde am 4. Januar 2020 von einer „fassungslosen“ WDR-Redakteursvertretung dem Intendanten in einem Schreiben vorgeworfen, den „Redakteurinnen und Redakteuren“ in den Rücken gefallen zu sein.


Auch nach zwei Wochen hat der WDR weder eine Linie noch eine Sprachregelung gefunden, mit der er der Öffentlichkeit gegenübertreten konnte. Es herrscht eine Kakophonie der Stimmen, der Intendant sagt dies, der verantwortliche Redakteur das und der ausführende Chorleiter jenes und die „Redakteursvertretung“ muss auch noch etwas sagen.


Wenigstens hier hätte man sich als Beitragszahler und damit doch irgendwie Mitglied des öffentlich-rechtlichen Rundfunkwesens mehr Professionalität in der Krisenkommunikation gewünscht, wenn man schon kein ordentliches Programm bekommt. Beim WDR hat man nun zu Beginn des Jahres 2020 einen professionellen Krisenberater angeheuert, der sich den wirklichen Problemen des Senders widmen solle. Angesichts der bevorstehenden Gebührenerhöhung, so hieß es, sei eine kritische Berichterstattung zu erwarten, gegen die man sich wappnen müsse. Damit hat der zweitgrößte Sender Europas, der jährlich 1,2 Mrd. Euro Beitragsgelder erhält, seine satirische Qualität dann doch noch unter Beweis gestellt.



5. „Haltung zeigen“


Anja Reschke, Moderatorin und Abteilungsleiterin des WDR-Brudersenders NDR, hat 2018 ein etwas dümmliches Büchlein mit dem Titel „Haltung zeigen“ veröffentlicht. Das Buch zeugt in erster Linie von einem – bei Journalisten ja nicht unüblichen – gehobenen Selbstbewusstsein. Journalisten, so führt sie aus, hätten nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, Haltung zu zeigen. Damit ist zunächst nur gemeint, dass auch Journalisten eine politische Meinung haben und in Kommentaren vertreten dürfen. Aber eine Meinung haben ist etwas anderes als Haltung zeigen. „Haltung“ duldet kein Sowohl als Auch, keine Gründe und Gegengründe, keine Rede und keinen Widerspruch. Haltung betrifft den ganzen Menschen, und wer die falsche Haltung hat, ist ein falscher Mensch.


Im gleichen Jahr veröffentlichte Reschkes etwas jüngere Journalistenkollegin Mely Kiyak – „politische Kolumnistin“, Autorin von „Zeit“, „Welt“ und „taz“, vielfach preisgekrönt, wie in der Relotius-Generation üblich –, ein Buch zum gleichen Thema mit noch knapperem Titel: „Haltung“. Frühen Ruhm erwarb sich Kiyak 2012, als sie in der „Berliner Zeitung“ und der „Frankfurter Rundschau“ einen Islamkritiker als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ bezeichnete.


Wie bei Reschke, so spielt auch in Kiyaks „Haltungs“-Büchlein die erste Person Singular eine herausragende Rolle. Außerdem fordert die Autorin das Verbot sämtlicher Äußerungen und Parteien – was mit deren Wählern geschehen soll, lässt sie offen –, die nicht mit ihrem eigenen Demokratieverständnis zusammenpassen. Sie wirft dem Staat komplettes Versagen im Kampf gegen rechts vor und kommt zu dem Schluss, es komme nicht mehr auf die Haltung an, sondern auf die Bereitschaft, ihr „auch Taten folgen zu lassen“. Was sie wohl meint? Im Windschatten der WDR-Diskussionen fanden zu Silvester in Leipzig routinemäßig linksextreme Gewalttaten gegen Einsatzkräfte statt, in deren Verlauf ein Polizist schwer verletzt wurde.


Der Literaturwissenschaftler Ralf Schnell hat vor langen Jahrzehnten, als die Germanistik noch eine ernstzunehmende Wissenschaft war, 1985 in einem „Merkur“-Aufsatz Grundzüge der NS-Literatur herausgearbeitet. In erster Linie forderte der Minister für „Volksaufklärung und Propaganda“ von den „Kulturschaffenden“ – auch dies ein Begriff aus dem Wörterbuch des „Dritten Reichs“ – die richtige „Haltung“. Bei einem nationalsozialistischen Autor komme es nicht auf die Ästhetik, nicht auf die Programmatik, nicht einmal auf den politischen Gehalt seines Werkes an. Entscheidend sei die „Haltung“. Diese Ästhetik der Haltung, so fasst Schnell zusammen, „will Kampf, Unterwerfung, Ausgrenzung und Herrschaft.“ Ihr Ziel ist es, „allen die identische Rede aufzuzwingen, allen ein identisches Reden abzuringen.“ Das passt.



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