Thomas Hartung: APPROPRIATION STATT INSPIRATION

Weil ein Winnetou-Kinderfilmbuch „rassistische Stereotype“ reproduziere und Völkermord „romantisiere“, nahm es der Ravensburger Verlag vom Markt. Das ist der Endsieg des Zeitgeists über die Kultur.



Am letzten August-Wochenende steuerte in der BILD die Posse auf ihren Höhepunkt zu: Weil die Diskussion um Winnetou „absurd“ sei, so der CDU-Wirtschaftspolitiker Rasmus Vöge, müsse sie der Kanzler beenden – „mit einem Gipfel gegen ‚cancel culture‘ im Kanzleramt.“ Unterstützung bekam er von der Berliner Bürgermeister-Legende Heinz Buschkowsky (SPD): „Die Ampel muss Winnetou retten – wir brauchen den Winnetou-Gipfel im Kanzleramt.“ Auch Jana Schimke (CDU) verlangte nach einem „Kanzler, der eine klare Haltung in diesen Fragen hat, Stellung bezieht und ernst genommen wird“; Dorothee Bär (CSU) ein „Machtwort“.


Bundestagsvize Wolfgang Kubicki (FDP) nahm zugleich Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) in die Pflicht und machte darauf aufmerksam, „dass Kultur Verfassungsrang hat in Deutschland“. Dabei ist Roth auch noch befangen: Ihre erste Liebe sei Winnetou gewesen, gestand sie vor Jahren in einem Interview. Als sie im dritten Band der Winnetou-Trilogie seinen dramatischen Tod nachgelesen habe, sei sie „regelrecht krank“ geworden: „Ich habe das ganze Bett nass geweint.“ In der Diskussion haben sich aber weder Roth noch Scholz zu Wort gemeldet, dafür Sigmar Gabriel: „Als Kind habe ich Karl Mays Bücher geliebt, besonders #Winnetou“, twitterte der ehemalige SPD-Chef. Zum Rassisten habe ihn das nicht gemacht. „Und deshalb bleibt Winnetou im Bücherregal für meine Kinder. Und den Film schauen wir uns auch an.“


Ein roter Kanzler und eine grüne Kulturministerin, die für die Republik kraft Amt einen fiktiven Indianer retten sollen – das ist leider mehr als nur Sommerlochtheater. Der Publizist Wolfgang Hübner erkennt bei Facebook einen „Auslöschungsfuror gegen alles, was nicht mehr als ‚politisch korrekt‘ erscheint“. Die Fantasiegestalt Winnetou passe „den heutigen Volksumerziehern einfach nicht mehr ins Konzept: Ein ‚Indianer‘ (korrekt: Indigener), der mit dem deutschen Kolonialisten ‚Old Shatterhand‘ in den Weiten Nordamerikas Freundschaft schließt, Gutes tut und auch noch als Christ (wie skandalös!) sein Leben aushaucht – das passt nicht mehr in die schöne neue Welt von Antirassismus und Glaubensverachtung.“ Und so schreibt dann auch die linksgrüne taz: „…dass die Winnetou-Verherrlichung einfach so weitergehen soll, als hätte die Kritik daran nichts mit dem Kampf um eine gerechtere Welt zu tun, ist rücksichtslos. Man muss auch loslassen können.“


Losgelassen – sprich aus dem Verkauf genommen – hatte zuvor die vor allem für ihre Spiele und Puzzle bekannte schwäbische Firma „Ravensburger“ vier Merchandising-Produkte: Die beiden Bücher „Der junge Häuptling Winnetou“ zum gleichnamigen Film sowie ein Puzzle und ein Stickerbuch. Auf Instagram begründete die Firma dies mit dem Feedback von weniger als 200 woken Shitstormern – für den Typus jener, die Vorwürfe von „Rassismus“ und „kultureller Aneignung“ erhoben, kreierte Heinrich Heine sicher seinen Begriff „Tugendpöbel“. Hunderte Instagram-Nutzer äußerten daraufhin ihr Unverständnis und bezichtigten die Firma des Einknickens, ja der Zensur, und traten damit eine wochenlange Debatte los, die nicht nur alle Feuilletons füllte, sondern selbst die Tagesschau.


Ein Sprecher von Ravensburger teilte mit, man habe die Entscheidung sorgfältig abgewogen. Bei den Winnetou-Titeln sei man zu der Überzeugung gelangt, dass angesichts der geschichtlichen Wirklichkeit, der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, hier ein „romantisierendes Bild mit vielen Klischees“ gezeichnet werde. Die Kritik hatte sich zunächst an der gleichnamigen Verfilmung entbrannt, weil der am 11. August in den Kinos angelaufene Streifen rassistische Vorurteile bediene und eine kolonialistische Erzählweise nutze. Außerdem bekennt Ravensburger in seinem

Instagram-Post „Unsere Redakteur*innen beschäftigen sich intensiv mit Themen wie Diversität oder kultureller Aneignung“. Dabei geht es um die Frage, ob weiße Künstler berechtigt seien, Moden und Musik aus anderen Kulturen zu adaptieren, ja sie zu kommerzialisieren und aus dem Zusammenhang zu reißen, die einst von ihren weißen Vorfahren unterdrückt wurden.


Ihr solltet euch schämen!


Die Liste der wegen kultureller Aneignung in der Kritik Stehenden wird damit immer länger. Die Zürcher Bar „das Gleis“ hat den österreichischen Musiker Mario Parizek ausgeladen, weil er Rastas trägt. In Bern wurde ein Konzert der Band Lauwarm abgebrochen, weil sich einige Besucher daran störten, dass sie jamaikanische Musik spielte und die weißen Mitglieder der Band teils afrikanische Kleidung und Dreadlocks trugen. Zuvor hatten „Fridays for Future“ die weiße Musikerin Ronja Maltzahn, die bei einer Demonstration in Hannover auftreten sollte, wegen ihrer Dreadlocks ausgeladen. Zuletzt musste sich auch noch das Schweizer Komikerduo „Ursus und Nadeschkin“ öffentlich erklären, weil Nadeschkin eine Rasta-Perücke trägt. Und in Deutschland behauptete die Bundesstiftung „Aufarbeitung der SED-Diktatur“, dass die Büchsenkonserven mit „NVA-Feldsuppe“ und „Pionier-Soljanka“ die DDR verharmlosen, weshalb sie aus dem Supermarkt verschwinden müssten. Der Afrika-Keks von Bahlsen oder die Zigeunersoße von Knorr sind schon lange Vergangenheit. „Wie weit ist es da noch, dass Ballspiele (erfunden von Azteken oder Chinesen) und Kanu- und Kajakboote (erfunden von Eskimos, pardon: Inuit) verboten werden, weil es sich hier ja um eine ‚kulturelle Aneignung‘ zum Zwecke der ‚weißen‘ Profilierung und Gewinnmaximierung handle?“, erregt sich Josef Kraus in Tichys Einblick.


Winnetou wird in der aktuellen deutschen, in Kooperation mit dem Karl-May-Verlag entstandenen Produktion von Mika Ullritz gespielt, der Deutscher ist und in München lebt. An seiner Seite: Mimen wie Tim Oliver Schultz, geboren 1988 in Berlin, die Deutsche Xenia Georgia Assenza oder der deutsch-türkische Schauspieler Mehmet Kurtuluş. Regisseur Mike Marzuk ist gebürtiger Oberbayer. Sollten weiße Schauspieler also überhaupt Indigene oder „People of Color“ verkörpern dürfen –

obwohl sie deren Unterdrückungserfahrungen gar nicht teilen? Hier sei daran erinnert, dass Ben Kingsley für seine herausragende Darstellung des Mahatma Gandhi den Oscar als bester Hauptdarsteller bekommen hat. Hätte er als Brite den indischen Freiheitskämpfer gar nicht spielen dürfen?


Nicht zum ersten Mal wurde Kritik an den Winnetou-Geschichten von Karl May laut. Zuletzt warf eine Podcast­Serie des MDR anlässlich des Saisonbeginns der Aufführungen in Bad Segeberg im Juni die Frage auf, ob die Karl-May-Geschichten überhaupt noch in die heutige Zeit passen. An der Diskussion beteiligt ist unter anderem auch der Winnetou-Darsteller Alexander Klaws. Der

Ex-DSDS-Star muss sich seit geraumer Zeit solcher Vorwürfe erwehren: „…dass ein weißer Mann einen Indianer-Häuptling spielen kann und auch noch mit ‚Red Facing‘ durchkommt“, schrieb ein User „Savio“, und „Hanita_tomita“ dekretiert: „Redfacing vom Feinsten. Wie kann es sein, dass ein Produktions-Team so etwas absegnen kann? … Und da tut Deutschland immer noch so, als wäre es in Hinsicht auf Rassismus besser als die USA. Ihr solltet euch schämen!“


Während die Debatte im deutschsprachigen Raum noch relativ neu ist, tobt sie in den USA seit Jahren. Die US-Juristin Susan Scafidi schreibt in ihrem Buch „Who Owns Culture?“ (2005): „Kulturelle Aneignung, das ist: Wenn man sich bei dem intellektuellen Eigentum, dem traditionellen Wissen, den kulturellen Ausdrücken oder Artefakten von jemand anderem bedient, um damit den eigenen Geschmack zu bedienen, die eigene Individualität auszudrücken oder schlichtweg: um daraus Profit zu schlagen.“ In Mexiko gibt es sogar ein Gesetz, um das zu verhindern. Wer kulturelles Erbe ohne Zustimmung reproduziert, kopiert oder imitiert, kann mit Geldstrafen oder bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden. Dadurch soll das kollektive geistige Eigentum der Urvölker geschützt werden, was international angesichts kopierender Luxusmarken wie Louis Vuitton nicht einfach durchzusetzen ist.


Die Diskutanten in Deutschland beschimpften sich nun gegenseitig als Rassisten und „woke“ Winnetou-Killer; das Karl-May-Museum in Radebeul sprach von einer „Winnetou-Cancellation“. Insofern überlagern sich in der Diskussion gleich drei Problemkreise: Neben dem der kulturellen Aneignung auch der des kolonialen Rassismus bzw. dessen klischeehafte Glorifizierung und nicht zuletzt der des kulturalistischen Dekonstruktivismus im Sinne von Cancel Culture. Mutiert schon jeder der drei inzwischen zum moralischen Dogma, das nur Apologeten oder Renegaten kennt, vergiftet ihre Melange die Debatte auch emotional: „Jetzt wird im Namen von imaginärer Empfindlichkeit, Diversität und Inklusivität die Meinungsvielfalt bekämpft“, beklagt Axel Meyer im Cicero die verhärteten Fronten. Es lohnt den Versuch, die drei getrennt zu analysieren, um zu zeigen, dass jeweils dieselbe ideologisch-anmaßende Deutungslogik am Werke ist.


Zu tiefem Mitgefühle


Der junge Häuptling Winnetou basiert auf den Figuren Karl Mays sowie auf einer Musicalvorlage – kurz, es ist „Indianer-Folklore“ für Kinder. Gedreht in feinster Euro-Western-Manier in Andalusien, wird ein idealisiertes Bild des Apachen-Stammes gezeigt; doch auch dessen Probleme spielen eine Rolle: Das Ausbleiben der Büffelherde, der Konflikt mit den Weißen. Das angerissene historische Bewusstsein bewegt sich im weichgespülten Rahmen deutscher Kinderfilmproduktionen, deren Charaktere auf Typen zurechtgestutzt sind.

Der Plot formuliert erst gar nicht den Anspruch, ein komplexes Bild zu zeichnen, und bewegt sich komfortabel in den Fantasiegefilden von May und Co.: „Ich sah einen Film, der sich treuherzig müht, nur bloß nichts falsch zu machen. Wenn die Apachen ausreiten, ist auch eine Kriegerin dabei.

Intschutschuna, Winnetous alleinerziehender Papa, ist pädagogisch auf der Höhe unserer Zeit“, amüsiert sich Michael Allmaier in der Zeit. Man müsse den Film „schon gründlich missverstehen wollen, wenn man ihn als Schilderung indianischen Lebens betrachtet“. Doch diese Gründlichkeit eignet vielen Kritikern: So beschrieb Claudius Seidl die Klischeebilder des Films in der FAZ als „dumm, provinziell, ignorant“. Der Theologe und Literaturwissenschaftler Jürgen Wehnert nannte gegenüber dem epd die Angriffe auf Karl May und seine Werke prompt „Rufmord“.


Denn Karl May war kein Ethno- oder Soziologe, kein Wissenschaftler, sondern Romanautor. Seine größte Gabe war seine Fantasie. Als einer der ersten erfand er sich als Kunstfigur neu, schuf ein mediales Ich – den mythischen Old Shatterhand, der immer wieder in den Wilden Westen reist, um dort mit seinem Blutsbruder Winnetou Abenteuer zu bestehen. Das Publikum hing an seinen Lippen, wenn er erzählte, wie er dort neulich wieder 35 000 indianische Krieger befehligte. Man kann May also durchaus vorwerfen, dass er Halbwahrheiten über fremde Völker verbreitete, um selbst Erfolg zu haben. Genau das finden die einen schlimm und die anderen normal, mischen also Fantasie und Realität – und verlaufen sich darin.


Carmen Kwasny, die Vorsitzende der „Native American Association of Germany“, kritisiert in einem DLF-Interview, dass Winnetou zahlreiche Klischees transportiere, zum Beispiel bei den Requisiten mit Tierschädeln und Federn. „Bei uns sieht man immer nur Tipis, Lederkleidung, Federschmuck und dieses fürchterliche Indianergeheul“, beklagt sie. „Jedes Mal aufs Neue: ‚Woowoowoowoo!‘ Uns sind da Dinge passiert, dass wir Gäste hatten aus den Vereinigten Staaten, und die hatten ihre Tracht an, und Erwachsene sind an uns vorbeigelaufen mit: ‚Woowoowoowoo!‘ Das Geräusch gibt es gar nicht.“

„Wir trugen tatsächlich Wildlederhosen mit Fransen, jagten Büffel, und das Zeichen der Stammeszugehörigkeit waren zwei Federn im Haar. Karl May hat erreicht, dass deutsche Forscher kamen, und so wurden unser Wissen, unsere Sprache, unsere Literatur bewahrt. Haben die Briten, Spanier oder Amerikaner das getan? Nein.“ Das sagt dagegen der Apache Gonzo Flores im Spiegel. Und: „Karl May zeigte uns in einem positiven Licht, und das ist besser als die Darstellungen hier in den USA, wo es bis 1993 ein Gesetz gab, das erlaubte, Apachen zu töten. Da ist Winnetou vergleichsweise fortschrittlich“, erklärt Flores. Das bekräftigte der Autor in „Mein Leben und Streben“ (Bd. 1) selbst: „Der Vorsatz, meine Gestalten teils in indianische […] Gewänder zu kleiden, führte mich ganz selbstverständlich zu tiefem Mitgefühle für die Schicksale der betreffenden Völkerschaften. Der als unaufhaltsam bezeichnete Untergang der roten Rasse begann, mich ununterbrochen zu beschäftigen.“


Tyrone White, ein im Rheinland lebender Indigener, wirft „den Deutschen“ dagegen pauschal vor, dass bei ihnen nur Platz sei für die von Karl May entworfene Fantasie – die Realität werde davon komplett überlagert. In einem DLF-Interview sagt er, die Macher trivialisierten die Geschichte der indigenen Völker Amerikas zu Unterhaltungszwecken. „Das ermöglicht den nicht indigenen Menschen, uns weiterhin als Fantasiefiguren zu betrachten.“ Ähnlich sieht es der Ethnologe Markus Lindner: „Was hindert denn heute einen Drehbuchautor, einen Buchautor, daran, fiktionale Bücher oder Filme zu machen, bei denen sorgfältig recherchiert wird?“, fragt er auch im DLF. Das gelte ja auch für jeden Krimiautor.


Kulturtransfer gehört zum Menschsein


Muss man May vorwerfen, er habe seine Figuren nicht beschrieben, sondern erfunden? Und müssen immer alle miteinbezogen werden, über die erzählt wird, und werden Filme dadurch authentischer, ja „ehrlicher“? Nochmal May: „Über die Undankbarkeit des Abendlandes gegenüber dem Morgenlande, dem es doch seine ganze materielle und geistige Kultur verdankt, machte ich mir allerlei schwere Gedanken. Das Wohl der Menschheit will, dass zwischen beiden Friede sei, nicht länger Ausbeutung und Blutvergießen. Ich nahm mir vor, dies in meinen Büchern immerfort zu betonen und in meinen Lesern jene Liebe zur roten Rasse und für die Bewohner des Orients zu erwecken, die wir als Mitmenschen ihnen schuldig sind.“


Als Folge seines märchenhaften Erfolgs – die Gesamtauflage wird heute auf 200 Millionen geschätzt – wurden die amerikanischen Ureinwohner in kaum einem anderen Land der Welt so verehrt wie in Deutschland. Der Held ganzer Generationen von Lesern war kein Biodeutscher, sondern der Mann im cremefarbenen Fransenanzug, ein Ausländer. Entsprechend bilanziert in BILD auch der Chef des Bildschriftenverlags Eckhard Friedrich auf der Zinne: „Diese Anti-Bewegung ist absurd, haben doch gerade die Romane von Karl May dazu geführt, dass man sich in Deutschland intensiv mit der Kultur der indigenen Bevölkerung (Indianer) beschäftigt hat.“


Kultur sei letztlich immer kulturelle Aneignung, „und zwar bestimmt nie auf der Ebene der Wirklichkeit, die es ja so sowieso kaum gibt, sondern immer im Sinne der Stilisierung, der Verformung“, kommentiert der Literaturkritiker Ijoma Mangold im Micky-Beisenherz-Podcast Apokalypse & Filterkaffee. „Und dann kann man als nächstes diese Klischees wieder in Frage stellen.“ Die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter findet die Diskussion um kulturelle Aneignung gar problematisch. „Die Skandalisierung der kulturellen Aneignungen weist eine Reihe von Absurditäten auf. Eine betrifft die Folgen, die sich ergeben, wenn man die geforderten Nutzungsbeschränkungen zu Ende denkt. Dann müssten bei jedem Gegenstand, jedem Stil, jeder Form kulturellen Ausdrucks die Urheber ausfindig gemacht und ihr Gebrauch auf diese Urheber beschränkt werden“, sagt sie dpa.

Kulturelle Aneignung ist für sie grundsätzlich etwas Positives. „Menschen haben stets Dinge von anderen übernommen, wenn sie diese für sinnvoll erachtet haben. Um es auf den Punkt zu bringen, ist die gesamte Menschheitsgeschichte eine Geschichte kultureller Aneignungen, ohne die es keine Entwicklung gegeben hätte“, sagt Schröter. „Dazu kommt, dass Aneignung stets eine gewisse Wertschätzung beinhaltet. Wenn man eine Gruppe von Menschen zutiefst ablehnt, wird man von ihnen nichts übernehmen. In einer Welt, die allein durch die sich beschleunigende Globalisierung immer vielfältiger wird, ist kulturelle Aneignung wohl die wichtigste Kulturtechnik, die ein friedliches Zusammenwachsen möglich macht.“


„Der Ravensburger Kotau vor dem Zeitgeist zeigt, dass deutsche Verlage zu woken Vorfeldinstitutionen von Linken und Grünen mutieren“, ärgerte sich der baden-württembergische kulturpolitische AfD-Fraktionssprecher Dr. Rainer Balzer MdL. „Kultur ist ein Prozess, der vom Austausch lebt. Das nennt man Inspiration und nicht Aneignung.“ „Kulturtransfer gehört zum Menschsein, in allen Kontexten und auf allen Seiten: Die amerikanischen Ureinwohner haben die vielleicht größte Virtuosität im Umgang mit Pferden entwickelt – nachdem die Spanier das Tier auf den Kontinent gebracht hatten“, exemplifiziert Claudia Mäder in der NZZ.


Auf gut Deutsch: Wer Kulturen auseinanderhalten und keine Beeinflussung zulassen will, verhält sich eigentlich rassistisch. Die wahre kulturelle Aneignung besteht doch darin, sich stellvertretend für eine Minderheit, der man noch nicht einmal angehört, beleidigt zu fühlen und das noch als Solidarität mit der Minderheit zu feiern. Diese Solidarität wird dann von vielen Protagonisten gerne angenommen. Denn „dabei werden Geborgenheit und Deutungshoheit, zwei wichtige Aspekte weißer Privilegien, infrage gestellt“, erklärt die schwarze Berliner Autorin Chantal-Fleur Sandjon in der Zeit. „Denn auch das ist kulturelle Aneignung, wenn marginalisierten Gruppen ihre eigene Geschichte und die Deutungshoheit über sie immer wieder entzogen wird.“ Appropriation statt Inspiration lautet das Gebot der Stunde. Prompt schlägt Jens Balzer im BR bereits eine „Ethik der Appropriation“ vor: Wo Aneignung in Enteignung umschlüge, muss eine Grenzen gezogen werden, obwohl es „so etwas wie ‚ursprüngliche‘, ‚authentische‘ Kulturen gar nicht [gibt], sondern es ist alles immer schon angeeignet.“


Romantisierung von Völkermord


Interpretiert man „Aneignung“ als Rechtsbegriff, beinhaltet er zwei Elemente: das „Zueignen“ und das „Enteignen“. Je nach Perspektive kann man das eine über das andere setzen – oder die Setzung interpretieren. Gus Backus‘ Hit von 1967 würde wohl niemand als Enteignung ansehen: „Häuptling schrie ziemlich laut, fuhr fast aus roter Haut. Seine Frau nahm sich Pfeil, stach ihn ins Hinterteil. Da sprach der alte Häuptling der Indianer: Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf. Uff“. Julian Theodor Islinger ergötzte sich in der JF treffend, dass die Irokesen-Frisur „die stolzen Stammeskrieger in die Nähe gammelnder Schnorrer“ vor allem linker Provenienz rücke, „die in Fußgängerzonen und vor Bahnhöfen lungern und statt Feuerwasser Dosenbier saufen“.

Nichtsdestotrotz haben die in der ARD verantwortlichen Machthaber entschieden, künftig auf die Ausstrahlung der noch immer sehr populären Winnetou-Filme zu verzichten. Begründet wird das auch mit ausgelaufenen Lizenzen, was aber nur vorgeschoben ist: Lizenzen kann man selbstverständlich erneuern. Prompt meldeten sich Verleger der Winnetou-Bücher und TV-Sender zu Wort und gaben ein „Indianer-Ehrenwort“: Winnetou bleibt! Der Chef des traditionsträchtigen Karl-May-Verlags Bernhard Schmid ätzte in BILD: „Das ist keine kulturelle Aneignung, sondern kulturelle Anmaßung – Deutsche haben nicht das Recht, Indianern vorzuschreiben, wofür sie sich diskriminiert fühlen sollen.“ Auch der Verleger Reinhard Marheinecke schließt ein Verkaufsstopp seiner Winnetou-Bücher aus: „Ich habe in den letzten Jahrzehnten mit ganz vielen Häuptlingen der Kiowa, Navajo und Comanchen Kontakt gehabt. Der größte Kiowa-Häuptling nennt sich selber ,I’m an Indian chief!‘ Aber das wissen diese Spinner nicht, die höchstwahrscheinlich noch nie einen Indianer zu Gesicht bekommen haben.“ Kabel Eins und RTL, ja selbst das ZDF versprachen, weiter Winnetou-Filme zu senden.


Dann protestierten auch die Karl-May-Stiftung und die Karl-May-Gesellschaft in einem gemeinsamen offenen Brief gegen die Entscheidung von Ravensburger und riefen zu einer Online-Petition auf. Wie schon zuvor auch vom Direktor des Karl-May-Museums in Radebeul wird darin betont, May habe „in seiner Darstellung des ‚Wilden Westens‘ von Anfang an die Sympathie des Erzählers der leidenden indigenen Bevölkerung“ zum Ausdruck gebracht, auch wenn er als Schriftsteller des 19. Jahrhunderts durchaus „damals gängige ethnische Stereotypen und eine eurozentrische Perspektive“ verbreitet habe. „Er war einer der frühen Pazifisten im deutschen Kaiserreich, er war einer, der den Kolonialismus extrem kritisch analysiert und verdammt hat“, hatte Museumsdirektor Robin Leipold erklärt. Wichtig sei deshalb eine „explizite Auseinandersetzung“ mit seinem Werk. Auch der sächsische Kultusminister Christian Piwarz (CDU) verteidigte das Werk Karl Mays in der Sächsischen Zeitung gegen Rassismus-Kritik. Er wundere sich sehr über die Hysterie und den Umfang an Unterstellungen, sagte er und äußerte sich dabei auch als früher May-Fan. Bei der jetzigen Diskussion könne er nur den Kopf schütteln.


Dabei mutet besonders absurd an, dass die filmische Adaption von der Deutschen Film- und Medienbewertung FBW als „besonders wertvoll“ eingestuft und vom FilmFernsehFonds Bayern mit der Höchstsumme von 950.000 Euro unterstützt wurde. „Nach Sichtung des Films zeigte sich in der sehr langen Diskussion, dass in der Gesamtbewertung die Jury absolut gespalten war – zwischen vehementer Ablehnung einerseits und großer Zustimmung andererseits“, hatte die Behörde dazu auf ihrer Internetseite geschrieben. Zu kritischen Tönen in der Jury heißt es: „Karl Mays literarische Idylle im Herkunftsland der indigenen Völker Nordamerikas sei, so die Aussage der Jury-Mitglieder, eine Lüge, welche den Genozid an den Ureinwohnern Amerikas und das ihnen zugefügte Unrecht der Landnahme der weißen Siedler und der Zerstörung ihres natürlichen Lebensraumes vollkommen ausblenden würde.“


Genau das war dann der Tenor vieler Kritiker, womit wir beim zweiten Problemkreis wären. „Was soll dieses Buch? Es reproduziert rassistische Stereotype, die ihren Ursprung im Kolonialismus haben“, so eine Nutzerin. Ein Account namens „Vielfältiges.Klassenzimmer“ kommentiert, der Stoff sei „schädlich“ und beinhalte „Romantisierung von Völkermord“. Es sei eine paradoxe Situation, in der diejenigen, die rassistische Gewalt strukturell seit Jahrhunderten verankert haben, erneut darüber entscheiden (wollen), wie ebendiese zu bewerten ist, dekretiert Sandjon. Doch ließe die aktuelle Debatte „hoffen, dass zukünftig die Unantastbarkeit nostalgischer Erinnerungen weißer Menschen nicht länger über die Forderungen marginalisierter People of Color gestellt wird.“ Damit wäre erneut bewiesen, dass sich zugewanderte „Marginalisierte“ über eine beheimatete Mehrheit erheben wollen.


Der Organisation „Native American Association of Germany e. V.“ (NAAoG), die den Shitstorm gegen Ravensburger mitinitiiert hatte, gehe es gar nicht darum, das Wort aus dem deutschen Sprachgebrauch zu streichen – sondern darum, dass den Menschen, die „Indianer“ genannt werden, keine Klischees und Stereotype auferlegt werden. Sie führt die Pauschalisierung der indigenen Bevölkerungsgruppen unter anderem auf Unkenntnis zurück und ruft dazu auf, Kinder bereits von klein auf für das Thema zu sensibilisieren. „Es ist sehr wichtig zu reflektieren, was den Kindern vermittelt wird, wenn ‚wilde Indianertänze‘ um das Lagerfeuer mit ‚Kriegsbemalung‘ und ‚Indianergeheul‘ als Ehrung der indigenen Nationen Nordamerikas bezeichnet werden.“ Die betroffenen Völker sollten nicht „auf eine einzige Klischeevorstellung reduziert werden“.

Eine besondere Dimension erhielt die Debatte durch ein Schreiben an das RND, in dem anonyme (!) Filmemacher die Bewertung des Films als den „wirklichen Skandal“ in der gesamten

Winnetou-Debatte beklagen. Hier werde das Komplettversagen unserer Filminstitutionen einmal mehr als deutlich, heißt es. Bei der Bewertung gehe es ohnehin „keineswegs um das Wohl der Zuschauer oder unserer Kinder, sondern um bares Geld“. Filme, die mit einem Prädikat ausgezeichnet sind, erhielten schließlich eine höhere Referenzgeldförderung von der Filmförderungsanstalt (FFA). Im weiteren Verlauf sprechen die Autoren von einem „Fördersumpf“ und suggerieren, bei der Auszeichnung würden Eigeninteressen eine Rolle spielen. Aha.


Ein moralisches Gerüst


Die Befürworter des Zertifikats „besonders wertvoll“ hingegen hätten „die schöne Botschaft: ‚Folge deinem Herzen’“ gesehen. „Dies ist eine der Botschaften, der man auch weitere wie ‚Frieden zwischen Menschen, egal welcher Herkunft’ und ‚Waffen sind keine Lösung’ hinzufügen kann“, heißt es von der FBW weiter. Sie setzten sich durch. Der Osnabrücker Kunstpädagoge Andreas Brenne hält die Ravensburger Produkte für unbedenklich und kritisierte die Entscheidung in der NOZ. Schon in einer Vorbemerkung werde klargestellt, dass das Buch als fiktive Geschichte und nicht als sachgerechte Darstellung des Lebens indigener Völker zu verstehen sei. Er warnte davor, den Vorwurf der falschen kulturellen Aneignung unreflektiert zu generalisieren. „Schon das Verkleiden als Indianer gilt dann als rassistischer Akt“, erklärte Brenne, der in der Karl-May-Gesellschaft an Programmfragen mitarbeitet.


„Man muss sich doch auch anschauen: Was sind die Werte, die in Karl Mays Büchern vermittelt werden?“, assistiert Michael Petzel, Geschäftsführer des Karl-May-Archivs in Göttingen. „Das sind Freundschaft, Gerechtigkeit, auch Widerstand gegen Unterdrückung. Friedensliebe. Ich habe oft genug mit Menschen fortgeschrittenen Alters gesprochen, die mir gesagt haben: ‚Karl May hat mir nicht nur ein riesiges emotionales Erlebnis vermittelt, indem ich durch ihn in eine andere Welt eingetaucht bin, sondern er hat mir ein moralisches Gerüst gegeben, das mich mein ganzes Leben begleitet hat.‘ Das hat mich immer schwer beeindruckt.“


An dieser Stelle muss man daran erinnern, dass 1927 unter den Zirkusakteuren des neuen

Sarrasani-Programms auch Sioux-Indianer waren. Der Zirkusgründer Hans Stosch-Sarrasani, der zeitweise in Radebeul lebte, schrieb Karl Mays Witwe Klara am 4. Dezember 1927: „Es wird Sie sicher interessieren, dass meine (sic!) Indianer (sic!) die gleiche Begeisterung für die Werke Ihres Mannes empfinden, wie die deutsche Leserschaft und die übrige Welt. Die Rothäute (sic!) haben den Wunsch geäußert, das Heim Ihres Mannes kennenzulernen, der ein so glühender und leidenschaftlicher Verehrer ihrer Rasse (sic!) war. Voller Dankbarkeit wollen sie dem Grab des Mannes, der ihr temperamentvollster Bewunderer gewesen ist, huldigen …“


Zu dieser Huldigung kam es dann im Januar 1928: Die Indianer legten zwei Kränze nieder und stimmten ein Klagelied an. Häuptling Big Snake sagte in seiner gestenreiche Rede: „In jedem Wigwam sollte Dein Bild hängen, denn nie hat der rote Mann einen besseren Freund gehabt als Dich“. Dass es gerade Sioux waren, darüber wunderte sich Klara später: „Nicht Apatschen sind es gewesen, auch nicht die befreundeten Navajo oder Schoschonen, die dem toten Freund der Indianer eine Huldigung an seinem Grab in Radebeul bereiteten, sondern seine früheren Feinde.“ Anekdote am Rande: „Bitte achten Sie darauf, das I-Wort in der Kommunikation zu vermeiden, da wir rassistisch geprägten Begriffen keine zusätzliche Plattform geben möchten“, lautete die Bitte des ZDF unter einem Facebook-Beitrag zum Winnetou-Buch. Sie schien zusätzliches Öl ins Feuer zu gießen: Einige Nutzer posteten frühere Beiträge des ZDF, in denen der Sender das „I-Wort“ selbst noch ausschrieb.

Der Moderator Nils Bokelberg twitterte dagegen, es gehe nur um „Nostalgie und die Unmöglichkeit, die eigene Kindheit loszulassen.“ Eine erste Eltern-, aber auch junge Erwachsenen-Generation betrachte Inhalte genauer und ordne sie kritischer ein. „Und den Test besteht eine erfundene

Cowboy- und Indianer-Story leider nicht, in der der stolze, starke Indianer erst sein volles Potential entfalten kann, wenn ihm der weiße Mann den Weg weist.“ Es gehe aber gar nicht darum, irgendwem die Kindheitserinnerungen wegzunehmen, so Hadija Harouna-Oelker auf ttt, sondern um „zeitgemäße Umgänge“ für unsere Kinder: „Und es zeigt sich ja, dass die Zeiten vorbei sind, diesen Teil unaufgearbeiteter Geschichte weiterhin auszublenden.“

Dieser zweite Problemkreis zeigt also auch, dass die Sympathie für die überdies klischeehaft Kolonisierten keinesfalls von der Antipathie gegen die kolonisierenden Rassisten überwogen werden dürfe – im Gegenteil: Geschichte muss sich immer und unter allen Umständen rational aus Sicht der Unterdrückten vermitteln; falsche Emotionen und falsche Begriffe führen zum vermeintlich falschen Geschichtsbild. Es scheint, als ob zunehmend mehr Menschen in ihrer imaginierten Hochmoral baden und das Ausüben der Rechte genießen, ja zelebrieren, die sie aus dieser ableiten. Das ist absurd: Rassismus könne man May, der die Indianer als „Extremgutmenschen“ darstellte, „sicher nicht vorwerfen“, so Matthias Heine in der WELT.


Behandelt wie ein kleines Kind


Vom „Wegnehmen“ bis zum „Tilgen“ ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Mittlerweile zieht Ravensburger gerade mit Blick auf diese sensiblen Themen externe Fachberater zu Rate oder setzt „Sensibility Reader“ ein, die „unsere Titel noch einmal kritisch auf den richtigen Umgang mit diesen Themen prüfen. Bei den Winnetou-Titeln ist uns das leider nicht gelungen, sie entsprechen nicht den Ravensburger Standards, deshalb entfernen wir sie aus dem Programm.“ Damit ist dieser beängstigende Trend Orwell’scher „Verifikatoren“ von den darstellenden Künsten auch in die Verlage migriert. So hatte das Berliner Ensemble eine Beratungsagentur engagiert, um eine Aufführung von Carlo Goldonis Komödie „Der Diener zweier Herren“ (1746) „rassismuskritisch“ zu bewerten.

Danach soll entlang mehrerer Indikatoren wie Sprache und Ausdrucksweise der Figuren, Darstellung einzelner Charaktere und dem geographischen beziehungsweise historischen Kontext untersucht werden, „ob und inwieweit Unterdrückungssysteme reproduziert werden“. Das Berliner Staatsballett hatte Tschaikowskis „Nußknacker“-Inszenierung gleich ganz abgesetzt. Bei zwei Kindern habe es im zweiten Akt „Blackfacing“ gegeben oder zeige der chinesische Tanz „Stereotypen mit kleinen Trippelschrittchen“. Mehr Moralismus und Masochismus war selten. „Das Publikum interessiert sich möglicherweise gar nicht so sehr dafür“, muss Theobald in der Berliner Zeitung eingestehen. „Aber dennoch ist es im Sinne einer kulturhistorischen Auseinandersetzung mit dem Werk sehr wichtig“. Was „es“ ist und vor allem, für wen es „wichtig“ ist, verrät sie nicht.


„Ist in dieser absurden Zeit überhaupt noch ein unbefangener Kulturgenuss möglich, ja erwünscht – oder wird inzwischen alles unter ideologischen General- und damit Rechtfertigungsverdacht gestellt“, fragt Balzer prompt. Es sei aber nicht nur geschichtsvergessen, sondern völlig absurd, Kunst der Vergangenheit aus heutiger Sicht „rassismuskritisch“ zu beurteilen und sie eventuell zu verändern oder gar nicht mehr zu spielen bzw. zu publizieren. Im Grunde wird der heutige Kunstkonsument „behandelt wie ein kleines Kind, das unbedingt die ‚richtigen‘ Lehren mitnehmen soll. Das ist Gesinnungsdiktatur pur“, empört er sich. Wenn auch nicht von Claudia Roth, aber immerhin von Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) kam ebenfalls Kritik. Sie hätte es persönlich gut gefunden, wenn Ravensburger sich anders entschieden hätte und man die Bücher hätte lesen können: „Kinderbücher von früher bedienen nun mal Klischees. Struwwelpeter ist schwarze Pädagogik pur. Sollen wir ihn deswegen verbieten? Aber wenn wir diesen Maßstab bei allen Märchen und Kinderbüchern anlegen, wohin soll das führen?“


Eine verstörende Antwort auf diese Frage gab der Komiker „Bully“ Herbig in der Talkshow 3 nach 9, als er auf seine Kultkomödie „Der Schuh des Manitu“ (2001) angesprochen wurde. „Den Film hab ich vor 22 Jahren gemacht und es war eine Parodie auf Filme, die vor 60 Jahren im Kino waren“, erläuterte er. Der Phantasiename „Abahachi“ nahm unverhohlen „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“ (1966) auf die Schippe, war also seinerseits Aneignung. Heute würde er das nicht mehr so machen: „Die Comedy-Polizei ist so streng geworden.“ Das nehme ein bisschen die Unschuld und die Freiheit: „Wenn es dann irgendwann mal einen Katalog gibt, in dem steht, über die Person darfst du Witze machen, über diesen Menschen oder Kulturkreis aber nicht, dann kommst du in so ein Fahrwasser… also ich hätte dann keinen Spaß mehr daran. Und ich sehe, wenn in so eine Richtung weiter galoppiert wird, sehr dunkle Zeiten auf uns zukommen.“


Auch die originale Apanatschi-Schauspielerin Uschi Glas hatte zuvor kein Verständnis für die Ravensburger Entscheidung gezeigt. „In den Filmen und den Romanen gibt es Gute und Böse. Sie haben weiße oder rote Haut. Es bildet das echte Leben ab. Man soll doch aufhören, hier auf Biegen und Brechen einen Anlass zu finden, über etwas zu schimpfen“, sagte sie BILD. Schauspiellegende Didi Hallervorden hat sich über den Umgang mit Winnetou dagegen lustig gemacht. „Ich glaube, wir leben in einer Art von Empfindsamkeitskult, bei dem uns andere Leute vorschreiben wollen, mit welchem Slalom wir angebliche Fettnäpfchen in Zukunft zu umrunden haben“, sagte der 86-Jährige der WELT. „Ich nehme es als Bevormundung.“


Das ist es auch – ebenso wie übrigens Mays bis 1982 währendes Druckverbot in der DDR. Der Grund: Die linke SED warf ihm neben „Rassismus“ auch „Deutschtümelei“ vor – Adolf Hitler hatte May einst zu seinem „Lieblingsautor“ gekürt. „Tatsächlich hatten deutsche Rechte ein Faible für Indianer; sie sahen sich selber als edle Wilde vom Stamme der Germanen“, meint Allmaier. „Der Kolonisator kennt die Kultur der Kolonisierten besser als diese selbst“, kritisiert auch der Hamburger Historiker Jürgen Zimmer auf tag24 eine „völkische Aufladung“. Die Figur „Old Shatterhand ist nicht nur als Weißer allen überlegen (einzige Ausnahme Winnetou), sondern als Deutscher auch allen Weißen“. Karl Mays Werke sind in ihrer DNA rassistisch, behauptet er im BR. Die Bücher vermittelten die „weiße, deutsche Überlegenheit“. Er stehe für die Traumwelten des Wilhelminismus.

Teile der NS-Ostbesatzungspolitik, die Vorstellung, wie dort deutsche „Kolonialist*innen“ [Gendersternchen von Zimmerer gesetzt] angesiedelt werden, orientiere sich an Vorstellungen von der „Eroberung des Wilden Westens“ aus den Büchern Karl Mays. „Das ist eingeschrieben in das Werk von Karl May. Das ändert nichts an seiner Person“, so Zimmer. Aber selbst die „Kurze Geschichte der deutschen Literatur“ (DDR) gab zu, seine „stehenden Figurentypen“ liefern „Beispiele für Mut, Gerechtigkeitssinn, Freundestreue, Nächstenliebe, Mitgefühl für Verfolgte.“ Nach 1982 galt der „Proletariersohn“ freilich als ein aufrechter „Kämpfer gegen die US-amerikanische Raub- und Ausrottungspolitik“ – was ihm heute von wiederum Linken zum Vorwurf gemacht wird. Das ist kein Witz.


Im Grunde eine infantile Bewegung


Dabei legte Herbig den Finger auch in die Wunde der von Meyer beklagten „imaginären Empfindlichkeit“: „Wir haben damals nach der Philosophie gelebt: ‚Wenn wir diejenigen zum Lachen bringen, die wir auf den Arm nehmen, haben wir alles richtiggemacht.‘ Heute ist es dahingehend schwierig, dass wenn mir jemand das Totschlagargument entgegenschleudert ‚Du hast meine Gefühle verletzt‘, dann kann ich nicht sagen: ‚Stimmt doch gar nicht‘.“ Auch Ravensburger hatte verlauten lassen. „Sollte unser Buch zum Film – eine rein fiktionale Geschichte zu einem der beliebtesten Filmklassiker – die Gefühle anderer verletzt haben, bedauern wir dies“.


Diesen emotionalen Aspekt betonten vor allem die Schweizer Zeitungen, die die parallele Tilgung der weißen Rasta-Musiker in Bern und Zürich sichtlich verstört hatte. „Sich auf seine Gefühle zu berufen, macht einen in mancherlei Hinsicht unantastbar, gibt einem Macht. Wer das weiß, der kann die Gefühle effektvoll einsetzen“, erkannte etwa Benedict Neff in der NZZ. Der Veranstalter in Zürich hatte betont: „Wir haben dieses Konzert nicht wegen seiner Rastas abgesagt, sondern wegen des ausgesprochenen Unwohlseins von unseren Mitmenschen.“ Prompt wird Herbig von Neff bestätigt, für den „die freie Entfaltung, die Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks schleichend abnehmen. Denn in Wahrheit ist das Projekt der Hypersensiblen Gleichförmigkeit und Gleichmachung. Wenn alles gleich ist, gibt es auch keinen Anstoß mehr, keine Erregung.“


„Im Grunde handelt es sich bei Cancel-Culture-Aktivisten um eine infantile Bewegung“, bilanziert er. „Ehrlicherweise müssen wir diesen Aktivisten sagen: Unwohlsein gehört zum Leben, ein gewisses Unwohlsein muss man auch aushalten können. Die Vorstellung, dass wir uns gegenseitig ständig gute Gefühle geben, entspricht nicht dem Dasein.“ Ralf Höcker, der als Anwalt Menschen vertritt, die von Cancel-Culture-Aktivisten gemobbt werden, sagte der NZZ: „Unsere Rechte enden nicht da, wo die Gefühle anderer beginnen, und sie enden schon gar nicht da, wo verletzte Gefühle nur vorgetäuscht werden, um so ein Totschlagargument zu gewinnen. Unsere Rechte enden erst da, wo die Rechte anderer beginnen.“ Individuelles Empfinden darf niemals interindividuell aufgezwungen werden. Wenn Gefühle zur Legitimation von Zensur missbraucht werden, ist etwas prinzipiell ins Rutschen gekommen.


Ähnliche Vorwürfe allerdings erhob schon 1905 der Reformpädagoge Heinrich Wolgast in seiner Kampfschrift „Das Elend unserer Jugendliteratur“. Darin denunzierte er Mays „Backfischgeschichten“ als Produkte eines „stoffhungrigen Geistes“, dessen mangelnder ästhetischer Geschmack die „pubertäre Verwilderung“ befördere: „Böse Gesellschaft verdirbt gute Sitten, und so tötet der Umgang mit den Zerrgestalten dieser Schundwerke das natürliche sittliche Empfinden“. Das „ist der Anfang vom Ende des Vertrauens in die Denk- und Urteilsfähigkeit des (jungen) Menschen“, klagt Oliver Erichiello auf Tichys Einblick. „Die Entmündigung des Einzelnen im Sinne betreuten Denkens verdeutlicht ein Weltbild, das glaubt, alles steuern zu können und zu müssen … Winnetous leiser Kampf ist auch der Kampf um die Bewahrung von Phantasie und Identifikation als Grundlage alles sozialen Lebens – seitdem sich Menschen Geschichten erzählen. Eine Welt, die Welt ist: mit Fehlern, mit Missverständnissen, mit Problematiken. Mit Unsicherheiten und Katastrophen. Welt, eben.“


Bemerkenswerterweise fragen die Cancler ja nie nach den Gefühlen jener, die gecancelt werden und/oder mit den Folgen des Cancelns umzugehen gezwungen sind. Für den Euphemismus „Ächtungskultur“ plädiert Jonas Schaible im Spiegel: Eine egalitäre wehrhafte Demokratie ergäbe ohne sie keinen Sinn. Und er rabulistert: „Der Korridor dessen, was als legitime Meinung akzeptiert wird, ist in Wahrheit nicht enger geworden, sondern weiter. Aber er verläuft heute woanders als früher.“ Während Möglichkeiten wüchsen, verschwänden Selbstverständlichkeiten. Das bekam auch der Sportmoderator Frank Buschmann zu spüren: Er warnte mit dem Satz „Extreme Linke moralisieren die Gesellschaft kaputt und die extremen Rechten sammeln ein“ auf Twitter davor, dass Kampagnen gegen Bücher wie „Winnetou“ nur „Rechten“ nutzen – und wurde dafür als (vermeintlich) Rechter gejagt. Etwa von Philipp Köster, Chefredakteur des Magazins Elf Freunde, der andeutete, Buschmann habe mit seinem Tweet gerechtfertigt, dass Rechtsradikale „Ausländer durch die Straßen jagen“ – was Buschmann gar nicht getan hat.


Debatten als Seismograf


Es geht also längst nicht mehr um „die Tücken der hypersensiblen Gesellschaft“, die Mäder zu erkennen meinte, sondern um Political Correctness, ja täglich intensivere Identitätspolitik: Da sollen Texte nur von schwarzen Kritikern besprochen oder übersetzt werden, weil sie von einer schwarzen Person geschrieben worden sind, oder indische Currys nicht von Menschen aus ehemaligen Kolonialmächten zubereitet werden. Fatal erscheint dabei die Nähe der Karl-May-Zensur mit dem glücklicherweise gescheiterten Attentat auf Salman Rushdie: Seit 1989 wollen fanatische Ideologen eine tolerante Gesellschaft zwingen, die „Satanischen Verse“ nicht zu lesen. Auch heute wollen fanatische Ideologen eine tolerante Gesellschaft dazu zwingen, dass nicht mehr alles gelesen werden darf, und den Hauptangeklagten Winnetou nach seinem Tod ein zweites Mal in die ewigen Jagdgründe verbannen.


Wo damals für Rushdies Buch die Mutigen für die Meinungsfreiheit kämpften, wird heute von den vermeintlich Guten gegen die Meinungsfreiheit anonym agiert und agitiert, erregt sich Meyer. Man muss weder die „Satanischen Verse“ noch „Winnetou“ lesen oder mögen, aber man muss sie lesen dürfen. „Demokratische Gesellschaften haben die Kunstfreiheit im Grundgesetz verankert, um sie davor zu schützen, zum reglementierbaren Spielball zu verkommen“ befand Jagoda Marinić im Spiegel. „Diese Debatten werden ein Seismograf dafür sein, in welche Richtung sich freiheitliche Demokratien entwickeln. Wir sollten deshalb genauer hinsehen“. Sehr genau sogar.


Denn – jüngster medialer Paukenschlag – der MDR will Filme, die „rassistische Stereotype und Diskriminierungen“ beinhalten, künftig mit „einordnenden Hinweisen“ versehen. Das soll selbst

Defa-Klassiker wie etwa „Die Söhne der großen Bärin“ aus dem Genre der damaligen Indianer-Filme oder auch den Märchenfilm „Der kleine Muck“ betreffen. Wichtig sei dabei „eine begleitende Berichterstattung und zeitgemäße Einordnung, die eine Debatte ermöglicht, die dem Thema gerecht wird“, heißt es beim Sender. Lokale Initiativen wie der Verein „Filmtheater Twistringen“ aber schauen nicht nach dem neuen Jakobinertum, sondern handeln – und starten eine neue Reihe mit

Karl-May-Verfilmungen.


PS: Die Karl-May-Spiele 2022 in Bad Segeberg sind am ersten Septembersonntag mit einem Zuschauerrekord zu Ende gegangen.


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Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in

Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Hier können Sie TUMULT abonnieren. Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier.