Thomas Hartung: DIE BERUFS-AUTORITÄRE

Ex-Antifa-Redakteuse Nancy Faeser fällt als Innenministerin bislang nur durch Dekonstruktionen auf: „Telegram“ will sie abschalten, Exkanzler Schröder aus der SPD werfen - und nun „Heimat“ umdeuten.


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Um das Thema all den bösen „Rechten“ mit der AfD an der Spitze streitig zu machen und das semantische Feld aus der „Mitte der Gesellschaft“ heraus neu zu beackern, hatte Horst Seehofer (CSU) sein Bundesinnenministerium 2018 nicht nur um „Bau“, sondern vor allem um „Heimat“ erweitert. Seine spezialdemokratische Nachfolgerin Nancy Faeser, die noch am Tag ihrer Ernennung den Rechtsextremismus als „größte Bedrohung der inneren Sicherheit“ identifizierte, hat zwar „Bau“ gestrichen, aber „Heimat“ beibehalten – und Mitte Mai zuerst auf einer Zeit-Diskussion, und wenig später auf Twitter, eine absurde Debatte um den Begriff losgetreten. Wir müssten ihn „umdeuten und so definieren, dass er offen und vielfältig“ sei, meinte sie. Er müsse ausdrücken, dass Menschen selbst entscheiden könnten, „wie sie leben, glauben und lieben“ wollten. „Ich glaube, wenn man ihn so offen und modern versteht, können sich viele Menschen etwas sehr Positives darunter vorstellen“, zeigte sie sich überzeugt. Das wäre „ein Gewinn für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“.

Dem Spiegel sagte sie, wenn ihr die rechte Szene vorwerfe, sie würde damit den Heimatbegriff verwässern, dann fühle (!) sie sich auf dem richtigen Weg. Aber schon zuvor säumten ihren Weg nur einseitige linksideologische Projekte. Sie drohte mit der Abschaltung des Messengerdienstes „Telegram“, um zu erreichen, dass der Dienst tätig werde, wenn es um „Morddrohungen, Hass und Hetze im Netz“ gehe. Sie wollte Gerhard Schröder aus der Partei werfen, weil er zu enge Kontakte zu Russlands Präsident Putin habe. Und sie stellte ausgerechnet als Verfassungsministerin Art. 8 GG „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln“, infrage: Denn während sie sich bei den einen Themen als glühende Verfechterin öffentlichen Protests gab, lehnte sie den bei anderen ab.

„Ich bin total begeistert, wie viele Menschen gestern für den Klimaschutz auf die Straße gegangen sind“, schrieb sie im September 2019 auf Facebook. Auch den Protest im Dannenröder Forst fand sie gut. Zu den Spaziergängen gegen die überzogenen Corona-Maßnahmen dagegen twitterte sie: „Man kann seine Meinung auch kundtun, ohne sich gleichzeitig an vielen Orten zu versammeln.“. Der Augsburger Staatsrechtler Josef Franz Lindner nannte das bei Bild „eine problematische Aussage“, Bundestagsvize Wolfgang Kubicki (FDP) stellte klar: „In unserem Verfassungsstaat darf sich jeder überall und jederzeit friedlich versammeln. Das gilt für Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen genauso wie für Fridays for Future.“


„Bürger unter Vorbehalt“

Nun also Heimat. Nicht zum ersten Mal übrigens. Bereits im vergangenen Dezember gab Faeser auf Twitter eine Neuinterpretation bekannt: „Heimat umfasst alle Menschen, egal wo sie herkommen, was sie glauben, wen sie lieben. Der Begriff soll signalisieren, dass wir die Gesellschaft zusammenhalten wollen.“ Sinnigerweise gab sie ihr neues Statement auf die Zuschauerfrage, wie eine Vereinnahmung dieses Begriffs „durch die AfD und andere rechtsradikale Schergen“ verhindert werden könne. Ein Scherge ist ein Henkersknecht, ein Büttel, ein käuflicher Verräter oder jemand, der einem Schurken dienstbar ist. Wen henkt die AfD? Wessen Büttel soll sie sein, wer hat sie gekauft? Und welchem Schurken ist die AfD dienstbar? Ist das nicht Verleumdung, Hassrede, Hetze – im Beisein unserer Innenministerin, die gegen Verleumdung, Hassrede, Hetze vorgehen will?

Und sinnigerweise gab sie dieses Statement just an dem Tag, da sie im feierlichen Beisein uniformierter Beamter eine Regenbogenfahne vor ihrem Amtsgebäude hisste. Es sei ein historischer Tag, sagte die SPD-Ministerin, denn die Regenbogenfahne habe bisher überhaupt noch nie vor dem Ministerium geweht. Anlass war der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit. „Die deutsche Innenministerin scheint zu meinen, Heimat stehe in Deutschland immer noch für eine Art Blut-und-Boden-Ideologie. Um diese zu bannen, sollen sich die Deutschen unter der Regenbogenfahne versammeln. Faeser fühlt sich offenkundig berufen, nun noch eine Art Feinschliff in der Entnazifizierung Deutschlands durchzuführen“, bringt Benedict Neff in der NZZ die Causa auf den Punkt.

Mit der Umdeutung staatlicherseits verlangt sie „dem Kollektiv eine Arbeit am Begriff ab, um anschließend generös Individualität zuzuteilen. … Letztlich wird der Bürger unter Vorbehalt gestellt“, befand Alexander Kissler ebenfalls in der NZZ. Abgesehen von der kollektivierenden Unverschämtheit „wir müssen“, die in Wahrheit immer „ihr müsst“ bedeutet, da die Kabinettsweisen besser wissen, was gut für den Bürger ist als dieser selbst, kann auf die Idee, den Begriff Heimat „positiv“ aufzuladen, nur jemand kommen, für den der Begriff bisher negativ besetzt war. Solche Menschen sollten einem fast leidtun; ist Heimat doch ein Sehnsuchtsort für jeden, der keine hat.

Hier muss man an die Einstellung zweier grüner Regierungsmitglieder erinnern: Heimat sei „ein Versprechen, dass alle Menschen Geborgenheit und Sicherheit erfahren können, egal wo sie herkommen und wie sie leben wollen. Das, was uns verbindet, sind die Werte unserer liberalen Verfassung“, erklärte zum einen Robert Habeck. Eine erdachte statt erfahrene Heimat, darauf müssen wir zurückkommen. Sein Credo wurde oft zitiert: „Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland noch nie etwas anzufangen und weiß es bis heute nicht“. Claudia Roth zum anderen lief auf einer linken Demo gleich dem Transparent „Deutschland du mieses Stück Scheiße“ hinterher.

Allein das Verb „umdeuten“ gemahnt fatal an Orwells „Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!“ Spötter schlugen im Netz prompt vor, ihr Ministerium in „Bundesministerium für die Gegend, in der Menschen selbst entscheiden, wie sie leben, glauben und lieben wollen“, oder gleich in „Wahrheitsministerium“ umzubenennen. Auch „Querdenker“ oder „Spaziergänger“ sind ja inzwischen zum Schimpfwort geworden. Und da soll durch eine Umdeutung eines Begriffs per Definitionsdiktat von oben gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen? Das Gegenteil ist richtig: Faeser will im Sinne radikaler Weltsicht die subjektive Einzigartigkeit von Heimat umdeuten, indem sie diese Einzigartigkeit aufheben und der Beliebigkeit zuführen will. Jeder kann kommen und erklären, dass der neu gefundene Ort jetzt seine Heimat ist.

Wo man gerade ist, soll nun also Heimat sein: Eine Bedeutung von Vertrautheit, Kultur, Tradition, sozialem Bezug und Erinnerungen wird hier explizit wegdefiniert. Der Begriff soll damit entkernt und folglich seiner eigentlichen Bedeutung beraubt werden. Diese Quasi-Entwurzelung ist unter Linken schon lange das Ziel, damit ideologisches Social Engineering nach Gusto weiter betrieben werden kann. Ein Traum für jeden roten Revolutionär, denn ein heimatlich entwurzeltes Volk lässt sich viel leichter steuern. Man fragt sich ernsthaft, ob Faeser mit solchen Äußerungen und auch aufgrund der anderen Vorkommnisse nicht ebenfalls unter den Radikalenerlass fallen müsste: Sie selbst ist die eigentliche Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt!


Vorwand für völkische Überlegenheitsphantasien

Woher dieser linke Heimat-Furor kommt, hat Daniel Schreiber in der Zeit schon vor Jahren herbeierklärt: „Der Begriff ‚Heimat‘ wird heute von vielen Deutschen als eine Chiffre für Ausgrenzung gebraucht; er fungiert als das scheinbar menschliche Gesicht von Alltagsrassismus und als Vorwand für völkische Überlegenheitsphantasien.“ Er empfahl, den Begriff unbedingt dem „rechten Rand“ zu überlassen. Wenn man ihn übernehme, legitimiere man nur sein nationalsozialistisches und fremdenfeindliches Potenzial. Man leiste Schützenhilfe: Heimatliebe könnte in Nationalstolz ausarten. „Als wollte Faeser nun beweisen, dass sie eben keine Schützenhilfe leistet, sondern im Gegenteil eine Regenbogenheimat schaffen möchte, in der jeder einbezogen und niemand ausgegrenzt ist“, folgert Neff.

Man spricht traditionell von einem Heimatgefühl und nicht von einer Heimatentscheidung. Wenn Faeser semantisch eine „Wahlheimat“ meint, soll sie sie so nennen. Den Begriff traut sie sich dann aber doch nicht. Das Blatt legte übrigens – ein Schelm, der Arges dabei denkt – eine Woche nach Faesers Verbalausfall in einem Text zum Wandern nach, das unter „Neonazis“ weit verbreitet sei. Mit Sport habe das jedoch wenig zu tun, „dafür mit einer Pervertierung des Begriffs ‚Heimat‘“, behauptet Timo Büchner. Das ist kein Witz. Dahinter stecke nämlich ein „bizarrer Ahnenkult“, ja ein „rechtes Gemeinschaftserlebnis“. Nur nebenbei: Erst im November 2019 plakatierten SPD und Grüne im bayrischen Seefeld für den gemeinsamen Bürgermeisterkandidaten eine Wandereinladung.

Aber auch Max Czollek erklärte bereits vor längerem bei Zeit Campus die Rückkehr des Heimatbegriffes zu einem Ergebnis des „Agendasettings von rechten Parteien, insbesondere der AfD“. Grüne, SPD und Linke hätten das einfach übernommen und die Geschichte des Begriffs nicht weiter problematisiert, frei nach dem Motto: „Wenn wir es gut meinen, kann es ja auch nicht schlecht sein.“ Für Czollek ist das „politische Naivität“, die nicht nur albern, sondern brandgefährlich sei. Einen Text über das linke Gemeinschaftserlebnis, wenn die Antifa durch ihr heimatliches Biotop Leipzig-Connewitz marschiert, sucht man in dem Blatt übrigens vergebens.

Apropos Alltagsrassismus: dieses Narrativ griffen die linksaktivistische Publizistin Fatma Aydemir und die nichtbinäre Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah - die deutsche Polizisten auf dem Müll entsorgen wollte - in ihrem Essayband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ 2019 dankbar auf. Dort heißt es: „Heimat hat in Deutschland nie einen realen Ort, sondern schon immer die Sehnsucht nach einem bestimmten Ideal beschrieben: einer homogenen, christlichen, weißen Gesellschaft, in der Männer das Sagen haben, Frauen sich vor allem ums Kinderkriegen kümmern und andere Lebensrealitäten schlicht nicht vorkommen.“ Da muss man sich doch sehr wundern, warum so viele Menschen ungeheure Gefährdungen auf sich nehmen, um endlich an den Ort zu gelangen, der für die Autoren ein „Albtraum“ ist. Man könne zwar vieles spießig und spaßbefreit finden, so die Österreicherin (!) Anna Schneider in der Welt, „aber dass dieses Land, dass diese Heimat für manche den reinen Albtraum darstellt, sagt wohl mehr über sie als über Deutschland.“

Ist dieses Hinterfragen traditionell gewachsener Begriffe und Gefühle - auch - dem immer größer werdenden Anteil muslimisch Sozialisierter, meistenteils afrikanisch „Beheimateter“ geschuldet, die ins Land kommen? Man gewinnt den Eindruck. Da werden in Köln der Ruf des muslimischen Muezzin mit dem Läuten der christlichen Kirchenglocken gleichgesetzt und von der Stadtverwaltung die Türme des Doms aus dem Stadtlogo entfernt; und wer sich kritisch über Messerangriffe muslimischer Täter äußert, gilt schnell als islamophob. Nun also hat jeder, der in Deutschland ist, Deutschland als Heimat. Demnach braucht man sich auch gar nicht mehr über längst überfällige Abschiebungen zu kümmern - denn aus der Heimat darf man dann ja nicht mehr abschieben. Kann man dann Vokabeln wie Migranten, Flüchtlinge, Zuwanderer auch gleich tilgen? Wie praktisch. Faesers SPD-Kabinetts-kollege Hubertus Heil feierte Tage später prompt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz als „Bekenntnis, dass wir ein Einwanderungsland sind.“

Auch der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge entspreche nicht der „Nesthocker“ dem Idealbild der globalisierten Wirtschaft, sondern der mobile Jobnomade, der uneingeschränkt für ökonomische Zwecke verfügbar und einsetzbar sei: Bei Nomadenvölkern gebe es beispielsweise eine lange Tradition ständiger Ortswechsel. Charakteristisch für Jobnomaden sei es, dass sie von ihren Auftraggebern gerade dann „abgestoßen“ werden müssten, wenn es „am schönsten“ sei, wenn sich also Vertrautheit mit dem Umfeld einstelle. Ideal wäre es dieser Sichtweise zufolge, wenn Menschen sich zu „Global Souls“ entwickeln würden, denen „Heimatverbundenheit“ und „Sesshaftigkeit“ nichts bedeuten. Die EU fängt ja damit bereits an: Das Konzept der Vaterländer ist schon lange obsolet.


„Menschen nicht in Schubladen stecken“

Postmoderne Beliebigkeit, falsch verstandenes Weltbürgertum und bindungsunfähige Orientierungslosigkeit haben in den Köpfen der linksliberalen „Elite“ jeden Begriff von Heimat bereits seit geraumer Zeit zersetzt. Zwei Beispiele: Das Leipziger Leibniz-Institut für Länderkunde hatte 2001 die seit 1957 (!) in der DDR (!) aufgelegte Reihe „Werte der deutschen Heimat“ umbenannt in „Landschaften in Deutschland“ – nach Auskunft eines Verlagsmitarbeiters eben, weil das Wort Heimat irgendwie als rechtslastig, altmodisch, zumindest an die 30er Jahre erinnernd empfunden wurde. Drei Jahre später wurde auf einer Tagung der Universität Hannover herausgearbeitet, dass der Heimatbegriff nicht losgelöst von seiner Geschichte verwendet werden dürfe und stets mit den antidemokratischen und völkischen Tendenzen in der Gründungszeit des Natur- und Heimatschutzes sowie der rassistischen Interpretation im Nationalsozialismus verbunden bleibe. Deshalb sollte der Heimatbegriff im Planungsrecht und in der offiziellen Verwaltungssprache nicht genutzt werden.

Und mit ihrem Tun bzw. Unterlassen - Stichwort: Grenzenlosigkeit - drängt diese Elite durch Schaffung vollendeter Tatsachen dem Rest des Landes ihre neurotische Weltsicht auf. Wie neurotisch, bewies parallel zur Causa Faeser Bayern. Zum ersten sollen sich die Schülerinnen „angemessen“ kleiden, so der Schulleiter der Ebersberger Realschule, Markus Schmidl, im Merkur, weil sich einige Lehrer mit Migrationshintergrund offenbar an Miniröcken und bauchfreie T-Shirts störten. Die Schule sei „weltoffen“, man müsse Rücksicht nehmen auf Lehrer aus anderen Kulturkreisen: „Das Recht des Einzelnen hört da auf, wo sich andere gestört fühlen“. Das ist eine tolle Botschaft für alle Fans von Hochzeitskorsos, Polygamie und Antisemitismus.

Der Shitstorm war gewaltig und drehte sich einerseits um die Tatsache, dass diese Ge- und Verbote nur Mädchen betreffen, andererseits um den Vorwurf, das sei diskriminierend für die eigene Freiheit und Selbstbestimmung in Deutschland - was vor allem Rechtspopulisten viel Zündstoff böte. Zum zweiten aber hat die Münchener Oberstaatsanwältin Gabriele Tilmann davor gewarnt, bei Ausrufen wie etwa „Allahu Akbar“ durch Gewalttäter automatisch auf einen islamistischen Hintergrund und damit religiöse Motive zu schließen. Mit Blick auf den Anschlag von Würzburg, bei dem drei Frauen erstochen wurden, sagte sie dem Spiegel, man dürfe „Menschen nicht in Schubladen stecken“. Ein psychisch kranker Täter könne Halt in einer extremistischen Ideologie suchen: „Aber extremistisches Denken kann sich auch zu einem Wahn entwickeln“. Sie machte zugleich deutlich, dass dies nicht für rechtsextreme Täter gelte. Warum das so sei, ließ sie offen.

Es gibt Heimatmuseen, Heimatvereine, Heimattheater, an Schulen einen Heimatkundeunterricht, einen TV-Sender namens Heimatkanal - über 200 deutsche Begriffe enthalten Heimat. Jetzt ist der Innenministerin offenbar klar geworden, wie tief dieses Wort in der Bevölkerung verwurzelt ist und welchen unverkrampften Umgang diese damit pflegt. Mit dem Krieg in der Ukraine wird das Thema plötzlich sichtbarer und gewinnt an Relevanz – was neue Kämpfe um Deutungshoheiten nach sich zu ziehen scheint. Hat Faeser schon mal jemand erzählt, dass die USA eigens ein Heimatschutzministerium haben? Die gewiss unverdächtige ARD-Umfrage zur Themenwoche „Heimat“, bei der es 2015 explizit um Landschaften, vertraute Menschen, Werte und Traditionen ging, ergab: Für gut die Hälfte (52 Prozent) der Befragten ist Heimat sehr wichtig, weitere 38 Prozent halten Heimat für wichtig. Nur acht Prozent halten Heimat für weniger wichtig, und lediglich ein Prozent für gar nicht wichtig. In einer Umfrage von Kantar Emnid von 2017 sehen gar 92 Prozent der Befragten „Heimat“ als „eher positiv“, nur 5 Prozent bewerten den Begriff „eher negativ“.

Was Faeser und diese wenigen Prozente wollen, ist eine Negation des Heimatbegriffs: Danach soll man sich in einem beliebigen Panoptikum mit wildfremden Menschen unterschiedlichster Sitten - und Unsitten, von denen man vielleicht noch gar nichts weiß - wie zu Hause fühlen. Denkdiktat durch Begriffsprägung. Ihr Anspruch auf Vielfältigkeit ist nichts als der Versuch zwangsweiser Relativierung von Identität. Das funktioniert nicht. Heimat umfasst eine bestimmte Konstanz, Beständigkeit, Verlässlichkeit dadurch, dass man die Menschen, die Umgebung, die Natur als etwas zu einem gehörendes kennt und erkennt. Da man ebendiese Heimat systematisch zerstört, soll angesichts der Heimatliebe schnell ein Ersatz gezimmert werden, damit die Zerstörung formal keine mehr ist. Wenn in einem Raum jenseits der Sprache keine spezifische Kultur identifizierbar ist, steht er natürlich für neue Kulturen offen. Und wenn die Kulturlosen dann den Verlust ihrer Heimat befürchten, nimmt man ihnen am besten den Begriff dafür weg. Wer für einen Verlust keine Worte findet, dem kann man absprechen, dass er überhaupt einen Verlust empfinden und damit ein Recht zum Widerspruch haben darf.


„Heimat war mein Bett“

Doch Heimat ist, wie der letzte Brockhaus weiß, nicht nur die Umwelt, mit der der einzelne durch Geburt oder Lebensumstände verwachsen ist. Das Wort begreift besonders im Deutschen eine Gemütsbindung ein, ein Daheim-Geborgensein. Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb: „Heimat ist meine Kindheit im Gemüsegarten meiner Eltern. Glühwürmchen fangen, auf dem Rücken im Gras liegen, die Wolken am Himmel ansehen. Heimat war mein Bett.“ Dass Deutschland - egal wo - schwer die Heimat eines Menschen aus dem Mittelmeerraum werden kann, liegt auf der Hand. Die Nachbarn kochen und essen nicht nur anders, der gesamte „Way of Life“ ist anders: Natur, Pflanzen, Tiere, Architektur, Wetter… Hier ist es kälter, nasser, hier riecht es anders. Die Heimat, das ganze Konglomerat der Sinneseindrücke, ist von vielen Dingen abhängig – hier spielt auch Geodeterminismus mit hinein.

Und natürlich: Die Sprache. „Heimat ist Vertrautheit, vor allem sprachliche Vertrautheit. Heimat hat unbedingt mit Sprache zu tun. Und mit Dialekt und dessen Herzenswert“, befand schon Mario Adorf. Eine einheitliche Definition existiert bis heute nicht. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet Heimat den Raum der frühesten Sozialisationserlebnisse, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen; eine Dreiheit von Gemeinschaft, Raum und Tradition. In sechs deutschen Landesverfassungen ist eine Pflicht des Staates verankert, Pädagogen zu einer „Erziehung zur Heimatliebe“ anzuhalten, darunter in Baden-Württemberg und Sachsen. Dennoch gilt der Slogan „Heimatliebe ist kein Verbrechen“, den etwa die „Identitäre Bewegung“ nutzte, laut dem Journal Frankfurt als „rassistische Propaganda“. Traditionspflege und Vertrautheit dürften nicht zur Abgrenzung missbraucht werden, dekretiert auch Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel.

Herzenswert, Vertrautheit… genau da liegt das Problem. Diese und andere Begriffe sind schwer zu definieren geschweige zu operationalisieren. Aber Heimat muss nicht erklärt werden, Heimat ist. Das Wort muss nicht positiv aufgeladen werden, es ist positiv besetzt. Man darf es nicht überhöhen oder durch irgendein woke-sprachliches Geschwurbel aufweichen. Heimat ist wie Mutter, Leben, Liebe einfach die Inkarnation des – frühen – Seins. Der Begriff ist erhaben und immun gegen jeden Versuch, ihn aufzublähen, umzuwidmen oder zu vereinnahmen. Wer also Manipulation mittels Framing und eitler Twitterei als soziokulturellen, ja politisch-ideologischen Gestaltungsauftrag versteht, verschiebt nicht nur das Berufsbild der verantwortungsbewussten Politikerin hin zur beliebigen Zeitgeist-Lobbyistin, die lieber mit großer Geste völlig irrelevante Themen setzt, als sich um Kernkompetenz in ihrer äußerst relevanten Position zu bemühen.

Der verschiebt vor allem die Realität immer weiter hin zu einer Irrealität, einer, wie Torsten Hinz in der JF anhand der Coronadebatte herausarbeitete, „virtuellen Wirklichkeit“, die alles daransetze, sich „mittels administrativer Macht in gelebte Realität zu verwandeln und sich das Leben zu unterwerfen.“ Damit werde eine Gewissheit in Frage gestellt, die Konservative als letzte Rückversicherung für sich reklamierten: „die Gewissheit, dass die Wirklichkeit auf ihrer Seite steht und die harte, unwiderlegbare Faktizität alle ideologischen Modelle, Utopien, Weltverbesserungsphantasien wenn nicht über kurz, dann über lang außer Kraft setzt. Wir sehen, dass es möglich ist, eine virtuelle in eine faktische Realität zu übersetzen und die Menschen zu Komparsen in einem falschen Film zu machen.“


„Ohne Heimat sein heißt leiden“

Nicht mehr das Faktische, das Mess- und Sichtbare – muslimische Ehrenmorde, islamistische Straftaten, Bevölkerungsveränderung… – sind der Maßstab politischen Handelns, sondern das Behaupt- und Unsichtbare – tödlichste Virenpandemie, menschgemachte Erderwärmung … und jetzt eben auch Heimat. Eine minderheitengerechte „Diktatur des Postfaktischen“ erkannte Heinrich Zettler in „Denkverbote“ (München 2022). Und noch verheerender: Diesem Sichtbaren wird seine soziale Relevanz abgesprochen und die stattdessen ins Unsichtbare politisiert. Die Gesetze der Gestaltpsychologie, etwa die der Nähe, Ähnlichkeit oder Geschlossenheit, werden zugunsten artifizieller Wahrnehmung abqualifiziert: Unterschiede werden wegdefiniert, deren natürliche Empfindung als verdammenswert gegeißelt. Das Bewusstsein schlägt das Sein. Das ist fatal, volksverdummend, ja lebensfeindlich. Der Landtagskorrespondent der FR, Hanning Voigts, lieferte Ende Mai ein Exempel mit dem Tweet „Der Shitstorm wird nicht vermeidbar sein, aber: Welche Volksgemeinschaft soll das abbilden?“ Gemünzt war er auf das Titelbild des Tchibo-Katalogs Mai/Juni 2022, das eine blonde Frau mit zwei blonden Kleinkindern auf einem Bootssteg zeigt.

Eine Familie ohne braune oder gar schwarze Mitglieder ist demnach unnormal, ja Nazi. Das ist ebenfalls kein Witz. Vorbildlich inklusiv dagegen ist der Katalog von Bonprix, der im Herrenteil viele weiße Männer durch dunkle substituierte, auf der Doppelseite 160/161 gleich alle. Dem Antagonismus „Materialismus - Idealismus“ gesellt sich die völlig neue Dimension „Verständnis - Zumutung“ bei. Jens Woitas mutmaßt auf dem Blog Wir selbst, dass wir „in Zeiten eines modernen Feudalismus leben, in dem Untertanengeist gefragt ist und ein kulturell und ethnisch selbstbewusstes Volk allenfalls als Störfaktor für die Herrschenden wahrgenommen wird“. Tatsachenverachtung ist laut Hannah Arendt ein Wesenszug totalitärer Propaganda. Sie zielt darauf, die eigenen Lügen so zu globalisieren, dass sie unumstößlich und damit wahr werden.

Offenbar gilt die tägliche Verfügbarkeit von „Heimat“ bereits als Privileg, wie man auch bei Casdorff interpretieren muss: Für ihn ist Heimat ein „vormals diskreditierter Begriff, bei dem es […] darum geht, zurückzulassen, was dem Zusammenkommen als Gemeinwesen entgegensteht.“ Auch das ist kein Witz. Um die, die seit langem schon „da“ sind und nicht mehr „zusammenkommen“ müssen, geht es gar nicht mehr. Aber „‚Heimat‘ hat zunächst und ganz grundsätzlich keine politische Schlagseite. Jeder Mensch hat eine Heimat, nolens volens“, befindet Schneider: „Jeder kann nur für sich selbst sagen, was Heimat für ihn bedeutet. Die richtige Deutung oder Definition des Begriffs kann niemals in den Händen einer Ministerin liegen.“

Focus-Autor Alexander Wendt twitterte „Nein, Heimat muss für mindestens drei Viertel der Menschen in diesem Land nicht umgedeutet werden, Sie Erztrottelin. Es reicht. Verschwinden Sie endlich aus dem Amt, Faeser.“ FDP-MdB Linda Teuteberg hielt ebenfalls auf Twitter dagegen: „Wir müssen Begriffe nicht umdeuten. Es gibt tatsächlich Menschen mit positivem, auch komplexem Verhältnis zu ihrer Heimat. Liberale Vielfalt von Lebensentwürfen kommt ohne Indienstnahme jedes Begriffes für die eigene Agenda aus. Es lebe die Vielfalt der Heimatliebe!“ Andere witzelten unter dem Beitrag der Ministerin. „Meine Heimat ist Hessen. Ist das negativ?“, fragte der Ex-JU-Bundesgeschäftsführer Axel Wallrabenstein.

„Der verkrampfte deutsche Heimatdiskurs lebt vor allem von den Erklärungen von Politikern und Journalisten. Die Bürgerinnen und Bürger sind nur die Statisten, deren Heimatgefühle wahlweise gefördert, ausgetrieben oder umgedeutet werden müssen. Die Tabuisierung von ‚Heimat‘ wirkt angesichts der über Jahrzehnte erfolgreichen Schulung der Deutschen zu Mustereuropäern lächerlich“, bilanziert Neff. „Ohne Heimat sein heißt leiden“, erkannte Dostojewski. Faeser will offenbar alle Bürger leiden lassen. Der Autor dieser Kolumne ist sich sicher: SPD-Legende Herbert Wehner hätte diese Parteigenossin als Berufs-Autoritäre hochkant aus der „Bonner Baracke“ geworfen.



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Über den Autor:


Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg.




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