Thomas Hartung: MOHRENLERCHEN? GIBT'S NICHT MEHR!

Nach den Umbenennungsorgien „kolonialer“ Straßen und „rassistischer“ Apotheken sind derzeit nicht nur moderne Lebensmittel, sondern selbst historische Tiernamen betroffen. Der Kulturkampf hat Naturkunde und Marketing erreicht. Was folgt als nächstes?



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Felix Riedel ist promovierter Ethnologe, sitzt in der Grünenfraktion Bad Berleburg und versteht sich laut seiner Homepage als „unabhängiger, freiberuflicher Wissenschaftler“, der sich in der „Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz FARN“ engagiert. FARN ist ein gemeinsames Projekt der NaturFreunde Deutschlands, der Naturfreundejugend Deutschlands und der Initiative Transparente Zivilgesellschaft (ITZ) und untersucht seit 2017 „die historischen und aktuellen Verknüpfungen des deutschen Natur- und Umweltschutzes mit extrem rechten und völkischen Strömungen“. Das Herbeten dieses ideologischen Trallala ist leider nötig, da die Fachstelle, mit finanzieller Förderung des Bundesfamilienministeriums, über 11 Voll- und 8 Teilzeitkräfte (!) verfügt und neben einschlägigen Publikationen diverse Workshops, Veranstaltungen und gar ein Online-Hochschulseminar wider die „strategische rechte Landnahme“ anbietet, mithin nicht ganz einflusslos ist.


Riedel hat sich dabei einem ganz besonderen Projekt verschrieben: dem Zusammenhang von „Rassismus und Naturkunde“ und dem Kampf gegen die „Weigerung, rassistische Artbezeichnungen abzuschaffen.“ Dazu hat er 2019 sowohl im bedeutendsten Schmetterlingsforum Deutschlands als auch einer geschlossenen Facebook-Schmetterlingsgruppe mit etwa 3.000 Mitgliedern für eine Umbenennung der „Mohrenfalter“ geworben, weil „der Begriff Mohr heute gemeinhin als rassistisch“ gelte. Er plädierte stattdessen für „die Einführung der Bezeichnung ‚Bräunlinge‘ (analog zu Weißlinge, Gelblinge und Bläulinge)“. Auf DLF Nova gab er sich dann im März dieses Jahres „entsetzt, dass 95 Prozent der Beteiligten dieses Ansinnen, eine andere Bezeichnung einzuführen, durchweg ablehnten mit unterschiedlichen Strategien.“ Insgesamt acht solcher Abwehrstrategien „von sekundärem, verleugnetem Rassismus“ meinte er zu identifizieren, darunter „Relevanzbedenken“, „zynisch-polemische Trivialisierung“ oder gar „Umkehr der Anklage: Es sei ein Rassist, wer mit dem Begriff etwas Negatives assoziiere“.


Sein Fazit: „Das ostentative egozentrische Selbstmitleid dient zur Abwehr von Schuld und zur Aufrechterhaltung eines positiven Selbstbildes. Heute äußern sich viele Weiße in einer Weise über Sprachänderungen, als wären sie die Opfer in der Geschichte. Empathie für die Opfer von diskriminierender Sprache tritt in den Hintergrund.“ Angesichts der verbliebenen Spezies nicht nur aus Flora (Mohrenhirse, Mohrensalbei, Mohrenmalve, Mohrenpfeffer, Mohrenkopfmilchling), sondern vor allem Fauna verbleibt dem jungen weißen deutschen Mann da noch genug Opferarbeit: Mohrenkopfpapagei, Mohrenkaiman, Mohrenklaffschnabel, Mohrenmaki, Mohrenmakak, Mohrenibis, Mohrenweihe, Mohrenralle und Mohrenhonigfresser sollte er noch im Visier haben. Denn „Menschen werden dadurch auf ein einziges Merkmal reduziert und dann mit Tieren assoziiert.“



„Mit der Geschichte muss man leben“


Wer jetzt meint, er sei mitten in einen Satiretext gestolpert, wird unsanft fallen: Das ist kein Witz. Die Causa zeigt exemplarisch das moralistische Vorgehen linksgrüner Aktivisten, die - staatlich gefördert - ihre abgehobene Gesinnungsethik ausleben. Nun muss man zur Ehrenrettung der Naturkunde zunächst wissen, dass eine Umbenennung so einfach nicht ist. Bei den Trivialnamen – den deutschen Namen – ist das eine Frage der Konvention: Man beschließt, etwa auf einer Konferenz, etwas in den Publikationen nicht mehr so oder anders zu benennen. Anders ist es im internationalen wissenschaftlichen Bereich. Das ist Sache der „International Commission on Zoological Nomenclature“ mit 24 Mitgliedern, die auch nur selbst neue Mitglieder wählen: Alle weiß, manche aus dem asiatischen Raum, eine Frau ist dabei. In den Artikeln 23.1 und 23.3.7 hat die Kommission festgelegt, dass einmal vergebene Namen nicht mehr verändert werden können – sie werden dann als unverrückbare Naturtatsache dargestellt, vor allem, um Arbeitsaufwand bei der Einzelfallbewertung zu vermeiden. Es bräuchte also eine Satzungsänderung. Das deutsche Kommissionsmitglied, der Schneckenforscher und Göttinger Piraten-Vize Francisco Welter-Schultes meinte lakonisch: „Mit der Geschichte muss man leben und lernen, damit umzugehen.“


Der Modus der Konvention allerdings trifft hierzulande nicht auf die Vogelkunde, die Ornithologie, zu. Hier wacht die Deutsche Ornithologie-Gesellschaft über das Verzeichnis der 10.700 Vogelarten der Erde. Jeder Vogel hat auch einen deutschen Namen. „Wer sich durch die neue, 2020 veröffentlichte Liste scrollt, findet keine Namen, die den Test mit dem Rassismus-Detektor nicht bestehen könnten – es sei denn, man unterstellt dem Tahiti-Sumpfhuhn einen Hang zum Alkoholismus oder dem Krauskopf-Pelikan einen Afro-Look“, erregt sich Antje Hildebrandt im Cicero. Vogelnamen wie die schwarzgefiederte Mohrenlerche flogen raus, sie heißt heute Schwarzsteppenlerche. „Dabei ist ihr Lebensraum die Grassteppe. Grüner geht es nicht“, ergötzt sich Hildebrandt. „Es ist ein Kunstgriff, irgendeinen Namen muss der Vogel ja haben“, heißt es dazu von der Ornithologen-Gesellschaft.

Zehn Jahre lang hat eine eigene Kommission gebraucht, um die Liste der Vögel der Welt zu aktualisieren. Fast 1000 Vögel, so schätzt der Leiter der Kommission, Peter Barthel, einer der bekanntesten deutschen Ornithologen, wurden umbenannt. Sei es, weil sie nach Diktatoren oder Eroberern benannt worden waren, sei es, weil ihr Name einen „kolonialen Stempel“ trug. Dabei, versichert Barthel, hätte er schon von sich aus darauf geachtet, dass die Liste politisch korrekt sei. Das Mohrenschwarzkehlchen hört heute etwa auf den offiziellen Namen Elsterschmätzer. Leichtfertig will man aber auch nicht zu Werke gehen, erklärt Barthel in der GEO. Ein Grundsatz der Kommission sei, „so wenig wie möglich an den eingebürgerten Namen europäischer Brutvögel zu drehen“.



„politische Instrumentalisierung von Vögeln“


Nicht überall seien die neuen Namen auf Verständnis gestoßen, muss Barthel zugeben. Es habe Vogelliebhaber gegeben, die es kritisierten, dass die Mohrenlerche nicht mehr Mohrenlerche heißen dürfe. Der Name tue doch keinem weh, musste er sich anhören. In anderen Ländern wäre das noch das geringste Problem, so Barthel. Er habe erlebt, wie die Kollegen in Schweden 2015 „verhauen“ wurden, weil denen unter den zehn umbenannten Arten die Hottentotten-Ente durchgerutscht war. So etwas sollte in Deutschland nicht passieren. Nicht durchgerutscht waren den wackeren Nordmännern zum Beispiel der Zigeunervogel, den sie zum Hoatzin machten, der Weißbrust-Negerfink, aus dem der Weißbrust-Nigrita wurde, oder der Kaffernsegler, der nun Weißbürzelsegler hieß. Auch in Dänemark und Norwegen gab es Umbenennungen. Hildebrandt kritisiert prompt die „politische Instrumentalisierung von Vögeln“.


Überhaupt: die Hottentotten. Mehr als 50 Arten tragen sie im Namen: Hottentottenfliege, Hottentottenlaufhühnchen, Hottentotten-Graumull… Eine ganze Skorpionsgattung heißt seit 1787 „Hottentotta“, eine Art sogar „Hottentotta hottentotta“. Das waren in der Sprache der Buren, der niederländischen Kolonisatoren, afrikanische Völker in Südafrika und Namibia, die Khoikhoi-Gesellschaften. Die Wortschöpfung kann man sinngemäß als „Gestotter“ übersetzen: Die Sprachen der Khoi sind von – für europäische Ohren ungewohnten – Klick- und Schnalzlauten durchsetzt, die die Buren als Gestotter empfunden und die Khoi ab 1670 somit als Stotterer (im nördlichen Dialekt des Afrikaans: hottentots) bezeichnet hatten.


Die weitere Verwendung sei stets exotisierend gewesen, dekretiert Riedel: Lieder wie „Für Hottentotten wird kein Bier gebraut“ hätten die kulturelle und emotionale Distanz zusätzlich vertieft. In der deutschsprachigen Ausgabe von Wikipedia findet man die Hottentottenente zwar noch. Aber in der offiziellen Liste der deutschen Vogelnamen firmiert Spatula hottentota seit etwa drei Jahren als „Pünktchenente“. Ein Name, der das Aussehen des Federviehs politisch korrekt beschreibt: Brust und Bauch der Ente sind mit unterschiedlich großen Pünktchen übersät.


In den USA entschied sich das North American Classification Committee (NACC) nach langem Streit und mehreren gescheiterten Petitionen, die Ente Clangula hyemalis (Eisente) umzutaufen: aus „Oldsquaw“ wurde im Jahr 2000 „Long-tailed Duck“. Die Kommission erkannte damit an, dass „Squaw“ ein abwertender Ausdruck für weibliche Indigene ist. Auch die Weißkehl-Spornammer geriet in die Kritik: Der Namenspatron von „McCown's Longspur“, John P. McCown, war Offizier, der auf der Seite der Konföderierten für die Aufrechterhaltung der Sklaverei kämpfte. Die American Ornithological Society erklärte jüngst, den Vogel ab sofort nur noch „Thick-billed Longspur“ zu nennen, was sich ideologisch unverdächtig auf den dicken Schnabel der Ammer bezieht.


Man kann aber die Verbrechen eines Menschen nicht ungeschehen machen, wenn man die Erinnerung an ihn löscht, erkennt Hildebrandt zutreffend. Von Geschichtsbewusstsein soll die Umbenennungswut zeugen. Sie ist im Gegenteil historisch ahnungslos – und stützt die Thesen von George Orwell: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft“, ist die zentrale Doktrin seines „Engsoc“. Die Macht verkommt zum pervertierenden Faktor, der den Glauben an eine emanzipatorische Vernunft diskreditiert: Für die Stabilität des Regimes ist die permanente Fälschung der Geschichte durch das „Ministerium für Wahrheit“ ebenso unverzichtbar wie die permanente Unterdrückung und Überwachung durch das „Ministerium für Liebe“. Schon 1991 erkannte Richard Saage, dass in den 1940er Jahren „alle Hauptströmungen politischen Denkens autoritär“ waren: „Jede neue politische Theorie, welchen Namen sie sich auch geben mochte, führte zurück zur Hierarchie und Reglementierung.“ Politische Verhärtungen wie Inhaftierung ohne Prozess, Geständniserpressung oder gar Deportation wurden „nicht bloß allgemein wieder eingeführt, sondern auch von Leuten toleriert und sogar verteidigt, die sich für aufgeklärt und fortschrittlich hielten“. Nicht nur im Lichte der aktuellen Corona-Diskussion muss man darob erschrecken.


Der Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus, er hat längst auch die Ornithologie erreicht – und das nicht nur in Deutschland, bilanziert Hildebrandt. „Man könnte auch sämtliche Adler verdammen, weil der Vogel mal die Reichskriegsflagge der Kaiserlichen Marine verziert hat. Wo kommen wir denn da hin?“, empört sich plötzlich sogar Barthel. Ganz fertig sind die Deutschen mit den ornithologischen Spuren ihrer Geschichte aber noch nicht. So finden sich immer noch das Odins- und das Thorshühnchen in der offiziellen Namensliste. Die beiden Vogelarten hießen noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Schmalschnäbliger und Plattschnäbliger Wassertreter. Im Jahr 1937 erhielten sie von dem Vogelkundler Günther Niethammer in seinem dreibändigen „Handbuch der deutschen Vogelkunde“ ihre neuen Namen – als Reverenz an die naziverehrte germanische Götterwelt. Seine SS-Mitgliedschaft und seine zweijährige Stationierung als KZ-Wachmann („Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz“, Wien 1942) schadeten der Karriere des Ornithologen übrigens nicht: Von 1968 bis 1973 war Niethammer Präsident der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft.



weiße Männer und die Weltherrschaft