Thomas Hartung: "NATIONALPATHOLOGISCHER POPANZ"

Glaubt man der jüngsten Debatte im Feuilleton, sei die Romantik für das Anwachsen des impfkritischen Protest-Milieus verantwortlich. Wir lernen: Sucht man sie zu erzwingen, kann Aktualisierung nur schiefgehen.



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Die Kirchenkritik nach Hochhuths „Stellvertreter“, die Holocaustscharmützel nach Walsers „Paulskirchenrede“, die Konservatismusdebatte nach Strauß‘ „Bocksgesang“… - die bundesdeutsche Kulturgeschichte war durchaus reich an literarisch begründeten Diskursen, deren Folgen zwischen Skandal oder der Neuformulierung gesellschaftlicher Moralismen bis Aktionismen changierten. Nun kocht im Zuge der Coronahysterie seit Wochen eine weitere Debatte hoch, die einerseits so bizarr anmutet, dass sie andererseits als historisierende Irratio des deutschen Feuilletons erscheinen mag: Diesmal ist der aktuelle Auslöser politisch, das literarische Fundament aber schon seit über 200 Jahren gelegt.


Zurückführen lassen dürfte sie sich auf zwei Autoren: Nils Minkmar, der am 9. November in der Süddeutschen Zeitung den Impf-Unwillen in deutschsprachigen Ländern auf „die zutiefst antimoderne Tiefenschicht der deutschen Seele“ zurückführte, und Mathieu von Rohr, ein Spiegel-Journalist, der zwei Tage später, offenbar nach Minkmars Lektüre, per Tweet verkündete: „Spätfolgen der Deutschen Romantik: Anthroposophie, Homöopathie, Impfgegnertum“. Damit war die These in der Welt, dass die kulturgeschichtliche Konstellation der Romantik für das Anwachsen eines impfkritischen, mindestens konservativen, wenn nicht „rechten“, ja für manche irrationalistischen Protest-Milieus verantwortlich gemacht werden könne. In der Zeit wurde die These als Pro-und-Contra-Kommentar „Aber ja, er ist schuld!“ und „Um Himmels willen, nein!“ gar auf die Person von Novalis zugespitzt, der einst schrieb: „Der Poet versteht die Natur besser wie der wissenschaftliche Kopf“.


Der Tagesspiegel interviewte dazu den Politologen Herfried Münkler und den Historiker Volker Reinhardt. Die taz tat sich mit der Schweizer WOZ und dem österreichischen Falter zusammen, um durch Konsultation etlicher Experten für Geschichte, Soziologie, Gesundheitspsychologie, Demoskopie und Esoterik (!) zu klären, „ob die Impfskepsis eine Folge der deutschen Geistesgeschichte ist“. Mit Blick auf die hohe Ungeimpften-Quote der deutschsprachigen DACH-Länder in Westeuropa - die Zeit titelte gar „DACH-Schaden“ - untersuchte der Merkur einen Zusammenhang zwischen Impfquote und Sprache: Auch in Litauen, Luxemburg und Südtirol, wo ein Teil der Bevölkerung Deutsch spricht, ist die Impfquote mit der DACH-Region vergleichbar. Schon der Tiroler Volksaufstand von 1809 richtete sich auch gegen die von den bayerischen Besatzern eingeführte Pockenimpfung.


Gemeinhin werden die „5 C“ zur Erklärung von Impfskepsis herangezogen: Confidence (mangelndes Vertrauen in die Wirksamkeit der Impfung), Complacency (Selbstzufriedenheit: das individuell gering eingeschätzte Risiko, durch die Infektion schwer zu erkranken), Constraints (Alltags-Einschränkungen wie Stress oder Zeitnot stehen der Impfung entgegen), Calculation (Berechnung: eigene Informationsbeschaffung mit möglicher Falschinformation) sowie Collective responsibility (mangelnde kollektive Verantwortung für den Schutz Dritter). Nun also der Versuch, die politische Analyse der Selbstzufriedenheit „durch den raunenden Verweis auf einen tief verwurzelten und irgendwie auch ästhetischen Nationalcharakter“ zu ersetzen, wie Johannes Franzen in der FAZ konstatierte.



Solidarität ist kein Rechtsbegriff


Dabei ist das Narrativ so neu nicht: „Die Erhöhung des Ideals und die damit einhergehende Realitätsverweigerung haben in der deutschen Geistesgeschichte eine lange Tradition, angefangen in der Romantik, der Gegenbewegung zur Aufklärung, der Abwendung von den Naturwissenschaften. Gemessen daran sind die Impfgegner die Essenz des deutschen Wesens“, befand Burkhard Voß schon 2015 im Deutschen Ärzteblatt zur Diskussion des Masernschutzgesetzes. „Was wir in Deutschland dieser Tage erleben, ist eine Rückwärtsdisruption: die Rückabwicklung des Glaubens daran, dass Fortschritt das Leben besser, ja auch gesünder machen und womöglich sogar verlängern kann“, behauptet Miriam Meckel im Handelsblatt. „Begreift man die Romantik als Gegenbewegung zur Aufklärung, zur Industrialisierung und zum Frühkapitalismus, dann haben wir echt ein Problem.“


Denn ohne ein aufgeklärtes Verständnis der Folgen einer Covid-Erkrankung, ohne die Möglichkeiten der industriellen Impfstoffentwicklung und -fertigung und ohne eine gewisse Akzeptanz dafür, dass die Milliarden, die für die Impfstoffentwicklung notwendig waren, den entwickelnden Unternehmen wiederum Milliarden einbringen, stünden wir auf ziemlich verlorenem Posten, meint sie und gibt „solidarisches Überleben mit den Mitteln des Fortschritts“ als Ziel aus. Doch der Staatsrechtler Josef Franz Lindner erkennt in der Welt „verfassungswidrigen Paternalismus“ und stellt klar, dass der Schutz des Einzelnen vor Infektionen nicht ausreiche, um das Impfen zu rechtfertigen geschweige eine Pflicht dazu. Mit „Solidarität“ lasse sie sich keinesfalls begründen: „Solidarität ist kein Rechtsbegriff und auch kein Verfassungsgebot. Solidarität ist allenfalls eine Verfassungserwartung an das Verhalten der Menschen. Aber damit kann man letztlich alles oder nichts begründen.“


Der Medizinhistoriker Malte Thießen unterscheidet elf Arten von Impfskepsis, die „romantische“ Verwurzelung ist gerade eine davon. Eine wesentliche Rolle spielt für ihn die starke liberale Tradition in Deutschland, wegen der in Preußen bis 1874 eine Impfpflicht abgelehnt wurde. „Es geht da auch um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen: Wer bestimmt über den Körper?“, so Thießen in der taz. Die Soziologin Nadine Frei spricht in derselben Zeitung von einem „libertären Freiheitsverständnis“ der Impf­geg­ne­r. Dieses hätten solche mit einem anthroposophischen Hintergrund ebenso wie ein bildungsbürgerliches Milieu, in dem Eigenverantwortung und Selbstbestimmung „fast schon absolut gesetzt“ werde. Aber ist das auch ein Wunder, wenn der SPD-Abgeordnete Helge Lindh MdB am 26. Januar im Deutschen Bundestag schwadronierte: „Individuelle körperliche Unversehrtheit ist eine vulgäre Vorstellung von Freiheit“?


Peter Neumann verwies in der Zeit ausgerechnet auf Hegel, für den sich die Romantik nach der gescheiterten Revolution in Frankreich bloß in ihrer grenzenlosen Feier der Subjektivität gefallen habe, also ziemlich substanzlos sei, wenn es um Staat, Gesellschaft und das soziale Zusammenleben gehe. Von Hegel aus habe dieses Vorurteil eine erstaunliche Karriere angetreten. Carl Schmitt war die Romantik zu individualistisch, dem ungarischen Marxisten Georg Lukács wiederum zu völkisch, und auch die 68er wussten, welcher Geist noch immer unter den Talaren muffte: „Schlagt die Germanistik tot. Färbt die blaue Blume rot!“, lautete ein Studentenslogan jener Zeit. Unabhängig vom Wert des Individualismus ist also zu klären, was es mit der Herleitung von Impfskepsis aus einer Linie von der Romantik über die Anthroposophie bis zur Homöopathie auf sich hat.



Respiritualisierung des Denkens


Die großen Dichter und Maler der Romantik hätten uns mit ihrem sehnsuchtsvollen Hang zur Idylle, zur Gefühlswelt, zur Weltflucht den Verstand, die Logik, die Errungenschaften der Aufklärung ausgetrieben, so Hans Bellstedt im Business Insider. Das ist nun boshaft, schrieb doch selbst Kant im „Zweiten Anhang Medicin“ seines Handschriftlichen Nachlass‘, man solle „der Vorsehung“, welche übermäßiges Bevölkerungswachstum auch durch Pockenepidemien begrenze, nicht durch Impfungen in den Arm fallen. Außerdem lehnten die meisten die Aufklärung nicht kategorisch ab, sondern wendeten sich bloß gegen deren reinen Empirismus und Rationalismus. E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ zeichnet die Konfliktlinien zwischen den beiden Strömungen trefflich nach. Dort findet sich auch Kritik am gesellschaftlichen Frauenbild (der Protagonist verliebt sich in eine Puppe) und eine differenzierte Beschreibung psychopathologischer Krankheitsverläufe, lange bevor Freud ihnen Namen gab.


Gerade Novalis, der in wenigen Wochen 250 Jahre alt würde, hat diese Instrumentalisierung nicht verdient. Sein Werk ist durchdrungen von der Erkenntnis, dass sich der Mensch in einem andauernden Prozess befindet und bestrebt ist, einen Zustand zu erreichen, in welchem er mit der Natur harmoniert. Im deutschsprachigen Raum gebe es jedoch eine „klare geistesgeschichtliche Linie zwischen der Romantik und der Impfskepsis heute“, so Andreas Speit in der taz, denn in der romantischen Literatur sei „das Natürliche unglaublich verklärt und verabsolutiert“ worden. Das ist nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig. „Die Welt romantisieren heißt, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt. Erst durch diesen poetischen Akt der Romantisierung wird die ursprüngliche Totalität der Welt als ihr eigentlicher Sinn im Kunstwerk ahnbar und mitteilbar“, so Novalis‘ oft zitiertes ganzheitliches Credo.


Romantik ist für ihn nichts Nebulöses, sentimental Kitschiges, sondern führt scheinbar ausschließende Gegensätze im Prozess der Romantisierung zusammen: das Gewöhnliche und das Besondere, das Begrenzte und das Unendliche. „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es“, erklärt er. Denn: „Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder“. Poesie im Sinne seiner progressiven Universalpoesie sei die große Kunst der Konstruktion der transzendentalen Gesundheit: „Der Poet ist also der transzendentale Arzt“ (!). Wenn sein „Heinrich von Ofterdingen“ die blaue Blume „lange mit unnennbarer Zärtlichkeit“ betrachtet, hat er das Abbild des romantischen Dichters geschaffen, der im Sinne einer transzendentalen Poesie das Diesseits überwindet: „Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt.“



„Erbschaden des irrationalen Antimodernismus“


Da heute aber das Diesseits beschrieben werden kann mit „Die Welt wird Corona, Corona wird Welt“, muss sich der Romantikbezug rigoros umkehren. Die Romantik reflektiert gerade die menschliche Fantasie als das eigentliche, transzendenzstiftende Vermögen; ihre literarischen Phantasmagorien machen jedoch selbst deutlich, dass sie nur „Luftschlösser“, Produkte von Imagination sind: „Sie ist es, die Sinn- und Deutungsperspektiven jenseits von überprüfbaren Tatsachen eröffnet“, die „einen neuen, subjektivierten, freien Modus [schafft], mit den Fragen umzugehen, die traditionell die Religionen beantwortet haben“, so Stefan Matuschek in der Zeit. „Es ist ein Erbe der Romantik, dass man aktuelle gesellschaftliche Trends als nationalcharakterliches Erbe der Romantik verstehen will“, lautet prompt sein Fazit.


Das gilt auch für die „Hymnen an die Nacht“, Novalis‘ Liebesvermächtnis an seine 15jährig gestorbene Kindsbraut Sophie, die ein Gegenreich zur Realität mit mystisch-erotischen Metaphern konstituieren. Denn „zugemessen war dem Lichte seine Zeit; aber zeitlos und raumlos ist der Nacht Herrschaft“, wodurch Novalis die Nacht als Bindeglied zwischen Realität und mystischer Traumwelt charakterisiert. Später wird Heinrich Heine den Deutschen aus der Seele lesen und reimen: „Franzosen und Russen gehört das Land, das Meer gehört den Briten, wir aber besitzen im Luftreich des Traums die Herrschaft unbestritten“. Die Themen Leben und Tod deutet Novalis eigenwillig: „Der Tod ist das romantisierende Prinzip des Lebens.“ Prompt dekretiert Volker Weidemann süffisant in der Zeit: „Seine Liebe zum Tod ist in all ihrer dichterischen Schönheit bis heute ein deutsches Verhängnis“. Man könne die Romantik aber nicht als deutsches Verhängnis begreifen, kontert Matuschek, geschweige gar als „kollektiven Erbschaden des irrationalen Antimodernismus“.


Romantik „beförderte eine Mystifizierung der Natur und Respiritualisierung des Denkens, die eine Distanz zur vermeintlich kalten Wissenschaft und sogenannten schulischen Medizin bewirken kann“, so Veit. Diese Position spitzte sich in der modernisierungskritischen Lebensreformbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts zu. Und einer ihrer bekanntesten Vertreter war der österreichische Begründer der „Denkschule“ Anthroposophie und der Waldorf-Pädagogik, Rudolf Steiner, was die Romantiktradition bruchlos verlängert habe. Die Lebensreformer sehnten sich nach der Wiederherstellung eines Einklangs mit der Natur. Diese antimoderne Bewegung habe laut Speit „zu Recht die Moderne in ihren Auswüchsen kritisiert. Denn die wirkte sich damals ja tatsächlich dramatisch aus, etwa in Form des Börsencrashs und der Umweltzerstörung“. Ein Antimodernismus also, für den die Entzweiung von Mensch und Natur nur als Werk „äußerer Feinde“ vorstellbar ist.


Anthroposophie vermenge als „esoterische Weltanschauung“ allerlei Konzepte, etwa die christliche Mystik, fernöstliche Religionen und das Weltbild Goethes, so Bettina Menzel im Merkur. Auch das ist boshaft, stammt von Goethe doch das Verdikt: „Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke.“ Die Impfkritiker sähen es heute exakt umgekehrt. Denn aus der Romantik stamme auch die wissenschafts- und technikfeindliche Naturschwärmerei, die mehr an die Selbstheilung eines ganzheitlichen Bewusstseins glaube als an Laborprodukte der spezialisierten Spitzenforschung und Pharmaindustrie, meint Matuschek.



„Es ist mir sonderbar zumut“


Damals sei ein geistiges Klima entstanden, das auch die Wandervogel- und Lebensreformbewegung erfasst habe mit Wissenschaftsfeindlichkeit, Eugenik, Naturreligiosität, völkischem Denken, sagt Jutta Ditfurth, die ehemalige Grünen-Politikerin und Soziologin, der taz: „Mystizismus, Irrationalismus und Antisemitismus als reaktionäre Anteile alternativen Denkens wirken bis heute.“ Auch Matuschek erkennt in der Popularität von Naturheilverfahren und Homöopathie den „Irrationalismus der deutschen Romantik“. Und so fragt er, ob im homöopathischen Prinzip der „Potenzierung“, das die Verwässerung zur Steigerung umdeutet, nicht dieselbe zahlenskeptische poetische Kreativität steckt, die Novalis in die Verse „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren/ Sind Schlüssel aller Kreaturen“ gefasst hat: „Kann man das Alternative an der alternativen Medizin nicht insgesamt treffend als das Romantische bezeichnen, indem man darunter die analogieselige Ausrichtung auf ein imaginäres Ganzheitsideal versteht?“


mRNA sei das Entzauberungswort der Technobürokratie, befindet Meckel. In ihm stecke die Bedrohung aller Vorstellungen von den natürlichen Selbstheilungskräften des menschlichen Körpers. Es symbolisiert den Einzug des industriellen technischen Fortschritts in die menschliche Zelle als letztes Refugium der Selbstbestimmung: „Diese Haltung ist auch verankert in den Tiefen der deutschen Kulturgeschichte, in der die Romantik als Epoche der Abkehr von ebendiesem Fortschritt eine Bedeutung hatte, die noch heute in unsere Gegenwart strahlt.“ Man versuche, durch Vernunft im Zaum zu halten, was die Deutschen auszeichne, schrieb Steiner 1915. Sie seien „immer in lebendiger Einheit mit dem Übersinnlichen“. Viele Corona-Kritiker wollten die Alternativmedizin laut Meckel der Schulmedizin gleichstellen, zurück zur Natur und stärker auf ganzheitliches und spirituelles Denken setzen.


Speit verweist darauf, dass die Kritiker der Moderne diese schon sehr früh als „jüdisch“ begriffen und sich deshalb auch gegen die moderne, angeblich „jüdische“ Schulmedizin stellten. Der österreichische Publizist Christian Kreil führt den Begriff auf Samuel Hah­ne­mann, den Begründer der Homöopathie, zurück. Das NS-Regime hatte großes, allerdings auch wirtschaftlich bedingtes Interesse an Alternativmedizin. Reichsärzteführer Gerhard Wagner betonte 1933 die „Überlegenheit“ der Alternativmedizin gegenüber der „verjudeten Schulmedizin“. Um dieser die Homöopathie entgegenzusetzen, wurde 1935 die „Reichsarbeitsgemeinschaft Neue Deutsche Heilkunde“ gegründet - mit (Zentral-)Verbänden homöopathischer, anthroposophischer und Naturärzte.


1933 zeigt das NS-Propagandablatt Der Stürmer die Karikatur einer blonden Mutter mit Baby im Arm. Daneben steht ein „naturferner und verirrter Mediziner“ mit einer Spritze in der Hand. Mit der Hakennase des Arztes nutzt die Karikatur antisemitische Klischees. Skeptisch blickt die Mutter auf den Mediziner: „Es ist mir sonderbar zumut, denn Gift und Jud’ tut selten gut.“ Die bis heute anhaltende Ablehnung der „Schulmedizin“ sei „eine deutsche Besonderheit, die klar auf die Romantik zurückzuführen ist“, sagt Speit. Man sehe dies etwa daran, dass es Heilpraktiker als staatlich geregeltes Berufsbild nur in Deutschland (NS-Heilpraktikergesetz von 1939) und Teilen der Schweiz gibt. Die alte Bundesregierung erwog die Abschaffung des Berufs.



Selbstverwirklichung und Körpersouveränität


Aber selbst die FDP hatte die Alternativmedizin noch nach Kräften gepimpt. Im Wahlprogramm 2005 liest man bei den Liberalen (S. 12): „Immer mehr Menschen nehmen alternative Heilmethoden in Anspruch. Die FDP tritt dabei auch für den qualitätsorientierten Wettbewerb zwischen schulmedizinischen und alternativen Heil- und Behandlungsmethoden und deren Chancengleichheit ein. Wir begrüßen die Pilotprojekte verschiedener Krankenkassen, alternative Heilmethoden anzubieten und fordern, den Krankenkassen hier größere Spielräume einzuräumen.“ Parteivize Wolfgang Kubicki, der gegenwärtig an der Spitze der innerparteilichen Impfpflichtgegner steht, wurde allerdings bis heute weder der Romantik noch der Anthroposophie geschweige denn des Antisemitismus geziehen. Doch vom Antisemitismus zum Rechtsextremismus ist es für den heutigen politmedialen Komplex bestenfalls ein politisches Schrittchen, aber kein ideologischer Sprung mehr.


„Meine Untersuchungen zeigen, dass in den Protestmilieus Anthroposophie, Esoterik und antiautoritäres Denken, wie man es aus den linksalternativen Protestmilieus der 1980er-Jahre kennt, häufig zusammen auftreten“, erklärte der Basler Soziologe Oliver Nachtwey im Standard. Diese Milieus strebten eine andere Form der Lebensführung an, suchten nach Authentizität: „Es geht in diesen Strömungen vor allem um eine Form von Ganzheitlichkeit, Selbstverwirklichung und Körpersouveränität. Und das Impfen wird nun als autoritärer Eingriff des Staates wahrgenommen.“ Die Entfremdung von der industriell geprägten und durchrationalisierten Hypermoderne zeige sich nicht nur in der Skepsis gegenüber ihren Institutionen, sondern auch in einer romantisch inspirierten Hinwendung zu ganzheitlichen, anthroposophischen Denkweisen, dem Glauben an natürliche Selbstheilungskräfte des Körpers, ja - wie auch Meckel konstatiert - Forderungen nach spirituellem Denken.


Zu den Protesten in Ostdeutschland gebe es grundlegende Unterschiede, heißt es in einer gemeinsamen Studie von Frei und Nachtwey im Auftrag der grünen Böll-Stiftung. Dort trügen die Proteste „mehr rechtsextreme und deutlich weniger esoterische und anthroposophische Züge“. Die AfD habe im Osten die mitunter starke Entfremdung vom politischen System erfolgreich mit einer Impfskepsis verbinden können, da das Impfen „vom System“ verordnet werde. Thießen nennt die Impfbereitschaft ein „Maß des Vertrauens in den Staat“. Mit dem Impfen lasse sich eine schon bestehende Unzufriedenheit mobilisieren. Die Impfakzeptanz in Ostdeutschland sei normalerweise größer – außer eben bei der Corona-Impfung: „Die allgemeine Unzufriedenheit wird hier am Impfen festgemacht.“ Daneben führte Bellstedt, und nur er, die Ostskepsis auf Spätwirkungen der Diktatur, deren Verbannung wissenschaftlicher Freiheit sowie deren allgemeinen Befehlsduktus zurück.

Hinzu kommt, dass die frühromantische „Sehnsucht nach Unendlichkeit“ im Osten eben nicht zum Katholizismus wie beim konvertierten Novalis-Intimus Schlegel führte. Der evangelische (!) Pfarrer Martin Michaelis predigte am zweiten Advent 2021 in Hildburghausen: „Eine Obrigkeit, die zu Ostern 2020 die Gottesdienste verbietet, und an demselben Abend in den ARD-‚Tagesthemen‘ einem Mann eine Bühne bietet, der der ganzen Welt das neue Heil verkündet, das in einer Impfung aller liegen soll, eine solche Obrigkeit, die will Gott zum Schweigen bringen und alle selbstständig denkenden Menschen auch.“ Wer sich am Baum des Lebens vergreife, fliege früher oder später aus dem Paradies. Über ein Medizinprodukt, dessen Langzeitfolgen man nicht kenne, lohne es, „mithilfe des fünften Gebotes nachzudenken: Du sollst nicht töten!“


Die Ost-West-Verzweigung der Debatte trieb teilweise kuriose Blüten. Ditfurth etwa verstieg sich zu der Behauptung: „Die Romantik war im Herzen des staatstragenden Kulturverständnisses in der DDR.“ So sei es nur schlüssig, dass sich ein „extrem rechter schwäbischer Guru“ wie Götz Kubitschek im Osten niederlässt und „eine Geistesgeschichte wiederkäut, die immer schon da war“. Das Gegenteil ist richtig: Der deutschen Romantik wurde im „staatstragenden Kulturverständnis“, das es in der insinuierten homogenen Gestalt ohnehin nie gab, tiefes Misstrauen entgegengebracht, geprägt durch die Realismus-Doktrin von Georg Lukács. Dagegen regte sich von Anfang an Widerspruch, der in den 1970er Jahren zu deutlicher literarischer Dissidenz anschwoll und sich in einer auffälligen Romantik-Welle manifestierte, wie sie vor allem Christa & Gerhard Wolf („Kein Ort. Nirgends“, 1977; „Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht“, 1985), aber auch Günter Kunert, Franz Fühmann oder Günter de Bruyn verkörperten und die teilweise unverkennbar politische Züge trug. Der enorme Publikumserfolg der Caspar David Friedrich-Ausstellung in Dresden 1974/75 ist nachgerade der Gegenbeweis der abenteuerlichen These, die Romantik sei in der DDR quasi Staatsdoktrin gewesen.



„aufmerksamkeitsökonomische Logik des Feuilletons“


Die bisherige Bilanz der Debatte, die eher einer Schuldzuweisung glich und mit einem seltsam sektiererischen Vokabelgemenge zwischen Romantik und Esoterik einher kam, ergänzt um Anthroposophie, Antisemitismus und Rechtsextremismus, fällt sowohl logisch als auch ästhetisch und, siehe FDP, erst recht politisch vernichtend aus. Wenn Impfskepsis eine deutsche Besonderheit ist, ist zunächst zu fragen, welcher Nationalität/Herkunft dann die ca. 70% der Bevölkerung sind, die keine Probleme mit der Impfung haben – oder besser, ob unter den Nichtgeimpften nur Deutsche sind? Ebenso gut wie die Romantik könnte man dann auch die Vernichtung der römischen Legionen im Jahre 9 als Grund für Impfskepsis und die Ablehnung von Aufklärung und Wissenschaft heranziehen, denn schließlich hat da ein wilder, wissenschaftlich und zivilisatorisch um Jahrhunderte zurückgebliebener Haufen gegen die Zivilisation ihrer Zeit einen Sieg errungen, als sich diese Zivilisation zudem auf dem Höhepunkt ihrer Macht befand.


„Wenn es je einen Buhmann in der Geschichte des Geistes gab, dann ist es unbestreitbar die deutsche Romantik“, bilanziert Neumann. Vermutlich machen wir es uns zu leicht, wenn wir den hohen Anteil an Impfgegnern allein auf literarische und künstlerische Strömungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts zurückführen, muss auch Bellstedt einräumen. Zugleich verweist er auf das im deutschen Süden vorherrschende pietistische Weltbild, in dem das fromme, sich selbst reflektierende, die individuelle Erweckung suchende Subjekt mehr zählt als die übergeordnete Gemeinschaft: „Wir stürzen uns morgens in den Großstadtverkehr und träumen doch vom ‚Rauschen der Wälder‘, wie Eichendorff es einst besang. Wir blicken, wie Caspar David Friedrichs ‚Wanderer‘, auf das große Nebelmeer unserer Zeit und erkennen darin Abgrund und Morgen zugleich.“ Prompt fragt Christian Jacob in der taz: „Ist also eine jahrhundertealte ideologisch abgedriftete Liebe der Deutschen zum Wald daran schuld, dass heute Millionen lieber eine lebensgefährliche Covid-19-Erkrankung riskieren, als sich impfen zu lassen?“


„So richtig der Hinweis ist, dass jeder Todesfall menschliches Leid und Trauer begründet, so gilt ebenso, dass jedes Leben nur ein Leben zum Tode ist“, befindet Michael Hüther in Novalis‘ Tradition im Cicero. „Moderne Gesellschaften erwecken den Eindruck, dass der medizinisch-technische Fortschritt es rechtfertige, den Tod zu verdrängen. Doch wir beginnen jedes neue Jahr in Deutschland mit der Gewissheit, dass es 900.000 Todesfälle und mehr geben wird. Das von der Politik während der Corona-Pandemie insinuierte Versprechen des umfassenden Lebensschutzes wird sich indes nicht durchhalten lassen. Vielen ist dabei offenkundig politische Gleichheit wichtiger als epidemiologische Wirksamkeit.“ Oder kürzer: Wer sich seines Immunsystems sicher ist, will nicht, dass es Fremde im Handstreich für unsicher erklären. Wer keine Angst vor dem Virus hat, will nicht, dass seine Freiheit an der Angst des anderen endet. Kurz: wer seinen Realismus liebt, will den Idealismus der anderen nicht darüber bestimmen lassen. Wenn das Romantik ist - was ist dann Aufklärung?


Matuschek stellt letztlich klar, dass damit die Romantik zu einem „nationalpathologischen Popanz“ aufgebaut werde. Denn hätte sich etwa, ergänzte Franzen, ein Kult um Novalis ausgebreitet, „mit blauen Blumen am Parka“, dann hätte die Berufung auf das Erbe der Romantik eine ganz andere Energie besessen. „Die Vorstellung, dass eine typisch deutsche Verbundenheit zur Romantik, zur Fetischisierung von Natur, zur irrationalen Schwärmerei existiert, hat auch etwas Eitles, weil es teilweise ziemlich erbärmliche Probleme mit dem edlen Grusel einer tiefgründigen kulturgeschichtlichen Tradition auflädt“, erkennt er weiter. Vor allem aber, bricht er der Debatte schließlich das Rückgrat, folge diese Art der Aktualisierung einer aufmerksamkeitsökonomischen Logik des Feuilletons und der Literaturwissenschaft, die ihre historischen Gegenstände im Kontext eines oft diagnostizierten Relevanzverlustes immer wieder in zeitgenössische Debatten einschreiben will: „Das Beispiel zeigt, wie Aktualisierung schiefgehen kann, wenn man sie zu erzwingen versucht.“

Wie schnell man da , wenn man es will, Gift in die Debatte einsickern lassen kann, bewies am letzten Januarfreitag – bislang ohne Konsequenzen – der selbsternannte Satiriker Jan Böhmermann in seinem ZDF Magazin Royale: „Was die Ratten in der Zeit der Pest waren, sind Kinder zurzeit für Covid-19: Wirtstiere. Ständig infizieren sie sich mit irgendwelchen Viren, und was machen die unverantwortlichen kleinen Halbmenschen dagegen? Nix! Setzen sich jeden Tag in eiskalte Klassenräume.“ Damit nicht genug: „Und geimpft, geboostert sind die wenigsten, die kleinen Querdenker“. Kinder seien „noch schlimmer als Aluhutträger in der sächsischen Fußgängerzone, weil die handeln unverantwortlich, aber sehen dabei so niedlich aus“.


Den einen Grund für Impfskepsis gibt es nicht – ebenso wenig, wie es eine homogene Gruppe von Skep­ti­ke­rn gibt, gestehen unisono schließlich auch taz, WOZ und Falter ein. „Nicht alle Anthroposophen sind gegen die Impfung, nicht alle Impfgegner sind Esoteriker oder Rechts­ex­tre­me.“ Neben historisch-kulturellen Faktoren seien auch ganz handfeste Gründe für die Impfmisere verantwortlich. Und selbst beim „klassischen“ Schiller heißt es ja: „Selig muss ich ihn preisen, der in der Stille der ländlichen Flur, fern von des Lebens verworrenen Kreisen, kindlich liegt an der Brust der Natur.“ Wer als Homo Sapiens der Natur den ihr gebührenden Stellenwert einräumt, mag auch Romantiker sein. Realist aber ist er in jedem Fall. Und, frei nach Novalis, progressiver Universalpoet sowieso.




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Über den Autor:


Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg.



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