Thomas Hartung: SELBSTVERSTÜMMELUNG ALS 'SELBSTBESTIMMUNG'

Unter dem Label „Selbstbestimmung“ ist „Trans“ der neue Jugend-Hype: Woke feiern ihn, Konservative geißeln ihn. Der Mensch aber kann seine Natur nicht überwinden, sondern muss sie annehmen.


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Francois Etscheid ist ein Mann, 51, Handwerker und – hat einen Penis. Das mag jetzt nicht weiter erwähnenswert, weil selbstverständlich sein, wird es durch Etscheids Outing aber doch: Er versteht sich als „lesbischer Mann“. Seine Erklärung Ende April laut BILD: Er habe, auch beim Sex, „regelmäßig den Eindruck, eine Frau zu sein.“ Obwohl von schwulen Frauen hierzulande noch nichts bekannt ist - auf einem ähnlichen Trip war schon der/die/das Grüne Tessa Ganserer MdB unterwegs, eine von zwei Transfrauen im neuen Bundestag: „Ein Penis ist nicht per se ein männliches Sexualorgan“, diktierte sie der taz. Nebenbei: Tessa heißt eigentlich Markus, ist seit 2013 mit der Grünen-Politikerin Ines Eichmüller verheiratet und hat mit ihr zwei Söhne. Ganserer wird im Bundestag als Frau geführt.


Wer das für einen wenn auch komplexen, dennoch verspäteten Aprilscherz hält, sollte sich bei der Initiative „Geschlecht zählt“ erkundigen. Die spricht erbost von einem „Missbrauch der Frauenquote“, ja „Wahlbetrug“. Auf der Website der von „frauenbewegten Feministinnen“ gegründeten Gruppe heißt es: „Im Parlament sitzt ein Mann, dem das Mandat nicht zusteht.“ Die Initiative stört, dass Ganserer das Geschlecht nicht operativ angleichen und den Personenstand nie amtlich geändert habe. Im Personalausweis steht – wie auch auf der Wahlliste – demnach der ursprüngliche Vorname. Das Thema geriet an die Öffentlichkeit, weil es Alice Schwarzers feministische Zeitschrift Emma ausführlich beleuchtete.


„Bevölkerung und Medien sollen daran gewöhnt werden, dass die Kategorie Geschlecht in unserem Rechtssystem neu definiert werden soll: Wer Frau und wer Mann ist, soll nicht mehr auf objektiv feststellbaren, körperlich-biologischen Merkmalen beruhen, sondern auf einer ‚Gender-‘ beziehungsweise ‚Geschlechtsidentität‘, die auf einem subjektiven Gefühl beruht, das sich aus Stereotypen und Geschlechterklischees speist“, heißt es von der Initiative. Und weiter: „Die Grünen verfolgen die Strategie, die Selbstdefinition des Geschlechts faktisch einzuführen, obwohl es dafür keine rechtliche Grundlage gibt.“ Die Initiative legte Beschwerde beim Wahlprüfungsausschuss des Bundestages ein. Ob der Einspruch gerechtfertigt ist, wird derzeit geprüft. Die Grünen reagierten erbost.


Unterstützung kam von der AfD. Beatrix von Storch MdB hat in der Bundestagsdebatte zum Internationalen Frauentag am 8. März Ganserer mit seinem alten männlichen Namen angesprochen und gesagt: „Wenn Ganserer Rock, Lippenstift, Hackenschuhe trägt, dann ist das völlig in Ordnung. Es ist aber seine Privatsache. Biologisch und juristisch ist und bleibt er ein Mann. Und wenn er als solcher über die grüne Frauenquote in den Bundestag einzieht und hier als Frau geführt wird, ist das schlicht rechtswidrig.“ Ein Sturm der Entrüstung war die Folge. Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann MdB nannte die Aussagen „abscheulich“, „erschütternd“, „niederträchtig“, „bodenlos“ sowie „homophob und zutiefst menschenverachtend.“ Und erklärte: „Tessa Ganserer ist eine von uns. Niemand von uns hat darüber zu richten oder darüber zu reden oder zu entscheiden, wie diese Frau ihr Selbstbestimmungsrecht wahrnimmt.“


Doch es gab auch Gegenwind. „Jeder soll sich fühlen wie er will in einem freien Land. Aber wenn jemand gezwungen werden soll, eine Person, die rechtlich und biologisch eindeutig ein Mann ist, als Frau anzusprechen, ist dies Ausdruck einer totalitären, wirklichkeitsentrückten Haltung“, twitterte der CDU-Abgeordnete Christoph de Vries MdB. „Ein Mensch, der biologisch und rechtlich ein Mann ist, ist für mich ein Mann, auch wenn er sich eine Perücke anzieht und Frauenkleider trägt. Ich weiß, unpopuläre, ‚empörende‘ und altmodische Ansicht. Ein Staat, der uns zwingt, Männer als Frauen zu bezeichnen, ist illiberal“, erklärte der FAZ-Autor Philip Plickert im selben Medium.



„Es wird zum Massenphänomen“


Das juristische Geschlecht kann laut dem 40 Jahre alten Transsexuellengesetz geändert werden - Betroffene dürfen das erst nach einem psychologischen Gutachten und einer gerichtlichen Entscheidung, wobei sie sich intime Fragen gefallen lassen müssen. Ganserer hat das aber nicht getan. Die Grünen sehen darin jedoch keinen Widerspruch. Im Frauenstatut der Partei heißt es bereits im dritten Satz: „Von dem Begriff ‚Frauen‘ werden alle erfasst, die sich selbst so definieren.“ Emma kritisiert: „Diese parteiinterne Klausel wurde nun de facto von den deutschen Wahlbehörden übernommen.“ Die Welt – mehr Wille als Vorstellung?


Parteiextern dagegen hat die neue Ampelkoalition festgelegt, das Transsexuellengesetz unter Federführung des grünen Familienministeriums durch ein „Selbstbestimmungsgesetz“ zu ersetzen – das noch vor der Sommerpause stehen soll. Dabei geht es „um die Änderung des Geschlechtseintrags im Personenstand, also im Ausweis und in anderen offiziellen Dokumenten“, erläutert der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, der Grüne Sven Lehmann MdB, in der BZ. Nicht nur Schwarzer sieht das sehr kritisch. Sie hat dazu zusammen mit Emma-Redakteurin Chantal Louis eine Streitschrift herausgegeben mit dem Titel „Transsexualität - Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?“ Mit Naserümpfen rezensierte sie der DLF als „unsympathisch und wenig hilfreich“.


Das Buch soll eine breite öffentliche Debatte anstoßen, wie es sie nach Schwarzers Dafürhalten derzeit noch nicht gibt. „Es geht nicht um die extrem kleine Gruppe echter Transsexueller“, betont sie in der BZ. „Es geht um Zehntausende junge Mädchen, die plötzlich ihr Geschlecht wechseln wollen. Vor allem sehr junge Mädchen. Mittlerweile gibt es Klassen, in denen vier Mädchen sitzen und sagen: ‚Ich bin trans – ich will ein Junge werden!‘“ Geschlechtsdysphorie, also Körper-Geschlechts-Inkongruenz, werde zum Massenphänomen. Sie spricht von einer regelrechten „Trans-Mode“. Als Ursache vermutet sie „widersprüchliche Botschaften“ aus der Lebenswelt: „Einerseits wird ihnen gesagt: ‚Du kannst Kanzlerin werden, du kannst Astronautin werden, du kannst alles, was die Männer können!‘ Gleichzeitig wird ihnen aber nicht nur im Netz signalisiert: ‚Aber immer schön Frau bleiben dabei! Der Körper, der Busen, das Gesicht – muss alles perfekt sein!‘“


Durch diesen Spagat entstehe verständlicherweise ein Unbehagen mit der eigenen Frauenrolle. „Die Lösung dieses Problems ist aber nicht, den eigenen Körper zu verstümmeln. Die Lösung ist, die Frauenrolle zu überwinden und sich sogenannte männliche Freiheiten einfach zu nehmen. Die Therapeuten müssen unterscheiden lernen zwischen den seltenen echten Fällen von Transsexualität und den vielen, vielen Fällen, in denen junge Frauen und manchmal auch junge Männer einfach Probleme mit ihrer Geschlechterrolle haben.“ Der Lesben- und Schwulenverband hat als Reaktion darauf prompt einen Beitrag unter dem Titel „9 Kritikpunkte an Alice Schwarzers gefährlichen und falschen Thesen zu ‚Transsexualität‘“ veröffentlicht.


„Weiblichkeit ist ein Seinszustand. Nur weil ein Mann sich den Penis entfernen lässt, wird er nicht zur Frau“, erregt sich Birgit Kelle auf achgut. Die Medizinerin Lisa Littmann machte sich schon 2018 unbeliebt, weil sie die These aufstellte, dass die Geschlechtsdysphorie eine Coping-Strategie, also ein Bewältigungsversuch ist – ganz ähnlich wie Magersucht oder selbstverletzendes Verhalten. Die von ihr untersuchten Jugendlichen zeigten zu über 60 Prozent eine oder mehrere psychische Störungen: Sie hatten Depressionen, litten unter Autismus, hatten Schwierigkeiten in der Gefühlsregulation, Stress- und Traumaerfahrungen und zeigten selbstverletzendes Verhalten.



Transsexualität oder Geschlechtsrollen-Irritation


Dass dieser Hype die Realität massiv beeinflusst, liegt auf der Hand. „Man spricht von Transidentität, wenn die Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht bei der Geburt übereinstimmt“, heißt es im Merkur. Schon das ist grandioser Unsinn: Welches Baby hat „bei der Geburt“ eine abgeschlossene Geschlechtsidentität, die es empfinden und artikulieren kann? Doch bei dieser Argumentation wie auch vielen anderen fällt das Schweigen ernstzunehmender Naturwissenschaftler auf, die stattdessen pseudopublizistischen Möchtergern-Experten das Feld überlassen.


Die individuelle Geschlechtsausprägung begründe sich, „anders als lange angenommen, nicht durch die Chromosomen, also auch nicht durch die vermeintlich primären Geschlechtsmerkmale“, darf die ZEIT-Journalistin Carolin Wiedemann unwidersprochen behaupten. „Sicherlich: Es gibt Körper, die menstruieren, und andere, die Samen produzieren, und die meisten Körper heute können eines von beiden. Doch deshalb ist noch lange nicht festgelegt, dass sie entweder Mann oder Frau sind“, fantasiert sie weiter. Das ist kein Witz. Denn offizielle Zahlen gibt es in Deutschland nicht. Studien und Umfragen zufolge identifizieren sich etwa 0,5 bis 1,3 Prozent der Bevölkerung als transgender.

Ganserer greift das in ihrer Argumentation dankbar auf: „Was ist ein Pilz: eine Pflanze oder ein Tier?“, fragt sie in der ZEIT. „Pilze wurden lange Zeit den Pflanzen zugeordnet, sie bilden aber eine eigene dritte Domäne eukaryotischer Lebewesen. Dieses Wissen ist in unserem kollektiven Bewusstsein noch immer nicht fest verankert. Ähnlich ist es beim Wissen um Transgeschlechtlichkeit.“ Das ist ebenfalls kein Witz. „Unser Geschlecht ist keine biologische Tatsache wie die Schwerkraft“, dekretiert prompt Paula-Irene Villa-Braslavsky in der ZEIT, und ein Account „paulninusnaujoks“ twitterte gar: „Organe zu vergeschlechtlichen befürwortet das Patriarchat.“ Auch das ist kein Witz.


Dass die Zahl der trans Menschen stark gestiegen ist, liegt nach Lehmanns Meinung daran, dass die Gesellschaft offener geworden ist und es heute mehr Informationen, mehr Identifikationsmöglichkeiten und mehr Beratungsstellen gibt. „Und natürlich machen auch Vorbilder Mut, dazu gehören auch die ersten zwei offenen Transfrauen im Bundestag.“ Wenn es stimmen würde, dass viele junge Menschen die Entscheidung vorschnell träfen, dann müssten auch viele diesen Schritt im Nachhinein bereuen – dem sei aber nicht so: „Wir wissen aus Studien, dass von den Menschen, die ihren Personenstand wechseln, weniger als ein Prozent diese Entscheidung bereut.“


Das ist eine gewagte Behauptung. Ebba Lindquist konnte 2016 einen sogenannten „Honeymoon Effect“ nachweisen. Das heißt, dass es den Betroffenen kurz nach der OP erstmal physisch und psychisch besser ging als zuvor, die Zufriedenheit dann aber nach drei Jahren in allen Bereichen nachhaltig sank. Noah Adams zeigte 2017, dass die Zahl der Suizidphantasien und Suizidversuche nach der Operation mit 50,6 Prozent deutlich höher lag als vor der OP – da waren es „nur“ 36,1 Prozent.


Alice Schwarzer erregt sich besonders darüber, dass der sogenannte Geschlechtswechsel künftig schon ab 14 Jahren möglich sein soll. Es solle nicht mehr ernsthaft geprüft werden, ob es sich um eine untherapierbare Transsexualität oder nur um eine Geschlechtsrollen-Irritation handele. „Ab dem 14. Lebensjahr soll man demnach sein Geschlecht wechseln können, auch wenn die Eltern nicht einverstanden sind! Das muss man sich mal vorstellen: Eine 14 Jahre alte Jugendliche, die in der Pubertät ist, voll beschäftigt mit der eigenen Identitätsfindung, sagt plötzlich: ‚Ich bin trans.‘“ Die Änderung des Geschlechtseintrags sei oft nur der erste Schritt, dem als Zweites häufig die Behandlung mit Pubertätsblockern, Hormonen und Operationen folgen würde. Manche Therapeuten und Ärzte sowie die Pharmaindustrie hätten natürlich auch ein großes kommerzielles Interesse an diesen Geschlechtsangleichungen und den damit verbundenen Operationen und der lebenslangen Hormonbehandlung.


Damit könnte sogar gegen den Willen der Eltern gehandelt werden, wenn es um den Geschlechtswechsel geht. Kaum kommunizieren die Verteidiger des Trans-Hypes dagegen, dass viele Transgender später einen solchen Schritt bereuen – und dann tatsächlich im falschen Körper feststecken. Es ist dieser Fakt, der den Finger in die Wunde legt. Denn durchweg erscheint der Trans-Hype als Form der „Befreiung“, die nicht nur zu akzeptieren und zu unterstützen sei, sondern eine glückselige Einbahnstraße ist. Die Probleme, die damit zusammenhängen, spielen keine Rolle. Die Ermutigung von Jugendlichen zur Identitätsfindung wird in eine einzige Richtung ermutigt, die Konsequenzen ausspart.


Medien, sogar Kindersendungen, haben mittlerweile diesen gefährlichen Hype unwidersprochen angenommen. In Sendungen wie „logo!“ oder „PUR+“ treten Jugendliche auf, die sich Hormone spritzen lassen und es als normal verkaufen, sich später operieren zu lassen. Selbst auf dem Flaggschiff deutschen Bildungsfernsehens, der „Sendung mit der Maus“, heuert der ehemalige Obdachlose Erik nun als „Katja“ an und erklärt den Kindern, was es denn mit seinem Geschlechtswechsel auf sich hat – garniert mit offener Werbung für das Selbstbestimmungsgesetz der Bundesregierung.


„Die Schamlosigkeit, mit der die Sendungsmacher hier kleine Kinder gemäß den aktuellen Regierungsvorhaben ideologisch passend infiltrieren, ist ungeheuerlich und sollte einen Sturm an Programmbeschwerden von Eltern auslösen“, hatte Hedwig von Beverfoerde, die Sprecherin der Familienrechtsorganisation „Demo für Alle“, gegenüber Tichys Einblick kritisiert. Die Organisation hat inzwischen ein zweiminütiges Aufklärungsvideo bei Youtube veröffentlicht, das vor dem „Transgender-Hype“ warnt.



„Liebe an einem hoffnungslosen Ort“


Lehmann hält dem entgegen: „Das Selbstbestimmungsgesetz regelt keine medizinischen Fragen, sondern es geht um den amtlichen Personenstand. Über die Ausgestaltung des Selbstbestimmungsgesetzes beraten wir gerade innerhalb der Regierung. Schon jetzt gilt für geschlechtsangleichende Operationen die Altersgrenze von 18 Jahren in fachärztlichen Leitlinien, diese Grenze wird nur in seltenen Ausnahmen unterschritten.“ Einwände gegen das neue Gesetz gelten schnell als transphob, deshalb wird es kaum diskutiert. „Transphob ist ein anderes Wort für nicht blöd“, feixte prompt von Storch. Lehmann machte deutlich, dass jeder, der nicht dafür stimmt, auch nicht auf der Seite von Transpersonen stehe: „Trans Frauen sind Frauen. Und trans Männer sind Männer. Punkt. Alles andere ist transfeindlich.“ Das erinnert an die stalinistische Maxime „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“


Doch niemand mache so etwas leichtfertig oder aus Spaß. „Trans ist ganz sicher weder ein Hype noch eine Modeerscheinung“, kontert Lehmann. „Alice Schwarzer kann von außen nicht beurteilen, was Transmenschen bewegt und sollte das auch nicht tun“. Schwarzer argumentiert: „Bei dieser ganzen Debatte wird meiner Meinung nach Natur mit Kultur verwechselt. Ich gehöre zu den Menschen, die die kulturelle Geschlechterrolle abschaffen wollen. Jetzt aber geht man plötzlich her und sagt: ‚Das biologische Geschlecht muss geändert werden.‘ Wir können die Natur aber nicht abschaffen.“ Eine Geschlechtsangleichung ist für Menschen, die sich in ihrem Körper mit ihrem angeborenen Geschlecht als Mann oder Frau nicht wohl fühlen, oft kein Ausweg, berichtete kürzlich die Welt anhand von zwei jungen Frauen, die sich zu Männern umwandeln ließen, aber heute wieder als Frauen leben. Sie nahmen das männliche Geschlechtshormon Testosteron ein, ließen ihre Brüste wegoperieren, litten als Transmänner aber weiter unter psychischen Problemen.


Sie werfen ihren Therapeuten vor, ihre Selbstdiagnose, transsexuell zu sein, nie infrage gestellt zu haben. Offiziell müssen Betroffene, die gegengeschlechtliche Hormone erhalten möchten, sechs Monate lang eine Psychotherapie machen. Nach zwölf Monaten ist eine geschlechtsangleichende Operation möglich. So verschreiben manche Therapeuten in Deutschland schon 13-jährigen Betroffenen Hormone. Die Mitarbeiterin des Berliner Vereins Trans-Kinder-Netz, Karoline Haufe, erläutert, dass man so „Kindern eine altersgemäße Entwicklung“ unter Gleichaltrigen ermöglichen wolle.


Um darauf aufmerksam zu machen, dass eine Transition nicht immer ein gutes Ende nehmen müsse, haben beide Frauen die Internetplattform post-trans.com gegründet. Dort veröffentlichen sie Geschichten von Menschen, die ihre Geschlechtsumwandlung angehalten oder rückgängig gemacht haben. Nachdem sie über ihr Schicksal in den Sozialen Medien berichtet haben, wurden sie wiederholt von ehemals Gleichgesinnten angefeindet und beschimpft.


Das erlebte auch die „reaktionäre Feministin“, ja laut Michaela Dudley in der taz „Steinzeit-Genoss*in“, gar „Soldat*in des Patriarchats“ Schwarzer, die, wie andere auch, befürchtet, dass mit der neuen Regelung nicht nur Frauenquoten torpediert werden, sondern Männer auch in den Schutzraum von Frauen eindringen und ihre vermeintliche Transidentität so für Übergriffe ausnutzen könnten. So geschehen vor wenigen Tagen in den USA: Hier gibt’s plötzlich Schwangere im Frauenknast von New Jersey. Denn seit der Klage einer Transfrau werden da auch Transgender-Frauen inhaftiert. In der 800-Insassen starken Einrichtung sitzen seitdem 27 Transfrauen ihre Zeit ab, darunter ein 27-jähriger als Demitrius Minor geborener Häftling, seines Zeichens Transfrau, der im Internet stolz zugab, zwei Frauen geschwängert zu haben. Eine der Glücklichen ist Latonia Bellamy – eine 31-jährige Doppelmörderin, die nun endlich „Liebe an einem hoffnungslosen Ort“ gefunden habe.


Was sagt also die Justiz einem verurteilten Täter, der sich umgemeldet hat und seine sechs Jahre Strafe wegen Vergewaltigung jetzt im Frauengefängnis absitzen will? Kann in einem Dax-Vorstand, der eine Quote erfüllen soll, jemand seinen Rauswurf verhindern, indem er seinen Personenstandseintrag ändert, wie das Harald Martenstein schon vor Jahren im Zeit-Magazin grandios glossierte? Ja kann irgendein Gremium die Geschlechterquote erfüllen, indem sich einfach zwei Männer als Frau eintragen lassen?


Weiter gedacht heißt das auch: Wie kann man sicher gehen, dass ein mögliches Selbstbestimmungsgesetz, gerade, wenn es so niedrigschwellig funktioniert, nicht für falsche Zwecke missbraucht wird? Aus wessen Perspektive etwa ist es „falsch“, wenn sich ein ukrainischer Transgender heute der Wehrpflicht durch Flucht entzieht: „Ich bin in Gedanken bei meinen Transschwestern, die in der Ukraine jetzt plötzlich an der Front als Männer sterben sollen“, twitterte Saliva Glance, ein deutscher „trans drag artist“. Geschlecht kann inzwischen wohl auch einer der jeweiligen Bedarfssituation vorteilsgebenden Interpretation unterworfen werden.



„Identitäten konkurrieren nicht mit Identitäten“


Die Debatte, nicht zuletzt befeuert vom „Transgender Day of Visibility“, der jedes Jahr am 31. März gefeiert wird, wurde in den letzten Tagen aber kaum so emotional wie im Sport geführt. Auslöser war die US-Schwimmerin Lia Thomas, die Mitte März in Atlanta als erste Transfrau auf der höchsten Ebene des College-Sports Landesmeisterin wurde. Die 22-Jährige stellte zum Ende ihrer Zeit an der High School ihr Mannsein infrage, begann eine Hormontherapie, unterdrückte das Testosteron in ihrem Körper und durfte nach zwölf Monaten in Wettkämpfen für Frauen antreten. So schnell wie als Mann schwimmt Thomas zwar nicht mehr, allerdings schneller als die meisten Frauen, gegen die sie antritt - teilweise um mehrere Sekunden.


Nur Stunden später trat Cynthia Millen, die 66-jährige Schwimmverbandschefin der USA, zurück. Thomas sei ein „biologischer Mann, der gegen Frauen schwimmt“, sagte Millen. Als Transgender-Schwimmerin würde Thomas den Sport „zerstören“. „Fakt ist, dass Schwimmen ein Sport ist, bei dem Körper gegen Körper antreten. Identitäten konkurrieren nicht mit Identitäten“, machte Millen bei Fox News deutlich. „Jungen haben eine größere Lungenkapazität, größere Herzen, einen größeren Kreislauf, ein größeres Skelett und weniger Fett. Männliche Schwimmer sind anders als weibliche und sie werden immer schneller sein als Frauen“. Es wäre eine „Travestie, das Erbe weiblicher Olympioniken wie Janet Evans oder Jenny Thompson einfach wegzuwerfen“, sagte sie. „Alles Faire beim Schwimmen wird zerstört.“ Ähnlich argumentierte von Storch: „Im Sport konkurrieren nicht Gefühle miteinander, sondern es stehen Kraft und Ausdauer im Wettbewerb, also: der Körper. Was auch immer Thomas fühlt oder wünscht: Kraft und Ausdauer seines Körpers sind dem Körper einer Frau überlegen, weil er ein Mann ist und keine Frau.“


Widerstand kam auch hier vom „eigenen“ (?) Geschlecht. Die aus Ungarn stammende Reka Gyorgy von der Virginia State University forderte die College-Sportorganisation auf, ihre Regeln zu ändern. Sie machte Thomas letztlich für ihre Nichtqualifikation verantwortlich: Sie habe das Gefühl, dass ihr der letzte Platz für das Finale der NCAA Championships weggenommen wurde „aufgrund der Entscheidung der NCAA, jemanden, der keine biologische Frau ist, antreten zu lassen ... Ich bitte die NCAA, sich Zeit zu nehmen, um über all die anderen leiblichen Frauen im Schwimmen nachzudenken, zu überlegen, wie Sie sich fühlen würden, wenn sie in unseren Schuhen stecken würden.“ Gyorgy vertrat ihr Heimatland Ungarn bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro und gehört zu den erfolgreichsten Schwimmerinnen an ihrer Universität. In zehn Staaten dürfen Schülerinnen und Schüler nur gegen das Geschlecht antreten, das in ihrer Geburtsurkunde eingetragen ist. Neunzehn andere Staaten überlassen transgender Schülerinnen und Schülern die Entscheidung selbst.


Natürlich, der Sport braucht Kategorien, denn erst sie ermöglichen die spannenden Vergleiche, die Tausende begeistern. Alters-, Gewichts-, Stärkeklassen, und eben Geschlecht - das minimiert die Varianz und erhöht die Akzeptanz. Usain Bolts längere Beine und schnellere Muskelfasern als biologischer Vorteil war nie Grund für Diskussionen, seine Schnelligkeit wurde akzeptiert, gar bewundert. Bei einer Trans-Athletin – nicht einem Trans-Athlet! – wird berechtigt der Ruf nach einem unfairen, biologischen Vorteil laut. Die offiziellen Richtlinien des Internationalen Olympischen Komitees besagen seit Ende 2015, dass Trans-Frauen an Frauenwettkämpfen teilnehmen dürfen, wenn ihr Geschlecht offiziell, also auch im Pass, weiblich ist. Außerdem darf der Testosterongehalt im Blut seit mindestens zwölf Monaten höchstens zehn Nanomol pro Liter (nmol/l) entsprechen, dieser Wert darf während der gesamten Wettkampfkarriere nicht überschritten werden.


Männer und Frauen unterscheiden sich allerdings nicht nur im Testosteronspiegel voneinander, sondern auch anatomisch – etwa in Körpergröße, Gewicht, Muskelmasse und Körperbau, erläutert Annette Richter-Unruh im Ärzteblatt. Männer sind außerdem im Schnitt 13 cm größer als Frauen. Diese Unterschiede bilden sich erst in der Pubertät heraus. Weitere Unterschiede zwischen den biologischen Geschlechtern zeigen sich im Verhältnis von Muskel- zu Fettmasse, bei der Blutbildung, im Hämoglobinspiegel sowie im Immunsystem. Der höhere Testosteronspiegel bei Männern ist zudem mit einem anderen Verhalten assoziiert.


Im Leistungssport liegt der Vorteil von Männern gegenüber Frauen je nach Disziplin bei 10–20 %. Dieser Effekt ist umso stärker, je mehr es auf Kraft ankommt. Auch ein Sprecher des Bundesfachverbands für Kickboxen ‚Wako Deutschland‘ betonte in BILD: „Fakt ist, dass die muskuläre und Knochenstruktur bei einem genetischen Mann stets bevorteilt ist.“ Dies sei „medizinisch fundiert und genetisch nachvollziehbar“, begründet der Verband wie auch der Bund Deutscher Radfahrer seine Ablehnung, Transgender in der jeweils „eigenen“ Kategorie starten zu lassen. Isabelle Pfisterer bilanziert prompt in der NZZ: „Der Sport steht vor der Herausforderung, inklusiv zu sein, ohne dabei an Spannung, Fairness und Sicherheit einzubüßen.“



„aus einer verfolgten eine verfolgende Minderheit“


Inklusion oder Fairness? Komisch, in der schulpolitischen Debatte hat diese Frage nie eine Rolle gespielt, wenn etwa 24 Schülern zugemutet werden soll, aufgrund der Lernbehinderung eines Schülers ihr Lerntempo und ihre Bildungsansprüche zurückzuschrauben. Aber sei‘s drum: Beim Spielrecht für trans- oder intergeschlechtliche Menschen hat etwa der Berliner Fußball-Verband ein Modell entwickelt, das inzwischen so erfolgreich ist, dass es bundesweit umgesetzt werden soll. Seit zwei Jahren können sich Spieler neben „weiblich“ und „männlich“ auch als „divers“ anmelden oder in der Transition frei wählen, wann sie die Mannschaft wechseln.


Diese Regeln erlauben es etwa Dennis Magnus, als Mann im Berliner Frauenfußball zu spielen - obwohl er 2020 noch Jacqueline hieß. Dennis‘ Geschlechtsangleichung begann vor Jahren: „Ich habe mich 2016 als trans geoutet, ein Jahr später mit einer Therapie angefangen, dann regelmäßig Testosteron verabreicht bekommen“, erzählt der Fußballspieler im Interview mit dem rbb. Nach einer Brustabnahme wurden Dennis im Mai 2021 als letzter Schritt die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernt. Als Mann ist er trotzdem weiterhin fester Bestandteil des Frauenteams - obwohl er nachdenkt, zu den Männern zu wechseln. „Spielerisch und taktisch dürfte das kein Problem werden, aber diese Robustheit der ersten Herrenmannschaft, das geht noch nicht, wenn ich mir das von außen so anschaue.“ Also wieder: realer Körper gegen erdachte Identität? Petra Weitzel, die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität, glaubt, dass die Debatte Deutschland erst erreicht, wenn auch hier eine transgender Sportlerin erfolgreich wird. Das wird ein Spaß.


Inklusive Regeln sollten aber schon jetzt verfasst werden, meint sie. „Wenn man sich nicht sichtbar für alle öffnet, kommt auch niemand.“ Aber wer will eigentlich, dass „jemand“ kommt? Die Frage bewegt derzeit auch die Katholische Kirche. Schwule Pfarrer, lesbische Religionslehrerinnen, transsexuelle Ordensbrüder oder bisexuelle Gemeindereferentinnen wollen nicht länger ihre Sexualität geheim halten. So hat der 27jährige Theo Schenkel im März eine unbefristete Unterrichtserlaubnis erhalten, so ein Sprecher der Erzdiözese Freiburg. Der Referendar für Religion und Französisch hatte sein Coming-out als Trans-Mann in einer ARD-Dokumentation; er ist einer von 125 Bediensteten der katholischen Kirche, die sich Ende Januar im Rahmen der Aktion #OutInChurch als queer geoutet und eine Reform des Arbeitsrechts gefordert hatten – das eine Arbeitsgruppe der deutschen Bischöfe derzeit vornimmt. Nebenbei: Die katholische Kirche hat in Deutschland rund 600.000 Angestellte.

Kardinal Gerhard Müller hatte Tichys Einblick zu dem gesamten Themenkreis ein gepfeffertes Statement gegeben: „Der LGBT-Ideologie ist es gelungen, aus einer verfolgten eine verfolgende Minderheit zu machen. Man hat sich in Politik, Justiz, Universitäten und Medien eine totalitäre Machtposition verschafft, die die Religionsfreiheit zerstört, den Rechtsstaat untergräbt und die Wissenschaftsfreiheit mit Füßen tritt. Wenn die Selbstverstümmelung an Geist, Seele und Körper ideologisch-politisch als angebliche ‚Selbstbestimmung‘ feilgeboten wird, dann ist das nichts weniger als eine schwere Versündigung am Wohl und Heil von Kindern und Jugendlichen, die sich in einem Prozess der Reife und Identitätsfindung befinden.“



„Sex-Abgabe für Heteromänner“


Genau diese „Versündigung“ beklagen unter agnostischem Vorzeichen auch die Koblenzer Soziologin Marion Felder und der Berliner Psychoanalytiker Bernd Ahrbeck in ihrem Beitrag „Was in Schulen los ist“. Sie nennen“ Aufklärungsbemühungen“ einer Organisation namens „SchLAu“, was für „Schwul Lesbisch Bi Trans* Aufklärung“ steht. Die Organisation verteilt unter anderem Infobroschüren in Schulen. Die Autoren erregen sich vor allem über die „in Verkennung fundamentaler Unterschiede“ praktizierte Gleichsetzung des Bekenntnisses zur Transsexualität mit dem Coming-Out von Homosexuellen. Die neue Identität soll offensiv in einem „Trans-Coming-Out“ vertreten werden. Die Broschüre bezeichnet etwa die Toilettenaufteilung nach Geschlecht für non-binäre Menschen als „diskriminierend“ und plädiert deshalb für Unisextoiletten, die in neu gebauten Gebäuden verpflichtend sein sollen.


Prompt hat unter dem Motto „Pinkeln gegen das Patriarchat“ ein Berliner Startup „Missoirs“ entwickelt, wasserlose Hockurinale, konzipiert für Flinta* (Frauen, Lesben, Inter-, nonbinäre, Trans- und Agender-Personen): Denn Frauen müssten Schlange stehen, während Männer mit Toiletten und Pissoirs gleich zwei Möglichkeiten hätten, sich zu erleichtern. „Dabei ist es in einer sexistischen Welt, in der Frauen nach wie vor aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert oder gar getötet werden, absolut notwendig, Frauen als gesellschaftliche Gruppe zu betrachten und zu erfassen“, empören sich Schwarzer und Louis.


Das Fazit kann ambivalenter nicht sein. Es scheint, als ob Julien Offray de La Mettrie’s „Die Maschine Mensch“ von 1748 – lange vor dem Urmaterialisten Karl Marx – fröhliche Urständ feiert: Seine Definition des Menschen als eine bloße Maschine, die weder Seele noch Geist im üblichen Sinn hat und auf Gott gut und gerne verzichten kann, empfanden selbst aufgeklärte Denker wie Diderot oder Voltaire als zynisch. „Der Mensch ist aus keinem wertvolleren Lehm geknetet; die Natur hat ein und denselben Teig verwendet, bei dem sie lediglich die Hefezusätze verändert hat“, liest man etwa. Eine immaterielle, unsterbliche Seele existiert nicht, so der Franzose, die Materie trägt das Prinzip der Bewegung in sich selbst. Dabei redet la Mettrie einem Gefühl das Wort, „das uns lehrt, was wir nicht tun dürfen, weil wir nicht wollen, dass man es uns antut.“ Mensch und Tier seien ähnlich gebaute Maschinen, die sich nur durch ein paar „Zahnräder“ unterschieden.


Offenbar ist heute die Zeit reif, Geschlecht als mechanistisches Zubehör begreifen zu dürfen. Diese Perspektive legt mindestens die neue Macht nahe, die sich innerhalb der einstmals engen Allianz aus Feministen und Homosexuellen gebildet und „die alte Garde weißer lesbischer Feministinnen längst vom Thron gestoßen hat“, wie Martin Voigt in der Jungen Freiheit befand. Wer sich etwa noch als Lesbe bezeichne, sei schon transphob, da Lesben biologische Frauen liebten und „Frauen mit Penis“, also Transfrauen, somit diskriminierten. Aus Frauenbeauftragten seien längst Queerbeauftragte geworden. Voigts Fazit: „Der Feminismus frisst seine Frauen“. Die Männer hat er offenbar schon verdaut: Unter der Schlagzeile „Heterosex ist nicht natürlich“ fordert die taz-Kolumnistin Lou Zucker, die medizinischen Kosten umzuverteilen, „die insbesondere Frauen durch Heterosex entstehen. Zum Beispiel durch eine Sex-Abgabe für Heteromänner.“






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Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Hier können Sie TUMULT abonnieren. Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier.