Thomas Hartung: "SIE WURDE GEJAGT" – Völkerball als Hort der Reaktion

„Unterdrückend“ und „entmenschlichend“ – wo immer diese beiden Kampfbegriffe zuletzt durch den Blätterwald rauschten, ging es entweder um Grenzschutz oder um die klassische Familie. Der Ballsport wurde in diesem Zuge zumeist geflissentlich übergangen – bis jetzt. Thomas Hartung fasst für uns die neuesten Schreie aus der bundesdeutschen Diskurs-Gummizelle zusammen: Ein Text über Patriarchat, Monarchie und deren letzte finstere Bastion: Das Völkerball-Spiel.



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Schon dass Turnvater Friedrich Ludwig Jahn es erfunden hat, hätte längst die Allianz der Gutmeinenden auf den Plan rufen müssen: Der Bezirk Pankow hatte den Berliner Senat aufgefordert, die Umbenennung des „nach dem bekennenden Antisemiten“ getauften Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks zu prüfen. Für die Initiative „Sport ohne Turnväter“ steht die Sportanlage mit der Ausrichtung von Veranstaltungen wie den „Respect Gaymes“ der schwul-lesbischen Gemeinde ganz besonders für Offenheit und Toleranz. Jahns in diesem Kontext sekundäres Vergehen: er hat das Spiel „Völkerball“ kreiert – mit einem explizit „wehrertüchtigenden Charakter“.


Dabei treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Mittels eines Balls (oder auch bis zu drei Soft- oder Schaumstoffbällen) sollen alle Spieler im gegnerischen Spielfeld durch Treffer am Körper „abgeschossen“ werden. Dabei darf der Ball zuvor nicht den Boden berührt haben. Die beiden Felder der Mannschaften sind durch eine Linie in der Mitte getrennt. Pikant: bisweilen bestimmt jede Mannschaft auch einen „König“. Dieser positioniert sich auf dem gegenüberliegenden Außenfeld. Alle abgeworfenen Spieler müssen das Innenfeld verlassen. Sobald alle Spieler einer Mannschaft ausgeschieden sind, muss der König in das Innenfeld. Er hat drei Leben. Wird er dreimal getroffen, ist sein Königreich gefallen. Es gibt zahlreiche Variationen des Spiels.


Diese Spielidee missfällt Wissenschaftlern aus Kanada, die ursprünglich den Sportunterricht ihres Landes untersuchen wollten und dafür zwölf- bis 15-jährige Kinder interviewten. Dabei erwähnten diese Völkerball immer wieder negativ. Sie kritisierten vor allem die aus Nordamerika stammende verschärfte Variante „Dodgeball“ als Wettkampfsport, bei der mit mehreren Bällen gleichzeitig gespielt wird. Völkerball, so der Schluss der Experten in mehreren US-Medien, sei ein „Mittel der Unterdrückung“ und „legalisiertes Mobbing“. Das Spiel lehre Kinder, ihre Mitschüler zu „entmenschlichen“ und ihnen zu „schaden“. Der Mitautor der kanadischen Studie, Stephen Berg, erklärt auf CBC: „In der Schule reden wir viel über Freundlichkeit, Empathie und Mitgefühl. Im Sportunterricht verschwinden alle diese Begriffe.“ Die Botschaft des Spiels sei, dass es okay ist, andere zu verletzen.


Joy Butler, Professorin an der University of British Columbia in Vancouver und Co-Autorin, erklärte auf CBC, dass viele Lehrer Völkerball als ein Hilfsmittel dafür sehen würden, Kinder auf spielerische Weise für die Gesellschaft und die „echte Welt“ zu formen. Die Wissenschaftler fanden aber im Gespräch mit Schülern heraus, dass viele Schüler das Spiel nicht gerne spielten und sich gemobbt fühlten, weil stärkere Schüler das Spiel nutzten, um schwächere Klassenkameraden zu demütigen. Die Erziehungswissenschaftler berichteten sogar, dass es von einigen Schülern als „unterdrückend“, ja „entmenschlichend“ wahrgenommen wurde.



„Aggressionen kontrollieren, anstatt sie auszuleben“


Beispielsweise habe eine Schülerin erzählt, dass sie beim Völkerball immer weg und in den hinteren Bereich laufe, um sich vor dem Ball und ihren Mitschülern zu verstecken. „Sie wurde gejagt. Ist verstecken wirklich etwas, das sie im Unterricht lernen soll?“, klagt Butler an. Prompt unterstellt sie, dass nicht wenige Schüler aus ihrer Schulzeit ein „veritables Völkerball-Trauma davongetragen“ hätten, „das sich bei manchen auch zu einer generellen Abneigung gegen Ballsport ausgeweitet“ habe - ohne dafür Belege zu liefern.


Es kommt noch besser: Butlers Meinung nach sollte „Sportunterricht ein Ort sein, an dem Lehrer den Schülern dabei helfen, ihre Aggressionen zu kontrollieren, anstatt sie auszuleben.“ Dass sportlicher Vergleich den Ehrgeiz fördern, Aggressionen abbauen und auch noch fithalten kann und sollte, kommt ihr gar nicht mehr in den Sinn. Das ist politisch völlig überzogen, denn hier argumentieren Menschen, die offenbar weder den Schulsport noch das Leben verstanden haben, aus pseudomoralischer, nicht aber pädagogischer oder gar sportlicher Perspektive. Denn die Wissenschaftler plädieren prompt dafür, mehr Ausgewogenheit herbeizuführen, auf einige Spiele zu verzichten und andere Disziplinen wie Fitness oder Gymnastik aufzunehmen. Sie schlagen zudem vor, dass Lehrer die Schüler selbst Spiele entwickeln lassen, wobei sich alle Kinder gemeinsam auf die Regeln einigen sollten.


Mehr Weltfremdheit war selten. Die Realität besteht nun einmal aus Gegensätzen, die erstritten, ja ausgefochten sein wollen – das beginnt im zwischenmenschlichen Bereich auf familiärer, sozialer und auch schulischer Ebene und endet nicht zuletzt in der internationalen Diplomatie. Man lernt sich, seine Stärken und Schwächen ebenso kennen wie die der anderen und wird dadurch tatsächlich „auf die reale Welt vorbereit“. Das kritisieren die Studienautoren mit dem Verweis auf „Spielarten der Unterdrückung in Justiz und Politik“ und appellieren an Lehrer, auch „die schwächeren und stilleren Schüler im Blick zu haben“.


Abgesehen davon, dass man diese Selbstverständlichkeit keinem Lehrer nahezubringen braucht: Das ist vereinseitigend, pazifizierend und gleichmacherisch. Es ist ja gerade der zu DDR-Zeiten hymnisch gefeierte Slogan „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“, der dreißig Jahre später im anderen deutschen Staat als pädagogisch kontraproduktiv verurteilt wird! Welche Realität soll sich seitdem verschoben haben? Es ist der Wunsch linksgrüner Utopisten, in einer oberflächlich gewaltlosen Welt zu leben, die keinerlei mentale, soziale oder körperliche Unterschiede geschweige denn Völker mehr kennen soll. Das ist hanebüchen. Symptom einer auf den Hund gekommenen Gesellschaft dürfte weniger Völkerball selbst als vielmehr die mit sinnentleerten Kampfbegriffen gespickte Diskussion über die Folgeschäden dieses Kinderspiels sein.


André Hahn, sportpolitischer Sprecher der Linken-Bundestagsfraktion, will es zwar nicht verbieten, versichert er gegenüber der Funke-Mediengruppe, aber „die Forschung“ sei zu neuen Erkenntnissen gekommen, die man „nicht leichtfertig vom Tisch wischen“ dürfe. Vielmehr müsse man „mit den Expertinnen und Experten im Bildungswesen sowie den Sportverbänden über mögliche Konsequenzen reden“. Sportarten unterlägen auch gesellschaftlichen Wandlungen und Bewertungen. Hahn räumt ein: „Sicherlich gibt es in diesem Bereich auch eine Verantwortung der Sportlehrerinnen und -lehrer“. Es hänge davon ab, „wie sie dieses Spiel in ihrem Unterricht einordnen“.


Auf Nachfrage der BZ hieß es aus dem Schulministerium in Nordrhein-Westfalen:


„Die Kernlehrpläne für den Sportunterricht in den verschiedenen Schulformen geben keine konkreten Spiele vor, sondern beschreiben lediglich verschiedene Bewegungsfelder und Sportbereiche.“

Eines davon wird für die Sekundarstufe I mit „Das Spielen entdecken und Spielräume nutzen“ benannt. Welche Spiele im Unterricht gespielt würden, entschieden die Schulen in eigener Verantwortung, heißt es aus dem Ministerium. Auch Sportlehrer berichten, dass sie Völkerball im Unterricht spielen würden, weil das Spiel auch Möglichkeiten für Strategien, Team-Arbeit und Regelvarianten biete. Wenn ein Kind im Spiel von anderen gemobbt werde, so liege das am Lehrer, der nicht interveniere, und nicht am Spiel selbst, sagt zum Beispiel eine restvernünftige Sportlehrerin.



Form sportlich-spielerischer Welterfahrung


Völkerball ist eine Form sportlich-spielerischer Welterfahrung. Wegen vermeintlicher Diskriminierung darauf zu verzichten stärkt die Starken, die sich in körperlicher Unangreifbarkeit wähnen, schwächt die Schwachen, die keine Chance auf körperliche Ertüchtigung erhalten, befördert Polarisierung und erreicht also das Gegenteil der angestrebten Harmonie. Sport als körperbetontes Fach kann Defizite in geistbetonten Belangen ausgleichen und trägt in summa zur Persönlichkeitsprägung des Menschen bei. Eine Mißprägung wird ausgerechnet in Sachsen deutlich, wo Kultusminister Christan Piwarz (CDU) Ende Juni bestätigte, dass ab der vierten Klasse eine Stunde Sport wöchentlich entfallen soll: zugunsten vor allem von Gemeinschaftskunde - obwohl jeder sechste sächsische Schüler inzwischen als adipös gilt. Das ist ein grundfalsches Signal, das die Schüler in ihrer Gesamtheit schwächt - Wettbewerb zieht sich durch unser ganzes Leben, da sollte man früh üben, sich zur Wehr zu setzen und seine eigenen Stärken zu trainieren.


Bei jedem Sport oder Spiel gibt es Gewinner und Verlierer - wie man damit umgeht, ist allerdings eine Charakterfrage. Mit derselben Argumentation könnte man auch Fußball verbieten, ist es doch ungerecht, wenn zehn Feldspieler ständig auf einen Torhüter ballern, der auch noch zu einer anderen Mannschaft, zum Gegner, zum Feind gehört. Und mit derselben Argumentation kann man auch den Mathe-Unterricht kritisieren, dürfte er doch für mathematisch weniger Begabte gewiss mitunter traumatisierend ausfallen - oder den Religionsunterricht, diesen Schulfach gewordenen Tritt ins Antlitz jedes aufgeklärten Atheisten oder indifferenten Agnostikers.


Der Essener Gastronom Stefan Romberg hat inzwischen auf die Diskussion reagiert. Er veranstaltet am 25. August ein Völkerball-Turnier an der „Heimlichen Liebe“ in Bredeney als eine Art humorvollen Protest. „Klar sollte man Dinge ab und an hinterfragen“, schreibt er in der Einladung. Aber 20 Minuten Völkerball in der Schule als Mobbing zu bezeichnen sei wohl „etwas drüber“. Das hätten sicher auch die musikalischen Drüberflieger von „Rammstein“ gefunden. Das Cover ihrer eine Million Mal verkauften Live-DVD „Völkerball“ zur die Welttournee 2005 ist eine Adaption des Logos der Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau, die seinerzeit - wir erinnern uns - der Westen bezeichnenderweise schwänzte.



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Über den Autor:


Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Als Presse- und PR-Chef verantwortete er alle Publikate von der Pressemitteilung bis zum Fernsehspot und damit auch maßgeblich den Landtags- und vor allem den Bundestagseinzug des Landesverbands als stärkste Kraft vor der CDU. 







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