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Thomas Hartung: WÖRTER UNTER VERDACHT

  • vor 38 Minuten
  • 11 Min. Lesezeit

Sprache hat ein Gedächtnis, aber keine Erbsünde: Wer Wörter nach ihrer Herkunft moralisch verdächtigt, betreibt keine Sprachkritik mehr, sondern politische Erziehung durch Bedeutungsaufsicht.





Unter der Überschrift „Versteckter Antisemitismus“ erklärt das ARD-Magazin Monitor, Wörter wie „Ische“, „Mauscheln” und „Geschacher“ trügen judenfeindliche Bedeutungen in sich. „Ische“ etwa stamme aus dem Jiddischen und bedeute Frau; „Geschacher“ gehe auf ein jiddisches Wort für Handeln zurück. Aus der sprachlichen Herkunft wird eine belastete Verwendungsgeschichte, aus dieser wiederum eine moralische Warnung für den gegenwärtigen Sprecher.


Nun muss niemand „Ische“ für einen sprachästhetisch schönen Ausdruck halten. Das Wort ist umgangssprachlich, meist herablassend und weithin veraltet. Auch „Geschacher“ bezeichnet kein ehrenhaftes Verhandeln, sondern eigennütziges Feilschen; „mauscheln” bedeutet heimlich, unehrlich oder intransparent zu handeln. Doch daraus folgt nicht, dass jeder, der von politischem Mauscheln oder Postengeschacher  spricht, ein antisemitisches Klischee aktiviert. Er denkt gewöhnlich weder an Juden noch an Jiddisch, sondern an unwürdigen Posten- oder Interessenhandel.


Die öffentlich-rechtliche Belehrung, die der sattsam bekannte Georg Restle verantwortet (inzwischen Ex-Redaktionsleiter und Studioleiter in Nairobi), illustriert ein Grundverfahren des gegenwärtigen Sprachumbaus: Wörter werden nicht mehr vorrangig danach beurteilt, was sie im heutigen Sprachgebrauch bedeuten und was der Sprecher mit ihnen sagen will. Man verfolgt sie in eine historische Tiefe zurück und behandelt diese Herkunft wie ein Schuldregister. Etymologie wird zur Erbsünde. Damit verlassen wir das Gebiet vernünftiger Sprachkritik und betreten das der Sprachpolitik.


Sprache besitzt keine Erbsünde


Sprachen übernehmen Wörter nicht wie versiegelte Behälter, in denen eine ursprüngliche Bedeutung unverändert aufbewahrt bleibt. Sie verwandeln Laut, Tonwert und Sinn. „Malochen“, „Schlamassel“, „meschugge“, „Tacheles“, „Chuzpe“, „Zoff“ oder „Mischpoke“ haben jiddische oder hebräische Wurzeln. Ihre Aufnahme ins Deutsche ist nicht automatisch ein Dokument deutscher Judenfeindschaft, sondern zunächst ein Zeugnis jahrhundertelanger kultureller Berührung.


Ein Wort kann aus einem diskriminierten Milieu stammen, in herabsetzender Absicht übernommen und später semantisch verselbstständigt worden sein. Diese Geschichte sollte man kennen. Aber historische Belastung ist kein Stoff, der dauerhaft im Wortkörper eingeschlossen bleibt und bei jeder Aussprache freigesetzt wird.


Gerade der Ausdruck „versteckter Antisemitismus“ immunisiert sich gegen Widerlegung. Dass der Sprecher bei „Geschacher“ überhaupt nicht an Juden gedacht hat, entkräftet den Verdacht nicht, sondern beweist angeblich nur, wie tief das Vorurteil im Sprachsystem verborgen liege. Fehlende Absicht wird zum Beleg der Unsichtbarkeit. Eine solche Theorie kann nicht mehr falsifiziert werden. Sie klärt nicht auf, sondern produziert Schuld.


Dabei droht der Begriff Antisemitismus selbst zu verflachen. Er bezeichnet Judenhass, Verschwörungsdenken, Diskriminierung, Bedrohung und Gewalt. Wird er auf Wörter ausgeweitet, deren jüdische Herkunft den meisten Sprechern unbekannt ist, wächst das moralische Urteil, während sein Gegenstand schrumpft. Die mikroskopische Untersuchung des deutschen Alltagswortschatzes kann dann als besondere Sensibilität gelten, während offener islamistischer und importierter Antisemitismus in manchen Debatten weit vorsichtiger behandelt wird.


Von „Neger“ zur Morphemmoral


Das bekannteste Beispiel sprachlicher Ächtung ist das Wort „Neger“, entlehnt über französisch nègre und spanisch negro, „Schwarzer“, von lateinisch niger „schwarz, schwärzlich, dunkelfarbig”. Es war im Deutschen seit dem 17. Jahrhundert eine geläufige Bezeichnung, wurde Ende des 20. Jahrhunderts zunehmend als abwertend und historisch belastet dargestellt – was nicht ansatzweise bedeutet, dass es auch abwertend ist – und aus dem neutralen öffentlichen Sprachgebrauch weitgehend suspendiert. Ein Wandel ist dann nachvollziehbar, wenn sich Bedeutungen ändern, Betroffene Begriffe zurückweisen, und eine Sprachgemeinschaft andere Bezeichnungen sucht.


Doch aus konkretem Wandel entstand eine allgemeine Methode. Nicht mehr Kontext, Sprecherabsicht und gegenwärtige Bedeutung entscheiden, sondern die Möglichkeit einer historisch belastenden Genealogie. Das einzelne Wort wird aus dem Satz herausgelöst und wie ein kontaminiertes Objekt behandelt.


Dabei verändert sich Sprachgebrauch häufig in Form einer Euphemismustretmühle. Ein beanstandeter Ausdruck wird ersetzt; nach einiger Zeit nimmt der Ersatz die negativen Konnotationen seines Vorgängers an, weil sich nicht die bezeichnete Wirklichkeit, sondern lediglich ihr Name verändert hat. Aus „Neger“ wurde „Farbiger“, daraus „Schwarzer“, daraus die politisch markierte Selbstbezeichnung „Schwarz“. Aus „Ausländer“ wurde „Migrant“, daraus „Mensch mit Migrationsgeschichte“. Die sprachliche Verfeinerung mag höflich sein, löst jedoch keinen gesellschaftlichen Konflikt.


Der Sprachaktivismus deutet dieses Scheitern nicht als Grenze sprachlicher Steuerung. Er verschärft die Steuerung. Immer neue Regeln sollen verhindern, dass negative Erfahrungen und Urteile sich erneut an die Ersatzbegriffe heften. So entsteht eine Sprache mit immer kürzeren Verfallsfristen. Wer ihre neueste Ausgabe nicht kennt, gilt nicht mehr nur als uninformiert, sondern als moralisch verdächtig.


Schwarz als Rassismussurrogat


Besonders deutlich wird diese Entwicklung am Wort „schwarz“. Es bezeichnet zunächst eine Farbe. In der europäischen Farbsemantik steht Schwarz seit Jahrhunderten für Dunkelheit, Nacht, Trauer, Tod, Verbotenes oder Verborgenes. Deshalb gibt es den Schwarzen Tod, schwarze Magie, Schwarzarbeit, Schwarzmarkt, Schwarzfahren, Schwarzsehen und das schwarze Schaf. Diese Metaphern entstanden nicht als Beschreibungen dunkelhäutiger Menschen.


„Schwarzfahren“ geht nicht auf die Hautfarbe von Personen zurück. Als Erklärungen werden das nächtliche, verborgene Handeln, ältere Wörter für Schmuggel oder auch jiddische Einflüsse genannt. Das „schwarze Schaf“ stammt aus der Schafzucht: Weiße Wolle ließ sich leichter färben und war deshalb wertvoller; schwarze Fasern minderten den Wert einer Partie. Wer solche Redensarten dennoch zu „rassistischen Metaphern“ erklärt, zwingt nachträglich eine heutige ethnische Bedeutung in eine ältere Farbsymbolik hinein.


Damit stellt sich eine paradoxe Frage: Wer verbindet das Farbadjektiv eigentlich zwanghaft mit einer Bevölkerungsgruppe – derjenige, der „schwarzsehen“ ohne Personenbezug verwendet, oder der Sprachaktivist, der darin sogleich eine Aussage über Schwarze Menschen entdeckt? Der behauptete Antirassismus führt auf diese Weise gerade jene Fixierung auf Hautfarbe wieder ein, die er überwinden wollte.


Das Wort „schwarz“ darf nicht länger für sich stehen. Es muss ständig durch die politische Kategorie „Schwarz“ kontrolliert werden. Eine Farbe wird ethnisiert, anschließend wird jede ältere Farbbedeutung am Maßstab dieser Ethnisierung verurteilt. Aus einem vermeintlichen Rassismus wird ein Rassismussurrogat: Wo keine Herabsetzung einer Menschengruppe vorliegt, genügt bereits die negative Verwendung derselben Farbe.


Diese Logik kennt kein Ende. Ist „schwarzärgern“ rassistisch, während „zur Weißglut bringen“ unbedenklich bleibt? Sind schwarze Zahlen diskriminierend, obwohl sie wirtschaftlichen Erfolg bedeuten? Muss schwarze Trauerkleidung umgedeutet werden? Der Widerspruch zeigt, dass nicht die Sprachgeschichte untersucht, sondern ein politisches Raster über sie gelegt wird. Die Farbe selbst wird zur verdächtigen Chiffre.


Aus Unterschied wird Ungerechtigkeit


Hinter diesem Verfahren steht eine umfassendere linke Denkfigur. Aus jedem Unterschied wird zunächst eine Ungleichheit, aus Ungleichheit anschließend Ungerechtigkeit. Was nicht identisch ist, scheint bereits hierarchisch; was hierarchisch erscheint, muss sprachlich repariert werden. So erklärt sich auch die Großschreibung von „Schwarz“ als politischer Selbstbezeichnung. Sie soll anzeigen, dass nicht eine Hautfarbe, sondern eine gesellschaftliche Position gemeint sei.


„Weiß“ wird ebenfalls politisiert und als Machtstellung interpretiert. Orthographie wird damit zum Diagramm einer sozialtheoretischen Ordnung. Sowohl ARD als auch ZDF schreiben das Adjektiv „weiß“ nach wie vor klein – aber haben diese neue Schreibweise für Schwarz übernommen. „Die schwarze Hautfarbe ist wertvoller als die weiße. Das nennt man gebührenfinanzierte Apartheid”, regt sich NIUS-Chef Julian Reichelt auf X auf.


Man kann solche Schreibweisen innerhalb bestimmter wissenschaftlicher Schulen verwenden. Problematisch wird es, wenn sie zum allgemeinen moralischen Standard erhoben werden. Dann beschreibt Sprache nicht mehr nur Personen und Sachverhalte. Sie muss zugleich anzeigen, dass der Sprecher die vorgeschriebene Theorie über Macht und Identität verinnerlicht hat.


Ähnlich verfährt das Gendern. Aus einer grammatischen Form wird unmittelbar auf soziale Sichtbarkeit geschlossen. Wer „Bürger“ sagt, soll Frauen nicht mehr grammatisch mitmeinen, sondern gesellschaftlich unsichtbar machen. Stern, Doppelpunkt oder Unterstrich sollen diese vermeintliche Auslöschung sichtbar korrigieren.


Damit wird die Eigenlogik der Sprache einem ideologischen, ja politischen Wirkungsmodell untergeordnet. Grammatisches Geschlecht, biologisches Geschlecht und soziale Identität werden vermischt und anschließend durch künstliche Zeichen wieder auseinanderdividiert. Der Satz soll nicht mehr allein verständlich, präzise und schön sein. Er soll seine moralische Konstruktion offenbaren.


Vom Wort zum Sprecher


Klassische Sprachkritik fragte: Ist ein Ausdruck genau? Ist eine Metapher verbraucht? Ist ein Satz aufgebläht? Passt das Wort zum Gegenstand? Die neue Sprachkritik fragt: Welches Machtverhältnis reproduziert der Sprecher? Wen macht er unsichtbar? Welche historische Verletzung setzt er fort? Zu welchem Milieu gehört er? Das Wort ist nicht mehr Gegenstand, sondern Beweismittel. Geprüft wird die moralische Verfassung derer, die es verwenden.


Darin liegt die Gemeinsamkeit von Genderleitfäden, der Ächtung historischer Begriffe und der Entdeckung angeblich rassistischer Farbsymbolik. Die Bedeutung entsteht nicht mehr im konkreten kommunikativen Zusammenhang, sondern wird von Experten verwaltet. Eine kleine Gruppe kennt die versteckten Verletzungen, die der gewöhnliche Sprecher nicht wahrnimmt. Sie enthüllt, warnt und verlangt Anpassung.


Der Sprecher kann sich nur noch schuldig oder lernbereit zeigen. Widerspricht er, beweist dies mangelnde Sensibilität. Erklärt er seine Absicht, gilt der Hinweis als Ausflucht. Beruft er sich auf Sprachgeschichte, wird ihm vorgeworfen, die „Betroffenenperspektive“ nicht anzuerkennen. Damit wird Sprache zu einem Tribunal ohne jede Möglichkeit des Freispruchs - von Verfahrenseinstellung ganz zu schweigen.


Kontext oder Kontamination


Natürlich kann Sprache verletzen. Begriffe können ihre Bedeutung verändern, und kein Sprecher besitzt ein absolutes Recht darauf, dass seine Absicht jede Wirkung neutralisiert. Wer einen heute weithin als Beleidigung verstandenen Ausdruck gezielt gegen jemanden richtet, kann sich nicht allein mit seiner Etymologie entschuldigen. Aber auch der Hörer besitzt kein absolutes Deutungsmonopol. Nicht jede subjektiv empfundene Kränkung definiert verbindlich die Bedeutung eines Wortes.


Zwischen Absicht und Wirkung, Herkunft und Gegenwart, Etymologie und Gebrauch liegt das Feld vernünftiger Interpretation. Gerade dieses Feld verschwindet, wenn Wörter als „kontaminiert“ gelten. Dann wird Kontextualisierung zum Verdacht der Verharmlosung. Ein historisches Zitat, eine literarische Figur und eine gegenwärtige Beschimpfung erscheinen nur noch als unterschiedliche Vorkommen desselben verbotenen Zeichens.


Die Folge zeigt sich in Literatur, Theater, TV und (nicht nur Kinder)büchern. Alte Texte werden mit Warnhinweisen versehen, bereinigt oder umgeschrieben. Ihre Fremdheit, die zum Gegenstand von Bildung werden könnte, wird eingeebnet. Die Vergangenheit soll reden, als habe sie bereits die Sprachleitfäden der Gegenwart gekannt. Das ist kein Geschichtsbewusstsein, sondern Gegenwartsabsolutismus.


Der Journalist als Richter


Allerdings ist auch die Umkehrung beobachtbar, was nur zwei aktuelle Fälle belegen mögen. So schreibt die „sapiosexuelle Muslima” Bushra Harraq auf X: „Die Redewendung 'Da hast du Schwein gehabt' ist eine Mikroaggression, die gezielt Muslime und Veganer (progressiven Kräfte in unserer Kultur) angreift. Man sollte das verbieten!” [sic!] Das ist kein Witz.


Oder hat Russland nach Angaben der Staatsagentur Tass Mitte August ein Strafverfahren gegen den deutschen Journalisten Michael Martens eingeleitet. Ermittelt werde gegen den FAZ-Korrespondenten wegen des Schürens von Hass und Feindseligkeit. Aktuell werde entschieden, ob der Reporter, der aus Wien über Südosteuropa berichtet, international zur Fahndung ausgeschrieben werde.


Martens hatte in Belgrad den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gefragt, was die Europäer tun könnten, um der Ukraine dabei zu helfen, mehr russische Soldaten zu töten [sic!]. Das löste breite Kritik aus. Die Zeitung hatte danach erklärt, die Frage des Reporters sei missverständlich formuliert gewesen, dies bedauere man. Es sei nicht die redaktionelle Linie der FAZ, dass möglichst viele russische Soldaten getötet werden sollten.


Die Zeitung ihrerseits aber hatte „Diffamierungen und Drohungen” gegen ihren Korrespondenten kritisiert. „Das ist inakzeptabel”, hieß es. Zur Pressefreiheit gehöre das Recht, Fragen zu stellen, gerade auf einer Pressekonferenz. Ob aber die Begründung eines Gerichtsurteils gegen einen verurteilten Mörder mit dem journalistischen Vokabular einer Pressekonferenz verglichen werden kann, darüber mag man streiten.


Sprachumbau als Menschenumbau


Eine freie Sprachgemeinschaft verändert sich durch Gebrauch, Widerspruch, Literatur, Humor und gesellschaftliche Erfahrung. Eine gelenkte Sprachgemeinschaft verändert sich durch Leitfäden, Sanktionen, Warnhinweise und institutionelle Autorität. Die politische Attraktivität dieser Sprachlehre beruht auf einem bestimmten Menschenbild. Der Mensch gilt als weitgehend durch Sprache formbares Wesen. Ändert man Wörter und grammatische Muster, verändern sich Wahrnehmung, Denken und schließlich Gesellschaft.


Natürlich beeinflusst Sprache das Denken. Begriffe lenken Aufmerksamkeit, gliedern Erfahrung und können Vorurteile verstärken. Doch daraus folgt nicht, dass gesellschaftliche Wirklichkeit durch systematischen Worttausch wesentlich repariert werden könne. Wer „Geflüchteter“ statt „Flüchtling“ sagt, betreibt noch keine vernünftige Asylpolitik. Wer „Schwarz“ großschreibt, beseitigt keine Diskriminierung. Wer gendert, behandelt Frauen nicht automatisch besser. Und wer „Geschacher“ vermeidet, hat damit noch keinen einzigen Antisemiten überzeugt.


Im ungünstigsten Fall ersetzt die korrekte Sprache das verantwortliche Handeln. Der Sprecher beweist seine Haltung durch Orthographie und wird dadurch von der härteren Prüfung seines politischen Tuns entlastet. Moral wird zur Rechtschreibung. Zugleich erweitert sich das Aufgabenfeld des Staates und seiner Vorfeldinstitutionen. Schulen, Verwaltungen, Hochschulen, Medien und Unternehmen sollen nicht mehr nur Regeln vermitteln, sondern Empfindungen, Identitäten und Assoziationen korrigieren. Der Bürger erscheint weniger als Souverän denn als sprachlich zu bearbeitendes Material. Das unbeschriebene Blatt endet im Erziehungsstaat.


Der Gebührenzahler als Schüler


Besonders problematisch wird diese Entwicklung, wenn sie nicht von privaten Aktivisten, frei finanzierten Zeitschriften oder akademischen Zirkeln betrieben wird, sondern von einem öffentlich-rechtlichen Magazin wie Monitor. Ein privates Medium darf seine sprachpolitische Linie vertreten. Man kann es kaufen oder liegen lassen.


Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk besteht diese Wahl aber nur beim Konsum, nicht bei der Finanzierung. Der Rundfunkbeitrag wird unabhängig davon erhoben, ob der Bürger das Programm nutzt oder die redaktionelle Weltanschauung teilt. Formal handelt es sich nicht um eine Gebühr für eine individuell abgerufene Leistung. Politisch beschreibt das Wort „Zwangsbeitrag“ dennoch die Erfahrung, dass man sich der Finanzierung nicht durch bloßen Verzicht entziehen kann.





Gerade daraus folgt eine erhöhte Verpflichtung zu Sachlichkeit und Pluralität. Ein beitragsfinanziertes Magazin sollte die Sprachgeschichte erläutern, Bedeutungswandel darstellen und kontroverse Deutungen sichtbar machen. Es sollte nicht so auftreten, als liefere es verbindliche moralische Gebrauchsanweisungen für den Wortschatz.


Die Instagram-Grafiken über „versteckten Antisemitismus“ verkünden jedoch einen Befund, statt eine sprachwissenschaftliche Frage zu eröffnen. Zwischen Absicht und Wirkung, Herkunft und Gegenwart, Etymologie und Gebrauch liegt das Feld vernünftiger Sprachkritik. Genau dieses Feld wird zerstört, wenn aus „Ische“ und „Geschacher“ kurzerhand „versteckter Antisemitismus“ wird. Die These setzt den Schuldspruch an den Anfang und macht Differenzierung zum Verdacht der Verharmlosung.


Der Zuschauer erfährt nicht, wie Entlehnung, Bedeutungsverschiebung und Kontext funktionieren. Ihm wird ein Wort enthüllt. Wer es künftig verwendet, tut dies angeblich wider besseren Wissens. So wird Journalismus zur weichen Sprachgesetzgebung. Der Bürger wird nicht nur darüber belehrt, welche Wörter verborgen belastet seien. Er finanziert auch noch die Institution, die ihn belehrt. Der Gebührenzahler wird zum unfreiwilligen Schüler.


Die selektive Empfindlichkeit


Jede Sprache ist voller historischer Sedimente. „Idiot“, „Kretin“ und „hysterisch“ haben medizinische oder körperbezogene Vorgeschichten. „Vandalismus“ überträgt den Namen eines Volkes auf zerstörerisches Handeln. „Pharisäer“ wurde in christlicher Tradition zum Schimpfwort für Heuchelei. Wollte man jede problematische Genealogie tilgen, müsste man große Teile des Wortschatzes stilllegen.


Welche Wörter tatsächlich skandalisiert werden, entscheidet daher keine allgemeine sprachwissenschaftliche Regel. Es entscheidet die gegenwärtige Hierarchie politischer Sensibilitäten. Was heute als kolonial, rassistisch, sexistisch oder antisemitisch entdeckt wird, war gestern noch unauffällig. Was heute unauffällig ist, kann morgen zum Verdachtsfall werden.


Der Sprachwächter erhält dadurch eine dauerhafte Funktion. Seine Arbeit kann nie beendet sein, weil die nächste verborgene Verletzung erst noch freigelegt werden muss. Das erklärt auch die Vorliebe für Begriffe wie „strukturell“, „unbewusst“ und „versteckt“. Sie verlagern die Beweisführung in einen Bereich, den nur Spezialisten erkennen können. Der gewöhnliche Sprecher ist nicht unschuldig, sondern unwissend. Gerade seine Ahnungslosigkeit begründet den pädagogischen Bedarf.


Kein Freibrief für Grobheit


Eine konservative Sprachkritik sollte daraus nicht ableiten, jedes alte Wort müsse demonstrativ bewahrt werden oder sei Höflichkeit überflüssig (wie Takt oder Respekt keine linke Erfindung). Konservativ ist, zwischen gewachsenem Sprachwandel und politisch organisiertem Sprachumbau zu unterscheiden. Eine Sprachgemeinschaft kann Wörter aufgeben, weil ihr Gebrauch sich verändert hat. Das ist etwas anderes, als wenn Leitfäden, Redaktionen und Aktivisten fortlaufend neue Normen setzen, Sprecher moralisch klassifizieren und selbst Farbadjektive, Suffixe oder grammatische Formen unter Ideologieverdacht stellen.


Die entscheidende Frage lautet nicht, ob man alles sagen darf. Sie lautet, wer nach welchen Kriterien darüber entscheidet, was gesagt werden soll. Sprache verändert sich durch Gebrauch, Widerspruch, Literatur, Witz und gesellschaftliche Erfahrung. Sie verarmt durch Warnetiketten, Sanktionsdrohungen und institutionell verwaltete Empfindlichkeit: wer sein restringiert-elaboriertes Sprachempfinden durch gesundes Lutherdeutsch gestört wähnt, muss mit dieser Störung umgehen lernen.


Der linke Sprachumbau verspricht eine Sprache ohne Verletzung, erzeugt dabei aber eine Sprache voller Warnschilder: rassistisch, sexistisch, kolonial, antisemitisch, ableistisch, transfeindlich. Der Sprecher soll nicht mehr einfach sprechen, sondern fortwährend die möglichen Genealogien und Nebenwirkungen jedes Wortes berechnen.


Die Republik der Warnschilder


Das Ergebnis ist keine menschlichere Sprache, sondern ein bürokratisches Idiom, in dem die moralische Absicherung wichtiger wird als die Aussage. Menschen sprechen in Formeln, Institutionen in Bekenntnissen, Medien in pädagogischen Hinweisen. Unterdessen wächst die Macht jener, die die Etiketten verteilen.


„Ische“ kann herablassend sein, ohne dass jede Verwendung Antisemitismus beweist. „Geschacher“ kann polemisch sein, ohne ein jüdisches Händlerklischee aufzurufen. „Neger“ kann heute beleidigend sein, ohne dass sein bloßes Vorkommen in jedem historischen oder zitierenden Kontext dieselbe Funktion besitzt. Und „schwarz“ kann Dunkelheit, Illegalität, Trauer oder wirtschaftlichen Gewinn bezeichnen, ohne dass darin ein Urteil über dunkelhäutige Menschen verborgen liegt.


Sprache besitzt ein Gedächtnis. Aber sie besitzt keine Erbsünde. Der eigentliche Machtanspruch liegt deshalb nicht in den Wörtern, sondern in der Vorstellung, Redaktionen und Sprachaktivisten könnten aus deren Herkunft eine verbindliche moralische Gebrauchsanweisung für Millionen Menschen ableiten. Dass ein zwangsfinanzierter Sender dabei als Erzieher auftritt, gibt dem Vorgang seine besondere Pointe.


Die deutsche Sprache ist älter, vieldeutiger und freier als ihre Kontrolleure. Sie gehört nicht Monitor, nicht den Genderleitfäden und nicht den Antidiskriminierungsstellen. Sie gehört ihren Sprechern – und verändert sich dort, wo diese einander überzeugen, nicht dort, wo sie einander überwachen.



Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025


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