Thomas Küchenmeister: OFFENER BRIEF AN DAS ZENTRUM FÜR INTEGRATIONSSTUDIEN DER TU DRESDEN

Wohin geht die Reise?



Sehr geehrte Damen und Herren,


mit einigem zeitlichen Abstand zum dreijährigen Bestehen des Zentrums für Integrationsstudien möchte ich Ihnen in der gebotenen Kürze und in dieser Form meine Sicht auf ihre Arbeit darlegen.


Ich folge damit auch der Auffassung von Ministerin Dr. Eva-Maria Stange, wonach unsere Gesellschaft von der “Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen, Sichtweisen und Weltbildern lebt”. Als Außenstehender ist es mir natürlich nicht möglich, auf die Feinstrukturen Ihrer Tätigkeit einzugehen. Dennoch zeigt sich mir ein kritisches Gesamtbild.


Im Zentrum Ihres Forschungsansatzes stehen die Themen Migration, Integration und Inklusion.

Ihre Arbeit ist eng verzahnt mit zahlreichen Kooperationspartnern wie z.B. dem HAIT und bezieht einen nicht unerheblichen Teil seiner finanziellen Mittel aus Steuergeldern.


Projekte, Publikationen und Veranstaltungen des ZfI lassen erkennen, dass die Integration der in unserem Land in den vergangenen Jahren zumeist illegal angelandeten Migranten für Sie einen zentralen Stellenwert einnimmt. Das Jahr 2015 dürfte der entscheidende Impuls für die Gründung des Zentrums gewesen sein. Beispielhaft für Ihre Arbeit ist dabei wohl die Ringvorlesung “Inklusion in der Migrationsgesellschaft”.


Als konzeptionelle Kerne Ihrer Arbeit benennen Sie “Praxistransfer” und “Förderung sozialer Kohäsion”. Hauptadressat Ihres Praxistransfers ist nicht die Gesamtheit der ostdeutschen Gesellschaft, sondern die Gruppe der Migranten. Sie fördern aber nicht die soziale Kohäsion, sondern eine dramatische Vertiefung der politischen Spaltung der Gesellschaft.


Mit Ihrem Lehr- und Forschungsansatz richten Sie sich zugleich gegen alle wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Sichtweisen, die zu den derzeit offiziellen politischen Vorgaben eine alternative Perspektive einnehmen. In Ihrer vereinfachenden Sprachregelung: rechtsextreme Positionen. Dabei blenden Sie völlig aus, dass den heutigen Integrationsbemühungen eine Kaskade von Rechtsbrüchen vorausging und ein Entscheid des eigentlichen Souveräns – des Volkes – nie demokratisch eingeholt wurde. Diese Ursünde staatlicher Migrationspolitik wird deshalb weiter schwären wie die Wunde des Philoktet.


Zu dieser politischen Inanspruchnahme kommt ein weiterer, mittelbarer Bewegrund hinzu.

In dem Maße, wie linksliberalem Denken in den vergangenen Jahren das geistig-intellektuelle Potential und die mobilisierende Kraft (weltweit) abhanden gekommen sind, versucht man, die erodierenden Fundamente mit Hypermoral und Machbarkeitswahn zu festigen. Als Sozialwissenschaftler sollten Sie jedoch wissen: das Unendliche zu denken, überfordert den Menschen. “Die Welt” ist für eine “Rettung” zu groß.


Ihr Untersuchungsansatz krankt aber auch an methodologischen Schwächen. Während genuine Wissenschaft stets die Lösung von Probleme in allen Richtungen gesucht hat, engen Sie von vornherein ihre Überlegungen auf das politisch Gewünschte und vom Zeitgeist Legitimierte hin ein und blenden die Auffassungen eines wachsenden Teils der Bürger dieses Staates – und dieser Stadt – als illegitim aus. (Paradoxerweise bestätigen Sie mit diesem selbstgewählten Feindbild unfreiwillig die klassische Bestimmung des Politischen durch Carl Schmitt.)


Was soll und kann eine Sozialwissenschaft aber bewirken, wenn ihr bereits im Forschungsansatz das politisch Gewünschte eingeschrieben ist? Wenn Sie im ZfI das Postulat der methodologischen Offenheit – etwa im Sinne des Kritischen Rationalismus – beherzigen würden, dann hätten Sie auch die Maßstäbe der Einwanderungs- und Integrationspolitik der Bundesregierung in Frage gestellt. Aber davon war in den Turbulenzen der vergangenen Jahren von Ihnen nie etwas zu hören.


Zu zwei Aporien ihrer konzeptionellen Ausrichtung: Was Sie mit der Integration kulturfremder Ethnien beabsichtigen, ist der aussichtlose Versuch, das nicht Integrierbare in einer umfassenden Ordnung zu absorbieren. (An dieser Stelle hätten Kant, Hegel und Voltaire von “Rasse” gesprochen – und wären von ihren Studenten heute ausgebuht worden.)


Was Sie vielfach Inklusion nennen, bedeutet den Verzicht auf unverzichtbare Elitenbildung und

mittels Ihrer Antipädagogik ein Bekenntnis zur Mittelmäßigkeit. Falls Sie diese Aussage für überzeichnet halten, empfehle ich Ihnen, ein halbes Jahr lang in einer beliebigen Schule in Berlin-Neukölln zu unterrichten.


Dies alles steht nicht mehr für kritische Wissenschaft, sondern für deren schrittweise erfolgende Preisgabe, mit dem erklärten Ziel, bestimmte Felder der praktischen Politik zu besetzen. Mit dieser Ausrichtung ihrer Lehr- und Forschungsarbeit gliedern Sie sich – absichtlich oder unabsichtlich – in die regierungsamtliche Ideologieproduktion ein. (Marx hat dazu alles Erforderliche gesagt) Im handwerklichen Klein-Klein wird der Mythos der gelingenden Integration inszeniert – wobei man sich der ministeriellen Huld immer sicher sein kann. Die freiwillige Zurückstufung von Wissenschaft auf Ideologie erklärt m.E. auch, weshalb die einst verdienstvollen Sozialwissenschaften in diesem Land heute nicht mehr im Entferntesten Persönlichkeiten wie Georg Simmel, Hellmuth Plessner oder Arnold Gehlen hervorbringen. Mit solcher Selbstverzwergung müssen Sie leben.


Fest steht für mich: An Ihren selbstgesetzten Aufgaben werden sie scheitern, so wie eine utopistische Linke noch an jeder Aufgabe gescheitert ist – die Agonie der letzten linken Kräfte in Deutschland können wir derzeit in Echtzeit verfolgen. (Gern berichte ich Ihnen dazu auch aus dem Erfahrungsschatz meiner Sozialisation im real existierenden Sozialismus.)


Wohlgemerkt: Indem ich diese Zeilen schreibe, hege ich keine Erwartungen, Sie zum Nachdenken oder gar Neudenken zu bewegen – gemäß einem Wort von Wittgenstein: “Es hat keinen Sinn, jemandem etwas zu sagen, was er nicht versteht.”


Meine Absicht ist es lediglich, Ihnen eine Ahnung zu vermitteln, dass es außerhalb Ihrer

abgeschotteten Vorstellungswelt noch Wesen gibt, die einer anderen Erkenntnis von dem, was wesentlich und unverzichtbar ist, und somit einem andersgearteten Moral- und Politikverständnis folgen. Menschen zu denen Sie – im Gegensatz zu Ihren Studenten – längst jeden Zugang verloren haben.


Es bleibt also die Frage: Wohin geht die Reise – und wer steht wo?


Mit Grüßen


Dr. Thomas Küchenmeister




*



Über den Autor:


Thomas Küchenmeister hat nach Absolvierung seines 18-monatigen Grundwehrdienstes bei der NVA

von 1971 bis 1977 an der Leipziger Universität Geschichte studiert. Von 1977 bis zur Wende

arbeitete er an der dann abgewickelten Hochschule für Verkehrswesen in Dresden. 1984 wurde er an der Bergakademie Freiberg promoviert.



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