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Till Kinzel: DAS LETZTE GEFECHT UM DEN NEUEN MENSCHEN?

Thomas Naumann analysiert, wie die zwei kommunistischen Schriftsteller Bertolt Brecht und Friedrich Wolf die Bibel ausschlachteten.


Adam Jones, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons


Wo liegen die geistigen Fundamente der Utopien des sogenannten Zeitalters der Extreme, des 20. Jahrhunderts? Welche Rolle spielte das Christentum dabei? Es sind solche Fragen, die den Physiker Thomas Naumann in einem sehr erhellenden Buch beschäftigen, das sich mit zwei kommunistischen Schriftstellern beschäftigt. Die kommunistischen Dramatiker Bertolt Brecht und Friedrich Wolf schufen zahlreiche Werke, die darauf zielten, das utopische Ziel der Erschaffung eines „Neuen Menschen“ zu verwirklichen. Naumann ist der richtige Autor für die Darstellung dieses Komplexes, denn er ist der jüngste Sohn von Friedrich Wolf und damit auch der Halbbruder des ehemaligen Chefs des Auslandsgeheimdiensts der DDR, Markus Wolf.


Seine zentrale These lautet nun, dass „Brecht und Wolf auf unterschiedliche Weise christliche und jüdische Ideen zum Fundament ihrer Arbeit“ machten. Weil der Mensch nicht vom Brot allein lebe, hörten auch die Utopien und das Streben nach einem „Neuen Menschen“ nicht auf. Die Utopie bleibe relevant. Doch lehre uns die Erfahrung der Geschichte, welche Gefahr in „Visionen von einem Heil, das meist ein Unheil ist“, liege. So ist denn auch in Bezug auf die wirkungsmächtige kommunistische Utopie vom „Neuen Menschen“ eine Art Vergangenheitsklärung nötig, um ihre Wiederbelebung zu verhindern.


Brecht wendet das Alte Testament ins Blasphemische


Schon der junge Brecht besaß als Protestant aus seiner Augsburger Schulzeit eine erstaunlich gründliche Bibelkenntnis, und diese setzt er in seinen frühen Schriften gezielt ein, um im Sinne Nietzsches eine Umwertung der Werte vorzunehmen. So wird von Brecht nicht die Unschuld besungen, sondern ein schuldiger Mörder, durch den er die christlich-bürgerliche Moral als Vorurteil entlarven will. Brecht zeichnet durchgängig ein hartes und trostloses Bild des menschlichen Lebens zwischen Geburt und Tod. Dabei knüpft er durchaus an die Anthropologie des Alten Testaments an, wendet sie aber konsequent ins Blasphemische. Das handelte ihm in den 1920er Jahren Strafanzeigen ein. Wenn er die Gattung der „Chroniken“ aus dem AT übernimmt, behandelt er nicht das Leben von Königen und Heiligen, sondern von Abenteurern, Verbrechern und Huren.


Diese parodistische und blasphemische Übernahme biblischer Motive setzt sich in Brechts Opern wie der Dreigroschenoper fort, wo die Figur Jonathan Peachum dann, wenn es ihr nützlich erscheint, Bibelsprüche erfindet. Mit anderen Worten: Brecht schlachtet die Bibel aus und verfälscht, wo für ihn nötig, was dort eigentlich steht. Als in Augsburg aufgewachsener Protestant hatte Brecht die Bibel gründlich kennengelernt, die er später als Steinbruch für seine literarische Produktion benutzte. Naumann zufolge habe Brecht sich aber nicht gegen die Bibel selbst gewendet, sondern gegen die miserable Wirklichkeit.


Kommunismus als das Reich Gottes


Anders als Brecht, der schließlich in Kalifornien das Exil überdauerte, ging der Dramatiker Friedrich Wolf in die Sowjetunion. Seine Sozialkritik war weniger intellektuell, sondern eher emotional geprägt; Wolf verstand sich auch in der Literatur als Kämpfer für die Entrechteten gegen ihre Unterdrücker. Er glaubte, im Kommunismus den „neuen Glauben“ und das „Reich Gottes“ finden zu können. Naumann zitiert Aufschlussreiches aus Wolfs Kampfschrift „Kunst ist Waffe“ von 1928, in der er das Reich der Gerechtigkeit als eschatologisches Ziel des Kommunismus beschreibt. Seine kommunistische Heilsrhetorik dreht sich um die „große Sache“, die Erschaffung des „Neuen Menschen“, der gegenüber alle bisherige Geschichte defizitär bleiben muß.


Bei Wolf speise sich die Interpretation des Kommunismus als Verwirklichung eines Reiches der Gerechtigkeit aus einem jüdischen Messianismus, obwohl Wolf selbst kein gläubiger Jude mehr war. Offensichtlich sah sich Wolf aber als Erbe eines messianischen Eiferers und religiösen Radikalreformers, Thomas Müntzer, dessen Rolle im Bauernkrieg er sein letztes Drama widmete. Wolf kann so als Paradebeispiel für die These Karl Löwiths gelten, dass der Marxismus eine säkularisierte Heilslehre ist. Aber es gehört zu der Tragik, die mit der Geschichte des Kommunismus verbunden war, dass Wolf sehr wohl den Unterschied zwischen der stalinistischen Realität und seinen sozialistischen Idealen erkannte, aber der „Antifaschismus“ war wohl, wie sein Sohn Markus annahm, stärker als seine Einsicht, so dass er im festen Glauben an die scheinreligiöse „große Sache“ verharrte.


Naumann zufolge, der sich der Aufklärung verbunden fühlt und die Heilsversprechen der Diktatoren etwas zu einfach als „Rückfall ins Mittelalter“ ansieht, erfüllten heute weder christliche noch linke Heilslehren das Bedürfnis nach Sinn und Identifikation – an deren Stelle sei die neue Moral der politischen Korrektheit getreten, die zur Ersatzreligion mutiere. Dieser neue Glaube trete an die Stelle des Denkens; Rechthaberei, Intoleranz und Arroganz nähmen überhand. Nicht mehr die Religion sei heute das Opium des Volkes, wie es noch Wolf in gut marxistischer Manier dachte, sondern das Gift des Moralins. Naumanns materialreiche Studie bietet reichlich Stoff zum Denken statt wohlfeiler Moralisierung.


Thomas Naumann: Auf zum letzten Gefecht. Dresden: Edition Buchhaus Loschwitz, 2021. 264 Seiten, Klappenbroschur, ISBN 978-3-9822049-8-7, 19 EUR



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Über den Autor: Till Kinzel ist habilitierter Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er hat u.a. Bücher zu Allan Bloom, Nicolás Gómez Dávila, Philip Roth und Michael Oakeshott und Johann Georg Hamann publiziert. In TUMULT hat er über Panajotis Kondylis geschrieben (und im Blog über Ricarda Huch und Wyndham Lewis).




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