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Volker Wittmann: RAUMZEIT


Wie beflissene Laien wissen, haben Astrophysiker einen Urknall. Vor rund vierzehn Milliarden Jahren, so lehren die Wissenschaftler, gähnte irgendwo ein einziges schwarzes Loch. Das dunkle Gebilde vereinte in sich allen Stoff der Welt. So heißt es. Unversehens sei das düstere Ding mit einem gewaltigen Donnerschlag geborsten. Sein Inhalt wäre gleich einer platzenden Silvesterrakete auseinandergestoben und fliege noch heute in Gestalt der Sterne in alle Richtungen davon.


ESA/Hubble, CC BY 4.0 via Wikimedia Commons


Diese Fassung der biblischen Schöpfungsgeschichte als übergroßer Böller stammt – was Wunder – von einem Gottesmann, der zugleich Physiker war. Es paßt ins Bild, daß er zuvor als Artillerist gedient hatte. Die Rede ist von dem belgischen Abbé Georges Lemaître. Der lärmgewohnte Geistliche veröffentlichte sein frommes Polterwerk wohl verortet zwischen den beiden Weltkriegen. Geboren aus Stahlgewittern wurde seine knallige Heilsbotschaft zum Kernstück der physikalischen Kosmologie, der Kunde von der Welt als Ganzem, sozusagen der Ideologie-Abteilung der Naturwissenschaft.

Dort hantiert man ohnehin gern mit höheren, Schwindel erregenden Dimensionen, vorzugsweise ab der vierten aufwärts. Der Raum wird gekrümmt, Zeit gedehnt, beide zur Raumzeit verquickt.


Gegenständliches zerfällt in Elementarteilchen wie Quarks, Leptonen und Bosonen. Davon werden 61 Arten unterschieden, also fast so viele wie Geschlechter bei den Kollegen vom gendernden Fach.

Vorsicht vor Quanten!


Vorerst letzter Schrei sind verschränkte Quanten. Dabei soll es sich um ganz besondere Winzlinge handeln, die Lichtjahre voneinander entfernt sein könnten und dennoch auf geheimnisvolle Weise in Verbindung bleiben. Als Schlüssel zu den okkulten Bereichen gilt die Kopenhagener Deutung, benannt nach der dänischen Hauptstadt, wo sie entwickelt worden sei. Carl Friedrich von Weizsäcker, einer der physikalisch Erleuchteten, beschrieb die Theorie wie folgt:


„Die Kopenhagener Deutung wird oft, sowohl von einigen ihrer Anhänger wie von einigen ihrer Gegner, dahingehend mißdeutet, als behaupte sie, was nicht beobachtet werden kann, das existiere nicht. Diese Darstellung ist logisch ungenau. Die Kopenhagener Auffassung verwendet nur die schwächere Aussage: ‚Was beobachtet worden ist, existiert gewiß; bezüglich dessen, was nicht beobachtet worden ist, haben wir jedoch die Freiheit, Annahmen über dessen Existenz oder Nichtexistenz einzuführen.‘ Von dieser Freiheit macht sie dann denjenigen Gebrauch, der nötig ist, um Paradoxien zu vermeiden.“

Nur wenige Auserwählte werden Weizäcker in diese hohen Gefilde folgen können. Sein amerikanischer Kollege, Nobelpreis-Träger George Smoot, hat nach eigenen Worten sogar das „Antlitz Gottes geschaut". Die Gesichtszüge des Allmächtigen erkannte der Leiter eines

Satelliten-Programms der NASA in der kosmischen Hintergrund-Strahlung. Diese Erscheinung ist dem Vernehmen eine Hinterlassenschaft des Urknalls.


Halton Arp, ein Außenseiter der Zunft


Ketzer wie sein Landsmann, Astronom und Spezialist für Galaxien Halton Arp sehen in dieser Neuinszenierung der Urzeit eine arge Zumutung für den gesunden Menschenverstand. Ihre Urheber scheuten offenbar nicht die Behauptung, so erklärte Arp, das All habe sich in einem einzigen Augenblick selbst aus dem Nichts ins Dasein gerufen. Tatsächlich erinnert die Angelegenheit in gewisser Weise an eine Erzählung des Lügenbarons von Münchhausen. Gab der doch vor, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen zu haben.


„Doch angenommen“, so der Außenseiter, „die Urknall-Theorie würde stimmen. Unterscheidet sie sich dann wesentlich von dem kirchlichen Glauben, daß Gott die Welt irgendwann in der Vergangenheit erschaffen hat? Kein Wunder, wenn sich auch der Vatikan die laute Legende längst zu eigen macht. Erkennt er hierin doch die Notwendigkeit für den Bestand eines Schöpfers.“

Unter der Überschrift „Was ist aus der Wissenschaft geworden?“ machte der Abtrünnige seinen Bedenken in einem Essay Luft. Arp schrieb: „Noch vor fünfzig Jahren konnte kaum einem Streitgespräch entgehen, ob Wissenschaft mit Religion vereinbar sei. Heute ist das keine Frage mehr. Als Forscher hatte ich angenommen, den Leuten sei klar geworden, daß Wissenschaft sei, was Sache ist, und Religion beruhe auf Mutmaßungen und Mythen. Aber jetzt dämmert mir ein erstaunlicher Befund: Religion hat das Rennen gemacht. Die Wissenschaft ist zur Religion geworden.“


Die Rolle von Jesus Christus wurde mit Albert Einstein neu besetzt. Was vormals die Heilige Offenbarung war, hieß von nun an Relativitätstheorie. Das Geheimnis der Dreifaltigkeit bestand fürderhin aus gekrümmten Räumen, dehnbaren Zeiten und einer unüberwindlichen, konstanten Lichtgeschwindigkeit. Eine nachvollziehbare Darstellung dieser Lehrmeinungen suchte man ebenso vergebens wie für die unbefleckte Empfängnis Mariae. So meinte Harp. Nur einem sehr kleinen, erlauchten Kreis von Auserkorenen sei ein relativistisches, multidimensionales Raum-Zeit-Kontinuum zugänglich. Die gläubige wie die ungläubige Mitwelt speisten die Gelehrten mit dem Hinweis ab, das Ganze sei eben schwer vorstellbar.

Statt ihre Lehren auf überprüfbare Daten zu stützen, würde die Astrophysik der Gegenwart von unbewiesenen Annahmen ausgehen. Sie tue es damit der Kirche nach, die ihre Lehre auf Glaubens-Sätzen baut. Viele wissenschaftliche Arbeiten kämen längst zu abweichenden Ergebnissen. Solche Berichte würden jedoch von den Fachzeitschriften zensiert.


In der Kirche der Wissenschaft


Prompt fiel der Abtrünnige in Ungnade. Sein Arbeitgeber, eine astronomische Anstalt in den Vereinigten Staaten, setzte ihm den Stuhl vor die Tür. Der Leiter des Max-Planck-Instituts für Astrophysik Rudolf Kippenhahn holte ihn daraufhin mit einem Stipendium nach Garching bei München. Nach dessen Auslaufen arbeitete Arp dort als Gast-Wissenschaftler unentgeltlich weiter.

Aber auch hier forderten aufgebrachte Münchner Kollegen seinen Rauswurf. Sie bestätigten damit den Religions-Gehalt ihrer Lehre. Wären Arps Ansichten tatsächlich so abwegig, hätten sie die Veröffentlichung des Abweichlers mit einem Achselzucken übergehen können. Aber sie wollten den Ketzer exkommunizieren, wie es die Kirche tut.


„Früher war die Naturwissenschaft ein Mittel
zur Abwendung von Naturkatastrophen,
heute zur Anwendung.“
Jeannine Luczak, Literaturwissenschaftlerin

Der Vorfall zeigt, wie schlecht es inzwischen auch um die Freiheit der Wissenschaft bestellt ist. Zur Ehre der Physik sei jedoch hinzugefügt, daß Instituts-Leiter Kippenhahn das Ansinnen der aufgebrachten Mitarbeiter zurückwies. „Wir brauchen Leute wie ihn,“ erklärte er, „sonst besteht die Gefahr, daß sich in der Wissenschaft Cliquen bilden, die keine Kritik mehr von außen zulassen.“

Arp starb, ohne erleben zu müssen, welch geringes Echo sein Aufstand bewirkt hat. Doch unabhängig davon hat sein Münchner Kollege und Einzelkämpfer Alexander Unzicker, Sohn eines Großmeisters im Schach, die Fackel der Aufklärung wieder aufgenommen. Unzicker sieht die Astrophysik auf dem Weg „Vom Urknall zum Durchknall“. So lautet der Titel eins seiner Bücher. Ferner bescheinigt er dem Fach, „Auf dem Holzweg durch das Universum“ zu sein. So heißt ein weiteres Werk aus der Feder des Unruhestifters.


Das kostspielige Treiben am Großen Teilchen-Beschleuniger in Genf mit einer Tunnelröhre von 27 Kilometern, hundert Meter unterhalb der Ackerkrume des eidgenössischen Bodens, hält Unzicker für Schwindel. Als die dortigen Rechtgläubigen im Jahr 2012 den Nobelpreis für eine Erzeugung des so genannten „Higgs-Bosons“ erhielten, veröffentlichte er einen Aufsatz unter dem Titel „Wie die Leute vom CERN das Nobelreis-Komitee hereinlegten“.


Endziel aller Physik: die Weltformel


Ehrgeizigstes Ziel der hohen Priester der Physik ist eine „Weltformel“, mit der man alle Vorgänge im All erklären kann, kurzum, Gott und die Welt. Daran zeigt sich vor allem, wie weit sie den Boden unter den Füßen verloren haben. Angenommen, es ließe sich ein geschlossener Ausdruck über die unendliche Vielfalt der Natur basteln: Er wäre notwendig so allgemein, daß er zugleich nichtssagend wäre. Im Vergleich zu den Monumenten der industriellen Physik von heute nahm sich die Versuchsanordnung von Otto Hahn, dem Entdecker der Kernspaltung, geradezu dürftig aus. Sie hat Platz auf einem Schreibtisch. So ist sie im Deutschen Museum in München zu besichtigen. Hahn wußte offenbar genau, worauf es ankam. Er brauchte deshalb keine 9.400 auf Weltraumkälte tiefgekühlte Magnete oder sonstiges schweres Gerät, um der Natur ihre Geheimnisse mit Gewalt zu entreißen.


Der Neuseeländer und Nobelpreisträger Ernest Rutherford (1871-1937) befand: „Eine gute wissenschaftliche Theorie sollte einer Bardame erklärbar sein.“ Das macht in unseren überkandidelten oder „woken“ Zeiten einen Zusatz nötig, wie es gemeint war und wie nicht. Rutherford hegte keine Geringschätzung für Frauen, die sich zum Brotverdienst ihre Nächte um die Ohren schlagen. Sein Spruch war als Ausdruck von Bescheidenheit gemeint und als Aufruf an die Kollegen, auf dem Teppich zu bleiben.


Dazu hätten sie auch allen Grund. Schließlich hat die Physik der Mitwelt ohne nennenswerte Gewissensbisse die Atombombe beschert. Unter dem Decknamen „Projekt Manhattan“ entwickelten hauptsächlich Emigranten aus Europa zwischen 1942 und 1945 unter strenger Geheimhaltung die ersten Kernwaffen. Seither schwebt die Gefahr eines nuklearen Weltkriegs über der Erde. Noch ist offen, ob das auf die Dauer gut geht.


Vor allem die Deutschen würden diesmal kaum davonkommen. Schon damals waren Mannheim und Ludwigshafen die ursprünglichen Ziele. Den Rheinstädten blieb das Schicksal von Hiroshima und Nagasaki nur deshalb erspart, weil die Bomben bis zur bedingungslosen Ergebung des Dritten Reichs am 8. Mai 1945 noch nicht einsatzfähig waren. Heute schlummern mehr als hundert Wasserstoffbomben auf deutschem Boden. Die meisten von ihnen sind auf dem Stützpunkt der amerikanischen Luftwaffe von Ramstein in Rheinland-Pfalz verbunkert. Einige Dutzend liegen auf dem Fliegerhorst der Luftwaffe in Büchel im Landkreis Cochem-Zell. Das Jabo-Geschwader 33 soll sie im Rahmen der nuklearen Teilhabe über Feindesland abwerfen.


Damit sind Ramstein und Büchel bevorzugte Ziele russischer Mittelstrecken-Raketen, falls den Atommächten die Kontrolle über die Feindseligkeiten in der Ukraine entgleitet. Deutschland würde zum Schlachtfeld eines letzten Kriegs.



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Über den Autor: Volker Wittman, geboren in Bochum, Diplom-Mathematiker und Magister der politischen Wissenschaft. Nach Besuch der Deutschen Journalistenschule in München Reporter und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, der Münchner Abendzeitung und Bild. Aufbau der eigenen Agentur pbm (presse-büro-münchen). Freier Korrespondent in Paris, freier Mitarbeiter bei der Preußischen Allgemeinen Zeitung. Wissenschaftliche Tätigkeit an der Universität der Bundeswehr Neubiberg, am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Buchveröffentlichungen über Astrobiologie „Planet der Hausaffen“ und über die Asylkrise „Sturmflut der Völker“, die beide 2015 im Allstern-Verlag erschienen. Darüber hinaus zahlreiche Artikel in verschiedenen Zeitschriften und Blogs.



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