Baal Müller: WÜTENDE STEINWÜRFE AUF BJÖRN HÖCKE

In den Antworten Björn Höckes auf die Fragen von Sebastian Hennig (Nie zweimal in denselben Fluss, erschienen bei Manuscriptum) hat Dieter Stein, Chefredakteur der Jungen Freiheit, viel Anstößiges zu Tage gefördert: Ansätze zur Beschönigung des Dritten Reiches, „abgründige und abstoßende Assoziationen“ zum Schaden der AfD, Personenkult und Selbstüberschätzung mit Erlöserallüren und dumpfen Drohgebärden, eine Selbststilisierung als metapolitischer Vordenker, „Schutzpatron und Guru aller, die die AfD in eine rechte Sackgasse manövrieren“, Redseligkeit und Weitschweifigkeit, „übertrieben kitschige Stellen“ und Produktion „heißer Luft“, die Anmaßung, „in den Fußstapfen der größten Dichter, Denker und Weltenlenker“ wandeln zu wollen, politische Ahnungslosigkeit, Ziellosigkeit und Scharfmacherei, kurzum: Förderung „unpolitischer Selbstradikalisierung" auf einem "Weg in den eskapistischen Untergang“. (Dieter Stein: „Bescheidener Weltenlenker“, JF vom 28.02.2019) Mehrere Netz-Publizisten stießen in dasselbe Horn, etwa Marcus Ermler am 13.03.2019 auf Achgut.com („Björn allein im Führerbunker“). Charakterisieren solche Befunde Björn Höckes Haltung und Handeln oder sind sie die Früchte einer argwöhnischen, vom Verdacht gelenkten Fahndung nach Indizien? Baal Müller hat sich die Mühe gemacht, die inkriminierten Stellen jeweils aus dem Zusammenhang des Gesamttextes heraus zu deuten.



*



Der Chefredakteur der Jungen Freiheit kann der AfD nicht verzeihen,

dass sie seinen Ratschlägen nie gefolgt ist – und gerade deshalb Erfolg hat.


Soeben hatte der Verfassungsschutz vor dem Landgericht Köln eine krachende Niederlage gegen die AfD erlitten, die nun nicht mehr von ihm als „Prüffall“ bezeichnet werden darf, da platzte Dieter Steins Attacke gegen Björn Höcke in die Medienlandschaft hinein. Freund und Feind rieben sich die Augen. „Musste das jetzt sein? So kurz vor der Europawahl?“ fragten sich viele AfD-Sympathisanten, selbst wenn sie nicht unbedingt zu den Freunden des Thüringer AfD-Vorsitzenden gehörten. Umso genüsslicher kommentierte man im linken Lager den Verriss von Höckes Buch Nie zweimal in denselben Fluss durch den Chefredakteur der Jungen Freiheit: „Familienstreit um den Kurs der AfD“ titelte die taz und ergänzte: „Der Konflikt um den Kurs der AfD spaltet jetzt rechte Medienunternehmer.“ Ganz ähnlich schrieb die junge Welt über die „rechten Flügelkämpfe“ und bezeichnete Steins Blatt, wie üblich, als „rechte Wochenzeitung“. Sogar die einstmals konservative FAZ schrieb im gleichen Jargon von einem „rechten Bruderkrieg“.


Zum gefühlt neuntausendsiebenhundertachtundsiebzigsten Mal zeigte sich, dass kein Vertreter des Establishments Stein für seine polemischen – und nicht nur in diesem Fall unsachlichen und unangemessenen – Abgrenzungen von Personen, die er für zu rechts befindet, auf die Schultern klopft. „Wenn Dieter Stein tatsächlich glauben sollte, dass seine Denunziation Höckes in der JF ihn endlich im etablierten Politik- und Medienbetrieb gesellschaftsfähig machen könnte, dann jagt er einer Illusion nach: Einmal ‚Nazi‘, immer ‚Nazi‘“, bemerkt Robert Anders auf PI-News zu Recht.

Auch sonst herrschen unter jenen, die Steins Verbündete sein könnten, wenn er sie nicht immer wieder vor den Kopf stieße, Verärgerung und Unverständnis über seinen Schmäh-Artikel vor, der laut Götz Kubitschek „unter aller Kanone ist“. Der Herausgeber der Sezession wirft seinem einstigen Weggefährten vor, Höckes Buch so zu lesen, „wie ein antifaschistischer Stellen-Markierer es nicht besser lesen könnte. Das ist ein starkes Stück! Er lastet Höcke den Unfrieden in der AfD an. Wie oft denn noch? Er macht sich über ihn lustig. Das ist schäbig.“


Im Compact-Magazin bemüht sich Jürgen Elsässer nach dem „Frontalangriff der Jungen Freiheit“ um Schadensbegrenzung und fordert die AfD zur Einheit auf. Elsässer weist darauf hin, dass Höcke „seit Herbst letzten Jahres seine Sprache stark gemäßigt und sich der Parteimitte angepasst“ hat – während Stein selbst offenbar an einer neuerlichen Eskalation der (tatsächlichen oder vermeintlichen) Gegensätze innerhalb der Partei gelegen ist.

Selbst im JF-Forum schüttelte die weit überwiegende Mehrheit der Kommentatoren verständnislos den Kopf, und nicht wenige Abo-Kündigungen dürften der Jungen Freiheit in den letzten Wochen ins Haus geflattert sein.


Zuspruch erhielt Stein lediglich in der transatlantischen und dezidiert wirtschaftsliberalen, ursprünglich den amerikanischen Neocons nahestehenden Achse des Guten, deren Autor Steins Auslassungen in einem Beitrag mit dem albernen Titel „Björn allein im Führerbunker“ wiederkäut und als „kristallklare Analytik des Höckeschen Rechtsradikalismus“ belobhudelt, sowie in dem katholischen Blog Philosophia Perennis, in dem man die Philosophie allerdings zwischen lauter tagespolitischen und meist marktschreierisch formulierten Artikeln mit der Lupe suchen muss.


Auch dort kritisierte Ed Pieper Steins Attacke aber zunächst als Angriff auf die gesamte AfD und warf der JF vor, sich „zum publizistischen Handlanger parteiinterner Machtspielchen“ zu machen, „in deren Rahmen der tatsächliche Erfolg oder Nicht-Erfolg der AfD letztendlich völlig egal ist“. Einige Tage später durfte Felicitas Küble, die Leiterin des Komm-mit-Verlags, Höcke dann eine „skurrile Germanentümelei“ nachsagen und versuchen, dieser mit skurriler Bibeltümelei zu begegnen. Die „Kritikpunkte“ ihres kümmerlichen Beitrags, der zunächst im Christlichen Forum erschienen war, lauteten, dass Höcke „die Heilige Schrift nicht viel bedeute“ und dass er die „weiträumige Klarheit der Wüste“ womöglich „durch das Halbdunkel des ‚germanischen‘ Waldes ersetzen“ oder gar „eine mythische Naturreligion wieder einführen“ wollte. „Odan lässt grüßen“, meint Küble dazu feststellen zu müssen. Vermutlich meint sie damit den germanischen Gott Wodan, von dem in Höckes Buch allerdings nicht die Rede ist.


Offenbar wirkt Höcke auf die Phantasie einer eher durch ideologische Beschränktheit, die man in ihren Kreisen wohl für Glaubensstärke hält, als durch Bildung glänzenden Autorin ziemlich anregend. Schließlich wird er ja gerne als der „Gottseibeiuns“ des politisch-korrekten Betriebs dargestellt.

Dieter Steins Beitrag ist sicher auch als Versuch eines Exorzismus des leibhaftigen Höcke aus der AfD gedacht, obwohl sich die Partei wiederholt gegenüber den Litaneien vom Hohenzollerndamm „verstockt“ gezeigt hat. Der verkannte Gesundbeter glaubt nun, in heiligem Zorn die Geißel schwingen zu müssen. Aber es gelingt ihm doch nur ein dröger und schiefer Verriss, der sich von einer Zitatklitterung zur nächsten hangelt, um am Ende das von vornherein feststehende Urteil scheinbar zu bestätigen. Er verdeutlicht dabei jedoch vor allem, dass er genau das tut, was er Höcke vorwirft: Dinge anzudeuten und mit düsteren Assoziationen zu spielen.


Zunächst fällt auf, dass es Stein vor allem um Höckes Person, sein Auftreten und seine Rhetorik und erst in zweiter Linie um seine politischen Positionen geht. Würde er letztere klar benennen, könnten sich womöglich noch mehr JF-Abonnenten an den Kopf greifen und sich verwundert fragen, ob sie wirklich die richtige Zeitung abonniert haben, wenn jene so schlimm sein sollten. Bezeichnenderweise unterlässt es Stein aus diesem Grund sogar, den Titel von Höckes Buch vollständig zu zitieren. In einem Kästchen unterhalb des Textes steht verkürzt „Nie zweimal in denselben Fluss. Björn Höcke im Gespräch“, und außer Höcke wird als Autor ein „Hennig“ angegeben.


In der Rezension erfährt man weiterhin, dass es sich um ein langes Interview handelt, „das ein Journalist mit Björn Höcke geführt hat.“ Wer ist denn aber dieser Journalist? Der langjährige Autor der Jungen Freiheit Sebastian Hennig – der Untertitel des Buches lautet daher auch vollständig: Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig. Der JF-Chefredakteur verschweigt also den vollständigen Namen seines eigenen Mitarbeiters, damit dessen mutmaßliche Nähe zu Höcke nicht weiter publik wird. Er muss also einiges gegen den Politiker und vor allem gegen den Menschen haben, dessen Buch er so wütend verreißt.


Was stört ihn nun so sehr an Höcke? Allgemein hält er „seine teils schrägen Auftritte und großspurigen Reden“ für „irritierend“. „Seine Anhänger huldigen ihm hingegen wie einem Erlöser.“

Höcke ist in Thüringen beliebt, keine Frage, und die Zeiten sind politisch aufgewühlt; da skandieren viele Menschen auf Demos „Höcke, Höcke“. Ansonsten scheint sich ihre Sympathie für ihn aber doch in einem vernunftgeleiteten Rahmen zu bewegen, wie aus dem Bericht Götz Kubitscheks über eine gemeinsame Wanderung mit Höcke hervorgeht:


„Wir waren dort, wo der Norden Thüringens in den Südwesten Sachsen-Anhalts übergeht, und jeder erkannte Höcke. Wirklich jeder. Jeder erkannte ihn, jeder vierte hatte ihn auf einer der über 300 Thüringer Bürgerdialoge schon einmal persönlich erlebt, jeder dritte wollte ein Autogramm, jeder zweite ein Selfie. Einen Satz habe ich mir gemerkt, ein Familienvater sagte zu Höcke, während er und seine Frau ihn einrahmten und der Sohn das Bild knipste: ‚Ich hoffe mal, Herr Höcke, Sie holen noch was für uns raus! Sonst geht alles den Bach runter.‘“

Nicht wenige Menschen in Thüringen erhoffen also eine politische Wende von Höcke, projizieren aber deshalb noch keine Erlöserfantasien auf ihn. Und selbst wenn Höcke wie der Messias über das Wasser wandeln würde, bekäme er von Dieter Stein dafür doch nicht mehr Lob als dieser in taz und FAZ für seine neuntausendsiebenhundertneunundsiebzigste Distanzierung „von Rechts“ erhält. „Der kann eben nicht richtig schwimmen“, würde Stein dazu sagen. Im Stillen würde er vielleicht hinzufügen: „Er soll gefälligst ins Wasser fallen wie ich auch.“ Oder, wenn man den Gedanken noch weiter ergänzen möchte: „So wie ich auch immer mit meinen politischen Ratschlägen an die AfD baden gehe.“


Ganz sicher würde er Höcke aber mangelnde Bescheidenheit attestieren: „Seine ‚konservative Bescheidenheit‘ will Höcke vom Meisterdenker vom Todtnauberg gelernt haben. Weder die von Höcke gepflegten Begriffe ‚Bescheidenheit‘ noch ‚Demut‘ hindern ihn aber daran, in den Fußstapfen der größten Dichter, Denker und Weltenlenker zu wandeln – nie scheinen ihm diese Schuhe zu groß zu sein. Ob Friedrich II. von Hohenstaufen, ‚der Flötenspieler von Sanssouci‘, Bismarck oder Adenauer – kürzer darf die Elle nicht sein, an der sich Höcke messen lassen will, um sich von ‚mediokren Schweinchen-Schlau-Figuren der heutigen Parteiendemokratie‘ abzusetzen. Sein innigster Wunsch: ‚Macht und Geist müssen einst wieder konvergieren.“


Behauptet Höcke tatsächlich, „in den Fußstapfen der größten Dichter, Denker und Weltenlenker zu wandeln“? Was sagt er z.B. über Heidegger, den „Meisterdenker vom Todtnauberg“:

„Heute kommt mir das etwas abenteuerlich vor, aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt, Sein und Zeit zu lesen – ohne jede Sekundärliteratur und ohne jede Anleitung durch einen Lehrer. Ich glaube, das schwierige Unterfangen hat sich gelohnt, auch wenn es mir schwerfällt, konkrete Früchte vorzuweisen.“ (S. 77)


Nun gut, Höcke hatte sich also vorgenommen, Heidegger zu lesen, und zählt sodann einiges auf, was ihn an diesem faszinierte – sein philosophisches Fragen nach dem Sein, das Ringen mit den Grenzen der Sprache, sein „Antimaterialismus“ –, aber dass er ihm nacheifern wollte, geht daraus nicht hervor. Vielleicht hält Stein es schon für arrogant, überheblich oder nutzlos, sich überhaupt mit Heidegger zu beschäftigen. Aber dann müsste er sich auch von Günter Zehm oder anderen bei seiner Zeitung noch verbliebenen Autoren mit philosophischem Hintergrund trennen. Ausdrücklich verneint Höcke auch, „mit Heidegger Politik betreiben“ zu wollen; stattdessen seien wir in der Sphäre der Politik „mit den klassischen Staatsdenkern und den staatsmännischen Praktikern wie Bismarck oder Adenauer besser versorgt“ (S. 79).


Stellt er sich also in deren Reihe? Was sagt Höcke über Bismarck? Schwärmt er davon, wie der große Reichskanzler das Deutsche Reich durch Blut und Eisen schuf? Nein, er hebt im Gegenteil die Weichherzigkeit des Kanzlers hervor, der „bei Betrachtung seines Vaterlandes regelmäßig von heftigen Weinkrämpfen geschüttelt“ wurde (S. 124), lobt dessen schlichte Bodenständigkeit am Beispiel der „kratzigen, aber wärmenden preußischen Jacke, von der Bismarck sprach“ (S. 142), und betont die Notwendigkeit von politischer Flexibilität, denn „Bismarck sagte einmal, er fühle sich manchmal wie jemand, der mit einem großen Holzstock quer im Mund durch einen eng bewachsenen Wald laufen müsse“ (S. 149). Außerdem erinnert er an dessen Zurückweisung einer konservativen Klientelpolitik mit dem Hinweis, „er sei jetzt Staatsmann und müsse für das ganze Volk denken und handeln“ (S. 151), und schließlich habe er in der Nachfolge von Scharnhorst und Gneisenau „die Stoßrichtung einer Rebellion“ der Politik „als gestaltendes Element“ einverleibt (S. 213).


Und wie steht es mit Adenauer? Vergleicht sich Höcke wenigstens mit dem ersten Kanzler der Bundesrepublik, wie Stein andeutet? Auch davon kann keine Rede sein. Er nimmt ihn gegen die „berühmte Verunglimpfung“ Schumachers als „Kanzler der Alliierten“ in Schutz (S. 37), da er als pragmatisch denkender Staatsmann das damals Mögliche für Deutschland und die deutsche Einheit getan habe, und nennt ihn neben Carlo Schmid, Kurt Schumacher und Thomas Dehler als Beispiel für eine politische Elite in neuerer Zeit (S. 154). Man braucht als Kontrast nur Namen wie Angela Merkel, Andrea Nahles, Frank-Walter Steinmeier oder Christian Lindner aufzuzählen, um dem Gedanken zuzuneigen, dass an den Ideen von Elitenverfall und Negativselektion in der Parteiendemokratie doch etwas dran sein könnte, ohne dass man deshalb die Demokratie insgesamt in Bausch und Bogen verdammen und nach einem neuen Führer rufen muss.


Wenn Höcke von „Elite“ spricht, meint er also weder sich selbst noch eine erst zu schaffende mystische Geistesaristokratie, sondern eine mit normalmenschlichen Ellen zu messende „fordernde und fördernde politische Elite, die unsere Volksgeister wieder weckt“, und sich durch „eine allgemeine Haltung“ auszeichnet, „die die Einheit in der Vielfalt bejaht, denn nur mit starken Einzelpersönlichkeiten, die sich dem Ganzen verbunden fühlen, werden wir ein so großes Projekt wie den Neubau unseres Gemeinwesens stemmen“ (S. 286). Derzeit gibt es eine solche Elite jedoch „nur in ganz bescheidenen Ansätzen“; wir sind also „gezwungen zu improvisieren“ (S. 286) und müssen langfristig denken, wobei uns Preußen durch „seine bekannten Werte und Tugenden“ und vor allem durch „seine institutionellen Vorbilder wie beispielsweise den Staatsapparat, die Armee und das Bildungswesen“ als Vorbild dienen kann (S. 289).


Noch „konvergieren“ Macht und Geist – auch in der AfD – aber keineswegs: „Das zu bejahen, wäre vermessen. Man sollte da selbstkritisch sein. Wir alle sind – und ich will mich davon gar nicht ausnehmen – mehr oder weniger von dem gesamtgesellschaftlichen Niveauverlust von Geist und Bildung betroffen.“ (S. 81) Stein konstruiert trotzdem seinen Vorwurf der Überheblichkeit und des Bildungsdünkels.


Gelegentlich greift Höcke auch weit in die Vergangenheit zurück und bezieht sich auf mythische Bilder wie das vom schlafenden Kaiser im Berg, der einst erwachen wird, um „das Reich zu retten und seine Herrlichkeit wiederherzustellen“ (S. 159), aber auch dann ruft er sich nicht selbst zum neuen Kaiser aus, wie Stein ihn anscheinend missverstehen will, sondern beschreibt „die belebende und identitätsstiftende Wirkung“ des Mythos „auf Menschen und Völker“ (ebd.). Echte Mythen seien gerade keine Propaganda wie die künstlichen Mythen der Politik, sondern sie ermöglichten „immer verschiedene Lesarten“, weil die Geschichten und Charaktere nie ganz aufgingen – „Gut und Böse, Hell und Dunkel sind nicht eindeutig zugeordnet.“ (S. 160)


Vielleicht irritiert dies schlichtere Gemüter, die immer klare Ansagen und Gebote benötigen und monieren, dass Höcke die Gretchenfrage, wie er es mit der Religion halte, nicht im Sinne ihrer konservativen Korrektheit beantwortet –, aber „ein Mythos kann nur ‚schwingen‘“, wie Höcke sagt, „wenn entsprechende Saiten beim Menschen vorhanden sind.“ (ebd.) Und dies ist natürlich nicht bei jedem gleichermaßen der Fall, zumal in einer mythenarmen Zeit in einem – bis auf rein negative Gründungsmythen – alle Mythen austreibenden Land, in dem, trotz allen Geredes von „Werten“, letztlich nur instrumentelle und funktionale Zwecke gelten.


Um nachhaltige Erfolge zu schaffen, bedarf aber es aber selbst „in so profanen Bereichen wie der Ökonomie“ über das Materielle hinausgehender Kraftquellen wie der „seltsamen Romantik“ der Deutschen, die als so „gedankenvolles“ und „tatenarmes“ Volk doch eine überaus erfolgreiche Wirtschaftsordnung geschaffen haben, „bevor wir uns der angelsächsischen Doktrin mit ihrer Gewinnmaximierungs- und Rentabilitätsideologie unterwarfen“ (S. 157).


Dieter Stein, der bekanntlich auf die AfD von Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel gesetzt hat, sind solche Erkenntnisse anscheinend nicht zugänglich, wenn er es sogar „auffällig übertrieben kitschig“ findet, dass Höcke neben dem Kamin einen Kunstdruck von Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ hängen hat. Was würde sich Dieter Stein wohl neben den Kamin hängen? Jeder, der schon mal einige JF-Ausgaben durchgeblättert hat, wird dieselbe Antwort geben: Stauffenberg vermutlich. Bei allem Respekt für den Hitler-Attentäter, den auch Höcke teilt, könnte es aber doch sein, dass der eine oder andere JF-Leser gelegentlich den Eindruck gehabt hat, auch der Kult um Stauffenberg sei zuweilen ins „auffällig übertrieben Kitschige“ abgeglitten.


Anstatt aber Geschmacksfragen weiter auszuwalzen, auch wenn sie für Stein so maßgeblich sind, soll sein ungeordneter Text, soweit möglich, im Hinblick auf politische Positionen Höckes durchkämmt werden, die Stein missfallen.



*



Man kann seine diesbezüglichen Andeutungen in drei mageren Punkten zusammenfassen:



Erstens wirft er Höcke eine zu große Ambivalenz seiner Aussagen vor und versucht, diese dann stets auf die ungünstigste Interpretation hin zuzuspitzen. Höcke spiele erst mit schlimmen Assoziationen und behaupte hinterher, falsch verstanden worden zu sein, wodurch er dieselbe Aussage an die Gemeinde seiner „Jünger“ wie an den medialen Mainstream adressieren könne.


Zweitens habe Höcke generell keine klaren Konzepte und könnte nicht sagen, „was er konkret im Rahmen seines umfassenden gesellschaftlichen Umbaus ändern wolle“. Man könnte hier einwenden, dass er kürzlich ein eigenes Rentenkonzept vorgelegt habe, aber sein Interviewband ist in der Tat keine Programmschrift; Stein wirft der Kuh hier also vor, dass sie keine Eier legen kann.

Der zweite Kritikpunkt steht in einem deutlichen Widerspruch zum ersten, denn obgleich beide eine mangelnde Bestimmtheit von Höckes Zielen monieren, unterstellt der erste, dass der listige Politiker allerlei Übles im Schilde führe, dies jedoch aus taktischen Gründen nicht ausspreche, während er laut dem zweitem Vorwurf in Wahrheit gar nichts vertrete.


Und drittens bemängelt Stein, gleichsam als Resümee, dass Höcke kein ordentlicher christlicher Konservativer sei.


Betrachten wir den Ambivalenz-Vorwurf: Hier wird natürlich sofort Höckes berühmt-berüchtigte Dresdner Rede von Januar 2017 genannt, in der er „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ verlangte. Er hat später selbst eingeräumt, dass diese Formulierung missverständlich war, doch bedurfte es schon einer gehörigen Böswilligkeit, aus ihr abzuleiten, dass er eine positive Bewertung des Dritten Reiches wünsche.


Zu Sebastian Hennig sagt er diesbezüglich:


„Mir wurde das von meinen Gegnern so ausgelegt, als würde ich an Stelle der offiziellen Verdammung des Dritten Reiches nun seine Verherrlichung fordern. Das ist natürlich falsch. Selbstverständlich dürfen wir unsere Augen nicht vor den Fehlern und Verbrechen der NS-Zeit verschließen. Aber kein Mensch und kein Volk kann sein Selbstbewusstsein nur auf negativen Bezügen aufbauen. Die Lichtseiten der Geschichte bilden den Kern der Identität, ohne die ebenso vorhandenen Schattenseiten zu leugnen. […] Ich habe lediglich dafür plädiert, den Ansatz unserer Selbstbegegnung als Volk und Nation zu überprüfen. Anstatt uns allein von den belastenden, auf Dauer krankmachenden Zügen beherrschen zu lassen, sollten wir uns den heilsamen Aspekten unserer Geschichte mindestens ebenso verpflichtet fühlen – vor allem aber nicht diese ständig durch jene diskreditieren. Das hat vor allem mit Selbstachtung zu tun, ohne die man keinen Respekt von dritter Seite erwarten kann.“ (S. 66f.)

Diese Äußerungen haben natürlich nur dann Sinn, wenn man überhaupt an einer „Heilung“ der deutschen Identität, einer wirklichen „Aufarbeitung“ der Vergangenheit – also einer Überwindung von deren Traumata – interessiert ist, was von der überwiegenden Mehrheit derjenigen, die Höckes Rede absichtlich missverstanden haben, nicht gesagt werden kann. Ihnen geht es vielmehr um die „Dauerpräsentation der Schande“, von der Martin Walser zeitweilig zu sprechen wagte – denn einem Volk, das im Zustande der Zerknirschung und des Selbsthasses erstarrt ist, lässt sich leichter eine gegen seine existenziellen Interessen gerichtete Politik aufzwingen. In der Ära Merkel ist diese Aussage wohl nicht mehr erklärungsbedürftig.


Vor diesem Hintergrund einer gewünschten Neuausrichtung der deutschen Geschichtspolitik ist auch Höckes verunglückte Äußerung vom „Denkmal der Schande“ zu verstehen. Er hat hier eine Formulierung des Intendanten des Berliner Humboldt-Forums, Neil McGregor, übernommen und erläutert dazu in seinem Buch: „Damit sollten das furchtbare Leid und die vielen Opfer der Juden während der NS-Zeit nicht in Frage gestellt oder verharmlost werden, sondern nur unsere Art des Umgangs mit diesem factum brutum.“ (S. 68) Indem er jedoch nicht präziser vom „Denkmal der deutschen Schande“ sprach, „riskierte Höcke die Fehldeutung, er habe das Mahnmal selbst ein Schandmal genannt“, wie Frank Böckelmann in seinem Vorwort anmerkt (S. 15). „Seine Richtigstellung folgte auf dem Fuß. Sie wurde in den Medien wiedergegeben und als solche nie angezweifelt. Vielmehr wurde und wird sie meist einfach ignoriert.“ (ebd.) Anderenfalls ließe sich die Dauerskandalisierung, die um Björn Höcke inszeniert wird, ja auch nicht aufrechterhalten.


Dieter Stein zitiert noch weitere Formulierungen Höckes und kommt zu dem Schluss: „Höcke nimmt in Kauf, in Ton und Wortwahl abgründige und abstoßende Assoziationen zu wecken – weil er sich absichtlich unklar ausdrückt.“ Einen Satz zuvor gab er Höcke mit dem Satz wieder: „Etwaigen Rachegefühlen darf man dann keinen Raum geben“, und „das christliche Vergebens- und Gnadengebot“ werde „vielleicht einmal viel von uns abverlangen“. Laut Stein hat Höcke mit diesen Worten also gemeint, dass man seiner Rache freien Lauf und keine Gnade walten lassen sollte.


Dieter Stein sollte diese Art von „Hermeneutik“ eigentlich kennen – es ist dieselbe, die der Verfassungsschutz bis 2005 auf die Junge Freiheit angewandt hat: Das Vor-Urteil – im doppelten Wortsinne – steht bereits fest, und man sucht nur noch nach „Belegen“. Findet man Stellen, die die gewünschte Interpretation zu bestätigen scheinen, erklärt man sie auch dann für entscheidend, wenn 95 Prozent des Textes andere Deutungen nahelegen; und findet man sie nicht, konstruiert man einen verborgenen Hintersinn, den nur die Lektüre eines „Experten“ zwischen den Zeilen erschließen könne, oder unterstellt pauschal Lüge.


Steins zweiter Vorwurf behauptet nun genau das Gegenteil: „Im Grunde weiß Höcke gar nicht, was er will.“ Dann können wir ja tief durchatmen und beruhigt sein. Er will also doch nicht in die Fußstapfen Bismarcks, Adenauers oder sonstiger Schreckensgestalten der Vergangenheit treten, für die er zur Tarnung nur diese akzeptablen Namen gewählt hat! „Einmal erklärt er das Gewissen zur entscheidenden politischen Urteilsinstanz, dann ist es plötzlich die Suche nach Kompromissen; einmal will er aus Verantwortung für das eigene Volk handeln, dann aber plädiert er für ‚Wirklichkeitsverachtung‘ […]. Einerseits will er die ‚Grenze des Sagbaren immer wieder mit kleinen Vorstößen‘ erweitern, andererseits empfiehlt er eine ‚allgemeine Mäßigung im Ton“.


Was ist an diesen scheinbaren Gegensätzen nur so schwer zu verstehen? Begreift Stein wirklich nicht die Unterschiede zwischen Anspruch und Wirklichkeit, kleinen Schritten und großen Zielen oder Härte in der Sache bei gleichzeitiger Konzilianz des Auftretens? Ein solches Unvermögen ist bei jemandem, der seit über dreißig Jahren als politischer Journalist tätig ist, unvorstellbar. Die Missverständnisse müssen auf Absicht beruhen.


Höcke selbst hält den Ball – untypisch für jemanden, der laut Stein ein „Weltenlenker“ sein will – tatsächlich flach, wenn er andeutet: „Es gibt viele Ideen und Ansätze zu diskutieren, zu bewerten und abzuwägen, bevor sich eine Entscheidung herauskristallisiert. Bei der Umsetzung wird man nach dem Prinzip ‚Trial and Error‘ verfahren, manches wird funktionieren, anderes nicht.“ (S. 265)

Spektakulär klingt das nicht – deswegen muss Stein Höcke zu einem „bescheidenen Weltenlenker“ zurechtstutzen –, aber es hebt sich doch sehr von den alltäglichen Durchhalte-, „Weiter so“- und Europarettungsparolen des Establishments ab, die immerzu die Mutter aller Schlachten gegen „Nationalismus“ und „Rechtspopulismus“ oder gegen Putin, Trump und kleinere Neben- und Unterteufel wie Orbán und Marine Le Pen heraufbeschwören – allesamt Variationen des großen Gottseibeiuns, der die Menschen vom rechten Weg ins One-World-Paradies abbringen will.


Und ebenso unterscheidet sich Höckes „kritischer Rationalismus“ von den Patentrezepten aller möglicher Subkulturen, die ebenso unbeirrbar wie das schwarzrotgelbgrüne Establishment zu ihrem jeweiligen Endsieg voranschreiten. Während Höcke zunächst gesagt hat, dass er eine Politik im Sinne Heideggers skeptisch sieht, zeigt er sich gegen Ende seines Buches eher als Anhänger Karl Poppers, auch wenn von Heidegger sicherlich die größere Faszination auf ihn ausgeht. Aber in der Politik werden, bei allem Idealismus, doch meist nur kleine Brötchen gebacken.


Das bescheidene Selbstbild, das Höckes Buch durchzieht – nach Stein eine Chiffre für seinen Größenwahn – entspricht seinem bürgerlichen Habitus als Gymnasiallehrer und Familienvater. Noch bürgerlicher geht es eigentlich kaum. Höckes Bürgerlichkeit kann zweifellos den Vergleich mit derjenigen der meisten Berliner Journalisten aushalten – einschließlich der konservativen, die im Gegensatz zu den zahllosen linksalternativen Mainstream-Schreiberlingen tatsächlich einer Subkultur angehören, auch wenn ihnen das meist nicht bewusst ist. In einer Zeit, die alles umgedreht hat – in der Menschen, die irgendwie zusammenleben, eine „Familie“ oder Leute, die sich einige Zeit in Deutschland aufhalten, „Deutsche“ sein sollen –, ist auch und gerade eine traditionelle bürgerliche Lebensform exzentrisch – erst recht, wenn ihre Vertreter sich zudem noch als „konservativ“ und „christlich“ verstehen.


Grundsätzlich ist an einer reflektierten, bewussten Exzentrik nichts auszusetzen – sie wirkt nur skurril, wenn ein gemiedener Außenseiter sich immer noch selbst einer schweigenden Mehrheit zurechnet, auf das endliche Hervortreten verbliebener Gesinnungsgenossen in der linksgrünen, islamaffinen CDU hofft und sich immer wieder mit seiner, im Grunde liebenswerten, Kauzigkeit im Weg steht. Wie oft hat man schon von gelegentlichen JF-Lesern gehört, dass in der Jungen Freiheit vieles Richtige stehe, ihre Biederkeit aber die meisten nicht der konservativen Subkultur angehörenden Interessenten „abturne“!


Sie hat sich mit dieser Fixierung auf eine publizistische Nische etablieren können, verzeichnete – durch den Niedergang der Mainstreampresse und den Aufstieg des Rechtspopulismus, dem sie ambivalent gegenübersteht – auch stetige Zuwachsraten auf bescheidenem Niveau, konnte aber doch nie ihr weitaus größeres Potenzial ausschöpfen. In die Lücke, die sie offenließ, stießen dann andere, frischere und spritzigere, rechtsintellektuelle oder modern-populistische Medien hinein. Wie so oft erwiesen sich eben jene Eigenschaften, die zunächst zum Wachsen und Gedeihen führten – im Fall der JF Beharrlichkeit, Stetigkeit und „Glaubensfestigkeit“ –, ab einem gewissen Zeitpunkt als hinderlich für weiteren Fortschritt, der mehr Phantasie und Innovation bedurft hätte.


Skurril wird es auch, wenn ein religiöser Konservativer – bei dessen Typus es manchmal unklar erscheint, ob er wirklich ein gläubiger Christ ist oder nur glaubt, aus politisch-historischen Gründen einer sein zu sollen – meint, einem Agnostiker mit metaphysischen Sympathien mangelnden Glauben vorwerfen zu müssen. Schließlich entspricht Höckes religiöse Position einer noch immer weitverbreiteten, der Aufklärung und der Goethezeit entstammenden Einstellung: Er ist kein Atheist, aber auch kein dogmatischer Gläubiger, sieht im Christentum, wie in anderen Religionen, einen wahren Kern, glaubt an eine Allbelebtheit der Natur oder des Kosmos und lässt im Übrigen jeden nach seiner Fasson selig werden – eigentlich eine preußische Grundhaltung! Dennoch wirft ihm Stein vor, dass ihm „die Heilige Schrift wenig bedeutet“ und gibt dieser Attacke eine reichlich boshafte Stoßrichtung.


Denn während Felicitas Küble auf Philosophia Perennis Höckes Äußerung, in den biblischen Geschichten habe es für ihn „zu viel Wüste und zu wenig Wald“ gegeben, immerhin, dem Kontext entsprechend, auf das Christentum bezieht – um ihm dann allerdings unsinnigerweise und kontextfrei eine angebliche „Germanentümelei“ anzuhängen –, unterstellt Stein Höcke indirekt Antisemitismus: „Der Religionsphilosoph Hans-Joachim Schoeps hat auf eine tiefere Verwandtschaft Preußens und Israels hingewiesen: In beiden Fällen, bei der Wüste des Nahen Ostens und bei der norddeutschen Tiefebene, handele es sich um ungeschützte Räume, in denen zum Schutz gemeinschaftlichen Lebens das Gesetz aufgerichtet wurde, damit der innere Halt den Mangel des äußeren kompensiere.“ Mit anderen Worten: Höcke sei das Judentum mindestens fremd, wenn er es nicht gar für „undeutsch“ oder „unpreußisch“ halte.


Vom Judentum ist in diesem Zusammenhang bei Höcke (der oft seine Verehrung Martin Bubers betont) aber überhaupt nicht die Rede. Er berichtet an dieser Stelle seines Buches Folgendes über seine jugendliche Wahrnehmung des Christentums:


„Obwohl meine Mutter katholisch ist, wurde ich – hier setzte sich mein Vater durch – eher protestantisch erzogen, mit Gebeten zu den Mahlzeiten, der Rede von der christlichen Erlösung und einem Leben nach dem Tod. Dennoch blieb mir das, was ich zuhause und im Religionsunterricht hörte, irgendwie fremd. Die biblischen Geschichten waren für mich Begebenheiten aus einer zu fernen Welt – es gab da zu viel Wüste und zu wenig Wald.“ (S. 49)