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Beate Broßmann: PHONOPHOR. DIE LITERATURBEILAGE DER ZEITSCHRIFT SEZESSION

Pho-no-phor. Allein schon der Name! Wir machen keine Gefangenen! Dreiklang der Copland-Komposition „Fanfare for a common man“. Oder Richard Strauss‘ vielzitiertes Motiv des Zarathustra. HÖR DU ZU!





Unbescheiden. Das waren sie schon immer, die Schnellrodaer. Auch als sie ihre Abende mit Milieufreunden ab 2013 unter dem Titel „Tristesse droite“ veröffentlichten, wußten sie, was sie wollten und wer sie sind und daß ihre Stunde erst noch kommt. Auch wenn wir (noch) nicht viele sind: Wir gehen voran. „Wo wir sind, ist vorn. Und wenn wir hinten sind, ist hinten vorn“, wie die DDR-Rockband Silly – damals ironisch – sang. Elitenbewußtsein und Gottesglaube. Könnerschaft und Fleiß, unheimlich viel Fleiß. Der Erfolg heute gibt ihnen recht.


Der historischen Aufklärung und ihren Folgen gegenüber kritisch, klären sie selbst auf. Sie analysieren, sezieren, gehen auf Distanz zum Gegenstand, um ihn schärfer sehen zu können. Fügen zusammen, was ihrer Ansicht nach zusammen gehört. Man muß diese Ansichten nicht vollständig teilen – Respekt vor der Arbeit der neurechten Intellektuellen aber kann ihnen wohl kein Oppositioneller verweigern. Sie ziehen alle Register, um aufzuklären.


„Phonophor“ ist eines dieser Register: Auch um die schöne Literatur müssen wir uns kümmern. Denn „wir glauben, daß manche Dinge nicht in Sachtexten zum Ausdruck gebracht werden können, sondern der literarischen Form bedürfen…“, so Dirk Alt, der für die Literaturbeilage der Zeitschrift „Sezession“ verantwortlich zeichnet, in seinen Vorbemerkungen zur ersten Ausgabe.

Im „Phonophor“ wollen die Herausgeber das Beste abschöpfen, „das das oppositionelle Milieu und mit ihm sympathisierende Schriftsteller an Kurzprosa hervorbringen“, erklärt Alt. Man bitte die Sezessionsleser um Einsendungen. Das hätte schief gehen können. Ist es aber nicht.


„Phonophor“, das Zauberwort, geht auf Ernst Jünger zurück. In zweien seiner Romane bezeichnet es einen „Allsprecher“. Das Smartphone, früh und etwas anders gedacht als getan. „Handy“ und „smart“. Handlich und klein. Aus einer Fanfare wurden infantile Klingeltöne. Der Sozialpsychologik des Allsprechers heute hat Martin Lichtmesz in der neuesten Ausgabe der Zweimonatszeitschrift eine Assoziationskette gewidmet. Was alles zu erkennen ist, wenn man richtig „guckt“, nach vorn und nicht nach unten, aufrecht und nicht gebückt, selbstbewußt und nicht devot dem Zeitgeist huldigend. Haltungen, Bewegungen, Blicke – Strukturen.


Das erste Heft der vier bis jetzt erschienenen: 47 Seiten, vier Erzählungen und vier verschiedene Themen. Eine Satire auf eine naiv-woke Deutschlehrerin für „Geflüchtete“ und ihren verqueren Lernprozeß. Eine Schilderung des Einmarschs der Roten Armee in ein Prignitzer Dorf. Eine Recherche zur kriminellen Vita eines Beamten des Bundeskriminalamtes im Minenfeld von Gender, Misogynie und Machtmißbrauch und – last but not least – eine atmosphärische Erzählung über Hölderlins Reise von Bordeaux nach Nürtingen im Stil der Prosa zur deutschen Romantik von Christa Wolf und Peter Härtling. Ich habe zwar das Ende und damit die ganze Erzählung nicht verstanden, aber sie liest sich ganz reizend. Nicht schlecht für den Anfang. Keine gravierenden stilistischen Zumutungen und keine Langeweile. Trotzdem: da geht noch was.


Phonophor Nr. 2 wartet mit Subtilerem auf: eine abgründige Corona-Erzählung, ein sophistisch-witziger Dialog zwischen einem deutschen Mundartler und einem Dönerbuden-Besitzer, der im Grunde auch eine deutsche Mundart spricht. Das liest man gern und amüsiert sich auf hohem Niveau. Aber danach wird es richtig interessant: Der Phonophor-Wart Dirk Alt und der Sezessionsautor Heino Bosselmann beweisen, daß auch im Kleinformat, im Komprimat, Spannungsbögen zu schlagen sind. Alts poetischer Bericht (ich weiß: das klingt nach contradictio in adjecto) ist eine Parabel auf Massenhysterie, Opfersuche, Erniedrigungslust, Bosheit und existenzielle Unsicherheit. Pogrome jeder Couleur – ob „Kristallnacht“ oder Corona: es greifen immer wieder dieselben Mechanismen. Ausgrenzen bis zum Erschlagen – aus Angst, zum nächsten Opfer erklärt zu werden. Aus unbewußter Hoffnung, durch Übereifer beim Vernichten von Existenzen selbst verschont zu werden. Jedes Wort sitzt. Die Lektüre ist beklemmend.


In ähnlich berichtartigem Stil auch Bosselmanns Text: Auf nur einer Seite wird der Überfall auf ein Dorf, die Beschlagnahmung und Vernichtung des Eigentums der Bauern und das Danach geschildert. Das Ende gebe ich hier nicht preis.


Phonophor Nr. 3 ist ganz dem in Deutschland wenig bekannten Schweizer Schriftsteller Volker Mohr gewidmet. Drei Erzählungen werden von Götz Kubitscheks Einführung in Person und Werk und einer Analyse des Germanisten Günter Scholdt eingerahmt. Die Erzählungen Mohrs verfremden in gewohnt hoher Qualität gegenwärtige Zustände und haben meist einen dystopischen Einschlag.


Das aktuelle „Phonophor“ enthält nur zwei Erzählungen. Aber die haben es in sich. Die zweite ist von einem Studenten verfaßt, der uns Angehörigen der nächsten und übernächsten Generation eine Innensicht der heutigen, von uns so schwer zu verstehenden Jugend liefert. Zwischen linksaktivistisch, klimahysterisch, computersüchtig und einsam, sinnleer und bindungsunfähig dekliniert er „moderne“ juvenile Befindlichkeiten durch. „Deutscher Spätherbst“ nennt er diese kleine Studie der Trostlosigkeit.


Das Beste habe ich mir für den Schluß aufgehoben: „Baltic War Games“ von Gerd Kröger, demselben Autor, der das amüsante Mundart-Gespräch erfand. Hier nun ein Text vollkommen anderer Art. Ein vollkommener Text, wie man ihn nur selten zu lesen bekommt (aber die Sehnsucht danach nicht verliert). Ein deutscher IT-Manager und Geschäftsreisender fliegt nach Riga und gerät in ein touristisches Spiel, in dem Künstliches von Echtem nicht zu trennen ist. Das Gefecht der „war games“ ist Teil des Zweiten Weltkriegs. Gespielt wird das Vordringen der Sowjetarmee ins Baltikum und die Rückzugskämpfe der deutschen Armee. Ich will zu diesem Text nicht mehr sagen. Jeder Interpretationsversuch dieses vielschichtigen Werkes beschädigte es oder dünnte es aus. Ehrfurcht läßt mich schweigen. Nur soviel: es trifft. Und man weiß für Momente nicht, welches Körperteil.


Lesen! Und: Bitte mehr davon, Schnellroda! Laßt die Fanfaren erschallen!




*



Über die Autorin: Beate Broßmann, 1961 in Leipzig geboren, erfolgreiches Philosophie-Studium, vor der „Wende“ in der DDR Engagement für demokratische Reformen, später Mitglied der oppositionellen Vereinigung „Demokratischer Aufbruch“.


Seit 2018 Autorin bei www.anbruch-magazin.de





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