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Dirk Brockschmidt: RUSSLAND IM SCHWEBEZUSTAND – EIN ROMAN VON ZAKHAR PRILEPIN

  • vor 2 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Russland erscheint seit dem Ende der Neunzigerjahre als ein Raum des Übergangs. Nicht im Sinne einer Annäherung an die »liberale Demokratie« und den Kapitalismus – wie sie westliche Fortschrittserzählungen bis 2014 nahelegten –, sondern als ein Raum, in dem Kräfte wirken, die sich täglich erproben und jede verlässliche Prognose unterlaufen.



Der Zusammenbruch der sowjetischen Ordnung wirkte sozial wie mental nach und hinterließ eine Generation, für die sich die Neunzigerjahre in der Figur Boris Jelzins zu einer Erfahrung nationaler Selbstentmächtigung verdichteten. Im Spannungsfeld aus Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und erfahrener Härte ist Zakhar Prilepins Roman »Sankya« angesiedelt, der 2006 in Russland erschien und seit Jahren nur noch antiquarisch zugänglich war. Jetzt hat ihn der Jungeuropaverlag aus Dresden neu aufgelegt.


Leben im Zwischenraum  


Der Text richtet den Blick nicht auf ein abgeschlossenes Kapitel, sondern auf eine fortlaufende Disposition: Russland als offener Prozess. Diese Annahme ist die Voraussetzung, um das heutige Russland zu verstehen. Der Roman zeigt dabei weniger die Entwicklung einer Figur als er die Fixierung eines politischen und existenziellen Schwebezustands schildert. Im Mittelpunkt der Handlung steht Aleksandr Tschin, genannt Sascha, ein junger Mann aus der Provinz, der sich einer militant-oppositionellen Gruppierung anschließt, deren Nähe zur von Eduard Limonow gegründeten Nationalbolschewistischen Partei unübersehbar ist. Sascha erlebt eine Abfolge von Einsätzen und Gegenmaßnahmen, Konfrontationen mit staatlicher Gewalt und kurze Phasen relativer Freiheit, die ihm aber keine seelische Entlastung erlauben. Sein Leben bewegt sich zwischen Öffentlichkeit und betäubendem Rückzug, zwischen Aktion und staatlicher Reaktion, die wegen ihrer Häufigkeit viel Schrecken verloren hat – ein Kamerad wird zusammengeschlagen, ein anderer sitzt im Gefängnis.


Beziehungen bleiben flüchtig. Saschas Verbindung zur Aktivistin Jana ist nicht beständig und mündet in eine öffentlichkeitswirksame Aktion gegen den Präsidenten. Zakhar Prilepin schildert keine Entwicklung, sondern fixiert einen Schwebezustand: Seine Figuren taugen kaum zur vorschnellen Identifikation, sie sind Ausdruck einer finsteren Lage. Gefühle erscheinen meist als Reaktionen auf äußeren Druck und entziehen sich glücklicherweise jeder Form einer literarischen Mitleidsdramaturgie, die echte psychologische Betrachtungen eher verstellen als ermöglichen würde. Damit steht der Roman in der russischen Tradition psychologischer Tiefenschärfe. Er macht eine nihilistische Atmosphäre sichtbar, in der nach dem »großen Ausverkauf« Russlands eine ganze Generation – losgelöst von falschen Fortschrittsversprechen – nach tragfähigen Bindungen sucht.


Die Abwesenheit von Normalität


In »Sankya«  kann eine bürgerliche Normalität nicht mehr vorausgesetzt werden. Gesetzlichkeit besteht nur noch als Hülle fort. Die Lage ist konkret: Entschlüsse werden nicht mehr vertagt, weil es keinen geschützten Raum gibt, in dem ein Abwägen möglich wäre. Die Handlungen, zu denen Sascha und seine Mitstreiter sich berufen fühlen, sind getragen von einem existenziellen Ernst und nicht von Teilhabe an einem offenen Gestaltungsprozess. Politik ist keine Verwaltungsebene, sondern eine Sphäre fundamentaler Zuspitzung.  Zugehörigkeit entsteht durch Einsatz, Gegnerschaft durch klare Abgrenzung. Der Einzelne ist gezwungen, sich zu verorten, ohne sich auf Institutionen, Verfahren oder Sicherheiten stützen zu können. Die im Roman spürbare Aufladung – in ihrer Wirkung an Dostojewskijs »Die Dämonen« erinnernd – markiert einen Zustand gesteigerter Wirklichkeit, in dem Handeln Vorrang vor Abwägung gewinnt und Entscheidungen weder aufzuschieben noch zu delegieren sind. Ordnung entsteht nicht durch Ausgleich widerstreitender Interessen, sondern durch Behauptung in einer Lage, die konkretes Handeln erzwingt.


Literarisch steht »Sankya« in einer Linie mit Eduard Limonows »Fuck off, America« und DJ Stalingrads (Piotr Silaev) »Exodus«. Auch das sind Werke, in denen konkrete Erfahrungen zu konkreten Entscheidungen führen – unmittelbar und knallhart. Unabhängig vom beschriebenen politischen System zeigen diese Texte Figuren in einer gesellschaftlichen Leere, in der der Einzelne auf das konkrete Handeln zurückgeworfen ist. Existenzielle Bruchstellen werden sichtbar, die in Russland meist nur verdeckt verhandelt werden und im Westen kaum Resonanz finden. Dadurch gewinnt »Sankya« eine zeitlose Qualität und reiht sich ein in eine gegenwärtig unterrepräsentierte literarische Tradition, die ungefiltert und illusionslos Erfahrung, Entscheidung und Konsequenz in den Mittelpunkt stellt.


Dem Jungeuropaverlag ist anzurechnen, den Roman nach dem Rückzug von Matthes & Seitz – begründet in Zakhar Prilepins prorussischer Positionierung – erneut zugänglich gemacht zu haben. Die Lektüre erzeugt beim Leser Distanz gegenüber Formen formaler Herrschaft und macht sichtbar, dass für einen Staat und seine Bürger eine gemeinsame Idee unabdingbar ist. Und welche Folgen ihr Verlust nach sich zieht.

 

Zakhar Prilepin: Sankya. Jungeuropa Verlag: Dresden 2025



Über den Autor: Dirk Brockschmidt, geboren 1995, ist Publizist und Student. Er betreibt den Instagram-Account @das_klassische_buch

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