Dirk Brockschmidt: EIN ANDERER KALENDER – ÜBER BANINES JÜNGER-MEMOIR
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Der Dachdecker hält in der Bewegung inne. Sein erhobener Hammer steht einen Augenblick in der Luft. Schließlich legt er ihn langsam, fast behutsam, aus der Hand, als wäre die Bewegung selbst schon nicht mehr erlaubt. Zwei Worte nur sind gefallen – »Mobilmachung befohlen« – und doch genügen sie, um die Ordnung der Dinge zu verändern. Aus einer friedlichen Gemeinschaft wird eine militärische, aus Alltag wird Krieg, aus Zeit Geschichte. »In diesem Augenblick trat ein anderer Kalender bei ihm in Gültigkeit«, notiert Ernst Jünger in seinem wenig bekannten Aufsatz Kriegsausbruch 1914 (vgl. Ernst Jünger: Sämtliche Werke, Band 1, S.542 ff.). Es ist ein Bild von stiller Wucht: keine Explosion, keine Ekstase, kein existenzieller Kampf. Aber ein leises Verschieben der Welt – und gerade darin liegt seine Kraft. Denn dieser andere Kalender ist nicht nur der des Kriegsausbruchs. Für Jünger und unzählige andere beginnt ab diesem Moment ein Leben nach neuer Zeitrechnung. Menschen werden zu Soldaten.
Die andere Front
Der 2. April 1943 wird für die französische Schriftstellerin Banine – eigentlich Umm El-Banine Assadoulaeff – zum Schicksalstag. Nicht, weil ab diesem Datum für sie ein anderer Kalender gegolten hätte, sondern weil sie einem Mann begegnet, für den jener andere Kalender schon seit längerem gilt. Es handelt sich um Ernst Jünger, Offizier der Wehrmacht im besetzten Paris, der in ihre Wohnung tritt: ein Soldat, geprägt von jener anderen Zeitrechnung, die aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, Distanz zu den Nationalsozialisten und dem Ethos des Soldaten besteht. Für ihn bleibt die Begegnung zunächst eine kurze Episode. Im Kriegstagebuch Strahlungen steht dazu – allerdings unter dem 3. April (Sämtliche Werke, Band 3, S.33), wahrscheinlich falsch ediert und in der historisch-kritischen Ausgabe (Band 2, S.37) wieder unter dem 2. April 1943 (hierzu auch das zweite Bild in der Galerie) – kühl: »Zu einem türkischen Kaffee bei Banine (...), deren Roman Nami ich kürzlich las«. Eine emotionale Würdigung findet Jünger nicht.
Für Banine jedoch ist der Besuch der Einbruch eines Ereignisses. Sie hatte Jünger bereits geliebt – aus der Ferne, ausgelöst durch das Autorenbild in einer Ausgabe von In Stahlgewittern: »Sein Blick durchbohrte meine Seele.« Die Wirklichkeit steigert dieses Bild ins Unwiderrufliche. Kaum ist der Besucher in der graugrünen Uniform gegangen, spricht sie von »Wahnsinn«. Was bei ihm unter Kontrolle bleibt, wird bei ihr zur Mobilmachung der Gefühle: eine restlose Konzentration des Lebens auf einen einzigen Punkt. Nächte verbringt sie wach, den Blick in den Himmel gerichtet, ganz gefangen in einer Zeit, die fortan nur noch den Soldaten Ernst Jünger kennt.
Mobilmachung der Gefühle
Das von Alexander Pschera herausgegebene Buch Liebe ist Dir verboten liest sich wie der diagnostische Befund dieser Verschiebung. Banines Aufzeichnungen sind keine gewöhnliche Liebeserklärung, sondern die Chronik einer inneren, emotionalen Mobilmachung. Alles wird eingezogen, alles auf ein Ziel ausgerichtet: Wahrnehmung, Erinnerung, Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. Während Jünger in seinen Strahlungen weiter nüchtern von einem Besuch „bei einer Mohammedanerin“ spricht, erlebt Banine denselben Augenblick als emotionalen Umsturz. Ihre Sprache kennt keine Abstufung mehr, nur Steigerung: Wahnsinn, Hingabe, völlige Konzentration auf einen Mann.
Was dieses Buch so eindringlich macht, ist die Unvereinbarkeit der beiden Perspektiven. Jünger bleibt Beobachter, Stilist, jemand, der Wirklichkeit formt und überhöht. Banine hingegen ist ganz in der Wirklichkeit gefangen. Doch dieser Gegensatz führt nicht zur Abkehr. Im Gegenteil: Banine durchschaut die poetische Verwandlungskraft eines Ernst Jünger – und bewundert sie. Ihre Liebe gilt nicht nur dem Menschen; sie verehrt Jüngers Fähigkeit, die Welt in Sprache zu verwandeln.
Wenn der Krieg endet
Die oft bemühte Feststellung, Jünger habe diese Art der bedingungslosen Liebe – wie seine Affären, etwa mit Sophie Ravoux – nicht verdient, bleibt äußerlich. Denn was dieses Buch zeigt, entzieht sich solchen bürgerlichen Kategorien. Banine lebt fast wahnhaft in einer eigenen Welt, die auf einen Mann trifft, der unter einem anderen Kalender steht – und es ist absehbar, dass das Idealbild Banines von Ernst Jünger nicht mit dem Soldaten und schon gar nicht mit dem Menschen Ernst Jünger zusammenpasst. Banine wird diesen Irrtum ihr Leben lang nicht verstehen und zeigt sich nach dem Krieg noch irritierter, als sie Jünger im Urlaub trifft und er nach dem Tod seiner Frau erneut heiratet.
Banines Schilderungen sind in ihrer emotionalen Radikalität schwer zu ertragen. Die schonungslose Selbstaufgabe, das Kreisen um einen Mann, der sich entzieht oder ihr nur begrenzten Zugang gewährt, die wachsende Diskrepanz zwischen Idealbild und Wirklichkeit – all das erzeugt eine Intensität, die den Leser eher bedrängt als einlädt. Gerade darin liegt jedoch auch der dokumentarische Wert dieses Textes. Es ist deshalb ein Glücksfall, dass der Jünger-Kenner Alexander Pschera sich dieses schwierigen Materials angenommen, es übersetzt, mit der notwendigen editorischen Sorgfalt versehen und eingeordnet hat. Erst durch diese Einordnung wird der Text überhaupt zugänglich, und man mag sich kaum vorstellen, welche Auswüchse er ohne diese Sorgfalt bei weniger kompetenten Übersetzern angenommen hätte.
Bemerkenswert ist zudem, dass sich diese Veröffentlichung in eine Reihe jüngerer Arbeiten einfügt, die sich erneut mit Ernst Jünger auseinandersetzen. Nach Ulrich Fröschles Waldgang oder Das Problem der Dissidenz und im Vorfeld der im Juli erscheinenden, aktualisierten Studie Jünger und die Folgen von Niels Penke markiert Liebe ist Dir verboten das dritte relevante Jünger-Buch dieses Jahres. Dass ein so spezielles, teils verstörendes Memoir in diese Reihe gehört, sagt nicht nur etwas über die anhaltende Wirkung Ernst Jüngers aus, sondern auch über die Bereitschaft, sich mit einem Autor zu beschäftigen, der noch immer im Schatten der Literaturgeschichte steht.
Banine: Liebe ist Dir verboten – Ernst Jünger und ich. Hg. Alexander Pschera. Friedenauer Presse. Berlin: 2026
Über den Autor: Dirk Brockschmidt, geboren 1995, ist Publizist und Student. Er betreibt den Instagram-Account @das_klassische_buch






