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Roman Raskolnikow: ANGST, TOD, MODERNE UND DER WEG HIN ZUR SELBSTÜBERWINDUNG

  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Über die gefühlsmäßige Grundkonstitution des modernen Menschen


Angst. Was ist eigentlich Angst?


Der begrifflichen Herkunft nach stammt das deutsche Wort Angst vom althochdeutschen angust ab und ist verwandt mit dem lateinischen angustus. Beide Begriffe haben die Empfindungen der Enge, der Bedrängnis sowie der Beklemmung zum Gegenstand.


Die indogermanische Wurzel ang meint ihrem Sinngehalt nach so viel wie eng, zusammenschnüren und einengen. Der Etymologie folgend bezeichnet das Wort Angst also einen Gefühlszustand des Menschen in Reaktion auf etwas Abstraktes und Diffuses. Demnach ist der Bezugspunkt der Angst nicht klar greifbar und entzieht sich einer genauen Form und Gestalt.


Jedoch kann dem Begriff der Angst insofern eine Kontur verliehen werden, als dass sie an eine bestimmte Situation gebunden ist, die mit einem nebulösen Charakter einhergeht. Exemplarisch sei hier der Beginn eines neuen Lebensabschnitts genannt, welcher naturgemäß mit Ungewissheit verbunden ist. Demgegenüber steht das Wort Furcht – das im alltäglichen Sprachgebrauch als Synonym zum Begriff der Angst verwendet wird.



Standhalten: Odysseus am Mast, gemalt von Herbert James Draper, 1909
Standhalten: Odysseus am Mast, gemalt von Herbert James Draper, 1909

Die Furcht findet ihren begrifflichen Ursprung im althochdeutschen furht sowie im gotischen faurhtei. Beide Wörter beziehen sich auf ein Gefühl, dem ein fassbares Objekt als Bezugspunkt zugrunde liegt.


Der indogermanische Vorfahr dieser Begriffe, namentlich perk, erfasst in seiner Bedeutung schlagen, stoßen, angreifen und durchdringen.


Das Wort Furcht steht daher in einem klaren Verhältnis zur Außenwelt des Menschen. Demnach bezieht sich die Furcht als Empfindung auf eine klar umrissene Situation in der Wirklichkeit, die als bedrohlich eingeordnet wird.


Die sezierten Begriffe der Angst sowie der Furcht stellen sprachliche Werkzeuge dar, um der Innenwelt des Menschen adäquaten Ausdruck zu verleihen. Die biologischen Grundlagen hinter den Gefühlen stellen demgegenüber eine unverrückbare Wirklichkeit unseres Organismus dar.


Die natürliche Reaktion der Angst ist das Resultat einer jahrtausendealten evolutionären Entwicklung. Ihrem Kern nach ist sie universell – neben dem Menschen findet sie sich überall im Tierreich. Als uralte Reaktion unseres Organismus zeugt sie von unserem tierischen Ursprung.

Der Angst kommt hierbei eine bestimmte Funktion zu – das Erkennen, das Vermeiden sowie gegebenenfalls das Bekämpfen von Gefahren.


Hierbei unterscheidet unser Gehirn nicht zwischen realen physischen Bedrohungen und Gefahren, die nur die eigene soziale Stellung betreffen. Der seelische Schmerz ist gleichermaßen fühlbar – gleichgültig, ob es sich um ein Scheitern in einer Prüfung oder um eine körperliche Auseinandersetzung handelt.


Der Sinn dieser Vorgänge liegt zuvörderst in der Wahrung unserer physischen Integrität. Aber auch die seelische Gesundheit ist hier von Bedeutung – nicht selten überkommt uns ein großes Unbehagen, wenn wir einem bestimmten Schlag Mensch begegnen.


Hingegen stellt unsere heutige Welt für uns moderne Menschen eine Wirklichkeit dar, die in Bezug auf Lebensgefahren und anderen Bedrohungen so sicher und vorhersehbar ist, wie sie sich unsere Vorfahren kaum hätten erträumen können.


Und doch… All dies steht der Tatsache gegenüber, dass wir in einer historisch beispiellosen Epoche leben. Große Angst ist heute ein steter Begleiter des modernen Menschen im Westen.

Seit dem Ende des 2. Weltkriegs 1945 herrscht in West- und Mitteleuropa ein langanhaltender Frieden. Noch niemals zuvor war es diesem geographischen Areal vergönnt, für einen derart langen Zeitraum von bewaffneten Großkonflikten verschont zu bleiben.


Der lange Frieden geht einher mit einer bemerkenswerten politischen Stabilität der betreffenden europäischen Staaten. Zwar ist die Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen heute so groß wie noch nie, aber größere Erhebungen der Bevölkerung oder gar Umstürze bleiben aus.


Mit dem Frieden und der politischen Stabilität ist die Entstehung eines großen Wohlstandes verbunden, der auch dem einzelnen Menschen zugutekommt. Der arbeitslose Deutsche der Gegenwart hat heute Zugang zu Ressourcen, von denen ein Fürst im Mittelalter nur träumen konnte.


Schließlich ist der medizinische Fortschritt zu nennen, der dem modernen Menschen ein in der Geschichte noch nie vorhandenes Niveau an medizinischer Versorgung ermöglicht. Krankheiten wie Tuberkulose, die regelmäßig zum sicheren Tod des Erkrankten führten, sind heute einer Heilung zugänglich.


Vor dem Hintergrund all dessen ist der heutige Mensch in ein sicheres Netz eingebettet – und dennoch verspürt er große Angst.


Jenes Gefühl des modernen Menschen entspricht nicht der Empfindung der Furcht im oben beschriebenen Sinne – gerichtet auf eine konkret fassbare Bedrohung in der Außenwelt. Auch geht es hier nicht um das oben dargelegte Gefühl der Angst – eine bestimmte nebulöse Situation liegt vor, die aufgrund ihrer Ungewissheit als Bedrohung empfunden wird.


Das beherrschende Gefühl des Menschen der Gegenwart ist das der generalisierten Angst.

Die generalisierte Angst erstreckt sich auf die gesamte Lebenswelt des Menschen. Inhaltlich betrifft sie sowohl die wichtigen grundlegenden Überlegungen und Entscheidungen als auch die alltäglichen Gedanken und die hieraus folgenden Handlungen.


Stets im Inneren des Menschen präsent, stellt sie eine diffuse Besorgnis hinsichtlich der möglichen Konsequenzen einer getroffenen Entscheidung dar. Dem Kern nach geht es nicht um eine reale physische Lebensgefahr, sondern um eine Form der sozialen Angst.


Getrieben von einem starken Bedürfnis nach Konformität, Sicherheit und sozialer Anerkennung, führt der moderne Mensch sein Leben in erheblicher Abhängigkeit zu äußeren Strukturen, wie dem Familien- und Freundeskreis, der schulischen und beruflichen Sphäre und überhaupt der öffentlichen Meinung.


Diese Anpassung bzw. Überanpassung ist ein Ausfluss des sozialen Wesens des Menschen. Der Mensch steht abseits abstrakter Überlegungen niemals isoliert dar, sondern ist verflochten in ein komplexes Netz aus zahlreichen und verschieden beschaffenen menschlichen Gemeinschaften.

Die generalisierte Angst stellt hiermit keine adäquate Reaktion auf eine real existierende Bedrohung oder eine diffuse Lebenssituation dar, sondern hemmt und lähmt den von ihr unterworfenen Menschen.


Weiterhin führt sie zu einer habituell verinnerlichten Vermeidung. Statt die wichtigen und dringenden Aufgaben seines Lebens anzugehen, verharrt der Mensch in Passivität oder gibt sich einer unerfüllbaren Hoffnung hin.


Wie bei jeder Form der Angst ist auch hier das Bedürfnis nach Sicherheit im Menschen sehr präsent. Er zieht sich zurück und hält sich an jene Strukturen, die ihm Geborgenheit und Halt vermitteln. Hierdurch allerdings büßt er auch an Energie und Momentum ein.


Die oben beschriebenen Spielarten der Angst haben allesamt gemein, dass sie ihrem Kern nach die Ur-Angst jedes Menschen respektive jedes Lebewesens zum Gegenstand haben – die Angst vor dem eigenen Tod.


Die Angst vor der eigenen physischen Vernichtung, wirkt in jedem zum Ausdruck gebrachten Gefühl der Angst fort und stellt ein uraltes menschliches Motiv dar.


Selbst in der wahrscheinlich ältesten, durch die Menschen in organisierter Form festgehaltenen Geschichte – dem akkadisch-sumerischen Gilgamesh-Epos – beweint der titelgebende Held den frühzeitigen Tod seines Freundes Enkidu und versucht, auf der Suche nach der göttlichen Gabe der Unsterblichkeit, seinem eigenen Tod zu entgehen.


Am Ende der Erzählung muss Gilgamesh einsehen, dass die Unsterblichkeit nur den Göttern vergönnt ist, ihn als Menschen jedoch irgendwann der Tod ereilen wird.


Als Mensch und König, befindet sich sein Platz auf dem Thron der Stadt Uruk. Über das Volk von Uruk soll er herrschen und dieser, ihm schicksalshaft zuteilgewordenen, Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen nachkommen.


Zu Beginn des Gilgamesh-Epos heißt es, dass der gleichnamige Held in die Tiefe blickt und damit gleichsam die Grundbedingungen des menschlichen Daseins erkennt.


Sowohl Gilgamesh, als auch jeder andere Mensch, muss sich mit dem Gedanken an den eigenen Tod befassen und hiermit einen Umgang finden.


Die bewusste Konfrontation mit dem eigenen Tod führt ironischerweise zu einer Leichtigkeit im Leben. Insbesondere kommt durch diesen Akt die eigene Wertehierarchie wieder in Ordnung.

Nunmehr stellt man sich die Fragen: Was ist wirklich wichtig? Was ist wesentlich? Was ist von Bedeutung im Leben?


Erst durch diese schonungslose Auseinandersetzung, beginnt der Mensch zu erkennen, wie nichtig und bedeutungslos viele Gedanken und alltägliche Begebenheiten sind, die uns bisweilen lange plagen und intensiv beschäftigen.


Sich die eigene Sterblichkeit vor Augen zu führen, ist für den modernen Menschen der erste Schritt in Richtung Bewältigung seiner Ängste.


All dies nicht im Sinne einer bloßen gedanklichen Spielerei. Vielmehr als der Beginn eines lebenslangen und fruchtbaren Prozesses, als eine Selbsterkenntnis hinsichtlich des eigenen unumgänglichen Schicksals.


Wie kann dies gelingen?


Friedrich Nietzsche schreibt in seinem Zarathustra:


,,Viele sterben zu spät, und einige sterben zu früh.

Noch klingt fremd die Lehre: stirb zur rechten Zeit!

Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra.

Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will.

Wichtig nehmen alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest.

Noch lernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste heiligt.

[Noch] In eurem Sterben soll euer Geist und eure Tugend glühen, gleich einem Abendrot um

die Erde: sonst ist euch das Sterben schlecht geraten.‘‘

 

Hier spricht sich Nietzsche dafür aus, den eigenen Tod nicht als Ärgernis und Pein, nicht als rein biologischen Vorgang oder als ein das Leben entwertendes Ereignis anzusehen. Für ihn ist der Tod ein natürliches Element der menschlichen Existenz. Ohne den Niedergang und den Tod, gibt es auch keinen großen Mittag und auch kein Leben. Erst mit dem Tod und damit der Endlichkeit menschlichen Lebens wird unserem persönlichen Leiden und Sterben die Sinnhaftigkeit vermittelt.


Mit anderen Worten: Warum sollte ich diese oder jene Handlung vollziehen, wenn ich sie auch in Tausend Jahren vollziehen kann?


Dem folgend wird der Tod nicht mehr als der Endpunkt des eigenen Lebens betrachtet, sondern als der Ausgangspunkt für die Zeit auf Erden.


Laut Nietzsche ist der Mensch erst durch das Gefühl der Endlichkeit der eigenen Existenz imstande, die Ufer der Mittemäßigkeit zu verlassen und nach neuen Eilanden Ausschau zu halten. Zwar wird er auch weiterhin Angst vor dem Tod empfinden, allerdings ist sein Sterben nunmehr in sein Leben und in sein Wirken miteingeschlossen.


Es wird der Tag kommen, an dem er diese Welt verlassen wird. Freilich aber nicht ohne den Versuch Taten zu vollbringen, die unsterblich in das Gedächtnis der Menschheit eingehen werden.

Für den Alltag des modernen Menschen bedeutet diese geistige Haltung, dass er von den Erschütterungen des täglichen Lebens nicht mehr in gleichem Maße betroffen sein wird.


Die Befindlichkeiten und Auffassungen all jener Menschen, die für sein Leben ultimativ bedeutungslos sind, werden ihn nicht mehr hemmen und lähmen können. Dieser Mensch wird seinen Handlungsspielraum – orientiert an der Realität – genau abstecken und mutig zur Tat voranschreiten.

Der Tod schwebt über seinem Haupt, daher kann er es sich nicht leisten Herausforderungen, die sein Leben mit sich bringen, ängstlich und halbherzig anzugehen.


Die dargelegten und beschriebenen Gefühle der Angst, der Furcht sowie der generalisierten Angst, wird er auch weiterhin spüren. Sein gewonnener Zugang zu all diesen Empfindungen ist jedoch jetzt ein konstruktiver.


Die mit diesen Gefühlen verbundene Spannung und Energie wird er fruchtbringend nutzen. Souverän und damit über den Dingen stehend, wird er durch sein Leben gehen.

Nur noch seinen Gott braucht er zu fürchten – sonst nichts auf der Welt.



Über den Autor: Roman Raskolnikow, Existenzialist. X: @Raskolnikow7777


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