Thomas Hartung: DAS GEHIRN UMERZIEHEN
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Laut Liya Yu sei uns „das Autoritäre” zwar eingeschrieben, „das Liberale” aber evolutionärer Zielpunkt. Damit „Rechte” nicht gewinnen, muss das Gehirn also linkstrainiert werden. Das ist orwellesk.

Liya Yus Zeit-Text „Mag unser Gehirn Autokraten?“ – ein selbst kuratierter Auszug ihres jetzt erschienenen Buchs Hirn statt Moral – formuliert eine steile These: Rechtspopulisten gewännen den „Kampf um unsere Köpfe“, weil ihnen die „neuronale Natur“ in die Karten spiele; deshalb müsse man unser Hirn trainieren, konditionieren, neu einstellen – weg von In-/Out-Group-Reflexen, weg von Negativitätsbias, hin zum „liberalen Gehirn“.
Das klingt zunächst wissenschaftlich nüchtern. Tatsächlich ist es ein normatives Programm: Die Autorin erklärt bestimmte, evolutionär plausible Wahrnehmungsmechanismen – schnelle Fremdheitsdetektion, Ekel-/Angstreaktionen, Präferenz für Ordnung, Abneigung gegen Ambiguität – zu einem Problem, das demokratisch „behoben“ werden müsse. Die Deutsch-Chinesin nennt das „Neuropolitik“ und spricht offen davon, dass man unser Gehirn „trainieren“ müsse, um Toleranz und Inklusion kognitiv zu verwirklichen.
Genau hier muss eine konservative Gegenkritik ansetzen: Das Projekt, evolutionäre Wahrnehmungsmechanismen auszutreiben oder abzutrainieren, ist nicht wertneutral. Es ist zutiefst linkes Gleichmacherdenken – und es kippt mindestens in eine Pädagogik der Entmündigung, wenn nicht gar mehr.
Biologie als politischer Hebel
Der Text macht mehrere empirische Aussagen: Säuglinge bevorzugten früh die Hautfarbe der Bezugsperson; der „other race effect“ stabilisiere sich; bestimmte Hirnareale reagierten messbar unterschiedlich auf In-/Out-Group-Reize; konservative Menschen zeigten häufiger Negativitätsfokus, geringere Ambiguitätstoleranz, stärkere Ordnungsvorlieben. Selbst wenn man diese Befunde in ihrer ganzen Komplexität akzeptiert, folgt daraus keine politische Pflicht zur Umerziehung. Der Text aber macht genau das: aus „ist“ wird „muss“. Es heißt nicht nur, dass das Gehirn so funktioniert, sondern: „Wir können – und müssen – unser Hirn trainieren.“
Hier werden systematisch und wenig wissenschaftlich die Ebenen vermischt: Aus der biologischen Fähigkeit des Gehirns zur Kategorisierung (eine evolutionär sinnvolle Wahrnehmungsleistung) und Diskriminierung (wir repetieren: lat. für Unterscheidung) werden vorschnell moralische Dispositionen und schließlich politische Konflikte abgeleitet. Damit wird ein klassischer Kategorienfehler begangen. Zwischen Wahrnehmung, Bewertung und politischem Handeln liegen komplexe soziale und institutionelle Vermittlungen – Diskurse, Interessen, Institutionen, historische Kontexte –, die hier völlig ausgeblendet werden.
Jürgen Habermas’ Idee der deliberativen Öffentlichkeit, in der Konflikte rational ausgetragen werden, scheint vergessen: Statt öffentlicher Aushandlung wird Politik zur individuellen Kognitionskorrektur. Abweichende Positionen gelten nicht mehr als legitime Konflikte, sondern als Folge kognitiver Verzerrungen. Das ist Entpolitisierung durch Naturalisierung – das, was eigentlich Gegenstand öffentlicher Debatte sein sollte, wird ins neuronale Labor verlegt.
Zudem erscheint eine bestimmte Form liberaler Demokratie implizit als quasi natürliche Zielgröße menschlicher Entwicklung. Diese Setzung bleibt völlig unbegründet und wird durch den Rückgriff auf Neurobiologie eher verdeckt als erklärt. Warum soll ausgerechnet die liberale Ambiguitätstoleranz der „richtige“ Endpunkt der Evolution sein? Wissenschaftliche Begriffe ersetzen hier nicht Argumente, sondern verdecken deren Fehlen.
Die Neuropolitik Yu’s, wie sie sie auch in ihrem DLF-Vortrag „Neuropolitik – Ein Weg aus Populismus und Polarisierung?“ propagiert, postuliert einen „neuen Gesellschaftsvertrag“, der Dehumanisierung durch Hirn-Mechanismen erklären und beheben will – doch sie setzt voraus, was erst zu beweisen wäre: dass Diversität und offene Grenzen die einzig „hirngerechte“ Gesellschaftsform darstellen.
Wenn Natur zum Fehler erklärt wird
Yus Argumentation setzt implizit ein Ideal: die „liberale“ Wahrnehmung, die Ambiguität erträgt, positive Reize stärker beachtet, Fremdheit nicht reflexhaft als Bedrohung liest. Konservative Wahrnehmungsstile werden zwar ausdrücklich nicht als „minderwertig“ bezeichnet – aber sie werden als Vulnerabilität beschrieben, die Autokraten ausnutzen.
Damit wird konservative Anthropologie in ein Defizitmodell übersetzt: Ordnungsliebe, Risikoaversion, Grenzbedürfnis, Skepsis gegenüber schnellen sozialen Experimenten – all das erscheint nicht als legitime politische Disposition, sondern als neuronales Einfallstor des Autoritären. Gleichmacherisch ist daran: Es wird unterstellt, das Ziel sei eine Gesellschaft, in der In-/Out-Group-Unterscheidungen möglichst schwach sind, Negativitätsfokus möglichst niedrig, Ambiguitätstoleranz möglichst hoch.
Aber genau diese Mechanismen sind nicht bloß „Fehler“, sondern evolutionär und sozial funktional: Sie sind Frühwarnsysteme, Kooperationsfilter, Risiko-Detektoren. Eine Gesellschaft, die diese Alarmfähigkeiten systematisch abtrainieren will, produziert nicht Humanität, sondern Naivität – und delegiert ihre Selbstbehauptung an Bürokratien, Experten und „Programme“.
Ästhetische Gegenbeispiele aus der Literatur zeigen, warum diese Mechanismen keine Defizite, sondern kulturelle Stärken sind. Konservative Hirnpräferenzen für Ordnung, klare Strukturen, Reim und glückliche (oder wenigstens sinnstiftende) Enden spiegeln sich in der Weltliteratur wider – nicht als Schwäche, sondern als tiefe menschliche Weisheit.
Märchen der Brüder Grimm oder klassische Epen wie Homers „Odyssee“ leben von klarer moralischer Ordnung, In-Group-Solidarität (Heimat, Familie) und Negativitätsbias als Schutz vor Hybris: Die Helden lernen durch Leiden, nicht durch endlose Ambiguität. Moderne liberale Ästhetik dagegen – James Joyce’ „Ulysses“ mit seiner fragmentierten, ambiguitätsüberladenen Erzählweise oder die abstrakte, reimfreie Lyrik der Avantgarde – erzeugt oft genau jene kognitive Überforderung, die Yu als Fortschritt feiert.
Doch Literaturgeschichte lehrt: Wo Ambiguitätstoleranz zur Ideologie wird, entsteht nicht Freiheit, sondern Desorientierung – siehe Kafkas „Prozess“, wo endlose bürokratische Ambiguität den Menschen zermürbt. Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ karikiert bereits im 19. Jahrhundert den rationalistischen Traum, den Menschen per „Hirntraining“ glücklich und inklusiv zu machen: Der „Kellerloch-Mensch“ lehnt die Kristallpalast-Utopie ab, weil er Freiheit und Irrationalität höher schätzt als technisch optimierte Harmonie.
Und George Orwells „1984“ oder Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ zeigen die dystopische Kehrseite von Neuropolitik: Newspeak und Soma sind nichts anderes als radikale „Mentalisierungsübungen“ – nur dass sie nicht Toleranz, sondern totale Konformität erzeugen. Die Literatur warnt: Wer das Gehirn „liberalisiert“, riskiert die totalitäre Konditionierung.
Politik als Verhaltenstherapie
Besonders aufschlussreich ist, wie Yu „Lösungen“ skizziert: Mentalisierungsübungen, Empathie-Training, sogar das Vorstellen von Gemüsepräferenzen einer Out-Group, um den medialen präfrontalen Kortex zu aktivieren. Das ist nicht bloß ein kurioses Beispiel. Es zeigt die Logik: Der Bürger soll nicht zuerst über Interessen, Ordnung, Grenzen, Migration, Sicherheit diskutieren – er soll umprogrammiert werden, damit er diese Themen „richtig“ wahrnimmt.
Das ist der Schritt von der Demokratie zur Pädagogokratie. Der Konflikt wird nicht gelöst, sondern therapeutisiert. Wer sich weiterhin unsicher fühlt, gilt dann nicht als Bürger mit realen Sorgen, sondern als Mensch mit dysfunktionaler Wahrnehmung. Und genau das ist das linke Projekt: Nicht die Welt anpassen, sondern den Menschen so lange „trainieren“, bis er die Welt so empfindet, wie sie ideologisch erwünscht ist.
Damit hatte sich unter der Perspektive von Asyl/Migration vor zehn Jahren bereits Sascha Lobo im Spiegel ziemlich naiv auseinandergesetzt. Anlass waren „aufsehenerregende Fälle“ von Gewalt, „bei denen Menschen mit ausländischer Herkunft beteiligt waren“ – gemeint waren unter anderem die Silvestermobs in Köln und anderen Städten, der Anschlag von Anis Amri und die Entzündung eines Berliner Obdachlosen durch sieben junge Männer aus Syrien und Libyen.
Darum müsse „man sich als Streiter für eine liberale Gesellschaft ohne Diskriminierung auch mit den Statistiken auseinandersetzen, die einem nicht in den Kram passen“, stellt er fest und zitiert eine Studie, wonach bei den Aborigines indigene Frauen 34-mal häufiger Opfer häuslicher Gewalt als nichtindigene Australierinnen würden. „Wie kann man mit diesen Fakten umgehen, ohne rassistisch zu argumentieren“, fragt Lobo, und schiebt hinterher: „Kann die Realität rassistisch sein?“ Das ist kein Witz.
Sein Fazit antizipiert bereits Yu: „Eine statistisch vorhandene oder nicht vorhandene Rechtschaffenheit war nicht der Grund, weshalb es richtig war und ist, Asyl zu gewähren. Deutschland hat Flüchtlinge aufgenommen, um den Ansprüchen an die eigene Menschlichkeit zu genügen.“ Übersetzt: das Bewusstsein bestimmt das Sein, das Gehirn muss die gesinnungsethischen „Menschlichkeits”-Kategorien Weniger über die verantwortungsethischen Grenzen Vieler stellen, und wer das nicht tut, muss halt üben.
Vom Affenlabor zur Neuropolitik
Genau hier wird der eigentliche Charakter des Projekts sichtbar: Es geht nicht mehr darum, politische Konflikte auszutragen, sondern darum, die Voraussetzungen des Konflikts selbst zu verändern. Der Bürger soll nicht überzeugt, sondern disponiert werden. Doch dieser Impuls ist keineswegs neu. Er gehört zu jenen großen Versuchungen der Moderne, den Menschen nicht nur zu regieren, sondern biologisch zu formen, ja neu zu entwerfen.
Ein besonders drastisches Beispiel lieferte Ilja Iwanow, genannt „roter Frankenstein”, jener sowjetische Biologe, der Anfang des 20. Jahrhunderts versuchte, Mensch und Affe zu kreuzen. Was wie eine bizarre Fußnote der Wissenschaftsgeschichte wirkt, war in Wahrheit Ausdruck eines Denkens, das – Stichwort Transdebatte, Selbstbestimmungsgesetz etc. – bis heute fortlebt: der Glaube, dass sich der Mensch technisch überschreiten lasse.
Iwanow begann mit Tierzucht, perfektionierte Methoden künstlicher Befruchtung und weitete seine Experimente zunehmend aus – bis hin zur Idee, die Grenze zwischen Mensch und Tier selbst zu überwinden. In der frühen Sowjetunion erhielt dieses Vorhaben eine ideologische Aufladung: Ein erfolgreicher „Affenmensch“ hätte nicht nur Darwins Theorie spektakulär bestätigt, sondern zugleich den Anspruch der Religion zerstört und das Projekt eines neuen, formbaren Menschen legitimiert. Der wissenschaftliche Versuch wurde damit zum politischen Symbol. Nicht Erkenntnis war das Ziel, sondern Transformation.
Der Unterschied zwischen Iwanow und der heutigen Neuropolitik ist daher weniger prinzipiell als methodisch. Dort das grobe Experiment im Labor, hier die feine Intervention im Kopf. Doch die Logik bleibt identisch: Der Mensch ist nicht Maßstab, sondern Problem. Seine evolutionär gewachsenen Dispositionen – Fremdheitswahrnehmung, Risikoempfinden, Ordnungsbedürfnis – gelten nicht als legitime Bestandteile politischer Anthropologie, sondern als Fehlfunktionen, die es zu überwinden gilt.
Als 1989 die Sowjetunion zusammenbrach und sich ehemals geheime Archive öffneten, wühlte sich der Science-Fiction-Autor Jeremej Parnow durch die Akten und fand angeblich belastendes Material. „Ein Blick in die geheimen Dokumente würde selbst die Herzen der härtesten Kerle in Angst versetzen“, schrieb er in einem Text, der in einer russischen Zeitschrift namens Medizinische Mysterien erschien.
Er galt rasch als Experte und raunte in Fernsehsendungen über das geheime Forschungsprogramm, dessen Ziel darin bestehe, „dumme, gehorsame Sklaven hervorzubringen, die schwere Arbeit verrichten.“ Die angeblich erstrebte Kreatur nannte er „Yahoo Sovieticus“, in Anspielung auf Jonathan Swifts Romanklassiker „Gullivers Reisen“, in dem „Yahoos“, menschenähnliche Wesen, die Sklaven von pferdeähnlichen Wesen sind. Vermutlich setzte Parnow auch das Gerücht in die Welt, dass Stalin höchstpersönlich in einem Brief ans Politbüro Affenmenschenkrieger bestellt habe.
Iwanows Experimente scheiterten – wissenschaftlich ebenso wie praktisch. Seine Affenmenschen blieben Fiktion, seine Karriere endete in politischer Säuberung, sein Name wurde zur Chiffre wissenschaftlicher Verirrung. Doch der dahinterstehende Impuls hat überlebt. Heute erscheint er nicht mehr als brutale Utopie, sondern als aufgeklärtes Projekt: das Gehirn soll trainiert, korrigiert, optimiert werden, um die „richtige“ politische Wahrnehmung hervorzubringen.
Gedankenspiele zur menschlichen Optimierung
Gerade darin liegt die eigentliche Brisanz der neuropolitischen Argumentation. Sie präsentiert sich als wissenschaftlich fundierte Korrektur menschlicher Fehlwahrnehmung – tatsächlich aber steht sie in einer langen Tradition der Überschätzung technischer Eingriffsmöglichkeiten in die Natur des Menschen. Die begann bei Jean Zimmermann, der 1717 zur Produktion einer Arbeiterschaft riet, ein „leichtes Mädchen“ von einem Orang-Utan bzw. ein Menschenaffenweibchen von Männern schwängern zu lassen.
Sie setzte sich fort 1889, da der Rassismustheoretiker Georges Vacher de Lapouge vorschlug, durch solche Kreuzungen „gelehrige Arbeiter – Halbmenschen – herzustellen“. Und es endete vorläufig 2015, da der niederländische Autor und Historiker Piet de Rooy in seinem Buch „De Nederlandse Darwin“ die Geschichte von Herman Marie Bernelot Moens (1875-1938) schildert. Der Anthropologe und Biologielehrer hatte in Deutschland studiert und war den Theorien von Ernst Haeckel zugetan, einem renommierten deutschen Zoologen, der zu Zeiten Bismarcks für den Darwinismus und gegen den Kreationismus der Kirche kämpfte.
Laut dem „Biografisch Woordenboek van Nederland“ wollte Moens Anfang des 20. Jahrhunderts einen gemeinsamen Nachkommen von Mensch und Affe schaffen, und Haeckel hielt einen Erfolg angeblich für möglich. Moens wollte damit der Evolutionstheorie handfeste Argumente liefern und warb öffentlich für sein Anliegen, erntete aber viel Empörung. In dieser Phase blieb sein Vorhaben 1908 anscheinend stecken.
Einen anderen Weg in dieselbe Richtung nahm ab 1930 Wladimir Petrowitsch Demichow. Der geniale russische Chirurg und Pionier der Transplantationschirurgie führte unter anderem die erste Herztransplantation bei einem Warmblüter, die erste Lungentransplantation und die erste Herz-Lungen-Transplantation in der Geschichte der Chirurgie durch. In der Öffentlichkeit wurde er vor allem durch Operationen bekannt, bei denen er Köpfe und Vorderkörper von und an Hunden verpflanzte.
Seine Versuche wurden in der Sowjetunion als „Sputnik der Chirurgie“ bezeichnet. Der südafrikanische Herzchirurg Christiaan Barnard, der 1967 die erste erfolgreiche Herztransplantation bei einem Menschen durchführte, hat 1960 und 1963 Demichows Labor besucht und betrachtete ihn als seinen Lehrer.
Der Science-Fiction-Autor Gert Prokop kreierte in der DDR Ende der 70er Jahre den Begriff „Demichont“: der Oberkörper eines gesunden jungen Mannes wird einem todgeweihten Senior transplantiert, der damit den Erbschleichereien verhasster Angehöriger ein Schnippchen schlagen will. Überhaupt erfreuten sich Gedankenspiele zur menschlichen Optimierung in der Science Fiction des Ostblocks großer Beliebtheit. Als namhaftester Ahne in dieser literarischen Tradition muss Alexander Beljajew gelten, der zu Iwanows Lebzeiten „Der Kopf des Prof. Dowell“ (1925) und „Der Amphibienmensch“ (1928) schrieb. In letzterem implantiert ein Chirurg seinem Sohn Kiemen, da er an einer unheilbaren Lungenkrankheit litt – die Schwarz-Weiß-Verfilmung (1962) gilt im Osten bis heute als Kult.
Politik als technokratische Illusion
Was einst im Labor scheiterte, kehrt heute als Programm zurück – nicht mehr als Experiment, sondern als gesellschaftliche Leitidee. Yus Argumentation legt eine schiere kognitiv-technokratische Perspektive nahe: Wenn das Gehirn als Ursache politischer Fehlentwicklungen gilt, erscheint seine Optimierung als naheliegende Lösung. Mit Chips made in China – oder aus heimischer Produktion? Oder werden aus Hühnerfarmen Gehirnfarmen? Statt politischer Auseinandersetzung droht also eine neurotechnische „Verbesserung“ des Menschen – ein Fortschrittsnarrativ, das biologische Realitäten nicht respektiert, sondern umdeutet.
Der Text sagt offen, Liberalismus sei nicht „normal“, sondern kognitiv anstrengend; Demokratie sei eine Zumutung, die man trainieren müsse. Das ist ein Eingeständnis, das nicht nur realistisch klingt – aber die Tür zur Machtfrage öffnet: Wer definiert die Trainingsziele? Wer legt fest, welche Emotionalität noch „demokratisch“ ist? Welche Risikoabwägung gilt als „Vulnerabilität“? Welche Grenzforderung ist noch politisch – und ab wann ist sie neuronaler Defekt?
Sobald man diese Tür öffnet, ist die Versuchung groß, jede robuste, konservative Wahrnehmung als „Entmenschlichung“ zu deuten. Der Text behauptet etwa, das Gehirn deaktiviere beim Blick auf bestimmte Gruppen den mPFC, den medialen präfrontalen Cortex mit Sitz des Selbstbewusstseins, und nehme Menschen wie Obdachlose oder Flüchtlinge „wie einen Stuhl“ wahr. Das mag als Laborbefund diskutierbar sein – politisch ist es eine Sprengladung, weil es den Gegner nicht mehr als Irrenden, sondern als Entmenschlicher beschreibt. Damit ist der Schritt zur moralischen Zwangspädagogik getan.
Institutionen statt Umerziehung
Eine konservative Antwort beginnt anders: Nicht der Mensch ist das Problem, sondern die Überdehnung des liberalen Projekts. Wenn Diversität und Migration als politische Tatsachen gesetzt werden, ohne dass soziale Kohäsion, Sicherheitsarchitektur, Integrationsleistung und kulturelle Selbstbehauptung nachziehen, dann ist es nicht „neuronale Dissonanz“, wenn Bürger Unbehagen empfinden. Es ist eine rationale Reaktion auf einen Ordnungsbruch.
Man muss deshalb nicht das Gehirn „liberalisieren“, sondern Politik wieder realistisch machen: Grenzen, Sicherheit, Leistungsfairness, kulturelle Leitplanken, klare Regeln. Das nimmt Menschen nicht das Risikoempfinden, sondern gibt ihm einen legitimen politischen Ausdruck. Genau das ist Demokratie: Konflikte institutionell austragen, nicht wegtherapieren.
Yu behauptet, das „liberale Gehirn“ zu fördern sei die größte Herausforderung unserer Zeit. Die konservative Gegenrede lautet: Die größte Herausforderung ist nicht, Menschen gegen ihre Natur zu trainieren, sondern Politik so zu gestalten, dass menschliche Natur – einschließlich ihrer Schutzreflexe – nicht permanent beschämt und pathologisiert werden muss.
Wer evolutionäre Wahrnehmungsmechanismen austreiben will, betreibt Gleichmacherei im Gewand der Neurowissenschaft. Er erzeugt nicht Freiheit, sondern Konformität. Und er macht aus dem Bürger ein pädagogisches Objekt – genau das Gegenteil von Mündigkeit. Die Literatur hat uns das längst gelehrt: Der Mensch ist kein programmierbarer Algorithmus, sondern ein Wesen, das in Ordnung, Grenzen und Geschichten Sinn findet. Stalin sah das anders: als „Ingenieure der menschlichen Seele” definierte er Schriftsteller und Künstler im Sinne sozialistischer Erzieher. Stalin ist tot. Seine Ideen nicht.
Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025
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