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Thomas Hartung: TRANSIDEALITÄT

  • vor 1 Tag
  • 13 Min. Lesezeit

Leon de Winter erzählte Ende Februar in seiner WELT-Kolumne einen Dreiklang, der auf den ersten Blick wie eine Randnotiz der Tagespolitik wirkt, bei genauerem Hinsehen aber eine tektonische Verschiebung zeigt: Hillary Clinton, zum ersten, sitzt auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit einer Transfrau auf dem Podium und diskutiert über „Frauenrechte“ – als wäre es ganz selbstverständlich, dass die politische Repräsentation von Frauen durch eine biologisch männliche Person erfolgt. Das Europäische Parlament streicht, zum zweiten, in einer Resolution den Satz „Only biological women can become pregnant“. Und zum dritten erinnert der alte Johns-Hopkins-Psychiater Paul McHugh an seinen Lehrer, der den Nachwuchs einst ermahnte, die Psychiatrie dürfe „keine Hexen machen“ – also keine imaginären Wesen erzeugen, die dann von Institutionen mit tödlichem Ernst behandelt werden.





Drei Szenen, eine Bewegung: Die politische Klasse behandelt biologische Tatsachen nicht mehr als Rahmen, innerhalb dessen Politik stattfindet, sondern als – störende – Meinung unter vielen. Die Realität – dass nur weibliche Körper gebären, dass der menschliche Leib sexuell dimorph ist – wird zur „Narrativposition“, über die man abstimmen, die man streichen, ja ächten kann. Idealität, verstanden als Wunschbild radikaler Selbstbestimmung, rückt an die Stelle des Wirklichen, der Realität.


De Winter formuliert es apokalyptisch: Wenn Parlamente beschließen, dass Sätze wie „Nur biologische Frauen können schwanger werden“ nicht mehr sagbar sein sollen, verliere der Westen die Grundlage seiner Zivilisation – den Respekt vor den Tatsachen. Man kann diese Endzeit-Rhetorik für zugespitzt halten; als Diagnose eines ontologischen Kontrollverlusts ist sie ebenso präzise wie Hannah Arendts Befund „Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.“


Ontologie unter Verdacht


Ontologie ist die Lehre vom Sein: von dem, was es gibt und was nicht. Sie beantwortet vorpolitische Fragen: Gibt es Naturgesetze? Ist der Mensch ein leibliches Wesen mit Grenzen – oder ein formbarer Rohstoff? Die klassische europäische Tradition – von Aristoteles über Thomas von Aquin bis zu Kant und Hegel – hielt an einem einfachen Grundsatz fest: Dass die Welt ist, wie sie ist, unterliegt nicht unserer Verfügung. Politik beginnt erst, nachdem man diese Gegebenheit zur Kenntnis genommen hat – nicht davor.


Der Wille mag stark sein, aber er kann die Fallrichtung des Apfels nicht per Mehrheitsbeschluss ändern. Der gegenwärtige Transdiskurs stellt genau das in Frage. Wenn eine Mehrheit der EU-Abgeordneten beschließt, dass die Aussage „Nur biologische Frauen können schwanger werden“ aus einer offiziellen Erklärung entfernt werden muss, dann wird nicht nur eine Formulierung verworfen, sondern das Recht beansprucht, ontologische Sätze als diskriminierend zu qualifizieren.


Damit gerät der Unterschied zwischen Sein und Sollen unter Verdacht. Was bisher galt – „So ist die Natur, wir müssen politisch vernünftig damit umgehen“ – wird ersetzt durch: „So soll es sein, und wer die Natur anders beschreibt, ist moralisch verdächtig.“ Das ist der eigentliche Bruch: Nicht mehr die Idee orientiert sich an der Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit muss sich an der Idee messen lassen.


Die Produktion des Imaginären


Paul McHugh liefert die innere Dramaturgie zu dieser Verschiebung. Er erinnert an eine Vorlesung über die Hexenprozesse von Salem, in der sein Professor warnte: Die Psychiatrie dürfe nicht zur Institution werden, die neue „Hexen“ erfindet – neue Kategorien, in denen Menschen gefangen werden, weil die Kultur ein Bedürfnis nach ihnen hat.


Für McHugh ist die gegenwärtige Behandlung der Genderdysphorie genauso eine Hexenproduktion. Nicht, weil die – wenigen – Betroffenen nicht real wären, im Gegenteil: Ihr Leiden ist real. Aber anstatt das innere Drama ernst zu nehmen, werde die Unruhe auf den Körper projiziert und mit irreversiblen Maßnahmen beantwortet. Eine psychische Konstellation – oft verbunden mit Autismus, Traumata, Homosexualität, Mobbingerfahrungen und massiver sozialer Ansteckung – wird in eine ontologische Behauptung übersetzt: „Ich bin im falschen Körper geboren.“


Die Medizin tritt dann nicht mehr als Begleiterin in einem inneren Konflikt auf, sondern als ausführendes Organ dieser Behauptung. Sie nimmt die Idealität des Selbstbildes, die als subjektives Erleben vollkommen ernst zu nehmen ist, und behandelt sie wie eine Entdeckung über die Struktur der Welt. Was früher der Satz war „Ich komme mit meinem Körper nicht zurecht, ich brauche Hilfe“, lautet heute: „Mein Körper hat Unrecht.“ Das Imaginäre, das innere Bild, wird zur ontologischen Instanz. Wer daran Zweifel anmeldet, gilt nicht als kritischer Arzt oder vorsichtiger Pädagoge, sondern als „cis-normativer“ Unterdrücker.


Idealität als Flucht vor Begrenzung


Philosophisch betrachtet ist der Transdiskurs ein radikal subjektivierter Idealismus. Er wiederholt – in verzerrter Form – eine alte deutsche Versuchung: die Idee über das Sein zu stellen. Schon der Idealismus des 19. Jahrhunderts wurde oft missverstanden, als könne der Geist die Wirklichkeit nach Belieben „produzieren“.


Tatsächlich wusste etwa Hegel sehr genau, dass der Begriff nicht beliebig ist. Sein berühmter Satz, das Vernünftige sei wirklich und das Wirkliche vernünftig, bedeutet nicht, dass der Geist alle Fakten wegzaubern kann. Er meint: Wirklich ist nur das, was sich langfristig im Widerstand der Welt bewährt. Die Idee ist nicht Willkür, sondern ein strukturierter Blick auf das, was ohnehin da ist.


Der woke Idealismus unserer Tage kennt diese Grenze nicht mehr. Er verwechselt Freiheit mit dem Anspruch, jede Begrenzung des Leibes, der Geschichte, der Kultur als „konstruiert“ zu deklarieren. Die Wiener Bioethikerin Susanne Kummer behauptete in Imago Hominis schon 2006, die geschlechtliche Dimension des Menschen sei ein Phantasma, ein „freischwebendes Artefakt“. Erst durch wiederholtes Einüben in der Norm lege sich so etwas wie Frau/Mann-Sein fest, jedoch wieder nur als Fiktion.


Denn das Geschlecht sei keine Eigenschaft von Personen, Körpern oder Körperteilen, sondern eine „kulturelle Konstruktion“, ein „selbstproduziertes Phänomen“, das erst „durch Eingewöhnung und Wiederholung als Wirklichkeit gestiftet“ werde. Simone de Beauvoirs Satz „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“ wird in dieser Perspektive nicht als Analysesatz über gesellschaftliche Rollenerwartungen gelesen, sondern als ontologische Aussage: Geschlecht sei vollständig sozial und sprachlich erzeugt.


Wenn das stimmt, wird der Körper selbst zum Feind. Dann ist er nur noch das Material, das der Selbstentwurf zu überwinden hat. Die Transchirurgie ist in diesem Sinne die mechanische Vollstreckung einer metaphysischen Entscheidung: Nicht die Idee muss sich am Leib reiben, sondern der Leib wird dem Ideal geopfert.


Juristischer Idealismus: Recht als Zwang zur Fiktion


Besonders sichtbar wird dieses Umkippen im Recht. Das Selbstbestimmungsgesetz macht die Geschlechtszuordnung in weiten Teilen zu einer Frage der Willenserklärung. Für den Eintrag im Personenstand genügt seit Justizminister Marco Buschmann (FDP), dessen Partei seitdem zu Recht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, der Gang zum Standesamt; medizinische Diagnosen oder körperliche Schritte sind nicht mehr nötig. Der grüne Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, durfte prompt behaupten: „Welches Geschlecht ein Mensch hat, kann kein Arzt von außen attestieren”.


Rechtlich existieren damit zwei Ebenen: eine leibliche – Chromosomen, Hormone, Organe –, und eine deklarative, die sich allein an der inneren Selbstbeschreibung orientiert. Noch wäre das als pragmatische Fiktion denkbar: Der Staat verwendet eine gedachte Kategorie, um Diskriminierung zu vermeiden, ohne damit Aussagen über die Natur machen zu wollen.


Brisant wird es dort, wo aus dieser Fiktion ein Sprech- und Denkzwang wird. Wenn die Missachtung der gewünschten Pronomen als Beleidigung, Hassrede oder gar als Diskriminierungsdelikt verfolgt wird, verändert sich der Charakter des Rechts. Es sagt dann nicht mehr: „Du darfst dich nennen, wie du willst, der Staat schützt dich vor Gewalt“, sondern: „Alle anderen müssen deine Selbstdefinition übernehmen – und wer das nicht tut, wird sanktioniert.“


De Winter illustriert das mit dem Beispiel eines Mannes, der sich „Sarah“ nennt und rechtlich als Frau geführt wird. Wird er weiterhin als „Herr“ angesprochen, droht juristischer Ärger. Das ist nicht mehr bloß Höflichkeitsrecht, sondern eine Ontologisierung von Idealen. Das Gemeinwesen zwingt seine Mitglieder, eine bestimmte metaphysische These zu bekennen: dass nämlich Selbstgefühl wichtiger sei als Leiblichkeit.


Konservativ gedacht ist das eine gefährliche Verkehrung. Recht soll Konflikte ordnen, nicht Wahrheitsbeamter metaphysischer Doktrinen sein. Wenn der Staat Bürgern vorschreibt, welche ontologischen Sätze sie zu glauben haben – selbst dann, wenn diese Sätze offenkundig im Widerspruch zu physischer Realität stehen –, nähert er sich der verordneten Lüge. „Kollektives Gaslighting”, nannte das jüngst der Wiener Psychiater Raphael M. Bonelli im Cicero: „Abweichungen von der Wahrheit werden kollektiv übernommen – nicht unbedingt, weil man sie glaubt, sondern weil es gefährlich ist, sie nicht zu glauben.”


Die verordnete Lüge: Sven Liebich und Maja T.


Genau hier setzen die beiden deutschen Symbolfälle an, denn de Winter hätte seine fiktive „Sarah“ gar nicht gebraucht. Im Fall Marla Svenja Liebich ging es nicht um eine verletzliche Minderjährige, sondern um einen verurteilten, flüchtigen, klar männlichen, rechten Mittfünfziger, der plötzlich behauptete, eine Frau zu sein, und in ein Frauengefängnis kommen sollte. Die öffentlichen Stellen standen vor der Frage, ob sie seine Selbstbehauptung – entgegen aller biologischen Evidenz und entgegen der Gefährdung von Frauen im Vollzug – als rechtlich maßgebliche Wahrheit zu behandeln hätten.


Der Skandal lag weniger in der Person Liebich, sondern in der Bereitschaft von Gerichten, Ämtern und Medien, überhaupt zu erwägen, ob ein solcher Taschenspielertrick genügt, um die Kategorie „Frau“ auszuhebeln. Der Staat zeigte sich willens, eine offenkundige Fiktion zum rechtlichen Ernstfall zu erheben. Inzwischen sieht der zuständige Landkreis Saalekreis darin jedoch einen möglichen Missbrauch des Gesetzes und hat die Angelegenheit vor Gericht gebracht.


Das ist bemerkenswert, weil damit erstmals eine staatliche Stelle offen ausspricht, was viele Beobachter von Anfang an vermuteten: dass ein Gesetz, das allein auf subjektiver Erklärung beruht, zwangsläufig dort an seine Grenzen stößt, wo politische Provokation oder strategische Ironie ins Spiel kommen. Die selektive Anwendung von Gesetzen wiederum kann nicht Aufgabe des Gesetzgebers sein.


Die jüngste Entwicklung treibt diese Logik nun in eine beinahe groteske Richtung. Liebich selbst kündigte Mitte März an, seinen Eintrag erneut ändern zu wollen – diesmal auf „divers“. Als neuen Namen möchte er ausgerechnet „Anne Frank“ eintragen lassen. Damit wird sichtbar, was Peter Sloterdijk einmal als die „Ironisierung normativer Systeme“ beschrieben hat: Ein Regelwerk, das auf moralischer Selbstbeschreibung statt auf überprüfbaren Tatsachen beruht, kann durch konsequente Anwendung jederzeit ad absurdum geführt werden.


Der Fall Liebich ist deshalb mehr als eine juristische Kuriosität. Er zeigt exemplarisch, wie eine Politik der moralischen Identität an der Realität des Rechts und der gesellschaftlichen Plausibilität zerschellen kann – und wie schnell aus einer idealistischen Reform ein Experiment mit offenem Ausgang wird. Geschlecht ist eben mehr als ein Sprechakt.


Noch deutlicher wird der Mechanismus im Fall des linksextremen Gewalttäters Simeon „Maja“ T., der in Ungarn wegen brutaler Angriffe auf politische Gegner vor Gericht stand und zu einer längeren Haftstrafe verurteilt wurde. In deutschen Medien verwandelte sich der mutmaßliche Schläger binnen Tagen in ein Opfer illiberaler Verhältnisse – nicht zuletzt deshalb, weil er sich plötzlich als non-binäre Person definierte. Aus Täter wurde Märtyrer, aus Gewalt ein Menschenrechtsdrama. Die Transidentität fungierte wie ein moralischer Heiligenschein, der alles überstrahlt: nicht die Tat zählt, sondern das Label.


Beide Fälle illustrieren denselben Mechanismus: Der Staat – und mit ihm ein großer Teil der Medien – erhebt Idealität zur obersten Instanz und behandelt die Wirklichkeit wie einen störenden Zwischenruf. Wer sich weigert, bei dieser Verzauberung mitzumachen, gilt als „Hasser“, „Transphober“, „Feind der Menschenwürde“.


Ontologie als Bedingung der Freiheit


An diesem Punkt lohnt der Rückgriff auf die deutsche Idealismus-Tradition, die heute gern angerufen, aber selten verstanden wird. Kant, Fichte oder Hegel haben nie behauptet, dass die Welt nur im Kopf existiere. Kants „transzendentaler Idealismus“ bedeutet: Wir erkennen die Dinge immer in bestimmten Formen (Raum, Zeit, Kategorien), aber diese Formen sind keine beliebigen Erfindungen – sie sind die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt.


Freiheit besteht bei Kant nicht darin, sich von der Natur zu lösen, sondern darin, dem moralischen Gesetz zu folgen, das in der Vernunft selbst gründet. Dieses Gesetz hat nichts mit Befindlichkeiten zu tun. Es ist gerade nicht identisch mit dem, was sich das Ich wünscht, sondern fordert ihm Widerstand ab.


Hegels Begriff des Geistes wiederum ist nicht das schwebende Ich, das sich seine Welt bastelt, sondern der lange, mühsame Prozess, in dem eine Gesellschaft lernt, sich selbst in ihren Institutionen zu begreifen. Wirklich ist nur das, was diese Probe der Zeit besteht – alles andere ist bloße Einbildung.

Der „neue Idealismus“ der Transagenda ist von diesem Denken weit entfernt. Er ist gnostisch: Der Körper will als feindliche Macht erlebt werden, das wahre Selbst ist ein reines, von der Welt verletztes Bewusstsein, das sich gegen seine leibliche Form auflehnt. Die Erlösung besteht nicht in Versöhnung, sondern in Abspaltung: in chirurgischer, hormoneller, sprachlicher Abtrennung vom gegebenen Sein – so es denn tatsächlich mehr als Einbildung ist, und nicht Instrument.


Weder aber kann jemand sein Geschlecht abwählen, noch erfährt er es als bloße Rolle. Der Leib ist Vorgabe und Aufgabe zugleich. Trivialzynisch: während einst Männer und Frauen ihre Leiblichkeit als normal, natürlich und generativ (aus)lebten und dabei Konzepte von Mensch-Sein heraufdachten, sollen sie jetzt ein idealiteres „Konstrukt Mensch“ als normal leben und dabei oder danach Konzepte von Frau-/Mann-Sein bzw. Mutter-/Vaterschaft herabdenken: das Bewusstsein bestimmt das Sein.


Eine solche Ontologie kann Freiheit nicht tragen. Sie verabsolutiert das Gefühl und macht es unansprechbar. Kritik wird unmöglich, weil jedes In-Frage-Stellen als Angriff auf die „Identität“ gedeutet wird. Wo aber nichts mehr kritisierbar ist, verschwindet auch die Freiheit: Sie wird durch eine Pflicht zur Bestätigung ersetzt.


Die digitale Beschleunigung des Idealen


Die technischen Bedingungen unserer Zeit befeuern diese Tendenz. Eine digitalisierte Kultur kennt den Körper hauptsächlich als Bildschirminformation: als Avatar, Filter, Profilbild. In sozialen Medien wechseln Identitäten wie Outfits; Selbstbeschreibung ist performativ und reversibel.


Das erzeugt ein Klima, in dem die Vorstellung naheliegt, Identität sei grundsätzlich wählbar – so wie ein Username im Videospiel. Wenn Jugendliche tausendfach sehen, wie Influencer ihre Pronomen wechseln, neue Labels ausprobieren, mit Körperpräsentation spielen, dann erscheint ihnen der eigene Leib als eine Art Grafikeinstellung: nicht mehr als Schicksal, sondern als Option.


„Dass sich der Anfang nicht steuern und das Ende nicht ausrechnen lässt, das will der Mensch nicht auf sich sitzen lassen“, erkannte Elisabeth Raether bereits 2014 in der Zeit: „Schließlich lebt er in der Digitalmoderne, und deren wichtigstes Versprechen heißt: Verfügbarkeit. Für alles gibt es eine App, jedes Problem lässt sich in einen Datensatz verwandeln und als solcher beherrschen. Selbst die Liebe sei, sagen die Internetagenten, nur eine Frage des richtigen Logarithmus. Da ist es nur konsequent, dass der Mensch auch das Leben selbst zu programmieren versucht.“


Die klassischen Institutionen – Schule, Beratung, Medizin – haben auf diese Entwicklung nicht mit einem Rückzug ins Realitätsprinzip reagiert, sondern sich oft selbst in die Logik der digitalen Bühne eingeklinkt. Pädagogische Materialien sprechen mit der Verve von TikTok-Clips von „unendlich vielen Geschlechtern“, Kinderbücher normalisieren hormonelle Eingriffe und Brustamputationen als mutige Selbstfindung, Psychologen werden zu affirmativen Coaches, die den Weg zum „wahren Ich“ freimachen sollen.


Die Transagenda ist in diesem Sinne weniger Ursache als Symptom einer tieferen Verschiebung: der Entkörperlichung des Menschen im Zeitalter der Bilder. In einer Kultur, in der Milliarden von Profilen durchgescrollt werden, ohne dass man den dazugehörigen Körper je riecht, hört oder fühlt, verstummt das leise Korrektiv der Leiblichkeit. Die Idee scheint allmächtig – bis die ersten irreversiblen Operationen, die erste Unfruchtbarkeit, die erste zerstörte Sexualität ins Bewusstsein treten.


Idealismus im Dienst der Macht


Ontologische Verwirrung wäre tragisch, aber harmlos, wenn sie ein rein akademisches Phänomen bliebe. Problematisch wird sie dort, wo sie in Herrschaftstechniken übersetzt wird. Die Transagenda ist nicht nur eine kulturelle Mode, sondern ein politisches Programm.


Beliebt ist die Beruhigungsformel, der Trans-Hype sei schon wieder vorbei, weil Identifikationszahlen bei Jugendlichen in manchen Studien stagnieren. Diese Erzählung erspart die Auseinandersetzung mit den institutionellen Schäden: eingeführte Leitfäden, verpflichtende Schulprogramme, Gesetzesänderungen, finanzierte Lobbystrukturen. Es ist bequem, von einem „vorübergehenden Trend“ zu sprechen, während gleichzeitig Strukturen geschaffen werden, die Jahrzehnte überdauern.


Machttechnisch ist der Nutzen klar: Wer definieren darf, was eine Frau ist, kontrolliert nicht nur Sprache, sondern Ressourcen – Quoten, Fördermittel, Schutzräume, Statistiken. Wer festlegen kann, wer Opfer ist, bestimmt, wer Täter sein darf. Im Fall Maja T. war das mit Händen zu greifen: Ein linksextremer Aktivist, der mit seiner „Hammerbande“ Jagd auf politische Gegner machte und dafür in Ungarn verurteilt wurde, erfuhr eine Umetikettierung zur non-binären Lichtgestalt im Kampf gegen ein unliebsames Ausland. Die Transidentität überdeckte die Gewaltgeschichte. Kritik an dieser Umwertung gilt sofort als reaktionär, „transfeindlich“ oder als Applaus für autoritäre Regime.


Idealität – das Selbstbild eines Menschen, der sich als trans versteht – wird so zur Ressource in einem Machtspiel. Sie immunisiert gegen Kritik, verschiebt Schuld, erzeugt Druck. Wer dieses Spiel benennt, ohne die Betroffenen persönlich zu verachten, gilt dennoch als „Hasser“. Die Ontologie wird zum Schutzwall einer neuen Priesterkaste.


Realismus ohne Zynismus


Wie könnte eine konservative, rechtsintellektuelle Antwort aussehen, die sich weder in Ressentiment verliert noch die Realität weichzeichnet? Zunächst: Man muss anerkennen, dass es (wenige) Menschen gibt, deren inneres Erleben und ihr Körperbild auseinanderfallen. Sie verdienen keine Häme, sondern Schutz vor Gewalt, vor beruflicher Diskriminierung, vor billigem Spott. Eine Gesellschaft, die solche Menschen ausgrenzt, würde gegen ihre eigene christlich-abendländische Tradition verstoßen.


Gleichzeitig muss man der Versuchung widerstehen, Mitleid in Ontologie zu verwandeln. Aus dem Satz „Dieser Mensch leidet“ folgt nicht, dass seine metaphysische Deutung des Leibes wahr ist – und schon gar nicht, dass alle anderen diese Deutung übernehmen müssten. Realismus bedeutet: Wir nehmen die Tatsachen ernst, gerade damit Freiheit möglich bleibt. Wer Kindern erzählt, sie könnten mit 13 Jahren verlässlich wissen, ob sie vielleicht „im falschen Körper“ stecken, und ihnen Pubertätsblocker und Operationen als Rettung anbietet, begeht keinen Fortschritt, sondern eine Verirrung. Wer Ärzten und Lehrern verbietet, Zweifel zu artikulieren, zerstört die einzige Instanz, die zwischen Ideal und Wirklichkeit vermitteln könnte.


Eine nüchterne Politik würde sagen, dass an Minderjährigen keine irreversiblen Eingriffe stattfinden sollen, dass Beratung ergebnisoffen sein muss und Alternativen eröffnet, statt sie zu verschließen, dass das Recht Meinungsfreiheit schützt, statt Sprechverbote zu erlassen, und dass statistische Erfassung biologischer Geschlechter notwendig bleibt, wenn man überhaupt noch über gesundheitliche, kriminologische oder demographische Realität sprechen will. Sie würde das Phänomen nicht dämonisieren – aber sie würde auch nicht so tun, als sei es eine neue Avantgarde der Menschheit.


Vom deutschen Idealismus zum woken Gnostizismus


Am Ende steht die Frage, was von der deutschen Geistestradition übrigbleibt, wenn sie durch die Mühlen der Gegenwart gedreht wird. Der alte Idealismus war, bei aller Metaphysik, eine Schule des Ernstnehmens: des Ernstnehmens des Leibes (als Bedingung endlicher Vernunft), des Ernstnehmens der Geschichte (als notwendiger Lernprozess), des Ernstnehmens des Anderen (als gleichberechtigten Träger der Vernunft). Der neue Gnostizismus hingegen verachtet den Körper, überspringt die Geschichte und kennt den Anderen nur als Spiegel seiner Gefühle: Wer mein Selbstbild nicht bestätigt, verletzt meine Würde.


Leon de Winter erinnert daran, dass eine Zivilisation nur so lange frei bleibt, wie sie den Mut hat, Tatsachen auszusprechen – auch wenn sie dem herrschenden Ideal zuwiderlaufen. Er tut das nicht als biologistischer Reaktionär, sondern als jemand, der weiß, dass ohne ontologische Bodenhaftung jede Politik ins Totalitäre kippen kann. Wer heute beschließt, dass „Frau“ eine beliebige Selbstbezeichnung sei, kann morgen per Mehrheitsbeschluss entscheiden, wer Mensch ist und wer nicht.


In Wahrheit und Politik diagnostizierte Hannah Arendt schon vor Jahrzehnten, dass der Konflikt zwischen Politik und Wahrheit aus Gründen der Vernunft verschwunden scheine, weshalb sie zwischen „Vernunftwahrheit“ und „Tatsachenwahrheit“ unterschied. Diese Tatsachen würden von der Politik angefeindet. Ihre Feststellung, Wahrheit sei vom Standpunkt des Politischen aus betrachtet tyrannisch, war prophetisch.


Die Debatte um Transidentität ist deshalb mehr als ein Randthema. Sie ist ein Testfall: Sind wir bereit, Idealität wieder an die Wirklichkeit rückzubinden – oder akzeptieren wir eine Ordnung, in der das Sein selbst nur noch als Diskriminierungsvorwurf vorkommt? Im ersten Fall hätte der Westen die Chance, seine eigene Geistesgeschichte ernst zu nehmen: Ideen, die die Realität formen, ohne sie zu leugnen.


Im zweiten Fall gleiten wir in jene Endzeit hinüber, von der de Winter spricht – nicht mit Feuer, Wasser und Posaunen, sondern mit Formularen, Belehrungen und Gesetzestexten, in denen Sätze wie „Nur Frauen können schwanger werden“ als unsagbar gelten. Dann wäre der letzte Satz der ontologischen Selbstabschaffung gesprochen: Wir glauben nicht mehr, was wir erfahren, sondern nur noch, was wir sagen sollen. Dass eine Zivilisation, die so mit sich umgeht, auf Dauer bestehen kann, darf bezweifelt werden.



Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Bad Schussenried 2025


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