Thomas Hartung: DIE EWIGE WIEDERKEHR DES EINFACHEN
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Der deutsche Schlager erlebt gerade, was jedes langlebige Genre irgendwann erlebt: Er wird im Fernsehen ausgedünnt, aus Programmfenstern gedrückt, von Intendanten als „zu alt“ etikettiert, von Digitalstrategen in die Zukunft verbannt – und bleibt doch, erstaunlich unbeirrt, in den Köpfen, auf den Festen, nach Mallorca, im Karneval, beim Schützenfest, auf der Münchner Wies’n, im Brixental, im Bierzelt und im Vereinsheim. Man kann zwei Sendungen streichen und trotzdem keine Musik abschaffen. Was sich ändert, ist nicht die Existenz des Schlagers, sondern seine Rezeptionsweise – und damit sein sozialer Ort.

Zunächst die Fakten: Mit dem Klassiker „Immer wieder sonntags“ (Marktanteil teilweise über 18 Prozent) und der „Beatrice Egli Show“ (ca. 14 Prozent) fallen zwei bekannte und bislang reichweitenstarke Formate im ARD-Programm weg. Stefan Mross, der einst mit der Sächsin Stefanie Hertel das deutsche Schlager-Traumpaar bildete, darf immerhin noch bis Spätsommer einige Liveshows moderieren; Egli dagegen bekommt zumindest im Ersten vorerst keine Sendung mehr. Offiziell heißt es vom produzierenden SWR und von der Sängerin: Sie wolle sich anderen Projekten widmen und gehe zudem im Herbst auf Tour.
Zur Streichung von „Immer wieder sonntags“ nach rund 30 Jahren erklärte derselbe Sender: Das Geld solle einerseits eingespart und andererseits in die Entwicklung neuer digitaler Unterhaltungsformate investiert werden. Bereits Anfang des Jahres war die „Schlagerhitparade“ mit Christin Stark, der Ehefrau von Matthias Reim, trotz treuer Fangemeinde ersatzlos aus dem Programm geflogen. Und im kommenden Sommer überträgt der MDR die Open-Air-Show „Kaisermania“ mit Roland Kaiser nicht mehr – die Jahre zuvor hatte die öffentlich-rechtliche Anstalt das Konzert aus Dresden noch gesendet.
Das lineare Fernsehen, jahrzehntelang das große Ritualgerät der Bundesrepublik, hat Schlager in die Wohnzimmer getragen wie früher die Hausorgel: als verabredete Zeit, als kollektive Wiederholung, als beruhigender Rahmen. Der Sonntagvormittag mit Mross, der Samstagabend mit Egli, das große „Event“ mit Silbereisen: Das war nicht nur Unterhaltung, das war ein bürgerliches Ersatzritual, ein programmierter Gleichklang für eine Gesellschaft, die sich selbst im Wandel nicht verlieren wollte.
Genre ist nicht nur Klang, sondern Institution
Wenn diese Rituale gekürzt werden, wird das sofort als Kulturkampf missverstanden: als „Abgesang“, als Ende einer Welt. Tatsächlich ist es „nur“ ein Wechsel des Trägermediums. Und dieser Wechsel offenbart etwas Grundsätzliches: Genres sterben selten an mangelnder Nachfrage. Sie sterben – wenn überhaupt – an fehlender Einbindung in neue Formen der Aufmerksamkeit.
Musiktheoretisch ist Schlager ein Minimalprogramm: klare Tonalität, kurze Form, periodische Phrasen, Hookline, harmlose Modulationen, harmonische Wiedererkennung. Viele Schlager arbeiten mit einfachen Kadenzmodellen, die den Hörer nicht „fordern“, sondern führen – eine Art auditives Geländer. Dazu Texte, die eher kommunikative Funktionen erfüllen als poetische: Affirmation, Trost, Aufbruch, Gemeinschaft, Liebe, Heimat, Party.
Dass das „einfach“ ist, wird von kulturellen Gatekeepern gern als Makel behandelt. Doch Einfachheit ist in der Musik nicht primitiv, sondern ein Prinzip: Sie schafft Anschlussfähigkeit. Sie erzeugt Vertrautheit. Sie macht Mitsingen möglich. Und sie erzeugt genau jene Form von kollektiver Synchronisation, die man in einer fragmentierten Gesellschaft nicht unterschätzen sollte.
Soziologisch ist Schlager eine Institution der Niedrigschwelligkeit. Er ermöglicht Gemeinschaft ohne Vorkenntnis, Nähe ohne Intimität, Emotion ohne Geständnis. Er funktioniert als kultureller Klebstoff dort, wo die großen Erzählungen längst in Einzelteile zerfallen. Wer Schlager nur ästhetisch verachtet, übersieht seine soziale Grammatik: Er ist die Musikform, die sich am wenigsten dafür schämt, für alle zu sein. Gerade deshalb bleibt er stabil, wenn andere Genres zyklisch auf- und absteigen.
Die Zyklik musikalischer Genres ist dabei keine Laune, sondern ein strukturelles Gesetz: Genres wandern mit den Generationen, den Medien und den sozialen Milieus. Rock war einmal jugendlicher Skandal und später Classic-Rock im Radiosenderformat. Techno war einmal Subkultur und später Stadtmarketing. Hip-Hop war einmal Gegenwelt und ist heute Werbejingle und Chartnorm.
Der Schlager hat diesen Zyklus bereits mehrfach durchlaufen: vom Nachkriegstrost über die ZDF-Showbühne bis zur Ballermann-Variante, die das Genre bewusst vulgarisiert, um wieder „jung“ zu wirken. Nichts daran ist zufällig: Wenn ein Genre zu sehr zur Institution wird, braucht es eine Frischzellenkur – und die kommt oft als Überschreitung: mehr Tempo, mehr Bass, mehr Ironie, mehr Selbstparodie.
Die neue Ökonomie der Aufmerksamkeit
Warum verschwinden Schlagerformate aus dem Fernsehen, wenn fast die Hälfte der Deutschen Schlager hört? Weil Medien keine Musik abbilden, sondern Aufmerksamkeit verwalten. Das lineare Fernsehen verliert nicht, weil Schlager unpopulär wäre, sondern weil das lineare Modell selbst an Bindekraft verliert. Früher hieß Rezeptionsweise: „Ich schalte ein.“ Heute heißt sie: „Ich werde gefunden.“ Das ist der entscheidende Unterschied. Wer heute kulturell sichtbar sein will, muss nicht nur Inhalte haben, sondern Plattformlogik bedienen: Clips, Teaser, Algorithmusfreundlichkeit, Personalisierung, Community-Management.
Das Fernsehen war ein Distributionsmonopol, das kulturelle Hierarchien stabilisierte. Schlager hatte darin einen klaren Platz: als massenkompatible Unterhaltung, flankiert von Moderatoren, die selbst Institutionen waren. Das digitale Zeitalter ist dagegen ein Zersplitterungsapparat: Es gibt nicht mehr „die“ Öffentlichkeit, sondern unzählige Teilöffentlichkeiten. Schlager kann darin sogar profitieren – aber nur, wenn er seine Inszenierung umstellt. Nicht mehr die Samstagabendshow ist der Gipfel, sondern die ständige Präsenz in Feeds, Stories, Tourvlogs, Backstage-Formaten. Vanessa Mai als Influencerin ist nicht der Niedergang des Schlagers, sondern seine Anpassung: Nähe wird zur Währung, Authentizität zur Technik, das Private zur Bühne.
Medienwissenschaftlich betrachtet ist das die Verschiebung vom Programm zur Person. Früher war das Format der Star: „Immer wieder sonntags“ war ein Ritualraum, in dem Künstler austauschbar auftreten konnten. Heute ist der Star selbst das Format: Er muss sein eigener Sender sein. Damit gewinnt, wer die Plattformen beherrscht – und verliert, wer nur singen kann. Das ist für Nachwuchskünstler fatal: Die klassische TV-Fläche war ein Aufstiegskanal. Sie war so etwas wie kulturelle Infrastruktur. Wenn diese Infrastruktur wegfällt, wird der Markt brutaler: Sichtbarkeit wird zur Frage von Ressourcen, Netzwerken, Digitalkompetenz, Management.
Und hier liegt die ironische Pointe: Öffentlich-rechtliche Sender begründen Streichungen gern mit „jüngerem Publikum“ und „digitalen Formaten“. Das klingt nach Modernisierung. Tatsächlich ist es oft eine Delegation: Man gibt den kulturellen Auftrag ab an Plattformen, deren Logik nicht Gemeinwohl, sondern Verweildauer ist. Der Schlager wird nicht „jünger“, indem man ihn aus dem Fernsehen wirft. Er wird nur anders gerahmt – und zwar in einer Ökonomie, in der Skandal, Zuspitzung, Vereinfachung und Emotionalisierung belohnt werden. Das kann ein Genre, das sowieso auf Einfachheit setzt, zunächst gut tragen. Langfristig aber droht die Verflachung: nicht musikalisch – die war immer überschaubar –, sondern sozial: Aus gemeinschaftsstiftender Ritualmusik wird reines Aufmerksamkeitsfutter.
Das „Ende“ als kulturelle Pose
Der Abgesang auf den Schlager gehört selbst zur Schlagergeschichte. Seit Jahrzehnten gibt es die kulturkritische Geste, Schlager sei „spießig“, „reaktionär“, „unmodern“, „für Alte“. Diese Geste erfüllt im Milieu der Kulturverwalter eine Funktion: Sie markiert Distinktion. Man zeigt, dass man zu den „Richtigen“ gehört, indem man das Volkstümliche abwertet. Dabei ist Schlager keineswegs per se konservativ, er ist eher unpolitisch – und genau das macht ihn verdächtig. Denn eine Kultur, die sich moralisch auflädt, erträgt schlecht, dass es Menschen gibt, die einfach feiern wollen, ohne sich zu positionieren.
Die Streichung von Formaten ist deshalb nicht nur Kostenfrage, sondern auch Milieufrage. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat über Jahre eine Programmsprache ausgebildet, in der „jung“ und „digital“ als moralische Kategorien auftreten: jung = zukunftsfähig, digital = fortschrittlich, analog = rückständig. Schlager wird dann zum Symbol des Rückstands. Das ist kulturpolitisch bequem, weil es Sparmaßnahmen als Tugend verkauft. Aber es ist analytisch schwach: Denn die Schlagerhörer verschwinden nicht. Sie wechseln nur die Wege. Und jeder Wegwechsel verändert die Kultur.
Hier zeigt sich die Zyklik nicht nur des Genres, sondern seiner Rezeption: In den 70ern war Schlager TV-Glamour, in den 90ern war er peinliche Restkultur, in den 2010ern wurde er durch Pop-Schlager und Stadionästhetik wieder eventfähig, parallel als Ballermann-Krawallmusik massentauglich. Das Genre bleibt, aber sein Status wechselt: mal „Mainstream“, mal „Guilty Pleasure“, mal „Ironie“, mal „Heimat“. Diese Statuswechsel sind gesellschaftliche Seismografen. Sie zeigen, wie ein Land sich selbst betrachtet: ob es seine Einfachheit erlaubt oder sie verstecken muss.
Warum das Eingängige zurückkehrt
Ein musikalisches Genre hat immer eine Grammatik – und diese Grammatik korrespondiert mit sozialer Erfahrung. Tonalität, Wiederholung, klarer Form: Das sind nicht nur ästhetische Mittel, sondern Formen von Verlässlichkeit. In einer Zeit, in der vieles als unsicher erlebt wird – ökonomisch, kulturell, politisch –, steigt die Attraktivität von Verlässlichkeit. Man muss Schlager nicht lieben, um zu verstehen: Er bietet eine akustische Heimkehr. Er sagt nicht: „Du musst dich ändern.“ Er sagt: „Du darfst sein.“
Das erklärt auch, warum Schlager trotz aller Modernisierungen nicht in Richtung avantgardistischer Komplexität gehen kann. Schlager ist nicht das Genre des Bruchs, sondern des Anschlusses. Seine Innovation besteht nicht in Harmonie, sondern in Inszenierung: Licht, Bühne, Persona, Storytelling – Helene Fischer etwa hat das perfektioniert. Wenn also Musikwissenschaftler wie Felix Thiesen bei dpa sagen, der Schlager brauche „mediale Einbindung“, dann heißt das: Er braucht eine Bühne, die sein Versprechen performativ herstellt. Früher war das Fernsehen diese Bühne. Heute sind es Social Media und Live-Events. Der Klang bleibt, der Rahmen wechselt.
Soziologisch betrachtet ist das Live-Event besonders wichtig. Die großen Silbereisen- und Zarrella-Shows funktionieren als Ersatz für das, was früher Kirche, Vereine, Dorffeste in stärkerer Form waren: koordinierte Gemeinschaftserfahrung. Der Ballermann ist die vulgäre Form davon: Enthemmung als Zugehörigkeit. Das erklärt, warum der Schlager nicht stirbt, sondern sich spaltet: in den bürgerlichen TV-Event-Schlager und den proletarisch-hedonistischen Party-Schlager. Beide bedienen denselben Grundtrieb: Synchronisation.
Medienwechsel als Klassenfrage
Die ARD sagt: jünger, digital, sparen. Das klingt neutral. Aber Medienwechsel sind nie neutral. Wer das lineare Fernsehen abbaut, trifft nicht nur das Genre, sondern ein Publikum, das an lineare Rituale gebunden ist – oft ältere, oft weniger digitale, oft ländlichere Milieus. Das ist eine Klassenfrage, auch wenn sie kulturell verkleidet wird. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der sich als Integrationsmedium versteht, integriert genau diese Milieus seit Jahren immer weniger. Er schafft neue Angebote für neue Zielgruppen – und verkauft das als Fortschritt. Der Verlust der Schlagershows ist deshalb auch ein Symbol: Der Rundfunk verabschiedet sich von einem Teil seiner alten Aufgabe, nämlich gemeinsame Kultur zu stiften.
Der Schlager wandert dann dahin, wo er Anschluss findet: zu Privatsendern, zu YouTube, zu TikTok, zu Streamingdiensten, zu Tourneen. Das ist nicht automatisch schlecht. Aber es verändert die kulturelle Öffentlichkeit. Die „gemeinsame“ Fernsehshow war ein Ort, an dem verschiedene Milieus wenigstens zeitgleich auf denselben Klang blickten. Die Plattformwelt fragmentiert. Jeder bekommt seinen Schlager in seiner Blase: als Clip, als Meme, als Fan-Community. Der gemeinsame Bezugspunkt wird schwächer.
Und damit sind wir wieder bei der Zyklik. Genres sind zyklisch, weil Gesellschaften zyklisch nach Ordnung und Unordnung verlangen. In Phasen der Entgrenzung wächst das Bedürfnis nach Form. In Phasen der Form wächst das Bedürfnis nach Bruch. Schlager ist das Genre, das in der Regel dann stärker wird, wenn das Bedürfnis nach Form steigt. Der aktuelle Versuch, ihn aus dem Fernsehen zu drängen, ist daher nicht nur Programmpolitik, sondern eine Wette gegen die gesellschaftliche Stimmung. Und solche Wetten verlieren Medienhäuser häufig, weil sie Stimmungen nicht erzeugen können – sie können sie nur begleiten oder verfehlen.
Wer heute den „Abgesang des Schlagers“ beschwört, verwechselt Genre mit Trägermedium. Der Schlager wird nicht sterben, solange Deutschland Feste feiert, solange es Vereinsheime gibt, solange Menschen im Chor mitsingen wollen, ohne sich zu rechtfertigen. Was stirbt, ist etwas anderes: das lineare Ritual, das die Gesellschaft einmal gleichzeitig an denselben Klang band. Das Fernsehen war ein Taktgeber. Es verliert diese Rolle. Damit verliert das Land ein Stück gemeinsame Zeit.
Und das ist die eigentliche kulturkritische Pointe: Nicht der Schlager verschwindet aus dem Fernsehen, sondern das Fernsehen verschwindet aus der Kultur. Der Schlager bleibt – aber er bleibt als Symptom einer Gesellschaft, die sich neue Formen der Gemeinsamkeit sucht, weil die alten zerfallen. Wer das für banal hält, muss verstehen lernen, dass auch Banalität manchmal das ist, was ein Gemeinwesen zusammenhält.
Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025
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