Marc Pommerening: HERRENGEDECK. EIN ROMAN VON VOLKER ZIERKE
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Den Begriff „linke Melancholie“ hat Walter Benjamin 1931 in polemischer Absicht auf linksbürgerliche Autoren wie Erich Kästner angewendet. Die vergebliche Hoffnung auf grundlegende Veränderungen hat deren Helden in die politische Resignation geführt. Ihnen fällt auf, dass die Landschaften schön sind, sie ergreifen Berufe und gehen Beziehungen ein. „So lebte er hin.“ heißt der letzte Satz von Georg Büchners Lenz.
Volker Zierkes namenloser Ich-Erzähler ist die rechte Version eines linken Melancholikers. Früher mal stand er den Identitären nah, jetzt ist er Mitarbeiter eines Abgeordneten in Dresden, liegt schlaflos, wandert ziellos, trinkt maßlos, hat Selbstmordphantasien und pflegt Reminiszenzen an eine soldatischere Vergangenheit.
Früher, neulich noch, hat er es „mit Existentialismus versucht, mit Nietzsche, mit Hitler, ja sogar mit Gott.“ Jetzt ist er ein „Nihilist“, der schwarzen Schleim hustet und seinen Sidekick, den Katholiken Tim, als Sektierer belächelt. Er ist ein Schwieriger, der sich gegen die Zumutungen einer sogar in Dresden noch linksliberalen Umwelt mit Sarkasmus imprägniert und auch für die eigenen Leute nur Verachtung übrig hat.
Da ist etwa sein Chef, der Abgeordnete Thorsten Thela, der sein Lampenfieber vor Landtagsreden mit einer halben Flasche Eierlikör betäubt und dem sein Mitarbeiter rät „mehr wie Hitler“ zu sprechen. Allerdings halten die höheren Chargen der ungenannt bleibenden Partei es eher mit Koks, den „Knochenbrecher Klaus“ beschafft, ein eigens zuständiger Fraktionsmitarbeiter. Wer könnte dem Erzähler seine Desillusionierung verdenken?

Er bräuchte jemanden, denkt der identifikationsbereite Leser mitfühlend. Und wie Zierkes Held sich in „Idylle“, eine kapriziöse Katholikin mit französischem Migrationshintergrund, verliebt, sie gewinnt und wieder verliert, bildet den kulinarischen Kern des Buches – eine Screwball-Comedy als rechter Coming of Age-Roman. Idylle erscheint uns zunächst durch ihren prätentiösen Namen allegorisch gehandicapt, gewinnt aber, auch durch tolldrastische Sexszenen, an Statur, ohne ihre rätselhafte Aura ganz zu verlieren. Was sie anstrebt ist eine Verbürgerlichung ihres zunehmend politikverdrossenen Gefährten, von gemeinsamen Kindern ist die Rede, sogar eine Katze wird, zum Üben, aus dem Tierheim geholt und nach Leni Riefenstahl benannt.
„Konvertier doch einfach, du Spast“, rät Freund Tim. Aber es wird nichts mit der bürgerlich-katholischen Zweisamkeit. Unser Held verliert erst Leni, dann Idylle, schließlich seinen Job im Landtag. Tim wird Abgeordneter, er selbst, Autor unverfilmter Drehbücher, entdeckt das Schreiben neu. „Herrengedeck“ ist die Erzählung seiner Lebenskrise und deren Überwindung durch Literatur. Indem er zur künstlerischen Form findet und die katholische Form zurückweist, überwindet der politische Romantiker seinen Nihilismus.
Selbstverständlich ist „Herrengedeck“ kein autobiographischer Bekenntnisroman des Autors Zierke, sondern Rollenprosa. Die Defekte des Helden werden durch die Schilderung sichtbar gemacht: Er gibt Fluchtimpulsen nach, wenn ihm das Milieu nicht passt, flieht aus Theater, Museum oder Gottesdienst, um, ein robustes „Schwuchteln!“ murmelnd, am Lieblingsbier „Felsenkeller“ Halt zu finden. Und in den herzzerreißend geschilderten Tod der Katze Leni überträgt er seine Verzweiflung über das Ende seiner Beziehung zu Idylle. Zierkes Erzähler ist ein Verwundbarer, der aus Angst vor Verwundungen zuschlägt: sarkastisch, scheinbar abgeklärt, manchmal mutwillig stumpf. Die politische Desillusionierung macht ihn bereit für das Abenteuer der Kunst.
Der Autor hat einen Mut zur lyrischen Formulierung, der aufs schönste mit seinem Sarkasmus korreliert: Dem Einsamen erzählen die Häuser und Straßen der Stadt Geschichten von „den Füßen, die hier einst vorüberliefen, vom Leid und den Tränen, die hier einst flossen, vom Blut, das hier vergossen wurde. Sie flüstern, und ich bin ein guter Zuhörer.“
Es sind solche programmatisch-unzeitgemäßen Formulierungen, die dem Sommeridyll einen dunklen Rahmen geben, wie bei Friedo Lampe steht es „auf vulkanischem Grund“ unter dem die Geister der Toten rumoren. Die „waren niemals tot, sondern sind in uns“, vermutet der Erzähler, dem, „da sind sie wieder“ am hellichten Tag auf der Bodenbacher Straße ein letztes Aufgebot von Landsern erscheint – eine furiose Sequenz, die den Humor in Zierkes Milieuschilderungen desto heller funkeln lässt.
Die junge rechte Literatur erkundet die Spielräume politischen Handelns. Während der gleichfalls namenlose Held von Till Röckes „Dreckswelt“ in vorpolitischer Agonie seinen Selbsthass nährt, kehrt Zierkes Erzähler der Tagespolitik den Rücken. Mit den Worten des jungen Brecht: „Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit.“
Volker Zierke: Herrengedeck. Jungeuropa Verlag: Dresden 2025
Über den Autor: Marc Pommerening (*1970) arbeitet als Autor und Regisseur. Herausgeber von Rexroths Der Wermutstrauch und Verfasser der Mikroaggressionen (beide Edition Finsterberg).
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