Thomas Hartung: DIE NEUE VOLKSPÄDAGOGIK
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Deutschland besitzt mittlerweile eine bemerkenswerte Fähigkeit, selbst die banalsten Formen populärer Unterhaltung in moralische Großkonflikte zu verwandeln. Nun hat es auch die Bergkirchweih in Erlangen erwischt. Mehrere bekannte Party- und Volksfestlieder wurden dort wegen angeblichen Sexismus und Frauenfeindlichkeit faktisch auf den Index gesetzt. Betroffen sind unter anderem „10 nackte Friseusen“ von Mickie Krause, „20 Zentimeter“ von Mirja Boes, „Joana“ von Peter Wackel und sogar „Skandal im Sperrbezirk“ von der Spider Murphy Gang.

Man muss diese Musik nicht mögen. Niemand wird ernsthaft behaupten, dass deutsche Partyschlager den Gipfel europäischer Hochkultur darstellen. Aber genau darin liegt die eigentliche Pointe. Denn der Vorgang zeigt exemplarisch, wie tief der gegenwärtige Moralismus inzwischen in den Alltag eingesickert ist. Nicht mehr nur Sprache, Wissenschaft oder Kunst werden politisch kontrolliert, sondern zunehmend auch jene harmlosen Zonen populärer Alltagskultur, die früher schlicht als belanglos galten.
Besonders entlarvend wirkte deshalb die Reaktion von Jürgen Thürnau, dem langjährigen Manager der Spider Murphy Gang. „So einen Quatsch habe ich schon lange nicht mehr gehört“, erklärte er den Nürnberger Nachrichten. Und dann folgte jener Satz, der den gesamten Vorgang plötzlich historisch auflud: „Als wir in der DDR gespielt haben, da mussten wir jedenfalls keine Setliste vorlegen!“
Die Rückkehr der kulturpolitischen Kontrolle
Natürlich ist die Bundesrepublik keine DDR. Niemand wird wegen eines Partyhits im Gefängnis landen. Doch genau deshalb sollte man die neuen Mechanismen kultureller Kontrolle umso präziser analysieren. Moderne Demokratien zensieren selten offen. Sie arbeiten subtiler: Nicht der Staat selbst verbietet das Lied, sondern Institutionen, Veranstalter, Verwaltungen oder moralische Gremien erzeugen einen normativen Druckraum, innerhalb dessen bestimmte Inhalte zunehmend als „problematisch“ gelten.
Gerade darin ähnelt die gegenwärtige Kulturpolitik auf paradoxe Weise spätsozialistischen Mechanismen. Auch die DDR verstand sich nicht primär als repressiver Staat, sondern als moralisch überlegene Gesellschaft. Kultur hatte dort eine „gesellschaftliche Verantwortung“. Kunst sollte nicht bloß unterhalten, sondern erziehen, sensibilisieren und ideologisch korrekt wirken. Genau deshalb existierten dort Listen, Vorgaben, Genehmigungsverfahren und kulturpolitische Aufsichtsgremien.
Die entscheidende Gemeinsamkeit liegt weniger in der Härte der Maßnahmen als im dahinterstehenden Denken: Kultur erscheint nicht mehr als freier Ausdruck gesellschaftlicher Vielfalt, sondern als pädagogischer Raum moralischer Formung. Die Frage lautet dann nicht mehr: „Gefällt den Menschen dieses Lied?“ Sondern: „Ist dieses Lied gesellschaftlich erwünscht?“ Genau hier beginnt die eigentliche Verkorridorisierung der Kultur.
Mechanismus als Struktur
Dieser Mechanismus ist längst kein Einzelfall mehr. Der Partyschlager „Layla“ von DJ Robin & Schürze mit den Zeilen „Ich hab ’n Puff und meine Puffmama heißt Layla“ wurde auf mehreren Volksfesten (etwa dem Kiliani-Volksfest in Würzburg) vom Spielplan genommen. Städte und Veranstalter hatten im Vorfeld Vereinbarungen getroffen, „sexistische“ oder „rassistische“ Lieder zu meiden – ein privatrechtliches Arrangement, das dennoch bundesweite Debatten über Geschmacksdiktatur und Kunstfreiheit auslöste.
Besonders plastisch wurde die Dynamik beim Eurodance-Klassiker „L’amour toujours“ von Gigi D’Agostino. Im Mai 2024 ging ein Video viral, das eine Gruppe gut gekleideter junger Leute auf Sylt zeigt: Sonnenuntergang über dem Pony-Club in Kampen, Cocktails in der Hand, weiße Hemden, Pullover lässig über die Schultern geworfen. Sie tanzen ausgelassen zur eingängigen Melodie – und singen dazu plötzlich „Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“. Der harmlose „Döp-dö-dö-döp“-Hook wird zur sofort rassistisch interpretierten Kampfparole. Das Video löste unter Politikern Empörung aus.
Daraufhin verboten Veranstalter ihn präventiv auf dem Oktoberfest München, dem Cannstatter Volksfest, der Bergkirchweih und in EM-Fanzonen. Nicht wegen seines eigenen, weitgehend textlosen Inhalts, sondern aus Sorge, er könnte wieder „von den Falschen“ gekapert werden. Ein textarmer Partyhit, der jahrelang harmlos in Diskotheken und auf Dorffesten lief, wurde aus dem Korridor gedrängt – weil das Volk spontan damit etwas anderes macht, als die Moralelite für erwünscht hält.
Die Verkorridorisierung greift noch tiefer – bis in die Kindheit. Klassische Kinderlieder und -bücher stehen unter Generalverdacht: „Zehn kleine Negerlein“, „Aramsamsam“, „C-a-f-f-e-e“ (mit der Zeile „Sei doch kein Muselmann“), Passagen in „Pippi Langstrumpf“ oder „Jim Knopf“. Statt historischen Kontext oder kindliche Naivität zu berücksichtigen, fordert eine neue Sensibilitätspädagogik die „vorurteilsbewusste“ Überarbeitung oder Streichung. Kultur wird auch hier zum reinen Erziehungsraum.
Auswirkungen auf die Kunstfreiheit
Diese Entwicklungen berühren unmittelbar die Kunstfreiheit nach Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Das Bundesverfassungsgericht versteht den Kunstbegriff sehr weit – er umfasst auch Trivialkunst, derbe Unterhaltung und Satire, solange ein künstlerischer Gestaltungsspielraum erkennbar ist. Dennoch wird diese Freiheit zunehmend ausgehöhlt, ohne dass es zu klassischen Verboten kommt.
Es entsteht ein chilling effect: Veranstalter öffentlicher oder halb-öffentlicher Feste passen sich vorauseilend an, um Konflikte, negative Berichterstattung oder Förderrisiken zu vermeiden. Formell bleibt die Kunstfreiheit intakt – faktisch wird ihre Reichweite durch Selbstzensur eingeschränkt. Bei städtischen Volksfesten – Stichwort „öffentliche Daseinsvorsorge” – ist der Staat mittelbar grundrechtsgebunden; systematische „Säuberungen“ könnten daher als mittelbare Beeinträchtigung gelten. Dennoch umgehen die neuen Praktiken die verfassungsrechtlichen Hürden häufig durch privatrechtliche Konstruktionen und moralische Abwägungen.
Besonders problematisch ist die Entkontextualisierung: Satire, historischer Kontext oder spielerischer Humor (wie beim Spider-Murphy-Song) zählen nicht mehr. Jede Zweideutigkeit wird moralisch bewertet. Die Kunstfreiheit, die gerade Freiheit von pädagogischer Bevormundung garantieren soll, verwandelt sich so in ein bloßes Abwägungspostulat unter dem Vorbehalt aktueller Sensibilitäten. Progressive Kritik setzt sich dabei deutlich wirksamer durch als gegenläufige Positionen – die Freiheit wird selektiv verengt.
Die Verkorridorisierung des Denkens
Der Begriff beschreibt einen Prozess, in dem Öffentlichkeit formal frei bleibt, praktisch jedoch immer engeren moralischen Leitplanken unterworfen wird. Bestimmte Aussagen, Witze, Bilder oder Lieder werden nicht direkt verboten, aber schrittweise delegitimiert. Sie verlassen den „zulässigen Korridor“. Wer sie weiterhin verteidigt, gerät selbst unter Verdacht.
Gerade Volksfeste eignen sich dafür besonders gut. Denn sie repräsentieren jene unkontrollierte Alltagskultur, die modernen Moraleliten zunehmend suspekt erscheint: Alkohol, Zweideutigkeit, derber Humor, sexuelle Anspielungen, unakademische Sprache. Der klassische deutsche Festplatz ist kulturell gerade deshalb interessant, weil dort das Volk nicht pädagogisch optimiert auftritt, sondern spontan, laut, albern und manchmal geschmacklos. Doch genau diese Unkontrolliertheit verträgt der neue Kulturmoralismus immer schlechter.
Dass nun sogar „Skandal im Sperrbezirk“ problematisiert wird, besitzt dabei eine fast schon absurde Ironie. Denn der Song selbst war ursprünglich eine satirische Antwort auf staatliche Regulierungsversuche der Münchner Stadtpolitik im Umfeld der Olympischen Spiele 1972. Die Spider Murphy Gang verspottete damals den Versuch, die Stadt moralisch und ordnungspolitisch „sauber“ zu machen. Heute wird derselbe Song erneut Gegenstand kulturpolitischer Säuberungsphantasien – diesmal allerdings unter progressiven Vorzeichen.
Die neue Empfindlichkeit
Bemerkenswert ist dabei vor allem die totale Entkontextualisierung kultureller Werke. Lieder werden nicht mehr historisch, satirisch oder sozial verstanden, sondern ausschließlich moralisch ausgewertet. Jede Zweideutigkeit erscheint plötzlich als potenzielle Grenzüberschreitung. Humor verliert seinen spielerischen Charakter und wird unter Gesinnungsvorbehalt gestellt.
Gerade hierin zeigt sich ein fundamentaler Wandel westlicher Gesellschaften. Früher galt Ironie als Zeichen kultureller Reife. Man verstand Überzeichnung, Albernheit oder Provokation als Teil populärer Ausdrucksformen. Heute dagegen dominiert eine Kultur maximaler Empfindlichkeit. Selbst triviale Partylieder oder Kinderreime werden daraufhin überprüft, ob sie „toxische“ Bilder reproduzieren könnten.
Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die zunehmend ihre Fähigkeit verliert, zwischen wirklicher Menschenverachtung und banaler Geschmacklosigkeit zu unterscheiden. Aus jeder Peinlichkeit wird sofort ein moralischer Ernstfall. Je obsessiver Kultur moralisch kontrolliert wird, desto infantiler wird die Öffentlichkeit selbst. Denn Humor lebt gerade von Überschreitung, Übertreibung und spielerischer Grenzverletzung. Eine Gesellschaft, die jede Zweideutigkeit pädagogisch bereinigen will, produziert zwangsläufig kulturelle Sterilität.
Die Angst vor dem Volk
Gerade deshalb ist die Debatte um die Bergkirchweih mehr als eine lokale Posse. Sie offenbart eine tiefe Nervosität der politischen und kulturellen Eliten gegenüber unkontrollierter Volkskultur. Der moderne Moralstaat misstraut dem spontanen sozialen Leben. Er möchte Sprache, Verhalten, Unterhaltung und selbst den Festplatz normieren.
Damit entsteht eine neue Form kultureller Obrigkeit. Sie tritt nicht mehr autoritär auf wie einst die alten Zensoren, sondern therapeutisch, sensibel und pädagogisch. Doch der Effekt bleibt ähnlich: Der öffentliche Raum wird moralisch überwacht.
Die eigentliche Gefahr liegt dabei weniger in einzelnen Liedverboten als in der schleichenden Gewöhnung an kulturelle Vorzensur. Veranstalter beginnen vorsorglich auszusortieren, Künstler passen sich an, Publikum lernt, welche Witze noch akzeptabel sind und welche besser vermieden werden sollten. Genau so entsteht Verkorridorisierung: Nicht durch offene Repression, sondern durch permanente moralische Einhegung.
Der Verlust kultureller Gelassenheit
Vielleicht zeigt sich gerade an der Bergkirchweih, an „Layla“, dem Sylt-„Döp-dö-dö-döp“-Skandal und den bereinigten Kinderliedern ein tieferer Verlust westlicher Gesellschaften: der Verlust kultureller Gelassenheit. Eine freie Gesellschaft muss Geschmacklosigkeit aushalten können. Sie muss zwischen wirklicher Herabwürdigung und alberner Unterhaltung unterscheiden können. Und sie muss vor allem ertragen, dass nicht jede Form populärer Kultur den moralischen Ansprüchen akademischer Milieus genügt.
Die DDR glaubte einst, Kultur müsse politisch verantwortbar sein. Die Bundesrepublik des 21. Jahrhunderts beginnt zunehmend, ähnlich zu denken – nur mit anderer Ideologie und freundlicherem Vokabular. Die Kunstfreiheit wird dadurch nicht durch große Verbote, sondern durch schleichende Selbstzensur und normative Einhegung ausgehöhlt.
Thürnaus Satz war deshalb so entlarvend. Denn manchmal erkennt man autoritäre Tendenzen nicht zuerst an großen Verboten, sondern an kleinen Listen. An der Frage, welche Lieder auf einem Volksfest noch gespielt werden dürfen. Und genau dort beginnt oft die eigentliche kulturelle Unfreiheit: nicht im Gefängnis, sondern im Korridor.
Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025
Beitragsbild: Giftzwerg 88, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons
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