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Thomas Hartung: ACHILLES IM DIVERSITY-LABOR

  • vor 6 Minuten
  • 12 Min. Lesezeit

Eine schwarze Helena, ein Trans-Achilles: Wie Hollywood die Vergangenheit moralisch neu besetzt – und Deutschland munter mitmacht.





Die Gegenwart besitzt inzwischen ein eigentümliches Verhältnis zur Geschichte. Sie betrachtet sie nicht mehr als Wirklichkeit, die verstanden werden will, sondern als Rohmaterial moralischer Gegenwartsdidaktik. Historische Stoffe werden nicht mehr erzählt, sondern umgeschrieben; nicht mehr interpretiert, sondern umerzogen. Die Vergangenheit soll nicht länger fremd bleiben dürfen. Sie muss sich der moralischen Grammatik des Jahres 2026 unterwerfen. Christopher Nolans Verfilmung der „Odyssee“, die am 16. Juli in die Kinos kommen soll, markiert dabei einen neuen Höhepunkt dieser Entwicklung.


Dass die kenianisch-mexikanische Schauspielerin Lupita Nyong’o Helena von Troja spielt und der Transdarsteller Elliot Page Achilles, ist kein Zufall kreativer Freiheit mehr, sondern Ausdruck eines kulturellen Systems. Einer 1,55 Meter großen biologischen Frau wird die Rolle des archetypischen Kriegerhelden Achilles zugeschrieben – jenes antiken Männlichkeitsideals, das seit Homer für Kraft, Heroismus und martialische Schönheit steht. Die Figur verschwindet dabei vollständig hinter der politischen Botschaft ihrer Besetzung. Prominente Griechen regen sich zu Recht in den sozialen Medien auf.


Aber auch Elon Musk spottete auf X, Nolan tue dies vermutlich nur, „weil er die Awards will“ (gemeint sind die Oscars, für zwei seiner zwölf Filme hat er sie bereits), und schob später die Aussage „Chris pisst auf Homers Grab“ nach. Tatsächlich existieren seit einigen Jahren Diversitätskriterien der Academy für die Oscar-Kategorie „Bester Film“. Produktionen sollen bestimmte Quoten bei ethnischer Herkunft, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität erfüllen. Kunst wird damit nicht mehr primär nach ästhetischen Maßstäben beurteilt, sondern nach identitätspolitischer Bilanzierung. Der Künstler produziert nicht länger Werke, sondern moralische Konformitätsnachweise.


Die deutsche Variante der Diversitätsdoktrin


Gerade deshalb wirkt die aktuelle Debatte wie ein Symptom kultureller Erschöpfung. Denn die antike Welt wird nicht mehr als historischer Eigenraum betrachtet, sondern als Bühne heutiger Gesinnungspolitik. Helena von Troja – jene „Schönheit, die tausend Schiffe in Bewegung setzte“ – wird nicht nach homerischer Imagination besetzt, sondern nach den moralischen Erwartungen eines woken Gegenwartsmilieus.


Wer nun aber glaubt, die amerikanischen Oscar-Kriterien seien ein exotischer Sonderfall Hollywoods, unterschätzt längst die Entwicklung in Deutschland. Zwar existieren hier bisher keine formalisierten Quoten nach dem exakten Academy-Modell. Doch auch die deutsche Filmförderung bewegt sich zunehmend in Richtung eines identitätspolitischen Steuerungssystems. Diversität, Geschlechtergerechtigkeit, „inklusive Perspektiven“ und Repräsentationsziele sind inzwischen fester Bestandteil zahlreicher Förderprogramme, Jurys und kulturpolitischer Leitlinien.


Produktionen müssen heute immer häufiger Diversity-Konzepte, Gleichstellungsnachweise oder inklusive Produktionsstrukturen vorweisen, um ihre Förderchancen zu verbessern. Nicht mehr allein die Qualität eines Stoffes entscheidet, sondern zunehmend dessen moralische Anschlussfähigkeit an die politische Ästhetik der Gegenwart. Besonders deutlich zeigt sich dies bei öffentlich geförderten Produktionen und Streamingformaten, die sich freiwillig an internationalen Diversity-Standards orientieren.


Regionale Institutionen wie die MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein verpflichten Antragsteller, strukturierte Checklisten auszufüllen. Diese erfassen Aspekte wie Geschlecht, Behinderung und die Repräsentation von Personen of Colour in leitenden Funktionen (Drehbuch, Regie, Produktion). Die Filmförderungsanstalt (FFA) setzt sich aktiv für die Chancengleichheit von Frauen und Männern ein: durch geschlechtergerecht besetzte Fördergremien und die finanzielle Berücksichtigung von familienfreundlichen Arbeitsbedingungen wie Kinderbetreuung am Set.


Die deutsche Filmbranche übernimmt damit schrittweise dieselbe Logik wie Hollywood: Geschichte und Kultur werden nicht mehr primär als Ausdruck historischer Wirklichkeit verstanden, sondern als Instrument gesellschaftspolitischer Repräsentation. Die Frage lautet immer seltener: „Ist diese Darstellung historisch plausibel?“ Sondern vielmehr: „Sind genügend Gruppen sichtbar?“


Damit verschiebt sich der Maßstab von Wahrheit zu Symbolpolitik. Die Vergangenheit wird nicht mehr rekonstruiert, sondern moralisch kuratiert. Gerade hierin liegt die eigentliche Gefahr. Denn staatlich alimentierte Kultur beginnt damit, ästhetische Kriterien durch politische Erwartungshaltungen zu ersetzen. Der Künstler wird indirekt zum Erfüllungsgehilfen kulturpolitischer Zielvorgaben.


Die ethnische Umschreibung Europas


Wer sich den dominierenden Narrativen verweigert, riskiert Förderverluste, öffentliche Stigmatisierung oder institutionelle Unsichtbarkeit. So entsteht schleichend ein kulturelles Klima, in dem nicht offene Zensur herrscht, sondern vorauseilende Anpassung. Die deutsche Variante der Diversitätsdoktrin wirkt deshalb subtiler als die amerikanische – aber gerade dadurch womöglich nachhaltiger.


Die eigentliche Pointe liegt jedoch tiefer. Der moderne Diversitätskult behauptet permanent, moderne Vielfalt sichtbar machen zu wollen – und vernichtet dabei gerade jene historische Vielfalt, die er vorgibt zu schützen. Denn Kulturen unterschieden sich historisch tatsächlich voneinander: Das antike Griechenland war keine ethnisch beliebige Netflix-Zone, sondern eine konkrete mediterrane Hochkultur mit eigenen physiognomischen, religiösen und ästhetischen Typen.


Besonders sichtbar wurde diese Entwicklung bereits bei Serien wie „Bridgerton“, wo das England der Regentschaftsepoche ethnisch neu zusammengesetzt wurde, als hätte das frühe 19. Jahrhundert bereits moderne Einwanderungsgesellschaften gekannt. Ähnlich verhielt es sich bei der BBC-Produktion „Anne Boleyn“ mit der schwarzen Schauspielerin Jodie Turner-Smith oder bei den zahllosen Debatten um schwarze Wikinger, diverse Römer oder multikulturelle Adelsgesellschaften im mittelalterlichen Europa.


Die historische Plausibilität spielt dabei kaum noch eine Rolle. Entscheidend ist allein die gegenwärtige Repräsentationslogik. Bemerkenswert ist jedoch die Asymmetrie dieses Systems. Denn die Diversitätsforderungen gelten fast ausschließlich für europäische Geschichte. Gerade deshalb wurde die Reaktion des dänischen Regisseurs Nikolaj Arcel in Venedig 2023 so entlarvend. Auf die Frage, warum sein Historienfilm „Das gelobte Land“ keine Schwarzen enthalte, antwortete er beinahe fassungslos: Der Film spiele im Dänemark des Jahres 1750; schließlich verlange auch niemand, in einem Film über Mali Wikinger auftreten zu lassen.


Die Schuldreligion des Westens


Diese Szene offenbart den ideologischen Kern des Diversitätsregimes. Vielfalt wird nicht universell eingefordert, sondern selektiv gegen die europäische Vergangenheit gerichtet. Europas Geschichte darf nicht mehr europäisch aussehen. Sie muss nachträglich multikulturell umgestaltet werden, um heutigen moralischen Erwartungen zu genügen.


Darin liegt ein tiefer kulturpsychologischer Vorgang. Die westliche Gegenwart empfindet ihre eigene Geschichte zunehmend als Schuldzusammenhang. Die Vergangenheit erscheint nicht mehr als Erbe, sondern als moralisches Problem. Deshalb entsteht der Drang, historische Räume symbolisch umzubesetzen. Diversität fungiert dabei wie eine Form nachträglicher Entsühnung. Die ethnische Neubesetzung historischer Stoffe wird zur liturgischen Geste kultureller Selbstkritik.


Gerade deshalb besitzt die Debatte eine größere Bedeutung als bloße Castingfragen. Sie betrifft das Verhältnis einer Zivilisation zu sich selbst. Kulturen leben davon, dass sie historische Kontinuität empfinden können. Wenn jedoch jede Epoche permanent gegenwartsdidaktisch überschrieben wird, verliert Geschichte ihre Eigenständigkeit. Sie wird nicht mehr erinnert, sondern moralisch redigiert.


Die Dekonstruktion des Helden


Besonders interessant waren in diesem Zusammenhang auch mehrere Reaktionen konservativer Filmkritiker und kulturkritischer YouTuber wie Matt Walsh auf Nolans „Odyssee“. In Rezensionen und Diskussionen wurde darauf hingewiesen, dass die Besetzungsentscheidungen nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern Teil eines größeren kulturellen Paradigmas seien: der systematischen Dekonstruktion westlicher Archetypen.


Gerade Achilles erscheint dafür exemplarisch. Die Figur verkörpert seit fast drei Jahrtausenden nicht bloß einen antiken Krieger, sondern einen anthropologischen Idealtypus: Mut, Opferbereitschaft, physische Stärke, tragische Größe und männliche Heroik. Wenn nun ausgerechnet diese Figur durch eine körperlich fragile Transperson dargestellt wird, verändert sich nicht einfach nur eine Besetzung –vielmehr wird das Symbol selbst umcodiert: eine „der dümmsten und verdrehtesten Sachen“, die er je gehört habe, zürnte Musk vor seinen 240 Millionen X-Followern.


Damit tritt der eigentliche kulturpolitische Kern der Entwicklung hervor. Der moderne Kulturbetrieb interessiert sich nicht mehr primär für Neuinterpretation, sondern für Entkernung. Dekonstruktion bedeutet heute nicht mehr, historische Stoffe differenziert zu betrachten, sondern ihre ursprüngliche Bedeutung systematisch aufzulösen. Der Held soll nicht erweitert, sondern entmachtet werden. Klassische Schönheit soll nicht ergänzt, sondern relativiert werden. Männlichkeit soll nicht nuanciert, sondern ironisiert werden. Die antike Welt dient dabei lediglich als Materiallager für gegenwärtige Identitätspolitik.


Von Troja nach Hogwarts


Wer meint, die Debatte betreffe lediglich antike Stoffe, sollte den Blick auf die neue Harry-Potter-Serie von HBO richten, die zu Weihnachten anlaufen soll. Dort übernimmt mit Paapa Essiedu ein schwarzer Schauspieler die Rolle des Severus Snape. Die Besetzung löste weltweit Diskussionen aus, weil Snape in den Romanen nicht nur als bleicher, hagerer Mann beschrieben wird, sondern auch die gesamte Familiengeschichte der Snapes, ihre soziale Herkunft und die visuelle Ikonographie der Figur seit Jahrzehnten fest im kulturellen Gedächtnis verankert sind.


Bemerkenswert ist dabei weniger die Besetzung selbst als die Reaktion auf die Kritik. Während Fans bei jeder Abweichung von Romanvorlagen normalerweise als besonders engagierte Hüter eines Werkes gelten, wird Kritik an ethnischen Umbesetzungen heute rasch moralisch problematisiert. Die Frage, ob eine Figur noch der literarischen Vorlage entspricht, tritt hinter die Frage zurück, ob genügend Diversität sichtbar wird.


„Als Harry-Potter-Fan sollte man sich der Probleme, die in den Büchern sind, von Sklaverei der Hauselfen bis hin zum Rassismus gegen Muggels, ebenso bewusst sein, wie man sich der Positionen von Rowling bewusst sein sollte, die ja mit jedem Euro Gewinn aus dem Franchise massiv Druck macht auf Trans-Communitys“, erklärt der Medienkulturwissenschaftler Lars Schmeink auf web.de. „Autorin wie Werk sind also nicht frei von Kulturkampf, schon lange vor der Entscheidung, einen schwarzen Schauspieler zu besetzen“.


Gerade hierin zeigt sich dieselbe Logik wie bei Nolans „Odyssee“. Die kulturelle Diskussion verschiebt sich weg von Werktreue, historischer Plausibilität oder ästhetischer Kohärenz hin zu Repräsentationszielen. Die Figur dient nicht mehr primär der Geschichte, sondern einer gesellschaftspolitischen Botschaft. Snape wird dadurch weniger als literarischer Charakter verstanden denn als Symbol einer Diversitätsagenda.


Interessanterweise würde kaum jemand auf die Idee kommen, in einer Verfilmung afrikanischer Mythen zentrale Figuren europäisch umzubesetzen. Niemand fordert einen blonden Zulu-König oder einen skandinavischen Schamanen in einem Yoruba-Epos. Die Forderung nach ethnischer Flexibilität gilt fast ausschließlich für europäische Stoffe. Gerade darin zeigt sich die eigentümliche Asymmetrie des modernen Diversitätsdiskurses: Die kulturellen Eigenformen anderer Völker gelten als schützenswert, die europäischen hingegen als beliebig rekonfigurierbar. Ein interessantes Gedankenspiel wäre etwa, ob Hollywood einen schwarzen Tarzan besetzen würde – der im Dschungel wie ein Affe von Baum zu Baum hechtet...


Gegen die Idee historischer Wirklichkeit


Gerade hierin zeigt sich eine tiefere Krise des Westens. Kulturen leben normalerweise davon, dass sie ihre Leitfiguren verehren, weiterentwickeln und neu erzählen. Die gegenwärtige Kulturindustrie dagegen scheint von einem eigentümlichen Impuls der Selbstauflösung getrieben zu sein. Jeder stabile Archetyp wird verdächtig: der männliche Held, die schöne Frau, die ethnisch kohärente Kultur, die historische Kontinuität. Alles soll fluid, austauschbar und identitätspolitisch rekonfigurierbar werden. Hinter dem Diversity-Diskurs steht daher letztlich ein radikales Misstrauen gegenüber jeder gewachsenen Form.


Die Dekonstruktion endet dabei nicht bei Figuren oder Geschichten. Sie richtet sich gegen die Idee historischer Wirklichkeit selbst. Die Vergangenheit darf nicht mehr als eigenständige Welt existieren, weil ihre Fremdheit die universalistischen Moralansprüche der Gegenwart infrage stellen könnte. Deshalb werden historische Räume symbolisch umgeschrieben. Europa soll rückwirkend diversifiziert, klassische Männlichkeit dekonstruiert und kulturelle Kontinuität aufgelöst werden. Die Vergangenheit wird damit nicht mehr erinnert, sondern ideologisch überschrieben.


Gerade deshalb reagieren viele Zuschauer inzwischen mit wachsender Ermüdung auf diese Produktionen. Nicht weil sie Vielfalt grundsätzlich ablehnen würden, sondern weil sie spüren, dass hier nicht Kunst entsteht, sondern kulturelle Umerziehung. Der Zuschauer soll nicht mehr eintauchen, sondern zustimmen. Er soll nicht mehr staunen, sondern moralisch korrekt reagieren. Der Film wird damit vom ästhetischen Erlebnis zur pädagogischen Veranstaltung.


Und vielleicht erklärt genau das die zunehmende Aggressivität des Kulturbetriebs gegenüber Kritikern. Denn jede Forderung nach historischer Plausibilität erinnert letztlich daran, dass Kulturen einmal reale Eigenformen besaßen – bevor die Gegenwart begann, sie im Namen einer globalisierten Moralästhetik umzuschreiben.


Die Gegenwart kolonisiert die Vergangenheit


Die Reaktionen im Netz zeigen inzwischen deutlich, dass viele Zuschauer diese Entwicklung zunehmend als kulturelle Entfremdung empfinden. Auf X, Reddit und Filmforen wurde Nolans Besetzung vielfach als „historical fan fiction“ oder „Netflixification of antiquity“ verspottet. Andere verglichen die geplante „Odyssee“ mit Wolfgang Petersens „Troja“ von 2004 und bezeichneten Nolans Version als „größtes Downgrade der Filmgeschichte“.


Besonders virulent wurde die Debatte um die Figur des Achilles. Selbst liberale Filmkritiker räumten ein, dass die Besetzung eines körperlich fragilen Transdarstellers mit einem der martialischsten Helden der europäischen Mythologie wie eine bewusste Provokation wirke. Konservative Kommentatoren interpretierten dies als Ausdruck eines kulturellen Projekts: der systematischen Demontage klassischer Männlichkeitsbilder.


Die eigentliche Ironie besteht darin, dass diese Form angeblicher Offenheit bemerkenswert intolerant gegenüber historischer Wirklichkeit geworden ist. Der moderne Diversitätsdiskurs akzeptiert Unterschiede nur noch als dekorative Oberfläche, nicht mehr als konkrete kulturelle Realität. Das Fremde soll sichtbar sein – aber nur innerhalb eines globalisierten Gleichheitsrasters.


Eigentümliche Doppelstrategie


Hinzu kommt ein weiterer bemerkenswerter Widerspruch, den vor allem griechische Kommentatoren und konservative Kulturkritiker hervorgehoben haben: Dieselben Milieus, die sonst permanent vor „kultureller Aneignung“ warnen, behandeln ausgerechnet die europäische Hochkultur zunehmend wie frei verfügbares Material ohne Anspruch auf historische Eigenform. Gerade in Griechenland wurde deshalb die Frage gestellt, warum ausgerechnet bei Homer die ethnische und kulturelle Verankerung plötzlich bedeutungslos sein soll.


„Diversity without Greeks is not diversity“, lautete eine der meistverbreiteten Reaktionen in sozialen Medien. Hollywood fordert kulturelle Sensibilität – aber offenbar nur dort, wo nicht die eigene westliche Vergangenheit betroffen ist. Dabei geht es keineswegs um ein Verbot künstlerischer Freiheit. Niemand bestreitet, dass Regisseure Stoffe neu interpretieren dürfen. Doch Christopher Nolan verkauft seinen Film ausdrücklich als „The Odyssey“ – also als Homer-Adaption – und nicht als freie, lose inspirierte Fantasy-Version.


Genau darin liegt der Kern der Kritik. Wer maximale kreative Dekonstruktion betreiben will, müsste ehrlicherweise auch auf den Anspruch historischer oder kultureller Authentizität verzichten. Stattdessen entsteht eine eigentümliche Doppelstrategie: Einerseits wird auf den Prestigegewinn klassischer europäischer Überlieferung zurückgegriffen, andererseits wird ihre historische Substanz systematisch umgeschrieben. „Unmöglich ist nichts. Der Kyklop Polyphem könnte, bevor er Odysseus’ Männer frisst, im Film ein Klagelied über die soziale Ächtung von Einäugigen anstimmen“, ätzt Marc Felix Serrao in der Welt.


Gerade hierin offenbart sich die tiefere philosophische Ebene der gegenwärtigen Kulturindustrie. Dekonstruktion bedeutet längst nicht mehr bloß Neuinterpretation, sondern die Auflösung stabiler Bedeutung überhaupt. Achilles soll nicht mehr sein, sondern nur noch beliebig „lesbar“ werden. Geschichte soll nicht mehr wahr oder wirklichkeitsnah erscheinen, sondern permanent verhandelbar bleiben. Identität gilt nicht länger als historisch gewachsene Form, sondern als frei rekonfigurierbare Oberfläche. Der postmoderne Kulturbetrieb führt damit letztlich einen Krieg gegen jede Form kultureller Festigkeit. Alles Stabile wird verdächtig: Geschlecht, Schönheit, Herkunft, Tradition, historische Kontinuität.


Übrig bleibt eine Kultur, die ihre eigenen Ursprünge nur noch in dekonstruiertem Zustand erträgt. Genau deshalb wirkt die Debatte um Nolans „Odyssee“ weit größer als ein bloßer Streit über Besetzungen. Sie berührt die Grundfrage, ob der Westen seine eigene Geschichte überhaupt noch als etwas Eigenes bewahren will – oder nur noch als Materiallager für moralische Selbstkorrektur betrachtet.


Die deutsche Medienreaktion: Moral statt Debatte


Bezeichnend ist auch die Reaktion großer deutscher Medien auf die Kritik an Nolan. Statt eine legitime Debatte über historische Authentizität, kulturpolitische Steuerung oder identitätspolitische Umbesetzungen zu führen, reagierten viele Redaktionen reflexhaft moralisch. Der Tagesspiegel verteidigte die Besetzungspolitik unter Hinweis auf angeblich schon immer „fluide“ historische Darstellungen, während ein dpa-Faktencheck bemüht war, Kritik an den Diversity-Kriterien der Oscars als „irreführend“ oder „verkürzt“ einzuordnen.


Nicht die Frage, ob Kunst zunehmend normiert wird, stand im Mittelpunkt, sondern die Abwehr jeder fundamentalen Kritik an diesem System. „John Wayne war schon vor siebzig Jahren Dschingis Khan, Elizabeth Taylor war Kleopatra, und Mary Martin, eine erwachsene Frau, spielte Peter Pan“, relativierte etwa Serrao und ging dann zum Frontalangriff über: „Die Hegemonie der woken Linken ist längst gebrochen. Man möchte hoffen, dass Nolans neuer Film auch die woke Rechte blamiert. Beide nerven.“


Besonders aufschlussreich war jedoch die Reaktion des Spiegel. Dort wurde die Empörung praktisch unmittelbar in die Nähe rassistischer Ressentiments gerückt. Die Kritik an einer schwarzen Helena von Troja erschien nicht als möglicher Einwand gegen historische Plausibilität oder identitätspolitische Überformung antiker Stoffe, sondern vor allem als Verdachtsfall moralischer Verfehlung.


Genau hierin offenbart sich die eigentliche Funktionsweise des gegenwärtigen Kulturbetriebs: Jede Abweichung vom Diversity-Konsens wird psychologisiert oder moralisiert. Wer historische Stimmigkeit verteidigt, gilt schnell als verdächtig. Die Diskussion soll gar nicht mehr offen geführt werden, weil bestimmte Ergebnisse bereits moralisch feststehen.


Damit verschiebt sich der kulturelle Diskurs insgesamt. Früher stritt man über Ästhetik, Interpretation oder historische Genauigkeit. Heute dominiert zunehmend eine Gesinnungsprüfung des Publikums selbst. Nicht mehr die Qualität der ideologischen Eingriffe wird problematisiert, sondern die Motive jener, die sie kritisieren. Genau dadurch entsteht jenes erstickende Klima moralischer Konformität, das den westlichen Kulturbetrieb inzwischen prägt: Die Vergangenheit darf nur noch gezeigt werden, wenn sie der Gegenwart ideologisch ähnelt – und wer daran zweifelt, gerät selbst unter Verdacht.


Die Moral duldet keine Konkurrenz


Besonders aufschlussreich wird diese Entwicklung im Fall Citizen Vigilante. Während das woke Milieu Produktionen hervorbringt, die Identitätspolitik oder gesellschaftliche Dekonstruktion als moralischen Fortschritt inszenieren, genügte jetzt schon die Ankündigung eines Films, der Selbstjustiz, Migrantenkriminalität und staatliches Versagen aus einer konservativen Perspektive erzählt, um hierzulande eine Welle moralischer Abwehr auszulösen.


Doch die Reaktion erschöpfte sich nicht in Kritik oder Boykottaufrufen. Uwe Bolls Film erhielt von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) keine Alterskennzeichnung. Damit fehlt ihm die Voraussetzung für eine reguläre Kinoauswertung; nach den geltenden Vertriebsstrukturen kann er in Deutschland faktisch weder regulär im Kino gezeigt noch auf den üblichen Vertriebswegen veröffentlicht werden. Im Ausland dagegen läuft der Film ohne entsprechende Hürden.


Ob man die Entscheidung der FSK im Einzelfall für richtig oder falsch hält, ist dabei fast schon zweitrangig. Philosophisch interessanter ist, was sie über den gegenwärtigen Kulturbegriff verrät. Dieselben Milieus, die unablässig von Diversität sprechen, akzeptieren Vielfalt häufig nur innerhalb eines eng definierten ideologischen Spektrums. Unterschiedliche Hautfarben gelten als Bereicherung, unterschiedliche Weltanschauungen dagegen rasch als Gefahr.


Künstlerische Freiheit wird leidenschaftlich verteidigt, solange sie den moralischen Konsens bestätigt; sie verliert ihren Wert in dem Augenblick, in dem sie dessen Voraussetzungen selbst zum Gegenstand der Kritik macht. Antonio Gramsci hätte hierin vermutlich den eigentlichen Erfolg kultureller Hegemonie erkannt. Herrschaft besteht nicht mehr primär darin, missliebige Werke ausdrücklich zu verbieten. Sie besteht darin, jene institutionellen Filter zu kontrollieren, die darüber entscheiden, welche Geschichten überhaupt noch öffentlich erzählt werden dürfen.


Die wirksamste Form kultureller Macht ist deshalb nicht das offene Verbot, sondern die administrative Unsichtbarmachung. Nicht das Bücherverbrennen des 20. Jahrhunderts, sondern die lautlose Verhinderung von Aufführung, Vertrieb und öffentlicher Wahrnehmung kennzeichnet den Moralismus des 21. Jahrhunderts. Wer den kulturellen Raum kontrolliert, muss den Gegner nicht mehr widerlegen; es genügt, dafür zu sorgen, dass seine Geschichte gar nicht erst gesehen wird.


Der Krieg gegen die historische Wirklichkeit


Die Debatten um Achilles und Helena, Harry Potter und Uwe Boll wirken auf den ersten Blick völlig unterschiedlich. Tatsächlich kreisen sie um dieselbe Frage: Darf Geschichte, Literatur und Kultur noch etwas Eigenes sein – oder existieren sie nur noch als Materiallager für die moralischen Bedürfnisse der Gegenwart? Die kulturellen Konflikte unserer Zeit entstehen nicht deshalb, weil Menschen an Homer, Rowling oder historische Plausibilität glauben. Sie entstehen, weil eine immer aggressiver auftretende Gegenwart darauf besteht, dass Vergangenheit, Mythos und Kunst sich ihren Dogmen unterwerfen müssen.


Der postmoderne Kulturkampf richtet sich daher nicht gegen einzelne Figuren oder Autoren. Er richtet sich gegen die Idee, dass es überhaupt noch Wirklichkeiten geben könnte, die außerhalb der aktuellen Moralordnung liegen. Am Ende entsteht eine paradoxe Situation: Je lauter von Vielfalt gesprochen wird, desto homogener wird die kulturelle Vorstellung der Welt. Jede Epoche muss dieselben moralischen Codes erfüllen, dieselben Repräsentationsmuster abbilden und dieselbe identitätspolitische Symbolik bedienen.


Geschichte verliert dadurch ihre Fremdheit – und damit ihre Wahrheit. Vielleicht erklärt genau das die Nervosität gegenüber historischer Genauigkeit. Denn wer akzeptiert, dass vergangene Gesellschaften tatsächlich anders aussahen, anders dachten und andere kulturelle Mehrheiten besaßen, erkennt zwangsläufig auch die historische Normalität kultureller Eigenräume an. Genau diese Erkenntnis aber widerspricht dem universalistischen Weltbild der Gegenwart.


Deshalb wird Achilles zur Transfigur und Helena von Troja zur Diversity-Ikone. Nicht weil es der Geschichte entspricht, sondern weil die Gegenwart ihre eigenen Dogmen rückwirkend in die Vergangenheit einschreiben will. Die Antike wird damit nicht neu interpretiert, sondern kolonisiert – durch die moralischen Imperative einer Epoche, die Geschichte nur noch akzeptiert, wenn sie ihr selbst ähnelt.



Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025


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