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Carsten Germis: DIE ANGST VOR DER KUNST

  • vor 2 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Es beginnt mit einer Band.

 

Eine Musikagentur schließt einen Vertrag mit der Gruppe »Wandermaler«. Die Musik ist bekannt. Die Künstler sind bekannt. Geld fließt, die Künstler finanzieren großzügig vor. Die Zusammenarbeit beginnt. »Lyrikrock«, das Genre der Gruppe, kommt an beim Publikum. Ihr Motto auch: Die Kunst im Mittelpunkt. Mit der Agentur sollte nach einem erfolgreichen Start vor einigen Jahren nun der nächste Schritt zur Vermarktung ihrer Musik erfolgen. Gitarrist Dino, Mitbegründer und Komponist der Gruppe, hatte den Chef der Agentur auf einem Seminar kennengelernt. »Wandermalers« Auftritt überzeugte ihn; schnell man war sich einig.



Dino und Liza sind »Wandermaler«
Dino und Liza sind »Wandermaler«

Doch dann geschieht etwas Merkwürdiges. Nicht ein Lied löst einen Skandal aus. Nicht ein Text. Nicht eine öffentliche Aussage. Stattdessen werden plötzlich »publizistische Tätigkeiten und Vernetzungen« der Sängerin und Texterin relevant, die die Agentur »intern nachverfolgt“ habe. In der Tat: die Sängerin, Elizaveta Kataeva, hatte Lyrik in TUMULT veröffentlicht. Sie schreibt auch die Texte der Band. Werden Texte, die das Management zuvor begeistert hatten, also plötzlich zum Problem? Offensichtlich, denn die Musikagenten »leben« nach eigenen Angaben eine »klare politische Haltung« – eine hohle Phrase. Und wegen dieser klaren Haltung ist für sie eine Zusammenarbeit… ja, was? Nicht mehr erwünscht? Politisch schwierig? Nein. Unter der großen Phrase tun es Kulturmanager heutzutage nicht: die Zusammenarbeit ist »unter diesen Umständen« (welche?) nicht mehr »zu verantworten«! Wofür, fragt man sich, tragen solche Leute »Verantwortung«, wenn sie sie nicht einmal selbst benennen können? Und woher der plötzliche Sinneswandel? »Externe Quellen«, teilen die Musikagenten mit, hätten ihnen die belastendenden «Informationen« (welche genau?) zugetragen.

 

Die Kündigung nennt keine einzige Tatsache. Kein Titel. Kein Zitat. Kein Datum. Kein Vorwurf, den man überprüfen, zurückweisen, widerlegen oder auch nur verstehen könnte. Was sie nennt, sind vage Assoziationen: Tätigkeiten. Vernetzungen. Nähe. »Vernetzungen« seien aufgetaucht, heißt es lapidar. Da wüsste man doch gern, wer da genau mit wem vernetzt ist, und warum diese »Vernetzungen« zum Risiko für die Kunst werden. Wer nicht weiß, was ihm vorgeworfen wird, kann sich nicht verteidigen. Und wer sich nicht verteidigen kann, ist bereits verurteilt. Das ist ein Urteil ohne Anklageschrift.

 

Der Vorgang wirkt zunächst klein. Tatsächlich erzählt der Vorgang viel über den Zustand der deutschen Kultur.

 

Hinter solchen »externen Quellen« stehen fast regelmäßig »zivilgesellschaftliche« oder staatliche Meldeportale – Strukturen, die es sich zur Aufgabe machen, Agenturen, Veranstalter, Verlage und Kulturhäuser auf die politischen Umfelder von Künstlern hinzuweisen. Wer diese Portale betreibt, nach welchen Kriterien gemeldet wird, wer die Einschätzungen verantwortet – das alles bleibt im Dunkeln. War es ein Denunziant aus dem Musikerumfeld? Ein regionaler Antifakämpfer? Ein staatsfinanziertes Beschäftigungsportal für Einser-Absolventen der überlaufenen Anti-Rechts-Studiengänge? Der Gemeldete erfährt nicht, wer ihn gemeldet hat. Er erfährt nicht, auf welcher Grundlage ihm soziale und finanzielle Räume versperrt werden. Er hat keine Möglichkeit zur Stellungnahme. Das Verfahren kennt keinen Ankläger, dem man begegnen könnte, und kein Forum, vor dem man sprechen dürfte. Und selbst wenn die Musiker von »Wandermaler« widersprechen: »An unserer Entscheidung wird das nichts ändern«. Immerhin: das Geld wollten die Musikmanager zurücküberweisen.

 

Ein System, das Künstler sanktioniert, ohne ihnen mitzuteilen, was sie getan haben sollen, braucht sich nicht als Zensur zu verstehen und kann Zensur sogar realitätsverweigernd zur Wahrung der Kunstfreiheit umdeuten. Die besten Lügen sind schließlich die, die der Lügner selbst glaubt. Es genügt, wenn die Konsequenzen dieselben sind.

 

Hinter solchen Episoden, die sich unter der Regierung eines christdemokratischen Kanzlers und Kulturministers auffällig häufen, steht eine schon vor langer Zeit begonnene tiefere Verschiebung. Der Kulturbetrieb hat aufgehört, Kunst primär nach ästhetischen Kriterien zu beurteilen. An ihre Stelle ist etwas anderes getreten: moralische Verwaltung. Früher fragte man, ob ein Werk gelungen sei. Heute fragt man, ob der Künstler sozial vertrauenswürdig erscheint. Früher diskutierte man über Form, Stil und Gehalt. Heute diskutiert man über Netzwerke, Milieus und Kontakte.

 

Die Aufmerksamkeit hat sich vom Werk auf den Produzenten verschoben.

 

Der Künstler wird nicht mehr als Schöpfer betrachtet, sondern als Risikofaktor.

 

Wer kennt wen? Wer veröffentlicht wo? Wer tritt mit wem auf? Wer wird von wem gelesen? Wer trifft sich mit wem in der Kneipe?

 

Diese Fragen sind heute oft wichtiger als die Frage, ob ein Gedicht gut ist oder ein Lied berührt.



@Iva Weide
@Iva Weide

 

Man sollte hier konkret bleiben. Elizaveta Kataeva, Sängerin von »Wandermaler«, veröffentlicht Lyrik in der Zeitschrift TUMULT. Ihre Gedichte – formal kühn, sprachlich eigenwillig, in einer Tradition zwischen russischem Symbolismus und deutscher Naturlyrik – stehen im Mittelpunkt dieses Vorwurfs. Welches dieser Gedichte ist das Problem? Welche Zeile? Welches Bild? Welcher Vers? Die Stille, die auf diese Frage folgt, ist das eigentliche Argument. Nicht die Texte werden beanstandet. Die Assoziation genügt.

 

Der Fall »Wandermaler« ist deshalb interessant, weil er die Logik besonders klar sichtbar macht. Die Band entstand nach eigener Darstellung ausdrücklich aus der Enttäuschung über einen Kunstbetrieb, in dem Beziehungen wichtiger geworden sind als Leistung, und in dem Zugehörigkeit und zur »Haltung« umgedeutete Gesinnung über Erfolg entschieden. Die Kunst, so heißt es programmatisch bei »Wandermaler«, solle wieder im Mittelpunkt stehen. Ob diese Diagnose vollständig richtig ist, spielt zunächst keine Rolle. Bemerkenswert ist vielmehr, dass die anschließende Behandlung durch Teile des Kulturbetriebs diese Diagnose fast mustergültig bestätigt.

 

Die eigentliche Frage lautet nämlich nicht, ob man »Wandermaler« mögen muss. Die Frage lautet: Warum wird über Kontakte gesprochen statt über Kunst? Warum wird über Vernetzungen gesprochen statt über Lieder? Warum wird über Bekanntschaften gesprochen statt über Gedichte? Warum ersetzt die soziale Herkunft eines Gedankens zunehmend die Auseinandersetzung mit seinem Inhalt? Und warum bleibt das alles anonym – ohne jeden Beleg?

 

Die Antwort liegt in einer Entwicklung, die weit über den Kulturbetrieb hinausreicht. Moderne Gesellschaften legitimieren sich immer stärker moralisch – und damit auch die Strukturen, in denen üppige ökonomische Renten abgeschöpft werden. Wirtschaft wird moralisiert. Wissenschaft wird moralisiert. Und – allen voran – auch die Kultur wird moralisiert. Da will man sich, wenn man Privilegien abschöpft, die Räume nicht verschließen.

 

Wo Moral jedoch zur zentralen Währung wird, entsteht zwangsläufig ein neues Kontrollsystem. Moral funktioniert nämlich nicht wie Wahrheit. Wahrheit verlangt Argumente. Moral verlangt Zugehörigkeit. Wer moralisches Kapital besitzt, erhält Vertrauen, Aufmerksamkeit und Zugang. Wer es verliert, verliert Sichtbarkeit, Reputation und Kooperationen.

 

Genau an diesem Punkt verwandelt sich der Kulturbetrieb in ein System symbolischer Bewirtschaftung. Die Frage lautet nicht mehr: Ist dieses Werk gelungen? Die Frage lautet: Ist dieser Künstler noch legitim? Damit verschiebt sich auch die Rolle der Institutionen – auch gewinnorientierter Musik-, Literatur- oder Theateragenturen. Sie werden zu Hütern moralischer Grenzen. Verlage, Agenturen, Festivals und Kulturhäuser übernehmen zunehmend die Funktion informeller Gesinnungswächter. Nicht durch staatlichen Zwang. Sondern durch soziale Selektion.

 

Niemand wird verboten. Niemand wird eingesperrt. Niemand wird offiziell zensiert. Man wird lediglich ausgeladen. Ausgeschlossen. Nicht mehr eingeladen. Nicht mehr vermittelt. Nicht mehr gefördert. Nicht mehr erwähnt. Die moderne Form kultureller Kontrolle arbeitet selten mit Verboten. Sie arbeitet mit Entzug. Gerade deshalb erscheint sie so harmlos. Tatsächlich ist sie oft wirksamer als offene Repression. Denn sie zwingt nicht nur zum Schweigen. Sie erzeugt Selbstzensur. Die Musiker von »Wandermaler«, Liza und Dino, haben sich entschieden, darüber zu reden. Die meisten tun das nicht.

 

Wer gelernt hat, dass Kontakte zählen, lernt auch, Kontakte zu vermeiden. Das ist keine Freiheit. Das ist Risikooptimierung. Welche Zeitschrift darf ich lesen? Mit wem darf ich auftreten? Welche Veranstaltung könnte problematisch sein? Welcher Kontakt könnte später gegen mich verwendet werden? Der Künstler wird zum Manager seines eigenen Risikoprofils.

 

Damit verschwindet jedoch genau jene Freiheit, aus der Kunst überhaupt entsteht. Kunst lebt von Grenzgängern. Von Exzentrikern. Von Menschen, die Verbindungen herstellen, wo andere Mauern errichten. Von Figuren, die zwischen Milieus wandern. Von Persönlichkeiten, die nicht vollständig kontrollierbar sind. Eine Kultur, die solche Figuren verdächtig findet, verliert ihre produktivsten Kräfte.

 

Der Preis dieser Entwicklung ist hoch.

 

Noch nie wurde so viel von Vielfalt gesprochen. Noch nie war die tatsächliche geistige Toleranz so eng an moralische Konformität gebunden. Noch nie wurde so laut Offenheit beschworen. Und selten war die Angst vor der falschen Nähe größer. Noch nie war die staatspreisfinanzierte Kultur so berechenbar und langweilig, so nah an Herrschaft und Macht.

 

Der Fall »Wandermaler« ist deshalb kein Skandal am Rand des Musikbetriebs. Er ist ein kleines Fenster in die geistige Verfassung einer Kultur, die sich für pluralistisch, für offen und vielfältig hält, aber immer häufiger nach dem Prinzip der sozialen Reinheit operiert. Im gerade erschienenen TUMULT-Sommerheft gibt es übrigens wieder ein Gedicht von Elizaveta Kataeva. Der Titel passt: »Horror Vacui«.

 

Wer mehr über Liza, Dino und die »Wandermaler« wissen und ihre Musik hören möchte, wird hier fündig: https://linktr.ee/wandermaler



Über den Autor: Carsten Germis ist Chefredakteur von TUMULT. Vierteljahresschrift für Konsensstörung.


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