Till Kinzel: SIEFERLE UND DER KRIEG – ZUR WIEDERVORLAGE
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Die eklatante Vernachlässigung der Kriegsgeschichte in der deutschen Geschichts- und Politikwissenschaft seit den 1960er Jahren war die Folge eines Paradigmas, das sich der Kombination aus Pazifismus bzw. Friedensforschung und sozialgeschichtlicher Orientierung verdankte. So blieb sie an den Universitäten marginalisiert. Erst spät begann daher der 2016 verstorbene Historiker Rolf Peter Sieferle, ein tieferes Interesse am Krieg zu entwickeln – angestoßen durch die Lektüre von John Keegans Klassiker über Das Antlitz des Schlachtfeldes.

Die große Darstellung Sieferles, die er bei seinem Tode im Jahre 2016 abgeschlossen hinterließ, bietet Beiträge zu einer Wissenschaft vom Menschen in seinen jeweiligen historischen Umwelten, die von der Frühzeit der Nomaden und Bauern über die Antike und vor allem das Europa der letzten 500 Jahre bis zum Cyberkrieg der Gegenwart reichen. Die Sichtung anthropologischer Grundlagen für die Entstehung kriegerischer Auseinandersetzungen ist höchst voraussetzungsreich. Denn Sieferle weiß, wie sehr hier ideologische Verzerrungen eine Rolle spielen, ob nun biologische Faktoren einseitig betont oder seitens der konstruktivistischen Kulturwissenschaften heruntergespielt werden.
Sieferle kreist die mit dem Krieg gegebenen Verhältnisse mittels eines berühmten Stiches von Jacques Callot ein – jenes durchaus düsteren Künstlers, der so stark auf E.T.A. Hoffmann gewirkt hatte und damit ein Widerlager zu einer übertrieben optimistischen Anthropologie bildete. Callot greift in seiner Graphik die Greuel des Dreißigjährigen Krieges auf. Doch werden eben nicht nur diese Schrecken selbst geschildert, sondern auch die Schrecken der Bestrafung der Übeltäter, die notwendig aus dem Bemühen folgten, den Krieg als „gehegten“ und somit zivilisierten zu führen. Mit der Zügelung des Krieges ist so die Paradoxie verbunden, „daß für den Betrachter kein fundamentaler Unterschied zwischen dem Kriegsverbrechen und der Vergeltung des Kriegsverbrechens besteht.“
Diese beunruhigende Einsicht Sieferles hat programmatischen Rang für seine Art der Kriegsgeschichtsschreibung. Denn es geht ihm nicht um die nochmalige Nacherzählung von Kriegsoperationen, sondern um eine „Strukturgeschichte des Kriegs, bei der auch technische und politische Faktoren“ einbezogen werden und vor deren Hintergrund die Veränderungen der Gegenwart eingeordnet werden können. Jenseits einer reinen Ereignisgeschichte geht es also darum, systematisch über den Krieg zwischen „den Versuchen zu seiner Zivilisierung und den Rückfällen in die Barbarisierung in Europa“ nachzudenken. Dazu kommen wichtige Einblicke in die Ideen- und Propagandageschichte des Krieges, der keineswegs, wie einfachere Gemüter denken mögen, mit der Demokratie unvereinbar ist. Es könnten im Gegenteil mit der Demokratie Intensivierungen des Krieges einhergehen, die seine frühere Einhegung unmöglich machen.
Während nämlich in der Frühen Neuzeit die Tendenz einer klaren Trennung von Kombattanten und Nichtkombattanten (Zivilisten) aufkam, setzte mit den Revolutionskriegen des späten 18. Jahrhunderts eine Republikanisierung des Krieges ein, die gleichbedeutend war mit einer Entzivilisierung. Denn die Soldaten wurden nun zu Partisanen und die Zivilbevölkerung verdiente keine Rücksicht mehr. Neue Formen von Feindschaft und Feinderklärungen kamen zur Geltung, da der Krieg nicht mehr nur für rein militärische Zwecke geführt wurde, sondern im Namen von Reinheit und Tugend. Auch der Erste Weltkrieg gehört in diese Entwicklung, da er sich von einem Kabinettskrieg zu Beginn in einen Volkskrieg wandelte, der einerseits ethnische Gegensätze ins Extrem trieb, andererseits durch das Element der Freiwilligkeit eminent demokratisch war und eine „moralische Mobilisierung“ mit sich brachte. Gerade dies aber machte es auch schwieriger, den Krieg frühzeitig zu beenden und einen genuinen Verständigungsfrieden zu schließen, obwohl in Deutschland schon im Herbst 1914 die Unmöglichkeit eines Sieges klar erkannt worden war. Mit den bekannten Folgen steigerten sich jedoch die Kriegsteilnehmer im Zuge der ideologischen Mobilisierung in immer phantastischere Kriegsziele hinein. Und auch die klassische Geheimdiplomatie wurde unter solchen Bedingungen mehr und mehr verunmöglicht.
Sieferle verbindet solche Überlegungen mit ausführlichen Darstellungen vor allem zu den Weltkriegen, deren Vorlauf jeweils gründlich untersucht wird. Sehr ergiebig fallen auch Sieferles Analysen zum Luftkrieg und seinen völkerrechtswidrigen Terrorbombardements aus, in deren Gefolge sich die Hegung des Krieges jedoch fortgesetzt habe. Allerdings sei es nur scheinbar der Fall, daß man heute auf eine abgeschlossene Periode des totalen Krieges zurückblicken könne. Doch wie schon Friedrich Gentz im Jahre 1800 die realistische Antwort auf Kants philosophische Zielbestimmung eines „ewigen Friedens“ gab, werde auch in Zukunft keine revolutionäre Phantastik, sondern nur Realismus in bezug auf die Möglichkeit des Rechts zu einem dauerhaften Frieden beitragen können. Kapitel über „Zivilisationsbrüche“ und „diffuse Kriege“ vertiefen das spannungsvolle Verhältnis von Zivilisierung und Barbarisierung.
Auch wenn sich Sieferle mit der Erörterung von Forschungskontroversen zurückhält, scheut er doch, im Gegensatz zu anderen Historikern, nicht vor der Diskussion der Präventivkriegsthese in bezug auf den deutsch-sowjetischen Kriegsbeginn von 1941 zurück. Doch hält er die bisher vorgelegten Beweise nicht für schlagend und will es nur als plausibles Modell verstanden wissen, daß sowohl Wehrmacht als auch Rote Armee einen Angriffskrieg geplant hatten.
Sieferle ist auch als Kriegshistoriker ein Analytiker von hohen Graden, der nüchtern und ohne erbauliche Intentionen zeigen will, was ist – und vor allem, womit zu rechnen ist. Er konstatiert in seinen abschließenden Thesen zur Universalgeschichte des Krieges, daß komplexe Industriegesellschaften aus Gründen ökonomischer Rationalität keine offenen und zerstörerischen Kriege mehr gegeneinander führten. Doch bedeute dies nicht das Ende des Krieges, sondern lasse eine Verschiebung hin zu einem „neuen Typus des ideologisch motivierten Kriegs“ erwarten, und zwar „in einer Spanne vom 'Weltbürgerkrieg' über den Rassenkrieg bis zum religiöse motivierten Terrorismus.“ Auch der „totale Krieg“ ist mit seiner Desavouierung im Zweiten Weltkrieg keineswegs aus der Welt; vielmehr könnte er mit dem Cyberkrieg in ein völlig neues Stadium treten, so daß „vielleicht Krieg und Frieden ununterscheidbar“ würden.
Rolf Peter Sieferle: Krieg und Zivilisation. Eine europäische Geschichte. Berlin (Landt), 2018, Geb., 1497 Seiten, 78 Euro
Über den Autor: Till Kinzel ist habilitierter Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er hat u.a. Bücher zu Allan Bloom, Nicolás Gómez Dávila, Philip Roth und Michael Oakeshott und Johann Georg Hamann publiziert. In TUMULT hat er über Panajotis Kondylis geschrieben (und im Blog über Ricarda Huch und Wyndham Lewis).
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