Thomas Hartung: EIN NEUES BLATT, EIN ALTES THEMA
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Mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung OAZ erschien dieser Tage ein Medium, das sich ausdrücklich als Zeitung von und für Ostdeutsche versteht. Herausgeber Holger Friedrich, sonst als schillernder Verleger der Berliner Zeitung bekannt, inszeniert das Projekt als verspätete Emanzipation: Endlich spreche der Osten selbst, nicht länger als Studienobjekt westdeutscher Feuilletons, sondern als eigenständiger Akteur mit eigener Perspektive.
Damit schließt die OAZ an eine Debatte an, die seit Dirk Oschmanns Bestseller „Der Osten. Eine westdeutsche Erfindung“ ohnehin wieder hochkocht: Ist der Ostdeutsche Opfer, Avantgarde oder bloß eine mediale Kunstfigur? Und braucht es tatsächlich eine eigene Zeitung, um nach über dreißig Jahren Einheit überhaupt gehört zu werden – oder gerät man damit erst recht in jene folkloristische Ecke, aus der man herauswill?
Die Frage ist heikler, als sie scheint. Denn sie berührt nicht nur das Selbstbild der Ostdeutschen, sondern das Selbstverständnis der Republik: Wer definiert, was „normal“ ist – und wer gilt als Abweichung, die sich erläutern, rechtfertigen, entschuldigen muss?
Der Osten als Diagnoseobjekt
Die westdeutsche Mehrheitsöffentlichkeit hat sich an einen vertrauten Rollenverteilungsmodus gewöhnt: Der Osten erscheint als Problemzone – demokratisch unzuverlässig, populistisch, „abgehängt“. Politologen, Leitartikler, Stiftungsstudien schreiben seit Jahren an einem immer gleichen Narrativ: Hier die aufgeklärte, urbane, kosmopolitische Gesellschaft – dort ein Landstrich, in dem autoritäre Versuchungen und „komplexitätsreduzierende Sehnsüchte“ besonders hoch seien.
Oschmanns Buch war in diesem Sinne ein Störfall. Er drehte das Verhältnis um: Nicht der Osten sei das Problem, sondern der westdeutsche Blick auf ihn – arrogant, selbstgerecht, blind für eigene Defizite. Die Debatte, die folgte, zeigte allerdings, wie tief die Muster sitzen. Kaum war der Vorwurf formuliert, meldeten sich westdeutsche Kommentatoren, um das zu tun, was sie seit 1990 gewohnt sind: den Ostdeutschen erklären, wie sie sich selbst zu verstehen haben.
Der Reiz der OAZ besteht zunächst darin, diesen Vermittlungsweg zu kappen. Nicht länger tritt der Osten als Untersuchungsgegenstand auf, über den „man“ schreibt, sondern als Autor seiner eigenen Lage. Dass ein Magazin wie Cicero sofort darüber diskutiert, ob der Osten damit nun „Avantgarde“ oder doch nur eine weitere Projektionsfläche sei, ist fast schon Teil des Programms.
Die Erfindung des „Wessis“
Interessant ist, dass inzwischen auch die Gegenfrage gestellt wird: Wenn der Osten durch westliche Zuschreibungen erst zum „Anderen“ gemacht wurde – gilt das nicht ebenso für den Westen? Ist der „Wessi“ nicht ebenso eine Erfindung, ein Abziehbild im ostdeutschen Kopf, entstanden aus Kränkungen, Ironie, Erfahrung? Denn prompt hat Cornelia Geißler mit Thomas Brussig, Katja Lange-Müller und 14 weiteren Ostdeutschen jetzt den Blick gewendet: „Der Westen. Eine ostdeutsche Empfindung“.
Diese Spiegelbewegung ist erkenntnisreich. Sie rückt das, was gerne als „Spaltung“ beschrieben wird, vom Moralischen ins Strukturelle: Es geht weniger um angeborene Mentalitätsunterschiede als um asymmetrische Machtverhältnisse. Wer Medien, Universitäten, Bundesbehörden dominiert, verfügt über Deutungsmacht – und damit über das Recht, dem Anderen seine Rolle zuzuweisen. Der Westen war lange der Regisseur, der Osten der Statist.
Die OAZ ist – jenseits aller inhaltlichen Kritik, der sie sich stellen muss – der Versuch, diesen Bühnenbau umzudrehen. Das allein ist kulturpolitisch bedeutsam. Denn wer schreibt, verlässt die Opferrolle. Er riskiert Widerspruch, aber gewinnt Souveränität.
Freiheit: Westen als Mythos, Osten als Erfahrung
Genau an diesem Punkt lohnt sich der Blick auf jene Intervention, die der Autor aus der Debatte um „den Westen“ heraus als ostdeutsche Gegenposition formiert hat: „Es gibt nur eine Freiheit – und die entspringt dem Osten“. Dort wird dem modischen Satz eines Ruhrbaron-Publizisten widersprochen, Freiheit sei genuin westlich; jede künftige konservative Allianz müsse sich an ihrer Loyalität zum „Westen“ messen lassen.
Der Einwand ist an sich schlicht: Freiheit ist kein philosophisches Etikett, sondern eine biographische Erfahrung. Wer in Leipzig, Danzig, Budapest oder Prag gegen einen allmächtigen Staat demonstriert hat, musste sich nicht vorher in „westliche Werte“ einlesen. Er wusste, wie Unfreiheit riecht, klingt, sich anfühlt.
Dieser „negative Freiheitsinstinkt“ – zu wissen, was man nie wieder will – ist in Osteuropa stärker ausgeprägt als in jenem saturierten Westen, der in hygienischen Notständen, Klimarettungsplänen und Diskursverboten bereits wieder mit Formen der Entmündigung experimentiert. Und er ist auch im ostdeutschen Gedächtnis lebendig: Wer SED-Staatsgleichmacherei, „antifaschistische Schutzwälle“ und die Allgegenwart parteilicher Pädagogik erlebt hat, erkennt die Muster, wenn sie heute in den bunt bedruckten Broschüren des „Kampfs gegen rechts“ wiederkehren.
Die OAZ erscheint vor diesem Hintergrund nicht nur als Regionalblatt, sondern als Ausdruck eines spezifischen Freiheitswissens: Skepsis gegen staatliche Moralerziehung, gegen forcierte Migration, gegen Energiewenden auf Kosten der eigenen Industrie – all das sind keine „autoritären Rückfälle“, sondern Verteidigungsreflexe eines Milieus, das bereits einmal als Versuchskaninchen einer gesamtgesellschaftlichen Umerziehung diente.
Identität ohne Kitsch: Ostdeutschland als Erfahrungsraum
Der Reiz, aber auch die Gefahr jeder „ostdeutschen Identität“ besteht darin, zwischen Erfahrung und Folklore zu unterscheiden. Niemand braucht neue Ostalgie, neue Ampelmännchen, neue Spreewaldgurken-Mythologien. Es geht nicht um Trabi-Romantik, sondern um die nüchterne Feststellung: Die Geschichte hat in diesem Teil des Landes andere Spuren hinterlassen als westlich der Elbe.
Dazu gehört die doppelte Entwertungserfahrung: erst die sozialistische Gleichmacherei, dann die neoliberale Integration in einen Westen, der aus dem Osten eine Sanierungsfläche machte – ökonomisch wie symbolisch. Betriebe verschwanden, Biographien wurden entwertet, Institutionen – von Hochschulen bis Medien – westdeutsch dominiert. Dass aus dieser Konstellation eine gewisse Resistenz gegen Belehrung wächst, ist kein Wunder.
Ostdeutsche Identität ist deshalb weniger eine positive Selbstbespiegelung als eine negative Kompetenz: ein Sensorium für Übergriffigkeit. Dort, wo Westdeutsche die neue Normalität sehen – Genderpädagogik, Klimarettung als Staatsraison, Migrationsromantik, Ukraine-Flaggen in Amtsstuben – sehen viele Ostdeutsche vertraute Muster: eine Funktionselite, die sich über die Bevölkerung erhebt, sich selbst moralisch immunisiert und abweichende Stimmen pathologisiert.
Brodkorb, Oschmann und die Falle des Opferdiskurses
In dieser Konstellation hat Mathias Brodkorb, selbst Ostdeutscher und einstiger sozialdemokratischer Bildungsminister in Schwerin, im Cicero zu Recht vor der Gefahr gewarnt, den Osten in eine permanente Opferpose zu treiben. Wenn alles auf „strukturelle Diskriminierung“ zurückgeführt wird, verliert man – so sein Einwand – jede Eigenverantwortung und jede Gestaltungskraft.
Der Einwand ist berechtigt, verfehlt aber, wo er den ostdeutschen Protest pauschal als ressentimentgeladen abtut. Denn es gibt zwei Arten von Opferdiskursen: den, der Verantwortung abschüttelt – und den, der Machtverhältnisse sichtbar macht. Wer darauf hinweist, dass Spitzenpositionen in Bundesbehörden, Leitmedien, Bundesverfassungsgericht, Bundesbank, öffentlich-rechtlichen Sendern fast ausschließlich westdeutsch besetzt sind, beschreibt keine metaphysische Benachteiligung, sondern eine sehr konkrete Schieflage.
Der Schlüssel liegt darin, beides zu verbinden: die nüchterne Analyse dieser Asymmetrien und die Bereitschaft, sich nicht in ihnen einzurichten. Eine Zeitung wie die OAZ kann genau hier produktiv werden: nicht als Jammerorgan, sondern als Sprachrohr einer Region, die sich nicht länger als Schulklasse behandeln lässt, der der Westen Demokratieunterricht erteilt.
Ostdeutsche Avantgarde? Vorsicht vor der Selbstromantisierung
Die Versuchung, den Osten nun zur „Avantgarde“ der Republik zu erklären, liegt auf der Hand – und ist doch gefährlich. Der Osten ist nicht per se klüger, mutiger, moralischer. Auch hier gibt es Opportunismus, Anpassung, Korruption. Man muss nur in manche Landesministerien, Stadtverwaltungen oder Landesrundfunkanstalten schauen, um zu sehen, wie schnell ehemalige DDR-Strukturen mit westdeutschen Fördergeldern und grünem Zeitgeist eine neue Synthese eingehen.
Der spezifische Beitrag des Ostens liegt nicht in heroischer Überlegenheit, sondern in der Erinnerung an das, was totalitäre Systeme auszeichnet: die Verschmelzung von Moral, Medien, Verwaltung und Justiz zu einem Block. Wenn heute – wieder – tausende Menschen ihre berufliche Existenz riskieren, weil sie „falsche“ Parteien wählen, „falsche“ Fragen stellen oder „falsche“ Demonstrationen besuchen, erkennen Ostdeutsche darin ein Muster, das ihnen vertraut ist.
In diesem Sinne kann der Osten tatsächlich avantgardistisch sein – nicht als leuchtendes Vorbild, sondern als Frühwarnsystem. Er zeigt, wohin eine Republik driftet, die ihre Opposition pathologisiert, ihre Medien pädagogisiert und ihre Justiz politisiert.
Von der Jammerküste zur Kontrollzone
Die Reaktion der Bundespolitik auf diese ostdeutsche Sperrigkeit ist bezeichnend. Statt sich zu fragen, warum ausgerechnet in den neuen Ländern die Zustimmung zu Ampel-Politik, Migrationskurs, Energiewende, EU-Zentralismus so gering ist, installiert man „Demokratiezentren“, „Monitoringstellen“, „Zivilgesellschaftsprogramme“. Ostdeutschland wird zur Beobachtungszone, zur Versuchsanordnung für neue Formen der Meinungskontrolle – von Meldeportalen gegen „rechte Umtriebe“ bis hin zu Projekten gegen „Desinformation“.
Wer die DDR erlebt hat, erkennt in dieser Mischung aus Fürsorgevokabular und Überwachungsimpuls eine unheimliche Wiederkehr. Und wer sich an den Herbst 1989 erinnert, weiß, dass die Bevölkerung eines Tages genug davon hat, zum Erziehungsobjekt degradiert zu werden.
Gerade deshalb ist es klug, wenn Ostdeutsche ihre eigene Medienlandschaft aufbauen – sei es mit alternativen Online-Portalen, sei es mit einer Printzeitung wie der OAZ. Es geht nicht um Parallelwelten, sondern um Gegenöffentlichkeit – um die Möglichkeit, die eigene Lage mit eigenen Begriffen zu beschreiben, statt sich in den semantischen Käfigen der Berliner Republik zu bewegen.
Freiheit „ex oriente“ – was heißt das konkret?
Die Formel „Es gibt nur eine Freiheit – und die entspringt dem Osten“ ist natürlich zugespitzt. Niemand wird bestreiten, dass zentrale Freiheitsideen – Gewaltenteilung, Grundrechte, Parlamentarismus – historisch im Westen entwickelt wurden. Aber die Pointe liegt anders: Heute ist es der Osten, der diese Tradition ernster nimmt als jener Westen, der sie nur noch als Rhetorik pflegt.
Das zeigt sich an drei Feldern. Erstens an der politischen Kultur. Während westdeutsche Milieus ungerührt darüber diskutieren, ob man „demokratiegefährdende“ Parteien verbieten könne, erinnern ostdeutsche Bürgerrechtler daran, dass Demokratie gerade da beginnt, wo es weh tut – beim Schutz unliebsamer Meinungen.
Das muss die Redaktion gleich bei der ersten Ausgabe erfahren, wie sie online mitteilt: „Leser berichteten von einzelnen Geschäften, die die OAZ nicht auslegten oder den Verkauf verweigerten. Als Begründungen wurden interne Weisungen oder die Sorge vor möglichen Protesten genannt. In Einzelfällen wurde uns geschildert, man wolle ‚kein Risiko‘ eingehen.“
Zweitens an der sozialen Realität. Der Westen diskutiert über „Transformationsgerechtigkeit“, während er Industrien vernichtet, Auto- und Chemiebranche stranguliert und ganze Regionen entkoppelt. Der Osten weiß, wie sich Deindustrialisierung anfühlt – und ist weniger bereit, sie ein zweites Mal unter moralischen Etiketten zu akzeptieren.
Drittens an der Erinnerungspolitik. Wer in Bautzen oder Hohenschönhausen Gedenkstätten besucht, lernt etwas über die Mechanismen der Unfreiheit: über Schweigegebote, Berufsverbote, sozialer Tod durch Stigmatisierung. Es sind genau diese Mechanismen, die heute in „woker“ Verpackung wiederkehren – vom Shitstorm bis zur informellen Cancel Culture. Der Osten erkennt sie schneller, weil sie frisch im Gedächtnis sind.
Der Osten als Stachel, nicht als Reservat
Ostdeutsche Identität ist kein ethnisches Siegel, kein nostalgischer Clubausweis, sondern ein historisch gewachsenes Bewusstsein für die Fragilität von Freiheit. In einer Zeit, in der westliche Demokratien immer stärker mit moralischer Steuerung, digitaler Kontrolle und supranationaler Entmachtung arbeiten, ist dieser Stachel notwendig.
Die OAZ erscheint deshalb zu einem richtigen Zeitpunkt. Sie ist kein Allheilmittel, aber ein Symptom: dafür, dass ein Teil des Landes nicht länger bereit ist, sich als pädagogisch rückständige Provinz behandeln zu lassen. Ob aus dieser Selbstbehauptung ein produktiver Beitrag zur gesamtdeutschen Debatte wird oder nur eine neue Nische im Medienmarkt, wird sich zeigen.
Eines aber ist jetzt schon absehbar: Wenn die Freiheit in Europa eine Zukunft haben soll, wird sie nicht in den Konferenzräumen von Brüssel und nicht in den Talkshows von Berlin neu erfunden. Sie wird – wie so oft – dort verteidigt werden müssen, wo sie am meisten gefährdet ist. Und das ist, historisch betrachtet, der Osten.
Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg.
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