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Beate Broßmann: DAS FRÖHLICHE KRIBBELN

Unsicherheit. Produktiv für unsere Gesellschaft? Krieg, Klimakrise, Energiekrise, Pandemie und vieles mehr verunsichern Menschen. Ein Forschungsprojekt an der Uni Bielefeld sieht sich an, wie Menschen damit umgehen und zeigt, welchen Nutzen Ungewissheit und Verunsicherung haben können.



Geogast, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons


So wurde die Sendung aus der Reihe „Systemfragen“ des Deutschlandfunks vom 29.6.2023 angekündigt. Das Thema interessiert mich und ich dachte: Das hörst Du Dir mal an! Es wird schon was „Linkes“ dabei rauskommen. Ich wurde nicht enttäuscht.


Zu Beginn zählte man die Eckpunkte der Lage auf: Krieg, Klimakrise, Energiekrise, Pandemie und vieles mehr verunsichere die Menschen. Eine Frau kam zu Wort, die sich darüber beklagte, daß nichts in ihrem einst so übersichtlichen Leben mehr plan- und berechenbar sei und sie nur noch im engsten Freundes- und Familienkreis ihre Angst verlöre.


Die Mitte-Studie von Bielefeld habe ergeben, daß die Verunsicherung der Deutschen und ihr Mißtrauen gegenüber den politischen Entscheidungen zugenommen habe. In einer Krisenzeit seien Gewißheiten, Rituale und Routinen außer Kraft gesetzt. Entscheidungsfindungen seien komplizierter geworden. Fast die Hälfte der Bevölkerung leide unter Kontrollverlust, Angst und Hoffnungslosigkeit. Dennoch – so die Moderatorin des DLF – könne „in der Zeit des Umbruchs“ in unserer Gesellschaft Unsicherheit ein produktiver Motor sein.


Wie soll das gehen?


Die Sprecherin der Bielefelder Forschungsgruppe „Navigating Uncertainty and it´s societal Impact“, Silke Schwandt, bedauerte, daß „Unsicherheit“ in unserer Gesellschaft negativ konnotiert sei. Es sei stets die Rede davon, daß sie abgeschafft, vermieden oder kontrolliert werden müsse. Dabei könne sie doch positive Effekte auf die Gesellschaft haben.


Inwiefern?


Eine positive Wirkung habe Unsicherheit auf die Erkenntnisgewinnung: Wer verunsichert sei, recherchiere, frage und forsche selbstständig und falle weniger auf Fake News herein, beispielsweise bei der Frage, ob er sich gegen Corona impfen lassen solle oder nicht. Auch die Wirtschaft profitiere: Unsicherheit beschleunige Innovationen und technischen Fortschritt.

Und das war es dann auch schon mit den Beispielen für die Vorzüge der Verunsicherung. Ach nein: Es kommt ja noch das Beispiel mit der Marmelade – siehe unten!


Alsdann versuchte der Öffentlich-Rechtliche Sender volkserzieherisch auf die Deutschen einzuwirken. Sie seien so überaus sicherheitsbedürftig, daß man sie einmal mit der Flexibilität anderer Nationen konfrontieren müsse: In Lateinamerika beispielsweise, insonderheit in Brasilien, könne man besser mit Unsicherheit umgehen, da sie Teil des ganzen Lebens ist. Der englische Begriff, dessen sich die Bielefelder Forschungsgruppe bediene, nämlich „uncertainty“, bilde diese Lage besser ab als der deutsche, weil ersterer Unbestimmtheit und Ungewissheit mit einbezöge. In Brasilien hätten die Menschen gelernt, ihren Alltag in kleinen, überschaubaren Gemeinschaften wie Familie und Nachbarn trotz allgemeiner Unsicherheit zu organisieren.


Nanu? Eben hatten wir doch von der interviewten deutschen Bürgerin erfahren, daß dies bei ihr genauso ist. Worin unterscheidet sich dann der deutsche Umgang mit der allgemeinen Verunsicherung von der brasilianischen?


Man will uns also – dünn begründet – dahin bringen, unsere Mentalität zu wechseln und uns nicht so anzustellen. Macht Euch locker, und alles wird gut! Dabei sind das hohe Lebensniveau, die vorbildliche Infrastruktur und soziale und körperliche Sicherheit Ergebnisse einer hohen politischen und ökonomischen Stabilität gewesen. Exportweltmeister waren wir über einen langen Zeitraum hinweg durch unseren Nationalcharakter, in dem Sicherheit, Zuverlässigkeit, Rationalität und Berechenbarkeit eine große Rolle spielten. Und wir sollen uns an den partiell oder potentiell gefallenen Staaten Lateinamerikas ein Beispiel nehmen?!


Ja, denn: Die Brasilianer z.B. würden Träume, Wünsche und Visionen als Produktivkraft einsetzen. Wir sollten umdenken, Innovationsfreude an den Tag legen und neue Handlungsspielräume erschließen. Dies sei möglich, weil es nicht nur Fakten und Daten seien, die die Bevölkerung verunsicherten, sondern, so der Sozialwissenschaftler Andreas Zick, die Leute würden verrückt gemacht. Wodurch und von wem dürfte jedem klar sein: von Populisten, meist von rechten, die Verunsicherung mit Fake News künstlich schürten, um dann mit einfachen Parolen und Scheinlösungen Auswege zu zeigen – ein Vorgehen, das teilweise von Erfolg gekrönt sei: Bedenklich viele Deutsche wünschten sich einen starken Führer.


Und – man beachte die Logik – dadurch (also durch die „Nazis“) gerieten die Politiker unter Handlungsdruck und müßten immer schneller entscheiden. Bevor sie eine Idee zu Ende gedacht hätten, würden ihre Vorschläge schon in sozialen Netzwerken wie Twitter zerrissen. Soll das nun heißen, diese Twitterer seien Nazis? Oder hapert es einmal mehr an der Argumentationslogik?

Aber Zick hat noch weitere abenteuerliche Kausalketten auf Lager: Die Politik sei gezwungen, Sicherheit zu suggerieren (vor wem eigentlich?). Die Gewalt nehme zu, weil die Menschen meinten, für ein Problem gebe es immer genau eine vernünftige, richtige Entscheidung. Wie früher nur beim Fußball regiere jetzt auch in politischen Fragen die pure Emotion.

Ich gebe zu: Diese Logik erschließt sich mir nicht.


Dafür, wie man mit dem offenkundigen Irrationalismus vieler Menschen umgehen kann, unterbreitet Zick Vorschläge: Zum einen müsse das Freund-Feind-Denken überwunden werden. Zum anderen müßten Politiker ihre Unsicherheit zulassen und zugeben, daß man noch nicht die richtige Lösung für ein Problem gefunden habe. Dazu müßten die Demokratieförderungsprojekte gestärkt werden, auch finanziell, und die politische Bildung müsse, insbesondere bei Verschwörungsdenkern mit ihren autoritären Lösungen, für Distanzierung und Deradikalisierung sorgen und damit Chancen zur Selbstverantwortung und -ermächtigung aufzeigen. Sie habe zu vermitteln, daß Ungewißheit eigentlich eine ganz gute Sache sei, die die Falschdenker in den Stand setzt, selbst nach Lösungen zu suchen. Denn jeder Lernprozeß beginne mit einer Verunsicherung – was ich in dieser Apodiktik allerdings bestreiten würde.


Wenn Menschen immer das Neue nicht haben wollten, assistierte Frau Schwandt, sie ablehnten und sich davon verängstigen ließen, bedeute dies, Handlungsoptionen zu verschleudern. Diese müßten aber erhalten und vergrößert werden. Und dann brachte sie ein betörendes Beispiel für die Erweiterung des Handlungsspielraums „ganz im Kleinen“: Im Supermarkt gibt es eine neue Marmeladensorte, „wo keine Stückchen drinnen sind und die mein Neffe so gern ißt. Warum das nicht ausprobieren?“


Und als wäre das nicht genug an Beweisen für den tiefen Fall der Sozialwissenschaften, kam es dann noch einmal ganz dicke: Schwandt stellte die Frage in den Raum „Wie kriege ich die Leute dazu, diese Zukunftsoffenheit wieder in den Vordergrund zu stellen?“ Ihr Forschungsprojekt habe vor, zu den Menschen zu gehen und zu fragen „Was ist denn los? Was verunsichert Euch? Was ist das Problem?“ Man müsse verstehen, wo die Verunsicherung liege und „sie dann umdeuten in eine Zukunftsoffenheit“.


Und dann, resümierte die DLF-Moderatorin, „kann Verunsicherung auch zum produktiven Motor gesellschaftlicher Entwicklung werden. Und das unangenehme Grummeln im Bauch wandelt sich dann vielleicht auch in ein eher fröhliches Kribbeln.“


Das ist an Perfidie und Zynismus kaum zu überbieten und zeigt, wie weit sich Journalisten und Sozialwissenschaftler, selbst wenn diese empirisch arbeiten, von der gesellschaftlichen Wirklichkeit entfernt haben.


Kein Hinweis darauf, daß die zu Beginn genannten gegenwärtigen Krisen nicht vom Himmel gefallen sind, so daß man sie demütig hinnehmen müßte. Keine Frage nach den Ursachen und Verursachern der Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit. Keine Frage nach dem rationalen Kern von Angst, Sorge und Wut. Kein Hinweis darauf, daß die Bürger nicht einfach unfrohe und unflexible Schwarzseher sind, sondern in ungekannten Größenordnungen psychisch krank geworden sind und weiterhin werden, unter Überforderungen leiden und ausbrennen, Selbstmord begehen oder auswandern – ebenfalls in ungekanntem Ausmaß. Eine nationale Tragödie, die Zerstörung eines potenten Gemeinwesens, wird verniedlichend als Einstellungsproblem verweichlichter Sozialstaatszombies interpretiert. Mit Sprüchen à la „das Glas ist halbvoll“ wird die Bevölkerung positiv auf „die Zeit des Umbruchs“ eingeschworen. Die Große Grippe wertete der Herr vom ideologischen Part des Great Reset, Klaus Schwab, ja auch schon als hervorragende Voraussetzung für einen Totalumbruch. In dessen Dienst stehend sehen sich die öffentlich-rechtlichen Medien und die öffentlich-rechtlichen Sozialwissenschaften offenkundig auch. Zu den vordringlichsten Maßnahmen im Zuge einer Revolution würde zählen, ihnen ihre Redaktions- und Lehrstühle vor die Tür zu setzen.


*


Über die Autorin: Beate Broßmann, 1961 in Leipzig geboren, erfolgreiches Philosophie-Studium, vor der „Wende“ in der DDR Engagement für demokratische Reformen, später Mitglied der oppositionellen Vereinigung „Demokratischer Aufbruch“.


Seit 2018 Autorin bei www.anbruch-magazin.de.





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