Dirk Brockschmidt: TAGEBUCH EINER UNBEQUEMEN
MONIKA MARON ZWISCHEN DDR UND MORALISCHEM AUTORITARISMUS
»Nach meinem Tod zu verbrennen« – kaum eine Verfügung ist unter Schriftstellern und Intellektuellen so verbreitet wie diese Aufforderung. Hätte Max Brod den Willen Franz Kafkas befolgt, man spräche von Kafka als einem Randphänomen der Prager Literatur. Hätte Carl Schmitt größere Teile seiner Aufzeichnungen dem Feuer überantwortet, wären die Kanten, die er im Glossarium zieht, sowie die beißende Schärfe, mit der er Ernst Jünger und den bundesrepublikanischen Betrieb mustert, der Nachwelt unbekannt geblieben. Daß auch Monika Maron ihre Tagebücher vernichten wollte, war für sie klar, doch nun erzwingt es die Zeit, daß Maron ihre persönlichen Aufzeichnungen aus dem Zeitraum 1980 bis 2021 unter dem Titel Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig zugänglich macht.
Unbequem von Anfang an
Stößt der Leser auf den Satz: »Sie können es nicht lassen, politische Konfrontationen in moralische Diffamierungen zu verwandeln«, wähnt er sich im aktuellen politischen Klima, in dem Diffamierung und Denunziation den Ist-Zustand stabilisieren. Maron schrieb ihn unter dem 10. April 1980, als der stellvertretende DDR-Minister für Kultur Klaus Höpcke äußerte, Maron habe Änderungen nur aus Faulheit nicht gemacht und sei unzuverlässig. Der Vorgang ist kein historischer Zufall, sondern eine wiederkehrende Struktur: Wo das Argument schwach wird, tritt das moralische Urteil an seine Stelle. Vierzig Jahre später wiederholt sich diese Mechanik, als die S.Fischer-Verlegerin Siv Bublitz Monika Maron keinen neuen Vertrag geben wollte – jener S. Fischer Verlag, bei dem Maron aus der DDR heraus ihre Werke, insbesondere den Umweltroman Flugasche, der die katastrophalen Verhältnisse in einem Atomkraftwerk schildert, verlegen ließ.

Der angebliche Grund war das Essay-Bändchen Krumme Gestalten, vom Wind gebissen, das 2020 in der von Susanne Dagen herausgegebenen Exil-Reihe des »BuchHaus Loschwitz« erschienen ist und Maron den moralischen Stempel aufdrückte, »neu-rechts« zu sein. Wieder tritt eine moralische Diffamierung – »rechts« fungiert hier nicht als Beschreibung, sondern als Stigma der Kontaktschuld – an die Stelle der politischen Konfrontation, obwohl sich die Schriftstellerin nicht entsprechend parteipolitisch geäußert hat. Maron schreibt am 30. September 2019, daß das Vertrauen zum S. Fischer Verlag vollkommen zerstört ist, da sie auf Bestreben der S. Fischer Stiftung aus einem Geburtstagsartikel für Monika Schoeller, langjährige Leiterin der S. Fischer Verlage, gestrichen wurde. Diese Streichung geht zurück auf den kulturpessimistischen Roman Munin oder Chaos im Kopf, in dem literarische Figuren Gedanken über gesellschaftliche Veränderungen im Zusammenhang mit Migration – etwa mit Blick auf einen Spielplatz – nicht haben dürfen.
Die Freiheit nach der Freiheit
In den frühen Aufzeichnungen zeigt sich, daß Maron ein gutes Gespür für die Zwischentöne der Freiheit hat. Sie beschreibt die triste Realität der DDR, die ihren Bürgern sowohl die räumliche Freiheit durch Reiseverbote als auch die intellektuelle Freiheit durch Bücher- und Publikationsverbote verwehrte und sie zu dem Fazit bringt: »Es gibt nichts, was ich für die DDR vorsingen könnte, nichts. Es gibt nur einen Grund, hier zu bleiben, daß man hier ist.« Die Einträge werden nach der »Wiedervereinigung« seltener, was Maron damit begründet, daß sie nun wieder für Zeitungen schreiben durfte.
Maron erweist sich als unbequeme Schriftstellerin, die symptomatisch für viele Intellektuelle steht, die aus der DDR kommend in die Freiheit hineingewachsen sind und nun merken, daß die Freiheit einem neuen moralischen Autoritarismus weicht, der sich wie in der DDR mit dem Guten begründet. Der vom westdeutschen Feuilleton geprägte Literaturbetrieb verweigert gerade die Akzeptanz des feinen Sensoriums jener Intellektuellen, die die Unfreiheit der DDR erfahren haben. Deren Erfahrungen machen sichtbar, was im Gegenwärtigen verdrängt wird: Freiheit verschwindet nicht einfach, sondern wird in moralische Kategorien überführt, die den Widerspruch delegitimieren und letztlich dafür sorgen, daß Sprechregeln zu Denkregeln führen.
Monika Maron: »Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig«. Tagebücher 1980-2021. Hoffmann und Campe Verlag: Hamburg 2026
Über den Autor: Dirk Brockschmidt, geboren 1995, ist Publizist und Student. Er betreibt den Instagram-Account @das_klassische_buch
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