top of page

Gunther Nickel: DIE INFLATION DER HALTUNG

vor 5 Minuten
4 Min. Lesezeit

Warum aus einer Meinung noch kein Argument wird


Pfiffe und „Schande“-Rufe empfingen den tschechischen Kulturminister Oto Klempíř, als er bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse ans Rednerpult trat. Der parteilose, von der rechtsgerichteten Partei der Motoristen nominierte Minister wurde auch mit seiner früheren Tätigkeit als Informant der tschechoslowakischen Staatssicherheit konfrontiert.


Als anschließend die Schriftstellerin Radka Denemarková erklärte, Minister, die die Kultur zerstörten, kämen und gingen, die Literatur aber bleibe, erntete sie begeisterten Beifall. Die Sympathien waren unmissverständlich verteilt. Natürlich war damit keines der politischen Probleme geklärt, um die es unausgesprochen auch ging.


Gewiss: Die Vergangenheit eines Ministers ist kein Privatthema, und wer sie zur Sprache bringt, argumentiert mit einer Tatsache. Aber ein Pfiff ist kein Argument. Er begründet nichts, widerlegt nichts und verlangt keine Antwort. Er zeigt nur, auf welcher Seite man steht.




Cripple with Cowl, Jacques Callot, 17.Jhdt
Cripple with Cowl, Jacques Callot, 17.Jhdt


Die Szene passte zu einer Buchmesse, die sich auch in diesem Oktober als Forum der großen politischen Fragen verstand. Unter dem Titel „Frankfurt Calling“ standen rund 120 Veranstaltungen zu Demokratie, Menschenrechten, Meinungsfreiheit, Krieg und Klimawandel auf dem Programm. Die Literatur war nicht verschwunden, musste sich die Aufmerksamkeit aber mit einer anderen Erwartung teilen: Autoren und Intellektuelle haben nicht nur etwas zu sagen, sie haben vor allem Haltung zu zeigen.


Haltung ist zum intellektuellen Gütesiegel geworden. Wer sie zeigt, gilt als mutig, verantwortungsbewusst und moralisch zuverlässig. Ob seine Auffassungen zutreffen und seine Argumente überzeugen, scheint demgegenüber zweitrangig. Dabei hat jeder Mensch Haltungen, auch der Opportunist, der Fanatiker und der Ignorant. Sie können aus Erfahrung und Nachdenken hervorgegangen sein, ebenso gut aber aus Vorurteilen oder dem Wunsch, zur richtigen Gruppe zu gehören. Ihr bloßes Vorhandensein sagt über ihre Berechtigung nichts aus.


Der Unterschied ist grundsätzlich: Eine Haltung zeigt, wo jemand steht; ein Argument legt dar, weshalb seine Auffassung richtig sein soll. Wer seine Haltung bekundet, teilt zunächst etwas über sich selbst mit. Eine Behauptung lässt sich dagegen überprüfen, ein Argument widerlegen. Die Haltung beglaubigt den Sprecher, noch bevor geprüft worden ist, was er sagt.


Die politische Öffentlichkeit belohnt diese Form der Selbstauskunft. Man bekennt sich zu Demokratie, Vielfalt, Toleranz oder Menschenrechten, als sei mit der Nennung solcher Begriffe schon geklärt, was sie im konkreten Fall verlangen. Doch Meinungsfreiheit bewährt sich erst, wenn sie auch für Auffassungen gilt, die man entschieden ablehnt. Und wer sich für Menschenrechte einsetzt, hat noch nicht beantwortet, welche politischen Maßnahmen geeignet sind, sie wirksam zu schützen. Ein Bekenntnis ist billiger als ein Argument: Es verlangt weder die Prüfung der eigenen Voraussetzungen noch die Auseinandersetzung mit Gegenpositionen.


Wo Bekenntnisse Anerkennung einbringen, wird Haltung zur sozialen Währung. Wer die erwarteten Formeln verwendet, signalisiert Zugehörigkeit; wer sie verweigert, macht sich verdächtig. Dabei muss er die damit verbundenen Auffassungen keineswegs ablehnen. Vielleicht hält er es nur für überflüssig, Selbstverständlichkeiten öffentlich zu versichern. Doch schon diese Zurückhaltung kann als Mangel an Haltung gelten. Nicht mehr allein das Gesagte zählt, sondern auch das unterlassene Bekenntnis. Je selbstverständlicher solche Bekenntnisse erwartet werden, desto weniger sagen sie über die tatsächlichen Überzeugungen ihrer Urheber aus.


Gewiss kann das öffentliche Eintreten für eine Überzeugung Mut verlangen. Unter einer Diktatur kann schon die Weigerung, eine vorgeschriebene Meinung zu übernehmen, ein Akt des Widerstands sein. Aber zwischen dem Mut, für eine Überzeugung einzustehen, und ihrer Richtigkeit besteht kein notwendiger Zusammenhang. Auch für Irrtümer kann man Opfer bringen.


Deutlich zeigt sich das Problem im Kulturbetrieb. Von Schriftstellern wird zunehmend erwartet, dass sie sich zu den politischen Konflikten ihrer Gegenwart positionieren, und ihre Werke werden nicht selten unter politischen Gesichtspunkten beurteilt. In diesem Jahr erklärte Radka Denemarková, Literatur und Politik ließen sich nicht trennen; man müsse den Menschen an der Macht „das Leben komplizieren“. Das kann man vertreten. Eine ästhetische Forderung ist es jedoch nicht, zumal eine besondere Leistung der Literatur gerade darin besteht, einander widersprechende Perspektiven zu entfalten, ohne eine davon abschließend zu bestätigen.


Wo moralische Selbstvergewisserung an die Stelle des Arguments tritt, verändert sich auch die politische Gegnerschaft. Wer eine Auffassung für falsch hält, kann versuchen, sie zu widerlegen. Wer in ihr vor allem eine verwerfliche Haltung erkennt, hat wenig Anlass, sich mit ihren Gründen zu beschäftigen. Der Gegner erscheint dann nicht als jemand, der irrt, sondern als jemand, mit dem etwas nicht stimmt.


Was das konkret bedeutet, zeigt der Streit um Klempířs Rundfunkpolitik. Die tschechische Regierung will die Gebühren für Fernsehen und Hörfunk abschaffen und die Sender künftig aus allgemeinen Steuermitteln finanzieren. Sie verspricht eine Entlastung der Bürger, eine wirksamere Kontrolle der Ausgaben und geringere Verwaltungskosten. Die öffentlich-rechtlichen Sender halten dagegen, die Umstellung gefährde ihre finanzielle und institutionelle Unabhängigkeit. Der Regierungsentwurf sieht geringere Mittel vor als die bisherigen Gebühreneinnahmen; zugleich sollen die Zuwendungen gesetzlich festgelegt und grundsätzlich an die Inflation angepasst werden.


Entscheidend ist deshalb nicht allein die Finanzierungsform, sondern die Frage, welche Sicherungen politische Eingriffe verhindern und wie die Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags kontrolliert wird. Unabhängigkeit von der Regierung bedeutet noch keine politische Ausgewogenheit. Die Verteidigung bestehender Finanzierungsstrukturen ist nicht schon deshalb ein Dienst an der Demokratie, weil sie im Namen der Pressefreiheit erfolgt. Ebenso wenig beweist der Wunsch nach einer Reform, dass die Regierung die Berichterstattung unter ihre Kontrolle bringen will. Über all das ließe sich streiten, mit Zahlen, Gesetzestexten und Gründen.


Im Saal geschah nichts davon. Der Minister hatte die strittigen Themen in seiner Rede ausgespart, seine Gegner mussten sie nicht benennen, um Zustimmung zu finden. So blieb es bei zwei Gesten, den Pfiffen gegen Klempíř und dem Jubel für Denemarková. Wer aber dergestalt nur Haltung zeigt, hat noch nichts begründet und im sicheren Saal auch nicht riskiert.

 


Über den Autor: Gunther Nickel ist Mitglied der TUMULT-Redaktion. Er lehrt als außerplanmäßiger Professor Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Mainz. Letzte Buchveröffentlichung (als Hg.): Carl Zuckmayer/Peter Suhrkamp: Briefwechsel. Wallstein Verlag, Göttingen 2026



Hier können Sie TUMULT abonnieren.                                    

Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier.


Besuchen Sie das Dresdner TUMULT FORUM – für Termine und Neuigkeiten genügt eine Nachricht mit Ihrem Namen und dem Betreff TERMINE an TUMULTArena@magenta.de   

bottom of page