top of page

Edmund Piper: WIRKLICHKEITEN. ÜBER DEN KÜNSTLER FRANK SCHÄPEL UND DIE RÄNDER DES SICHTBAREN

  • 6. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Es sind nicht die großen Häuser, in denen sich gegenwärtig die interessantesten Verschiebungen beobachten lassen, sondern die kleinen, halbverdeckten Räume an den Rändern des Kulturbetriebs. Orte wie die „Staatsreparatur“, ein Raum, der sich – jenseits etablierter Kuratierungslogiken – auch Positionen öffnet, die im gegenwärtigen Kunstdiskurs nur selten sichtbar werden.


Dort begegnet man dann mitunter Konstellationen, die im institutionellen Rahmen kaum denkbar wären: etwa einer Lesung von Martin Sellner – und im Publikum einem Künstler wie Frank Schäpel, dessen Werk sich seit Jahren entlang jener Grenzlinien bewegt, an denen ästhetische, historische und politische Wahrnehmungsordnungen ineinander greifen.





Schäpel ist kein klassischer Außenseiter. Seine Ausbildung führt ihn durch die etablierten Instanzen: Studium in Bremen, Meisterschüler bei Georg Baselitz an der Berliner Universität der Künste. Ein Weg also, der ihn eigentlich fest im institutionellen Gefüge verorten müsste. Und doch beschreibt er diese Phase rückblickend als erstaunlich folgenarm für seine eigene Position: Die oft beschworene ideologische Prägung des Kunstbetriebs sei für ihn, so sagt er, weniger wirkmächtig gewesen als gemeinhin angenommen – vorausgesetzt, man mache sich nicht allzu abhängig vom Urteil anderer.


Diese Betonung von Unabhängigkeit ist zentral. Sie erklärt auch die eigentümliche Konsequenz, mit der Schäpel seine Themen wählt. Seine frühen Arbeiten – großformatige, anatomisch präzise Darstellungen des menschlichen Körpers – sind Resultat einer fast wissenschaftlich anmutenden Annäherung. Präparierkurse, Austausch mit Medizinern, ein Studium der physischen Struktur des Menschen, das weit über das Übliche hinausgeht. Malerei erscheint hier nicht als Selbstzweck, sondern als Instrument einer Erkenntnisbewegung.


Dass eine solche Arbeitsweise mit den Beschleunigungslogiken des Kunstmarkts kaum kompatibel ist, liegt auf der Hand. Schäpel bestätigt das ohne Zögern. Die geringe Produktionsrate, der enorme technische Aufwand – all das steht quer zu einem Betrieb, der auf Wiedererkennbarkeit und Zirkulation angewiesen ist. Doch gerade in dieser Spannung zeigt sich ein wiederkehrendes Motiv seines Denkens: Die Form hat sich dem Gegenstand zu fügen, nicht umgekehrt.


In späteren Werkphasen verschiebt sich diese Relation. Die Hinwendung zu fotografischen und medial vermittelten Vorlagen erlaubt eine Reduktion der malerischen Mittel, eine Abkehr von der zuvor angestrebtenTotalgenauigkeit. Doch diese Reduktion ist, wie Schäpel betont, kein Verlust, sondern Resultat einer bereits durchlaufenen Aneignung: Erst die extreme Präzision ermöglicht ihre spätere Auflösung.


Was seine Arbeiten jenseits formaler Fragen zusammenhält, bezeichnet Schäpel selbst als Interesse an

„Wirklichkeiten“, die im kulturellen Kanon marginalisiert bleiben. Darunter fallen historische Themen – etwa die Auseinandersetzung mit der Erfahrungswelt deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg, einschließlich der Darstellung existenzieller Extremsituationen wie den Suiziden beim Einmarsch der Roten Armee. Ebenso gehören religiöse Phänomene dazu, etwa Marienerscheinungen.

Und schließlich jener Themenkomplex, der gegenwärtig im Zentrum seiner Arbeit steht: das sogenannte UFO-Phänomen.


Gerade hier verschärft sich die epistemische Problemlage. Denn anders als beim historischen oder anatomischen Material entzieht sich der Gegenstand einer stabilen Verifikation. Schäpel beschreibt seinen Zugang daher zunächst als dokumentarisch: umfangreiche Lektüre, Gespräche mit Wissenschaftlern, die Anlage von Kartierungen globaler Sichtungsberichte. Ein Versuch, Ordnung in ein Feld zu bringen, das sich durch Uneindeutigkeit auszeichnet.


Doch genau diese Nüchternheit erweist sich ihm zufolge als unzureichend. Die rein empirische Erfassung bleibt an der Oberfläche eines Phänomens, das wesentlich durch seine Wahrnehmungs- und Deutungsgeschichte geprägt ist. An dieser Stelle tritt die Kunst als ein anderes Erkenntnismedium in Erscheinung: weniger darauf ausgerichtet, Eindeutigkeit herzustellen, als vielmehr darauf, Ambiguität sichtbar zu machen.


Auf die Frage nach der „Realität“ von UFOs reagiert Schäpel entsprechend differenziert. Er vermeidet definitive Festlegungen, insistiert jedoch darauf, dass es eine Vielzahl von Beobachtungen gibt, die sich nicht ohne Weiteres bekannten Kategorien zuordnen lassen – einschließlich solcher, die durch technische Daten gestützt werden. „Das Phänomen existiert“, formuliert er vorsichtig, und meint damit zunächst die Tatsache seiner Erscheinung, nicht deren abschließende Erklärung.


Interessant ist, dass die Reaktionen auf diese Position weniger entlang der Grenze zwischen Wissenschaft und Spekulation verlaufen als entlang sozialer Akzeptanzmuster. Innerhalb des Kunstbetriebs, so Schäpel, werde die Beschäftigung mit UFOs zunächst als exzentrisch, dann als potenziell irrational wahrgenommen. Diese Zuschreibung sei jedoch vergleichsweise harmlos gegenüber den Sanktionen, die politische Abweichungen nach sich ziehen können. Exzentrik wird toleriert – Dissens deutlich weniger.


Damit bewegt sich Schäpel in einem Feld, das sich weder eindeutig dem etablierten Kunstmilieu noch einem klar umrissenen Gegenmilieu zuordnen lässt. Seine Schilderungen von Begegnungen – etwa bei Veranstaltungen in Schnellroda oder im Kontext von UFO-Forschungsgruppen – zeichnen ein Bild, das gängigen Stereotypen widerspricht: weniger ideologisch homogen, als vielmehr von einer gemeinsamen Bereitschaft zur Auseinandersetzung geprägt.


Vor diesem Hintergrund gewinnt auch ein Verweis an Bedeutung, der auf den ersten Blick überraschend wirken mag: Yukio Mishima. Für Schäpel verkörpert Mishima eine Figur, in der sich scheinbare Gegensätze überlagern: ein ausgeprägtes Traditionsbewusstsein bei gleichzeitiger Offenheit für Themen, die außerhalb des Erwartbaren liegen – einschließlich des Interesses am UFO-Phänomen.


Diese Konstellation dient ihm weniger als historischer Beleg denn als heuristisches Modell. Denn das UFO erscheint in seiner Lesart selbst als Grenzfigur: zugleich Produkt einer Hochtechnologie und

Projektionsfläche archaischer Imaginationen. Es steht für eine Form von Transzendenz, die sich nicht mehr religiös codiert, sondern im Medium technischer Sichtbarkeit artikuliert.


Gerade hierin liegt für Schäpel die ästhetische Qualität des Gegenstands. Das UFO als Bild – flüchtig, entrückt, potenziell bedrohlich – evoziert eine Erfahrung, die sich klassischen Kategorien entzieht und dennoch tief in der Bildtradition verankert ist. Man könnte, vorsichtig, von einer Aktualisierung des Romantischen sprechen: nicht mehr gebunden an Landschaft oder Natur, sondern an ein Phänomen, das die Grenzen des Wahrnehmbaren selbst markiert.


Was bleibt, ist eine Praxis, die sich systematisch an den Rändern bewegt – nicht aus Opposition um ihrer selbst willen, sondern aus dem Interesse an jenen Bereichen, in denen sich die Ordnung des Sichtbaren verschiebt. Dass dies Irritationen hervorruft, ist kaum überraschend. Vielleicht ist es, in diesem Fall, sogar die eigentliche Bedingung ihrer Wirksamkeit.



Frank J. Schäpel: UFOKOMPLEX

Vernissage: 07.05.26 / 19 Uhr

Ausstellungsdauer: 07.05.26 – 26.06.26

Öffnugnszeiten: Do-Fr 16-19 Uhr und nach Vereinbarung


Galerie Zentrale Randerscheinung

Ludwigstr.91

04315 Leipzig


Über den Autor: Edmund Piper war Leiter des Berliner Kunstsalon und Co-Direktor der Tease Art Fair, Mitbetreiber einer Galerie in Berlin Mitte, Kurator diverser Einzel- und Gruppenausstellungen sowie von 2001-2004 Herausgeber des Berliner Kunstmagazins KONDENSAT.


Hier können Sie TUMULT abonnieren.                                    

Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier.


Besuchen Sie das Dresdner TUMULT FORUM für Termine und Neuigkeiten genügt eine Nachricht mit Ihrem Namen und dem Betreff TERMINE an TUMULTArena@magenta.de  



bottom of page