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Karsten Dahlmanns: POLEN LACHT

vor 4 Stunden
6 Min. Lesezeit

Und zwar über uns, Landsleute, zuweilen wenigstens. So leid es mir tut.


Kurz nachdem ich vor mehr als zwei Jahrzehnten nach Polen ausgewandert war, um an dortigen Hochschulen zu lehren, erntete ich auf einem Klassentreffen mitleidige Blicke. Man schaute mich an, als hätte ich mich dazu entschlossen, in Togo oder Tansania zu leben, und zweifelte an meinem Verstand.



Józef Chełmoński: Przed wschodem słońca (Morgenstern), 1891
Józef Chełmoński: Przed wschodem słońca (Morgenstern), 1891

Inzwischen stellt sich die Sache anders dar. In den sozialen Medien tobt der Polen-Hype. Seit etwa zwei Jahren werde ich, sofern in Österreich oder Bundesdeutschland, immer wieder auf Polen angesprochen, und zwar positiv. Mit meinem Verstand war also doch alles in Ordnung. Meine Wette auf unseren Nachbarstaat jenseits von Oder und Neiße ist wider Erwarten der damaligen Spötter aufgegangen. Und da ich ein wenig rachsüchtig bin, reibe ich meinen Landsleuten gern unter die Nase, wie lange eine Einkommenssteuer-Erklärung in der Republik Polen dauert: einige Klicks und wenige Minuten auf der Benutzeroberfläche des E-Urząd Skarbowy, der Internetpräsenz meines hiesigen Finanzamts.


Doch will ich nicht kleinlich sein. Immerhin kann man vielen Sachbearbeiter*innen deutscher Ämter noch ein Fax schicken, wie auf deren papierner Korrespondenz anstelle einer E-Mail-Adresse vermerkt.[1] Das rief wieherndes Gelächter bei einem meiner polnischen Kollegen hervor: „Karsten, wann hast Du zuletzt ein Faxgerät gesehen, geschweige denn bedient? 1995?“


*


Deutsche, die polnische Städte und Landschaften besichtigen, gebrauchen gern das Wort „noch“. In Polen sei es „noch“ in Ordnung, es gebe dies oder das „noch“, diese oder jener Fehlentwicklung „noch“ nicht. Man mag dergleichen als Anzeichen deutscher Arroganz inkriminieren oder mit Nachsicht betrachten. In jedem Falle zeugt es davon, daß mit jedem solchen „noch“ der Sprecher einen linearen Verlauf der Geschichte annimmt – mit Deutschland stets vor Polen, näher an Welt- oder Ungeist, im Guten wie im Schlechten.


Nun haben unsere Landsleute bekanntlich ein Problem mit der Empirie. Sie wird nur allzuoft ignoriert, wo sie liebgewonnene Theorien bedroht; alles andere wäre ja oberflächlich, von schlechterdings angelsächsischer Nüchternheit, „rechenhaft“ (Max Scheler) und ein Symptom von „Nutzsucht“ (Stefan George), das heißt Utilitarismus. Diese spezifisch deutsche Empirie-Feindlichkeit fing mit der Verelendungsthese bezüglich der ‚Proletarier‘ im Kapitalismus nicht an[2] und wird mit den Kapriolen der Klima-‚Wissenschaft‘ nicht enden. Die Erfahrungswirklichkeit stört deutsche Denker – sorry, Denker*innen – klassischerweise mehr als andere. Der woke Unsinn an den Universitäten der Anglosphäre tut dem keinen Abbruch.   


Es ziemt sich den Deutschen daher, eifriger – also mit dem ehrlichen Wunsch, etwas zu lernen – und genauer hinzusehen, wo es um Polen (Land und Leute) geht, und weniger zu schwadronieren. Dies gilt ganz sicher für den Artikel von Markus C. Kerber auf dem TUMULT-Blog (15.04.2026), in dem bezüglich des „zerstrittenen“ Landes Polen verkannt wird, daß divergierende Meinungen und Zielvorstellungen von Freiheit zeugen. Einigkeit gibt es in Nordkorea. Schreibt Kerber von „expansionistischen Kriege[n] Polens nach der Neugründung des polnischen Staates ab 1919 zur Schaffung eines großpolnischen-litauischen-weißrussischen Reiches“,[3] übersieht oder verschweigt er die Realien im übrigen Ost(mittel)europa, vom Balkan bis zum Baltikum. Fallen Imperien, pflegen ihre Nachfolger-Staaten einander anzufallen, um günstigere Grenzen zu ziehen – übrigens nicht nur in der Alten Welt. Polen aus diesem Gesamt-Szenario herauszunehmen, um es als Störenfried zu charakterisieren, liegt gefährlich nah an einer suggestio falsi. Kurios zudem, daß Kerber den Polnisch-Sowjetischen Krieg (1919-1920) ungenannt läßt – sollte nicht jedes Bedrohungsgefühl seitens der Polen Illusion gewesen sein?  


Das Gebot, genauer hinzusehen, gilt freilich auch dort, wo positiv über Polen und seine Bürger geschrieben wird. Wenn Rainer Zitelmann in seinem sympathischen Buch Der Aufstieg des Drachen und des weißen Adlers (München 2023) feststellt, daß die Polen vergleichsweise wenig Sozialneid verspüren, hat diese frohe Botschaft bei fast jedem meiner polnischen Bekannten ein herzhaftes Lachen ausgelöst. Wo Zitelmann seine Umfrage habe durchführen lassen, wurde gefragt, während man lächelnd sein Haupt schüttelte.


Denn so pro-kapitalistisch sind die Polen nicht. Wie Ex-Wirtschaftsminister Leszek Balcerowicz, dem Polen die zügige Einführung der Marktwirtschaft verdankt, in einem Tweet vom 28.11.2024 schreibt, habe es in Polen seit 2014 keine einzige Privatisierung gegeben, obwohl die Menge der Firmen in Staatsbesitz gewaltig sei.


Vielleicht liegt das Erfolgsgeheimnis östlich der Oder darin, daß man den Staat nimmt, wie er eben ist, und gleichzeitig nichts – bestenfalls äußerst wenig – von ihm erwartet. Man zahlt in eine staatliche Krankenversicherung ein, geht aber, wenn’s drauf ankommt oder auch nur besserer Service verlangt wird, privat zum Arzt. Derartiger Pragmatismus, den es natürlich nicht nur in Polen gibt, steht in krassem Gegensatz zur verbissenen Staatsanglotzung so vieler Menschen in meinem Herkunftsland. Vater Staat hat’s genommen, per Steuern und chronischer Inflation nämlich, nun soll er auch geben, und zwar ‚angemessen‘, ‚anständig‘ und ‚ausreichend‘. Träumt weiter, Landsleute! Weshalb wohl nennt Nietzsche den Staat „das kälteste aller kalten Ungeheuer“?  



*


Vor der Odermündung wurde 2025 ein großes Erdöl- und Erdgasfeld entdeckt. Polen will es ausbeuten, Deutschland nicht. So treffen das polnische Ansinnen, ein besseres, reicheres und, da Energie-Autarkie kaum schaden dürfte, sichereres Leben für künftige Generationen zu gewinnen, auf den deutschen Todeswunsch: besser nichts tun, das Tante Gaia, der grünen Ersatzgottheit, mißhagen könnte; besser sich in Luft auflösen; besser gar nicht erst geboren werden


Kein Wunder, daß in Deutschland schlechte Laune herrscht – zumindest bei denjenigen, welche gern noch ein wenig leben würden, doch vom deutschen Etatismus erdrosselt werden. Entsprechend sehen sie aus, die Gestalten in den deutschen Fußgängerzonen, womit ich nicht die schlechterdings Verrückten, sondern die hoi polloi in ihren Schlabber-Shirts und Bermuda-Shorts meine. Amerikaner sagen gern, daß eine Gesellschaft von Waffenträgern zu einer höflichen Gesellschaft gereiche. Das vermag ich nicht einzuschätzen. In jedem Falle gerät eine Gesellschaft von Bürgergeld-Empfängern zu einer häßlichen, raunzenden Gesellschaft. Hier ist mit Höflichkeit nichts mehr zu gewinnen, hier lebt ein jeder seine durchweg unerfreuliche Partikularität aus, und E-Mails mit Satzzeichen sind lange schon zur Ausnahme geworden.


Natürlich erblicken unsere glücklosen Landsleute auch und gerade in der Not (fast) immer den Ausweg im Staat; sie möchten ja keine bösen, bösen Angelsachsen sein, die ihrem bösen, bösen Turbokapitalismus frönen. Das führt, wie jeder Irrationalismus, zu Verfehlungen teils tragischen, teils tragikomischen Inhalts, etwa einem drolligen Kontrast auf bundesdeutschen Autobahn-Parkplätzen: Hier das namen- und hoffnungslos verdreckte Toilettenhäuschen mit seiner vandalensicheren, an ein Hochsicherheitsgefängnis erinnernden Anti-Architektur, dort die nagelneue Ladestation mit riesenhaftem, seiner Höhe wegen ins Dysfunktionale tendierendem Flachdach, auf dessen Rand der Schriftzug „Deutschlandnetz“ prangt, einer Zwangsbeglückung des Bundesministeriums für Verkehr. Kultur versus Zivilisation, der alte Gegensatz. Hier steht er uns vor Augen. 


Bei dem bereits erwähnten Herrn Kerber äußert sich deutsche Staatsanglotzung – vergleiche dazu die Replik von Karol K. Sauerland (TUMULT-Blog vom 28.04.2026) – im etwas giftig geratenen Hinweis auf EU-Mittel, ohne deren Zuerkennung sich Polen weit weniger entwickelt hätte, jedenfalls nach Meinung Kerbers. Genau das bleibt die Frage! Vielleicht wäre das Land weiter, wenn es konsequent auf die Markt- und Unternehmerwirtschaft gesetzt hätte, einschließlich einer vernünftigen, auf die Kräfte des Marktes vertrauenden Energiepolitik, statt auf EU-Subventionen zu hoffen. Gratis-Käse gibt es nur in Mausefallen. Schon verspargeln zahlreiche Windkraftwerke die herrliche Landschaft Niederschlesiens. Sie wurde dem Moloch EU und einem seiner Lieblingsdämonen, dem Klimaschwindel, in den Rachen geworfen.


Wo der Markt ausgehebelt wird, stellt sich selbstverschuldetes Elend ein. Inflation oder shrinkflation, Abstriche bei Packungsgrößen oder Fertigungsstandards machen sich bemerkbar: Kunden bleiben aus, wenn im Daimler, Audi oder BMW die Innenverkleidung knarzt. Bei der Deutschen Bahn bleiben häufig nicht nur die Kunden, sondern sogar die Züge aus. Meine aus Krakau stammende Gemahlin wunderte sich bei solcher Gelegenheit über die stille Resignation, mit der die Deutschen den Verfall ihres Landes hinnehmen: „Niemand hat sich aufgeregt, niemand einen Bahn-Mitarbeiter zur Rede gestellt.“ Sie lachte darüber, fand die Lethargie unserer Landsleute aber auch erschreckend. Immerhin – immerhin? – ließ sich bei einer kurzen Internet-Recherche feststellen, daß die auf der fraglichen Strecke zum Einsatz kommenden Lokomotiven und Doppelstockwagen jünger waren, als ihr lust- und liebloses Design vermuten ließe: gegen zwanzig Jahre.


Unterdessen sitzen auf einem Supermarkt-Parkplatz im Landkreis Krakau drei wohlgestalte Kinder unter der geöffneten Heckklappe eines Porsche Cayenne, der mit einigen Metern Abstand gegenüber dem Butelkomat steht, einem Automaten, an dem man Plastikflaschen zurückgeben kann, um das Pfandgeld zu erhalten. Unter der Tusk-Regierung wurde die wunderbar praktische Abfuhr von Einweg-Flaschen in Säcken durch ein System nach ‚westlichem‘, sprich: deutschem Vorbild ersetzt, was die polnischsprachige X-Sphäre zu bissigen Kommentaren veranlaßte. Doch hat ein jegliches seine Zeit; der Ärger hat seine Zeit, und das Sich-Nicht-Mehr-Ärgern hat seine Zeit. Daher sitzen die drei Sprößlinge entspannt an der Kofferraumkante des Cayenne, von dem es in der Gemeinde, in der ich wohne, bemerkenswert viele gibt; ihre braungebrannten Beine baumeln über den Stoßfänger. Ihr Vater plaudert gutgelaunt mit einem Nachbarn, jeder mit einem großen transparenten Sack voller Plastikflaschen in der Hand. Es weht ein leichter Wind, und ein angenehmer Abend kündigt sich an. Polen lacht. Ab und an über die Deutschen; weit häufiger deshalb, weil das Leben schön ist.



[1] Zumindest im nördlichen Niedersachsen.  

[2] Schon der Ehrentitel eines Proletariers stand (und steht) einem Arbeiter ausschließlich dann zu, wenn er sich so benimmt, wie Karl Marx es voraussetzt. Sonst war (und ist) er „kleinbürgerlich verdorben“, „Lumpenproletarier“ usw.

[3] Kerber meint vermutlich das Intermarium-Projekt.



Über den Autor: Karsten Dahlmanns, promovierter Philosoph und habilitierter Literaturwissenschaftler, Professor einer Universität im Süden Polens, wo er seit 2004 lebt. Jüngste Buchveröffentlichungen: Karsten Dahlmanns: Vom besonderen Unglück tüchtigerer Minderheiten. Eine Reaktualisierung des Werks von Helmut Schoeck. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2023, 222 Seiten; Stefan George: Gwiazda przymierza (Der Stern des Bundes), Übertragung: Wojciech Kunicki, Einführung und Kommentar: Karsten Dahlmanns, Warschau: Fundacja Evivva L’arte 2024, 256 Seiten.



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