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Marc Pommerening: BOTSCHAFTEN AUS DEM INNEREN DES WALS

vor 7 Minuten
3 Min. Lesezeit

Lieber Herr R***,

 

als Lokalpatriot schmerzt mich ein Berlin-Bashing, das zumal in rechten Kreisen eine Art Argumentationsfolklore geworden ist. Man benutzt den bösen Begriff „Reichshauptslum“ oder zieht, Peter Scholl-Latour zitierend, Vergleiche zu Kalkutta.

 

Dabei ist die „vermaledeite Stadt“ (Frank Schäpel) durch ihre formelle Formlosigkeit so kompliziert. Es gibt, anders als etwa in Wien, kein In-Form-sein mit von den Einwohnern enthusiastisch befolgtem Regelwerk, sondern ein stetes und nicht immer erfolgreiches Ringen um die Form. Deshalb ist Berlin die Stadt der Grimasse und des Expressionismus. Deshalb sind die Russen uns so nah mit ihrem verwirrenden Nebeneinander von Spitzen- und Fehlleistungen.

 

Wie klug und geschmackssicher die Stadt einst war, sieht man an den Büchern und Schallplatten, Bildern, Möbeln und Masken auf den zahllosen Flohmärkten der Stadt.

 

Wie blöd sie geworden ist, wird das Wahlergebnis vom Sonntag eindrucksvoll belegen, denn eine antisemitische und linke Partei könnte Wahlsiegerin werden. Ein Alp namens Elif liegt über Berlin.

 

Im sich verdüsternden Stadtbild breitet sich die Kufiya aus, das mit netzartigen Mustern bedruckte Pali-Tuch. Neulich sah ich eine queere, wohl aus Selbsthass tätowierte Junglesbe, die ihre Kufiya mit selbstmitleidigen Tränen nässte, weil der Berliner CSD-Attentäter ein fanatischer Muslim war und kein autochthoner Faschist.

 

Kurz darauf eine in elegantes Schwarz gehüllte Kulturbetriebsschmarotzerin, die ihre Kufiya wohl zwecks Tugendprotzerei spazieren trug. Radical Chic, wie ein Mao-Kittel der Siebziger, da waren aber nicht Millionen Chinesen im Land und die Verehrung für einen Massenmörder blieb im geschmack- also harmlosen Bereich.

 

Ich erinnere mich an ein berühmtes Antiquariat, die „Bücherhalle“, das nach dem 7.Oktober 2023, obwohl belagert von muslimischen Supermärkten, ein Schaufenster mit Judaica einrichtete, das heute wohl eingeschlagen würde. Im syrischen Allzweckladen nebenan hing unterdessen eine Kufiya mit dem Wunschbild einen palästinensischen Staates, der sich Israel vollständig einverleibt hatte.

 

Seinerzeit ging ich auf die gut gesicherte Pro Israel-Demo am Brandenburger Tor. Und begegnete dort fast nur älteren Herrschaften, autochthonen und betuchten Resten des West-Berliner Bildungsbürgertums, Flohmarktgänger wohl und Kunden der Bücherhalle. Israelische Funktionäre forderten allzu ostentativ Gefolgschaft. Eine jüdische Sängerin gab „Strange Fruit“, weil der Texter des Billie Holliday-Klassikers Jude gewesen sei und man sich den diskriminierten Schwarzen Amerikas verbunden fühle. Die Bildungsbürger klatschten, denn sie sang sehr gut. Dann kamen Politiker aller demokratischen Parteien und ich ging.

 

Vitalität, durch die bloße Masse junger Leiber mit Kufiyas hervorgerufen, sah ich eine Woche später vor dem Roten Rathaus. Kein symbolischer Ort wurde hier gewählt, sondern die Machtzentrale Berlins. Eine lockere Volksfeststimmung herrschte: Kleinkinder hauten sich mit Pappschildern, auf die sie Pali-Fahnen gemalt hatten. Den Zorn ihrer Mütter verursachte ein Auftritt der „Queers for Palestine“, linke Schwule im Rock, mit Kufiya und voller Selbsthass. Bis auf sie war es gleichsam das Gesinde der philosemitischen Bildungsbürger, das hier demonstrierte: Der Mann von der Döner-Bude und die Frau aus dem Späti, die Putzkräfte und Flohmarktverkäufer und wohl auch die Inhaber jenes syrischen Allzweckladens – wie viele sie waren und welche Kraft sie plötzlich hatten!

 

Ein befreiend-unheimlicher Aufschrei ging durch die Menge, als ein schwindelfreier Demonstrant den neobarocken Neptunbrunnen bestieg, um die Pali-Fahne, ein Plagiat der jordanischen, dem roten Rathaus entgegen zu strecken. Das wirkte wie die Adaption einer proletarischen Kitschpostkarte, aber wirken tat es – als kraftvolle Kampfansage an eine Stadt, die dumm genug war, ihren Eroberern die Tore zu öffnen. Drei Jahre später entfällt ein Sturm auf das Rote Rathaus, denn das Taxi der Linken wird die Islamisten an die Macht chauffieren.

 

Eine Art Omen sind öffentlich betende Muslime, die sich im Stadtbild häufen. Neulich in der Bibliothek, kniete ein junger Gläubiger auf seiner Kufiya zwischen mir und dem Spind, in dem mein Rucksack steckte. Statt kultursensibel abzuwarten, schnarrte ich ein schlecht gelauntes „Pardon“. Er ging, wie ertappt.

 

Es geht mir bei dieser Schnurre nicht um die Motive des womöglich wohlmeinenden Muslims, sondern um den objektiven Vorgang der Okkupation. Eine Bücherei, in der gebetet wird, hört auf säkulare Bildungsstätte zu sein. Die Gläubigen erzwingen Pietät und Rücksichtnahme, sie fordern Raum und besetzen ihn. Und nachsichtige Bildungsbürger, die auch Kopftuch und Kufiya für bloße Kleidungsstücke halten, werden von Religionsfreiheit raunen und lächeln.

 

Das Berlin der Elif Eralp wird dem Paris von Michel Houellebecq zumindest ähneln, allerdings ohne Geldströme aus den gerade anderweitig beanspruchten Golfstaaten.

 

Mitinsassen Berlins, Ihr habt die Wahl!

 

MP

 

 

Über den Autor: Marc Pommerening (*1970) arbeitet als Autor und Regisseur. Herausgeber von Rexroths Der Wermutstrauch und Verfasser der Mikroaggressionen (beide Edition Finsterberg).





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