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Marc Pommerening: DIE KABALE DER SCHEINHEILIGEN. WENN KOMÖDIANTEN ZUR STÜTZE DER HERRSCHENDEN WERDEN

  • vor 14 Minuten
  • 8 Min. Lesezeit

I.


Das Ancien Regime hatte seine Abenteurer; die Zwischenkriegszeit prägten Hochstapler; Epochenfigur unserer Krisenzeit ist der Comedian, der mit todernster Miene Laienpredigten hält. Wie ein Kleriker neuen Typs bestärkt er die Herrschenden und verhöhnt ihre Verächter. Sein Spott trifft Ketzer; sein Witz ist ihm Mittel zum Zweck und dient der Verkündung einer frohen und woken Botschaft. Puritanischer Mief ersetzt den Ludergeruch der Subversion: der Komiker ist Stütze der Gesellschaft, staatstragend wurde der Satiriker, die Possen des Narren stärken noch die aberwitzigsten Narrative einer Öffentlichkeit, die vielen zur »Clownswelt« geworden ist. Lutherisch-bekenntnishaft gibt sich der moderne Comedian, wenn er den Humor beiseitelässt und sich in berechneter Spontaneität entäußert. Das Smartphone ist ihm Kanzel, seine »community« lässt sich mit Gemeinde der Gläubigen übersetzen. Wenn der Comedian plötzlich ernst macht, weil inszenierte Wut oder Trauer ihn aus der Rolle fallen lassen und er den Menschen hinter der Maske zeigt, dem »der

Klimawandel« oder der US-amerikanische Präsident Donald Trump »einfach eine Scheiß Angst« machen, ist das nicht Rücknahme, sondern neuer Höhepunkt seines Komödiantentums, das indes nicht mehr auf Lacher aus ist.


Seine plötzliche Authentizität soll rühren, seine unbedingte Haltung Respekt abnötigen und – ernst sein ist alles! – potentielle Kritiker einschüchtern. Nur das ehrwürdige, längst als rechts beargwöhnte Relikt Harald Schmidt erinnert noch an die ironische Eleganz der Spaßgesellschaft, für die das unernste und folgenlose Spiel, das stete »Als Ob« kennzeichnend war. Könner wie Anke Engelke oder Hape Kerkeling regte sie zu unzähligen, krass typisierten Witzfiguren an, von denen beide inzwischen nichts mehr wissen wollen: Engelke distanziert sich von ihren Ladykrachern und schreibt mit an einer »neuen Häschenschule«, in der schüchtern vegane Füchse sich mit Kaninchen befreunden. Und »Horst Schlämmer«, Kerkelings liebenswert verkommener Lokaljournalist, ist ihm selbst nurmehr ein »alter weißer Mann«, den »das Publikum« nicht mehr akzeptiere. Bezeichnend daher, dass der schwule Comedian zwar zutreffend die »gestiegene Homophobie« in Berlin beklagt, deren Verwurzelung in migrantischen Milieus aber verschweigt und stattdessen die Weimarer Republik ins Gedächtnis ruft und in den Chor der Zeitgeist-Comedians einstimmend die Furcht vor einem erwachenden neuen Faschismus beschwört. Kerkelings Phantasmagorie benachbart ist der

erfundene faschistische Übergriff: das eigenhändig geritzte Hakenkreuz, der bloß behauptete antisemitische Affront. Gil Ofraim, da Musiker nur Amateurkomödiant, ist an den handwerklichen Mängeln seiner für die Medien inszenierten Antisemitismus-Performance gescheitert, nicht an einer zunächst gutgläubigen Öffentlichkeit.


Der Faschismusvorwurf ist sicheres Kennzeichen woken Komödiantentums und seine Königsdisziplin. Ziel ist stets die eigene Selbsterhöhung durch Delegitimierung des Gegners zum Feind und die Dämonisierung seiner Ansichten. Hitler ist von einer historischen Figur zu einer metaphysischen geworden. Sein teuflisches Fortwirken muss wieder und wieder beschworen

werden, denn nur das absolut Böse zeigt die Lauterkeit derer, die es bekämpfen und macht sie, außer für Nazis, unkritisierbar. Kennten sie ihn, wäre Molieres »diabolischer« Tartuffe das Vorbild der ganzen Innung. Dieselbe Frömmelei, derselbe durch Phrasen bemäntelte zähe Machtwille beim Versuch, ein Haus, eine Institution oder einen Staat zu übernehmen. Moliere, von Haus aus Schauspieler, sah das Schmierantentum klerikaler Intriganten und entwarf einen schwarzen Spiegel für

seinen Monarchen, indem er die Vorgänge bei Hofe in ein bürgerliches Milieu transponierte. Im Kostüm des Klerikers treibt den Comédien Tartuffe radikaler Unglaube. Die profane Absicht entweiht

und entlarvt die Pietät. Tartuffes woke Erben ersetzen die christliche durch antifaschistische Frömmelei. Die bekannte Vermutung Ignazio Silones, dass der Faschismus, kehrte er wieder, sich als Antifaschismus ausgeben würde, belegt den Überdruss, den humanitär getünchter Totalitarismus auch bei einem Linken hervorrufen kann. »Fair is foul and foul is fair«, warnte bereits ein halbes Jahrhundert vor Moliere sein Kollege Shakespeare.


II.


Den diabolischen Verkehrungen haben ihre Verächter nur hilflosen Sarkasmus entgegenzusetzen. Zur

»Clownswelt«, beliebt als Emoji und Meme, ist ihnen die Wirklichkeit geworden: kein Zerrbild des Realen, das man als Zuschauer verlacht, sondern eine von diabolischen Clowns kontrollierte Manege, in der jeder und jede als Haltung deklarierte Verrenkungen auszuführen hat. Die Verkehrtheit der woken Welt liegt darin, dass sie Linientreue für ihre eigene Schrägheit einfordert. Wo das Schräge zum Maßstab wird, gelingt kein gerader Strich mehr. Diese Clownswelt ist karnevalistisch, aber der Karneval ist jetzt eine todernste Sache, nicht Ausnahme, sondern Regel, kein zeitlich begrenzter Exzess toller Tage, sondern INFINITE JEST. Diese Welt hat nichts von Michail M. Bachtins sozialistischem Idyll einer festlich feiernden Volkskultur. Sie vermengt Kanzel und Manege zum Kult. Man hüpft fürs Weltklima, kniet vor »Schwarzen Menschen«, denen mancher die Füße wäscht und macht den bei einem barbarischen Polizeieinsatz getöteten George Floyd zum Narrenkönig woker Saturnalien, der zugleich, in dämonischer Verquickung, ein säkularer

Märtyrer sein muss. Da, wie Bachtin klarstellt, die Abschaffung der Rampe den Tod des Theaters bedeutet, geht es hier nicht um Schauspiel, nicht einmal um Schmierenkomödie. Das Theatrum mundi der Comedians ist keine Daseinsmetapher, die wie im Barocktheater Schauspieler für ein Publikum formulieren, sie ist konkrete Dystopie einer Welt ohne Zuschauer, in der alle zum Mitmachen genötigt werden und jede Distanz verdächtig ist.


Wenn bei Shakespeare »die ganze Welt eine Bühne« oder bei Calderon »Das Leben ein Traum« sein soll, dann ist gerade die Grenzziehung zwischen Bühne und Welt, Kunst und Leben der Kontext. Die Bühne ist Sinn- und Spiegelbild, die Künstlichkeit der Kulisse Symbol. Bühne und Zuschauerraum bedingen einander wie Karneval und Fastenzeit. Doch da die verkehrte sich mit der eigentlichen Welt vermengt, wird die Probebühne zum Debattierklub und die Politik zu einer Schmiere, die, so Gottfried Benn, »fortwährend Faust ankündigt, aber die Besetzung langt nur für Husarenfieber.«

Fraglos: Auch Politiker alten Schlages pflegten ihre Lust an Stichwort und Pointe und gaben sich gern als volkstümlich verschmitzte Komödianten. Ihre Nachfolger aber sind keine Staatsschauspieler, die einen Charakter verkörpern und ihre Rolle stringent zu Ende spielen, sondern Performer, die in der Manege improvisieren. Fatal unterschätzt werden oft vermeintliche Polit-Clowns: Nicht die gereckte Faust und der Ausruf »Fight! Fight! Fight!« sind an Trump bemerkenswert; es ist der kaltblütige situative Instinkt, mit dem der Überlebende eines Attentats seine Leibwächter

zurückpfeift, um eine pathetische Pointe zu setzen.


Der falsche Ernst dominiert den Diskurs. Trumps Pathos ist so unaufrichtig wie Robert Habecks pastorale Innerlichkeit im Küchenbühnenbild. Dabei wurzeln ernsthaft betriebene, zur

Gesetzesreife gelangte Vorhaben offenbar in Travestie und Parodie. »Mann spielt Frau«, die Grundvereinbarung der Travestie-Show, wird zu »Trans-Frauen sind Frauen«, einem Dogma, das durch die gesetzlich garantierte Geschlechtsumwandlung per Sprechakt eine komödiantische Volte bekommt, die jede satirische Überhöhung unmöglich macht. Nahm Tessa Ganserer sich die Loretta Monty Pythons zum Vorbild? Imitiert der ostfriesische Pastor Quinton Ceasar seinen Landsmann

Otto Waalkes, als er beim Kirchentag 2023 »Gott ist queer!« jubiliert? Inzwischen wurde die Pride Parade selbst, ursprünglich eine Travestie sozialistischer Maiparaden mit bunten statt roten Fahnen, zur andächtig zelebrierten Prozession für Buntheit und Vielfalt. Und die freien Menschen des Westens knien zu »Black lives matter«, hüpfen zu »There is no Planet B« und unterscheiden »Slava Ukraini« kaum von »Pokemon Go«. Weil sie deren Farbe selbst bestimmen dürfen, halten sie ihre Ketten für Accessoirs.


III.


Wenn ein Komödiant seine Gallenblase einbüßt, wirkt das nachgerade symbolisch. Kerkeling führte ihr Verlust auf den Jakobsweg. Seine zunächst, im Sommer 2001, ganz vorsichtige Suche nach Spiritualität verarbeitet er 2006 zum Bestseller. Die Verwandlung des komödiantischen Rollenspielers zum pfäffischen Bekenner belegt der Titel Ich bin dann mal weg. Kleine kämpferische Predigten entstellen die Reiseerzählung, schlichte Losungen beschließen die Kapitel. Die Pilgerfahrt ist kein Schleichweg zum Christentum, es geht lediglich um Selbstoptimierung durch Spiritualität. Der Erfolg des Buches belegt das Ende der Spaßgesellschaft und zeigt den Verrat der Komödianten am Humor.

Denn einerseits, die andern wollen auch, wird der Comedian transgressiv. Er will mehr sein als nur

Spaßvogel, ernst genommen werden als denkender und fühlender Mensch mit Ansichten und

Abgründen; anderseits, »ein Komödiant könnt einen Pfarrer lehren«, werden die Kirchen gleichsam kerkelingisiert, indem sie Gläubige als Kunden missverstehen und sich ihren spirituellen Kitschbedürfnissen anpassen. Als Kerkeling »Horst Schlämmer« 2009 einen Kinofilm widmete, in dem der stellvertretende Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatts eine Partei, die HSP, gründet und für das Kanzleramt kandidiert, misslingt der Zugriff aufs Politische. Zu betulich sind die bloß rheinischen Kabalen und Klüngel. »Isch kandidiere« ist ein Dokument bundesrepublikanischer Arglosigkeit, denn Kerkelings Schlämmer ist mit Deutschland einverstanden, nie würde er sein Land mit so derben Worten geißeln, wie es zehn Jahre später Selenskyis Holoborodko mit der Ukraine tut.


War sie, immerhin die Heimat potemkischer Dörfer, prädestiniert zur Scheinwelt? In dieser von Schokoladenkönigen und Gasprinzessinnen regierten Operetten-Oligarchie, errichtet Herr Medwedschuk im Garten seines Anwesens einen Provinzbahnhof im Stil des

19. Jahrhunderts und bewirtet seine Gäste im Salonwagen, ein Herr Kolomoiskyi macht sein Büro zu einem Aquarium, in dem er lebendige Haie vor den Augen eingeschüchterter Gäste mit Garnelen füttert. An Herrn Janukowitsch nimmt ein aufmerksamer Beobachter die »pfannkuchendick aufgetragene Schminke« wahr. Und Frau Timoschenko, stets Staatsschauspielerin in Kostüm und Maske, eine Evita Osteuropas, gilt sogar einem deutschen Autor als »Gauklerin«. Schon 2005 ließen Selenskyi und seine Mitstreiter sie in blonden Perücken nach Putin schmachten. 2014 aber – in Kiew fallen Schüsse, der gewählte Premier verlässt das Land – ist der spätere Präsident noch ein unpolitischer Vollprofi, der in Moskau ist, um eine Liebeskomödie vorzustellen, auf seiner Narrenfreiheit besteht und politische Fragen entnervt abwehrt. Zum Jahreswechsel hat er die Silvestergala moderiert – im russischen Fernsehen. Als seine Spielräume sich verengen, wird der freischaffende Clown zum festangestellten Hofnarren des besonders flamboyanten Oligarchen Kolomoiskyi. An dessen Fernsehsender 1 + 1 genießt der Narr Freiheit, denn sein Chef hat die Waffe des Gelächters für den politischen Nahkampf entdeckt.


Als »Diener des Volkes« spielt Selenskyi den idealistischen Geschichtslehrer Holoborodko, dessen von Schülern ins Netz gestellte Polit-Tirade ihn so populär macht, dass er als Elitenschreck zum

Präsidenten der Ukraine gewählt wird. Was bei Kerkeling zaghaft angedeuteter Wunschtraum ist, wird in Selenskyis Serie zur karnevalistischen Umkehrung der Verhältnisse. Verkehrte Welt! Ein Außenseiter wird zum Narrenkönig. Dann aber greift die Fiktion nach der Wirklichkeit. In einem Akt berauschender Hybris imitiert der Schöpfer sein Geschöpf: Der Darsteller Holoborodkos kandidiert als Präsident und wird gewählt, weil er einen Präsidenten im Fernsehen überzeugend verkörpert hat. Totales Theater als INFINITE JEST eines karnevalistischen Albtraums. Während die Transformation des Comedians im Westen zu einem säkularen Priestertum geführt hat, tragen Allmachtsphantasien den osteuropäischen Tartuffe in höchste Ämter. Am 24. Februar 2022 übernimmt Wladimir Putin die Regie und die Ukraine wird zu seiner Bühne. Wie die Nazis in Ernst Lubitschs Klassiker Sein oder Nichtsein unterschätzt Putin Widerstandsfähigkeit und Einfallsreichtum osteuropäischer Komödianten. Statt wie erwartet aus Kiew zu fliehen, hält Selenskyi stand und wechselt das Rollenfach: Der Komiker wird zum Tragöden, der Narr wird Held, aus Puck wird Heinrich V.

Blankversartig klingt sein »I need ammunition, not a lift«, und Shakespeares »To be or not to be« zitiert der »Heldenpräsident« in einem wirkungsvollen Rückblick auf die dreizehn Tage nach Kriegsausbruch. An die Reden Churchills denken westliche Schwärmer, weil beide in der Rhetorik Shakespeares ihr unerreichbares Vorbild haben.


Als Anfang April 2022 ein Waffenstillstand droht, tritt aus der Kulisse ein anderer Rollenspieler, Biograf Churchills und Kenner Shakespeares, der am 8. April in Kiew den königlich gewordenen Komödianten in seiner Hybris bestärkt. Es ist der britische Ex-Premier Boris Johnson, ein romantischer Tory, der seit Schülertagen den Clown bloß spielt und die Ilias auf Altgriechisch zitiert. Er schwört den Comedian auf einen langen Krieg ein. Die Tragödie der Ukraine nimmt ihren Lauf, doch nicht einmal der »laute Schrecken« des Dionysos Bromios vermag die Komödianten von

der Weltbühne zu jagen.


Dieser Text erschien zuerst in TUMULT Sommer 2025. Er liegt hier zum Herunterladen bereit.


Über den Autor: Marc Pommerening (*1970) arbeitet als Autor und Regisseur. Herausgeber von Rexroths Der Wermutstrauch und Verfasser der Mikroaggressionen (beide Edition Finsterberg).


Beitragsfoto: Amrei-Marie, CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

via Wikimedia Commons. Bearbeitet von der Redaktion.

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