Thomas Hartung: DIE MORAL SCHMILZT ZUERST
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Die Kontroverse über Klimaanlagen offenbart einen tieferen Konflikt: Soll Politik Menschen konkret schützen – oder sie abstrakt-moralisch erziehen? Anmerkungen über Hitze, Ideologie und Vernunft.
Die Ende Juni entfachte Debatte über Klimaanlagen wirkt auf den ersten Blick armselig, ja lächerlich. Ein Kompressor an der Fassade, ein Verdampfer an der Wand, ein Schalter, ein Luftzug, ein paar Grad weniger – wo ist das Problem? Auf den zweiten dagegen erkennt man inzwischen ein ganzes Weltbild. Denn in Wahrheit geht es nicht um Geräte, Kühlmittel oder Stromverbrauch. Es geht um das Verhältnis von Ideologie und Wirklichkeit.

Es geht darum, ob Politik Menschen konkret schützt oder sie pädagogisch erzieht. Und es geht darum, warum die politische Linke immer dann besonders unerquicklich wirkt, wenn die Wirklichkeit einfach, unbarmherzig und körperlich wird. Hitze ist genau solch ein Fall. Über Inflation kann man ökonomisch diskutieren, über Migration semantisch schwadronieren, über Kriminalität mathematisch jonglieren. Aber eine schwitzende Seniorin im Pflegeheim oder eine Schule, die zur Heißluftfritteuse mutiert, lassen sich nicht wegmoderieren.
Dann hilft kein moralischer Vortrag darüber, dass Klimaanlagen irgendwie nach Klimaverrat riechen. Dann hilft Kühlung. Mit Maß, eingebettet in Dämmung, Verschattung, Entsiegelung und bessere Gebäude. Aber eben nicht ersetzt durch feuchte Tücher, Wasserkaraffen, Nachtlüften bei Tropennacht und die Hoffnung, dass „der Kreislauf schon solidarisch“ bleibt, wie Matthias Daum unter der bemerkenswerten Schlagzeile „Wir dürfen die Klimaanlage nicht den Rechten überlassen“ jetzt in der Zeit philosophierte.
Genau hier entsteht die Munition für rechtskonservative Kritik – und übrigens auch der Stoff für jene – teils satirischen – Leserkommentare, die präziser sind als viele Leitartikel: „Klimaanlagen brauchen immer dann besonders viel Strom, wenn Solaranlagen besonders viel Strom produzieren…“ Der Mensch unter Hitze fragt nicht zuerst nach der kulturwissenschaftlichen Tiefenschicht der Kühlung, sondern nach der naheliegenden technischen Antwort. Er will, dass es erträglich wird. Nicht in dreißig Jahren, sondern heute Nachmittag.
Der Schalter gegen das Seminar
Das Problem der Linken ist nicht, dass sie mit allen langfristigen Maßnahmen unrecht hätte. Natürlich braucht es Dämmung, Verschattung, andere Gebäude, kühlere Städte, mehr Bäume, weniger versiegelte Flächen. Aber ihr Grundfehler besteht darin, die sofort wirksame Hilfe misstrauisch zu beäugen, sobald sie allzu direkt, allzu banal, allzu alltagstauglich wird. Denn das direkte Mittel zerstört ihr haltungspädagogisches Monopol.
Wer einen Schalter an der Wand hat, ist nicht mehr im selben Maß auf das moralische Management seiner Lebensführung angewiesen. Kühlung ist praktische Souveränität. Und praktische Souveränität stört jene politischen Milieus, die aus Knappheit, Gewissensansprache und Verhaltenslenkung ihre kulturelle Autorität beziehen. Deshalb lautet die linke Versuchung in solchen Lagen fast immer gleich: Ertragen statt lösen, mahnen statt ermöglichen, reglementieren statt erleichtern.
Wir kennen den Ton: Die Leute sollen doch bitte verstehen, dass extreme Hitzewellen in Zukunft häufiger werden, sollen Rücksicht nehmen, den Ernst der Lage verinnerlichen. Oder, wie Daum einräumt: „Linke appellieren bei Hitze ans schlechte Gewissen, mahnen klimaschonendes Verhalten an, warnen, dass extreme Hitzewellen in Zukunft immer zahlreicher werden.“ Genau daraus hat ein Leser die vernichtend einfache Pointe gemacht: „Selbstverständlich wählt jeder normale Mensch die Klimaanlage und nicht die Moral. Wär ja auch sonst einfach nur irre.“
Man muss das so deutlich sagen: Ein Teil der politischen Linken hat aus dem Verzicht eine Tugendreligion gemacht. Für die richtige Haltung darf man frieren, verzichten, warten, zahlen und – jetzt eben – schwitzen. Als Satire ist das treffend, als Beschreibung einer Mentalität leider ebenso. Die Zumutung selbst ist der Inhalt der Tugend. Sie beweist Ernst, Bewusstsein und Zugehörigkeit zum Milieu.
Die Krankenhäuser als Hitzefalle
Besonders unerquicklich wird das dort, wo Hitze nicht bloß lästig, sondern gefährlich wird: in Krankenhäusern, Pflegeheimen und öffentlichen Einrichtungen. Das Offenbacher Sana-Klinikum wurde schon vor elf (!) Jahren in der Offenbach-Post als „Sauna-Klinikum“ beschrieben, weil Patienten und Personal im Neubau schlicht schwitzen mussten. Solche Fälle sind eben keine Randanekdoten aus einer architektonischen Fehlplanung, sondern Vorboten eines strukturellen Problems.
Wer im Krankenhaus liegt, hat die Freiheit des Ausweichens gerade nicht. Er kann nicht einfach in den Keller, ins Freibad oder in den schattigen Park fliehen. Er ist ausgeliefert – an die Luft im Raum, an die Temperatur im Bett, an die Entscheidung anderer, ob Kühlung als notwendige Infrastruktur oder als ideologischer Luxus behandelt wird. Und Offenbach ist nicht die Ausnahme, sondern nur das anschauliche Beispiel. Der Marburger Bund und die Deutsche Krankenhausgesellschaft weisen seit geraumer Zeit darauf hin, dass Klimaanlagen in Patientenzimmern vieler deutscher Kliniken eben keine Selbstverständlichkeit sind.
In Pflegeeinrichtungen sieht es nicht besser aus. Bewohner müssen sich mobile Geräte teils selbst organisieren, Pflegekräfte arbeiten an der Belastungsgrenze, während die Politik Hitzeschutzpläne, Handlungsempfehlungen und Sensibilisierungskampagnen formuliert. Man kann es auch schärfer sagen: In Deutschland gibt es eine Bürokratie des Hitzeschutzes, aber oft keinen kalten Luftstrom.
Der polemische Vergleich, den manche in diesen Tagen ziehen, trifft deshalb einen wunden Punkt: Die Höchsttemperatur im Liegebereich von Kälbern soll laut Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung 25 Grad nicht überschreiten. Würde für Kassenpatienten die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung gelten, müssten Krankenhäuser klimatisiert werden. So zynisch dieser Satz klingt, so präzise offenbart er die Lage. Für Nutztiere formuliert der Staat harte Temperaturstandards. Für kranke alte Menschen, für Herzpatienten, für verwirrte Pflegebedürftige, für Kinder in überhitzten Klassenräumen reicht es oft zu Appellen, Wasserkaraffen und Hitzeschutzplänen.
Kühlen statt belehren
Genau hier kippt die Debatte. Denn irgendwann merkt auch der Letzte, dass das Problem nicht mehr in fehlender Einsicht, sondern in fehlender Ausstattung liegt. Die politische Linke argumentiert gern, die Klimaanlage sei nur ein kleiner, kurzfristiger, womöglich sogar ökologisch problematischer Teil der Lösung. Das mag nicht völlig falsch sein. Falsch ist nur, daraus den Schluss zu ziehen, man könne diesen Teil moralisch verdächtigen, bis er politisch unbrauchbar wird.
„Keiner käme auf die Idee, Heizungen infrage zu stellen. Kälte ist also schlimm, aber Hitze müssen wir tapfer ertragen? Was für eine Farce.“ In diesem Leserkommentar liegt der ganze Wahnsinn der Lage. Im Winter ist Heizen Zivilisation, im Sommer soll Kühlen plötzlich Dekadenz, Charakterprüfung oder gar Verrat sein. Im Winter darf die Technik retten, im Sommer wird sie verdächtig. Derselbe Staat, derselbe Baukörper, dieselbe Technikgläubigkeit – aber ein moralisch völlig anderes Urteil. Das ist keine kohärente Umweltethik, sondern moralisch selektiver Affekt.
Hinzu kommt die intellektuelle Schieflage der technischen Einwände. „Ich kann den Unsinn nicht mehr hören!“, schrieb ein Leser und wies darauf hin, dass moderne Klimaanlagen weder mythische Umgebungsvernichter noch per se Klimakiller sind. Auch wenn solche Zuspitzungen gelegentlich überziehen, ist ihr Kern richtig: Die Wirklichkeit der Technik ist komplizierter als ihr politisches Zerrbild.
Moderne Anlagen sind effizienter als früher, laufen oft gerade dann, wenn viel Solarstrom verfügbar ist, und sie sind kein Weltuntergang im Metallgehäuse. Dass ausgerechnet in einer Zeit, in der man Wärmepumpen zur moralisch geadelten Zukunftstechnik erklärt, die Klimaanlage als vulgäre Komfortmaschine gilt, ist eine Farce, die jeder normale Mensch sofort bemerkt wie auch dieser Leser: „Ironie der Sache: Klimaanlagen sind böse – Wärmepumpen nicht. Oder andersrum: Wärmepumpe böse – Klima nicht?“
Gerade deshalb ist die Klimaanlage politisch so explosiv. Sie entblößt die Doppelmoral eines Milieus, das bei Wärmepumpen von der großen Transformation spricht, bei Klimaanlagen aber plötzlich die Stirn runzelt. Die Pointe ist technisch fast banal: Beides arbeitet mit verwandten Prinzipien thermischer Verschiebung. Aber im politischen Imaginären gilt das eine als moralisch geadelte Zukunftstechnik, das andere als vulgäre Komfortmaschine. Nicht die Physik entscheidet, sondern das Milieusymbol.
Und sie beweist – fast ist man versucht zu schreiben: natürlich – die Doppelmoral linksgrüner Redaktionen. Das WDR-Format Quarks warnt in Sozialen Medien alarmistisch, dass mehr Klimaanlagen mehr Erderwärmung durch Treibhausgase bedeuten. Explizit befragt, ob die Büroräume der Redaktion klimatisiert seien, bejaht der X-Account der Redaktion und teilt zugleich mit: „Die Frage ist für die Sache an sich eigentlich auch nicht entscheidend.“
Öffentliche Gebäude zuerst
Noch deutlicher wird der politische Irrsinn beim Blick auf staatliche Prioritäten. Wenn Universitätskliniken, Schulen, Pflegeheime und Verwaltungen im Sommer überhitzen, während gleichzeitig Milliarden in symbolpolitische Weltrettung, fragwürdige Projektförderung und internationale Moralhaushalte fließen, dann entsteht ein sehr einfacher und sehr gefährlicher Eindruck: Für alles ist Geld da, nur nicht für die naheliegende Sicherung der eigenen Bevölkerung.
Die polemische Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, öffentliche Gebäude zu klimatisieren, als Fahrradwege in Peru zu sponsern oder China Entwicklungshilfe-Kredite zu zahlen, lebt gerade von dieser Diskrepanz. Sie mag zugespitzt sein – aber sie zielt auf einen realen Punkt. Politik wird unglaubwürdig, wenn sie globale Tugend demonstriert und lokale Schutzbedürfnisse vernachlässigt.
Nicht der Klimawandel ist das Problem, sondern eine ideologische Klimapolitik, die hunderte Milliarden für CO₂-Programme mobilisiere, aber Krankenhäuser, Pflegeheime, Kindergärten und Schulen nicht mit Klimaanlagen ausstattet. Wenn Hitzeschutz in der Praxis immer wieder an derselben Schwelle scheitert – an fehlender Ausstattung, fehlenden Investitionen, fehlendem Mut zur simplen Lösung –, dann ist der Verweis auf langfristige Transformation kein Trost mehr, sondern Ausflucht.
Schulen sind keine Gewächshäuser
Dasselbe gilt für Schulen. In Baden-Württemberg hat der bildungspolitische AfD-Landtagsfraktionssprecher Hans-Peter Hörner MdL zutreffend darauf hingewiesen, dass verbindliche „Hitzefrei“-Regularien – 25 Grad um 11.00 Uhr an allen Schulen im Land – allenfalls eine Zwischenlösung sein können und das eigentliche Ziel moderne Schulgebäude sein müssen, die auch bei Sommerhitze gesundes Lernen ermöglichen.
Wer ernsthaft glaubt, man könne Bildungspolitik im Sommer mit verkürzten Stundenplänen, Wasserpistolenschlachten und dem Hinweis auf „besondere Wetterlagen“ betreiben, hat sich dem Ausnahmezustand bereits angepasst. Das eigentliche Problem ist doch nicht, dass an einzelnen Tagen Hitzefrei nötig wird. Das Problem ist, dass der Staat sich so daran gewöhnt hat, seine Infrastruktur verfallen zu lassen, dass er selbst auf absehbare Hitzelagen nur noch improvisierend reagiert.
Schulen sind keine Gewächshäuser, und Krankenhäuser sind keine Saunen. Beide sind öffentliche Gebäude mit einem klaren Zweck. Wenn Unterricht bei 32 Grad nur noch als betreutes Durchhalten funktioniert und wenn Pflegekräfte in stickigen Stationen Kühlakkus verteilen, statt in klimatisierten Räumen zu arbeiten, dann ist das kein Schicksal. Es ist eine politische Entscheidung – oder besser: das Ergebnis vieler politischer Nichtentscheidungen.
Der eigentliche Skandal besteht also nicht darin, dass über Klimaanlagen gestritten wird. Der Skandal besteht darin, dass eine offensichtliche Anpassung an reale Sommerhitze überhaupt erst durch ein moralisches Nadelöhr muss. Denn die Wirklichkeit ist in dieser Frage unanständig konkret. Alte Menschen kollabieren nicht metaphorisch. Kinder lernen in überhitzten Räumen nicht symbolisch schlecht. Arbeitsleistung sinkt nicht diskursiv. Und wer nachts in 29 Grad warmer Luft liegt, erlebt keine progressive Hitzepolitik, sondern einen schlicht unerträglichen Zustand.
Der gesunde Menschenverstand wählt nicht das feuchte Tuch
Genau hier liegt die Stärke des konservativen Einwands. Er besteht nicht darin, zum xten Male über den „menschengemachten” Klimawandel zu streiten oder aus jeder technischen Lösung eine Ideologie des Konsums zu machen. Sein Punkt ist einfacher und vernünftiger: Eine Zivilisation, die sich gegen Kälte schützt, wird sich auch gegen Hitze schützen. Das ist kein Verrat an der Natur, sondern das Wesen von Zivilisation selbst.
Der Mensch baut Häuser, isoliert Dächer, heizt, beleuchtet, entwässert, verschattet und kühlt. Nicht weil er die Natur hasst, sondern weil er in ihr nicht schutzlos existieren will. Dass gerade dies nun als beinahe verdächtig gilt, hat viel mit dem europäischen Selbstbild zu tun. Man hielt sich lange für kultivierter als die „klimatisierten“ Amerikaner, weniger künstlich, weniger standardisiert, näher an der Welt. Es war eine Ästhetik des selbstlosen Ertragens, die man für moralisch überlegene Bildung hielt.
Doch draußen 40 Grad und drinnen stickige Selbstüberhöhung ergeben keine Kultur, sondern politischen Masochismus. Irgendwann kippt die Pose. Dann fragt der Bürger nicht mehr, ob Kühlung vielleicht symbolisch problematisch ist, sondern warum der Staat ihm das Nächstliegende so lange madig gemacht hat.
Genau an dieser Stelle gewinnt die Rechte – zumindest an Boden, ganz einfach, weil sie weniger lebensfremd klingt. Der Schalter an der Wand schlägt das Seminarpapier. Das ist die eigentliche politische Lehre. Wenn die einen erklären, warum Kälte kompliziert ist, und die anderen versprechen, dass man nicht schwitzen muss, dann gewinnt zunächst die einfachere, konkretere, plausiblere Seite.
Das schlechte Gewissen als Regierungsform
Darum ist die Klimaanlagendebatte mehr als eine Sommerposse. Sie zeigt in kleiner Form, was viele längst ahnen: Die Linke verliert nicht nur Wahlen, weil andere geschickter agitieren, sondern weil sie in den elementaren Fragen des Alltags zu oft auf der falschen Seite der Lebenswirklichkeit steht. Sie predigt Ernst, wo Hilfe gefragt ist. Sie sieht Symbole, wo Menschen nur Kühlung wollen. Sie misstraut der einfachen Lösung, weil sie zu wenig nach Läuterung aussieht. Oder, wie ein Leser es brutaler formulierte: Die Leute sollen schwitzen und leiden, damit sie den Klimawandel endlich ernst nehmen – und da soll sich ja keiner eine billige Klimaanlage als Ausrede kaufen.
Die tiefere Krankheit der Linken ist somit nicht die falsche Meinung über Klimageräte. Es ist die Neigung, das schlechte Gewissen selbst als Regierungsform zu begreifen. Der Bürger soll nicht nur sicherer, gesünder oder entlasteter leben. Er soll in seinem Alltag ständig spüren, dass jede Erleichterung moralisch problematisch sein könnte. Autofahren, fliegen, heizen, kühlen – alles steht unter Vorbehalt. Das Leben selbst wird zum Prüfstand der Haltung.
Doch auf Dauer lässt sich ein Gemeinwesen so nicht führen. Menschen ertragen Entbehrung in Notlagen, im Krieg, in Katastrophen, manchmal auch aus Überzeugung. Aber sie wollen nicht von einer saturierten Klasse belehrt werden, warum ihre Erleichterung eigentlich ein anthropologischer Rückschritt sei. Wenn man ihnen erst das Auto, dann den Verbrenner, dann das Fleisch, dann die Heizung und nun noch den kalten Luftstrom moralisch problematisiert, dann ist irgendwann nicht mehr das einzelne Verbot das Problem, sondern die dahinterstehende Haltung: ob Frieren für die Ukraine oder Schwitzen für die Klimarettung – ihr sollt euch fügen, verzichten und euch dabei auch noch gut vorkommen.
Der Sommer entscheidet mit
Natürlich endet der konservative Punkt nicht bei der Klimaanlage. Wer nur klimatisieren will, ohne Bauweise, Verschattung, Begrünung, Entsiegelung und städtebauliche Vernunft mitzudenken, bleibt auf halbem Weg stehen. Man muss nicht zwischen Technik und Baukultur wählen. Eine vernünftige Politik verbindet beides: bessere Gebäude, kühlere Städte, robuste Netze, praktikable Geräte, weniger Bürokratie, mehr lokale Anpassung.
Nur darf man die konkrete Hilfe eben nicht bis zur Unkenntlichkeit in Systemdebatten verdampfen. Der eigentliche Punkt bleibt daher schlicht: Kühlung ist kein Verrat an der Zukunft, sondern eine vernünftige Form der Gegenwartsbewältigung. Sie ist kein Heilsbringer, aber auch kein Sündenfall. Sie ist das, was Technik in einer zivilisierten Gesellschaft sein soll: ein Mittel, reale Belastungen zu mindern. Mehr nicht. Aber eben auch nicht weniger.
Die Linke versteht oft nicht, wie politische Stimmung entsteht. Sie glaubt, große Begriffe, ferne Ziele und moralische Appelle reichten aus, um Menschen an sich zu binden. Doch Politik entscheidet sich oft in den banalen Erfahrungen des Alltags: im stickigen Schlafzimmer, im überhitzten Klassenzimmer, im Pflegeheim ohne Kühlung, auf der Station ohne Luft, im Büro, in dem niemand mehr denken kann. Dort wird aus Ideologie plötzlich Körperlichkeit – und der Körper ist ein schlechter Adressat für moralische Erziehungsprosa.
Deshalb steckt in der Klimaanlage mehr politischer Sprengstoff, als ihr harmloses Äußeres vermuten lässt. Sie ist das kleine Streichholz, an dem sich ein großer Konflikt entzündet: Soll Politik zuerst die Wirklichkeit erleichtern oder zuerst die Moral bewachen? Der rechtskonservative Reflex lautet hier schlicht: Natürlich erleichtern, und das bedeutet sommers kühlen.
Nicht weil man damit jede andere Maßnahme ersetzt. Nicht weil Verschattung, Begrünung, Dämmung und vernünftige Stadtplanung überflüssig wären. Sondern weil eine Ordnung, die Menschen bei Hitze nur das schlechte Gewissen anbietet, irgendwann zu recht nicht mehr ernst genommen wird. Denn selbstverständlich wählt der Mensch mit gesundem Menschenverstand die Klimaanlage, die ihn entspannt – und nicht die Moral, die ihn zwangsschwitzen lässt.
Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025
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